The Billion Dollar Code bei Netflix: David gegen Google
Achtung Spoiler! In dieser Rezension erzählen wir auch von der Handlung von The Billion Dollar Code, die auf realen Ereignissen basiert.
Es ist die Geschichte von David gegen Goliath. Die von Software-Entwicklern aus Berlin, die sich mit Google angelegt haben , weil sie sicher waren, dass der Konzern ihr Patentrecht verletzt hatte. Ein Kampf um die Erde selbst, wenn man so will.
Im Mittelpunkt der vierteiligen Miniserie The Billion Dollar Code, die am 7. Oktober 2021 auf Netflix startet, stehen zwei junge Wilde aus Berlin. Hacker, die in den frühen 1990er Jahren Kunst mit Technik verbinden wollen. Sie träumen von einer Zukunft, die für uns längst Realität ist.
Der Beginn dieses Traums ist die Vision einer Software, mit der man praktisch rund um den Globus fliegen und jeden x-beliebigen Ort auf der Welt ansehen kann. Erst hat man die Perspektive aus dem All auf die Erde, dann zoomt man immer näher, bis man Orte, Straßenzüge und Häuser erkennen kann. Heute kennen wir das als Google Earth, 1994 war dies jedoch Terravision(öffnet im neuen Fenster) .
Als das Internet noch jung war
In Deutschland ist das Internet bis in die späten 1990er Jahre Brachland. Als die beiden Protagonisten nach Kapital suchen, das sie zur Umsetzung von Terravision benötigen, wenden sie sich auch an die Telekom. Dort heißt es: "Aber das Internet wird sich doch nicht durchsetzen. Dazu haben wir Studien!"
Beinahe wird es also nichts mit der Finanzspritze, aber relativ kurz nach der Wende ist die Telekom angehalten, das, was man heute als Startups bezeichnen würde, in Berlin zu fördern. So kommen auch die Gründer der Firma Art+Com in den Genuss einer Förderung.
Aber die schier unmögliche Aufgabe bleibt: Die beiden versprechen der Telekom, binnen eines Jahres Terravision zum Laufen zu bringen. Ein kühnes Unterfangen, vor allem ein visionäres, weil die Technik noch in den Anfängen steckt und die Speichermedien viel zu klein sind.
In einer Schlüsselszene der Miniserie wird gezeigt, wie es wohl gewesen ist, als einer der beiden Protagonisten die Idee hatte, und wie der Algorithmus aussehen musste, damit Terravision in Echtzeit und ohne Ruckeln funktionierte.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Carsten Schlüter und Juri Müller. Im wahren Leben heißen die Gründer von Art+Com anders, für die Miniserie wurden manche Personennamen jedoch geändert. Auf keinen Fall wollten die Macher aber auf den Namen Google verzichten, auch wenn ihnen die Gefahr einer Klage bewusst ist.
Denn in ihrer Miniserie zeichnen sie zwar nach, wie der Prozess im US-Bundesstaat Delaware ausging, sie erschaffen aber auch ein starkes Plädoyer für die Berliner, die im Jahr 2014 gegen Google vor Gericht zogen(öffnet im neuen Fenster) , und positionieren sich in der Frage, wer Recht und wer Unrecht hat. Selbst das Google-Motto wird zitiert: "Don't Be Evil." Im Kontext der Serie mutet es zynisch an.
Die Geschichte einer Vision
Anfangs ist The Billion Dollar Code eine Geschichte um eine Vision, und das in einer Zeit, als man von einem Internet, wie wir es heute kennen, nur träumen konnte. Aber es war diese Vision, die zu Terravision führte – etwas, das seiner Zeit weit voraus war und entgegen allen Wahrscheinlichkeiten glückte.
Der Erfolg führt Carsten und Juri ins Silicon Valley, zu Gleichgesinnten, wie sie glauben, aber auch in ein Haifischbecken, das die naiven Berliner gar nicht als solches erkennen.
Die Erschaffung einer bahnbrechenden neuen Technik ist eine Sache, ihre Ausbeutung – oder auch anders gesagt: ihre Verwendung – eine ganz andere. Terravision sollte nicht nur auf einem Rechner laufen, den Normalsterbliche gar nicht hatten, es sollte auf allen Computern dieser Welt laufen. Daran arbeitet Art+Com, als die Bombe platzt und Google die Entwicklung von Google Earth bekanntgibt.
Und wieder zeigt sich die Naivität der beiden jungen Männer, beim einen mehr als beim anderen. Glauben sie zuerst noch, mit Google zusammenarbeiten zu können, müssen sie irgendwann erkennen, dass dies nicht der Fall sein wird, dass der Algorithmus von Google Earth auf Terravision basiert und dass eine Patentklage in den USA ausgesprochen teuer ist.
Aber diese kleinen Davide aus Berlin wollen sich mit dem Konzern-Goliath anlegen.
Das ist der Kern der vierten Folge dieser Serie, die dem Prozess vorbehalten ist. Die Macher Oliver Ziegenbalg und Robert Thalheim nehmen sich die Zeit, die ein Film gar nicht bieten würde. Bei einer Gesamtlaufzeit von vier Stunden können sie die letzte Folge aber ganz und gar dem Prozess widmen. Die Art, wie die beiden Kreativen an die Serie herangegangen sind, vergleichen sie mit der Serie Chernobyl(öffnet im neuen Fenster) .
Der Wilde Westen
The Billion Dollar Code, dessen Arbeitstitel noch Terravision war, ist aber nicht nur die Geschichte des Kampfes von David gegen Goliath, sondern auch die Geschichte zweier Freunde.
Hier haben sich die Macher Freiheiten genommen, die damit einhergehen, dass die Figuren nicht mehr die Namen der realen Menschen tragen. Der emotionale Kern ist darum eine große Freundschaft, die in die Brüche geht – und vielleicht wieder gekittet werden kann.
Zugleich soll die Miniserie aber auch eine größere Geschichte erzählen und über den bitteren Kampf um ein Patentrecht hinausgehen. The Billion Dollar Code illustriert den Wild-West-Aspekt des Internets der 1990er, als alles möglich war und das digitale Zeitalter damit begann, dass Rechtsbrüche an der Tagesordnung waren.
Mit The Billion Dollar Code hat Netflix erneut eine deutsche Produktion am Start, die qualitativ den Serien von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern überlegen ist. Hier wird auf internationalem Niveau operiert, und das mit einer Geschichte, die von der Öffentlichkeit vergessen wurde.
Google Earth verzeichnete zum Zeitpunkt des Prozesses mehr als sieben Milliarden Zugriffe. Das entspricht fast der gesamten Weltbevölkerung. Es ist ein Phänomen,(öffnet im neuen Fenster) das auch heute noch begeistert, etwas, das es ohne Terravision nicht gegeben hätte.
Das zumindest legt die Miniserie Brian Anderson in den Mund, der Serien-Version von Brian McClendon(öffnet im neuen Fenster) , der für Google maßgeblich bei der Entwicklung von Google Earth beteiligt war: "Without Terravision Google Earth would have never been possible."
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