The Callisto Protocol im Test: Horror für Hartgesottene

Wer schon den Winter auf der Erde zu kalt findet, sollte nicht auf den Jupitermond Kallisto reisen: Dort herrscht im Mittel eine Temperatur von rund 140 Grad Celsius - minus natürlich. Auch der Pilot Jacob Lee hat im Actionspiel The Callisto Protocol keine Lust, länger als nötig auf dem tiefgefrorenen Himmelsköper zu bleiben.
Allerdings läuft bei einem Auftrag etwas schief und Jacob landet im riesigen Hochsicherheitsgefängnis auf Kallisto. Schlimm, aber es kommt noch viel schlimmer: Nach einer Runde Tiefschlaf erwacht er nicht in einem gut gesicherten Knast, sondern mitten im Chaos.
Die Roboterwachen sind durch Kurzschlüsse lahmgelegt, die meisten Gefangenen sind zu Monstern mutiert und überall lodern Feuer. Mauern und Treppen sind eingestürzt. Das Ziel von Jacob ist klar: Er will entkommen.
Durch diese Hölle steuern wir die Hauptfigur aus einer leicht nach links versetzten Schulterperspektive. Komplizierte Bildschirmanzeigen oder eine aufrufbare Karte gibt es nicht: The Callisto Protocol ist ein fast vollständig schlauchiges Spiel, in dem wir auf klar erkennbaren Wegen unterwegs sind. Nur gelegentlich finden wir Seitengänge, meist mit Extras wie Munition oder Gesundheitspunkten.
Ähnlich unkompliziert wie die Bedienung sind zumindest anfangs die Kämpfe. Auf Tastendruck weichen wir vor feindlichen Fausthieben nach links oder rechts aus - was hier aber weniger Geschicklichkeit, sondern fast wie bei einem Quicktime-Event eher halbwegs stimmiges Timing erfordert.
Mit einer weiteren Taste prügeln wir im passenden Moment mit Bleirohren oder Schlagstöcken auf die Gegner ein. Die Todesszenen sind teils besonders aufwendig in Szene gesetzt, mit abgeschlagenen Köpfen und anderen bluttriefenden Details. Um an Extras zu kommen, müssen wir dann noch per Tastendruck in die Leichen treten. The Callisto Protocol richtet sich klar an erwachsene Spieler!
Später erhalten wir Fernkampfwaffen wie eine Pistole sowie weitere Extras, der Fokus auf Nahkämpfe bleibt aber. Im mittleren der drei jederzeit wechselbaren Schwierigkeitsgrade ist das Programm durchaus anspruchsvoll, insbesondere in den Bosskämpfen - von denen es allerdings nicht sehr viele gibt.

Ärgerlich: Die automatische Speicherfunktion sichert den Spielstand nur selten und dann oft an unpassenden Stellen, so dass man bei Fehlern oder Niederlagen teils mehrminütige Passagen wiederholen muss. Manuelles Speichern ist nicht möglich.
The Callisto Protocol: Verfügbarkeit und Fazit
Das Programm basiert auf der Unreal Engine und macht grafisch eine klasse Eindruck. Schatten, Wandtexturen und andere Details sind von dem Entwicklerstudio Striking Distance(öffnet im neuen Fenster) sichtbar aufwendig produziert, dazu kommen überdurchschnittlich schöne Flammen- und Feuereffekte. Auch wenn alles sehr düster ist: Auf einem großen Bildschirm sieht das Ganze in Bewegung phänomenal gut aus.
Wir haben The Callisto Protocol auf der Playstation 5 gespielt, und zwar ohne irgendwelche technischen Schwierigkeiten - selbst über die Ladezeiten können wir nicht klagen. Im Grafikmenü gibt es die übliche Wahl zwischen einem Leistungs- und einem Qualitätsmodus. Auf Windows-PC hat ein Hotfix offenbar die meisten Probleme gelöst.
The Callisto Protocol ist für Windows-PC (Steam und Epic Games Store), Playstation 4 und 5 sowie für Xbox One und Series X/S für rund 60 Euro erhältlich. Es gibt keine Mikrotransaktionen, aber laut einem Leak soll es per Season Pass später Inhalte für die rund 15 Stunden lange Kampagne geben. Multiplayer ist nicht enthalten.
Das Spiel erscheint hierzulande übersetzt, was auch viele Beschriftungen in der Welt betrifft. Die Sprachausgabe finden wir nicht gelungen: Zwar gehen die meisten Sprecher in Ordnung, auch der von Jacob. Allerdings wirkt die Abmischung unfertig, die Lautstärke stimmt oft nicht und in vielen Szenen geht es nicht mal ansatzweise lippensynchron zu.
Einige besondere Stimmen, etwa von Robotern, wirken in der mitgelieferten englischen Tonspur sehr viel besser. Auf den sonstigen, spürbar aufwendigen Klangteppich haben die genannten Probleme keine Auswirkungen. Die USK hat dem ungeschnittenen Spiel eine Freigabe ab 18 Jahre erteilt.
Fazit
Auch als Fans umfangreicher Spiele hätten wir The Callisto Protocol mit halb so langer Kampagne ungefähr doppelt so gut gefunden. Das Abenteuer von Jacob ist zwar schick in Szene gesetzt, die düstere Grafik ist wahnsinnig stimmungsvoll und die Handlung nicht uninteressant.







Aber auf Dauer gibt es zu wenig Abwechslung - was die Feindbegegnungen angeht, aber auch im Hinblick auf die von wenigen Ausnahmen abgesehen immer gleichen Gänge. Selbst wer von offenen Umgebungen in anderen Spielen eigentlich genug hat: Ein paar Stunden Callisto reichen, um sich neu auf riesige Welten zum Erkunden zu freuen.
Auch mit dem Kampfsystem sind wir nicht ganz glücklich. Es kommt vor allem auf Timing an, aber wenig auf Genauigkeit oder schnelle Reflexe. Das gibt den Auseinandersetzungen ein seltsam indirektes Gefühl.
Ein Fest ist The Callisto Protocol für alle, die mal wieder grafisch aufwendigen Splatter & Gore ohne übertrieben kompliziertes Gameplay genießen wollen. Die entsprechenden Animationen sind bei Freund und Feind aufwendig in Szene gesetzt. Zumindest in diesem Punkt liefert das Abenteuer von Jacob voll ab.



