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Textadventures: Computerspiele von der Fetisch-Sekte

Keine Elektrizität, aber ein C64 . Wie ein paar retro-viktorianische Frauen in den 1980er Jahren zu erfolgreichen Spieleherstellerinnen wurden.
/ Martin Wolf
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Das Titelbild und die Werbung für The Secret of St. Brides (Bild: St. Brides/Montage: Golem.de)
Das Titelbild und die Werbung für The Secret of St. Brides Bild: St. Brides/Montage: Golem.de

"Raus aus den Federn. Die Sonne lugt kaum über den Horizont. [...] Heute musst du ein Rätsel lösen. Es könnte sogar dein Leben davon abhängen."

So beginnt das Adventure(öffnet im neuen Fenster) -Spiel The Secret of St. Brides auf dem Commodore C64(öffnet im neuen Fenster) im Jahr 1985. Ungewöhnlich ist weder die Art des Abenteuers, das rein durch Textbeschreibungen und die getippten Befehle der Spielenden vorangetrieben wird, noch das Sujet: eine Geschichte um Zeitreisen.

Anders als der Großteil der damals geschriebenen Software stammt The Secret of St. Brides(öffnet im neuen Fenster) jedoch nicht aus der Feder eines begabten Teenagers oder von einem der etablierten Spielehersteller. Es kam von einem vollkommen unbekannten Studio namens The Game Mistresses. Eigentlich wurde es sogar von nur einer einzigen Game Mistress geschrieben: Priscilla Langridge.

Es ist bis heute unklar, wer Langridge eigentlich ist. Bekannt ist nur ihre Hintergrundgeschichte, die ihren Anfang im verschlafenen Küstenort Burtonport(öffnet im neuen Fenster) in der Republik Irland nahm.

Die Schreier von Burtonport

Dort hatte sich in den 1970er Jahren eine Kommune(öffnet im neuen Fenster) gebildet, die zum Missvergnügen der Anwohnerschaft ihre Traumata durch lautes Schreien(öffnet im neuen Fenster) zu verarbeiten versuchte. Als die Mitglieder nach einigen Jahren ihren Wohnsitz auf eine vor der Küste befindliche Insel verlegten, wurde ihr Hauptquartier frei - ein leicht baufälliges zweistöckiges Haus mit dem schönen Namen An Droichead Beo, was sich mit Die lebende Brücke übersetzen lässt.

Eine Brücke wollten auch die neuen Bewohnerinnen bauen. Sie sollte in die viktorianische Vergangenheit führen.

Vom eigenen Land leben, die Annehmlichkeiten des modernen Lebens zurückweisen und die göttliche Schöpferin anbeten - all das klang leichter, als es in Wirklichkeit war. Eine Bewohnerin erinnerte sich später(öffnet im neuen Fenster) , dass keine der Frauen in der Kommune Ahnung vom Ackerbau hatte, der Boden sich nicht für den Anbau von Getreide eignete und die Gemeinschaft eher unorganisiert vor sich hin wirtschaftete.

Die matriarchale Gesellschaft erregte zudem durch ihr sektenhaftes Auftreten Besorgnis in der Bevölkerung und bei der Presse(öffnet im neuen Fenster) .

Business statt Back to the Roots

1984 erfolgte ein Umdenken bei den bis dato eher zurückgezogen lebenden Silbernen Schwestern(öffnet im neuen Fenster) , wie sie sich selbst nannten. Ein Schild mit der Aufschrift St. Brides, einer Kurzform des Namens der heiligen Brigitta(öffnet im neuen Fenster) , zierte die Haustür und das frisch umgestaltete Gebäude stand Besucherinnen als Pension offen. Für 120 Pfund pro Woche konnte frau in die alternative Realität einer viktorianischen Mädchenschule eintauchen. Gebete, Gesang und gelegentliche leichte körperliche Züchtigungen inklusive.

Zu dieser Zeit tauchte Priscilla Langridge in Burtonport auf.

Auch wenn die folgende Geschichte sich aus mehrererlei Gründen wohl kaum so zugetragen haben dürfte, wurde sie so von der Hausherrin Ms. Marianne Martindale in die Welt gesetzt.

Eines Tages sei Priscilla bei ihnen eingezogen, einen C64-Heimcomputer im Gepäck. Nach anfänglicher Skepsis habe sie die Schwestern von der Nützlichkeit und dem Unterhaltungswert des Gerätes überzeugen können und dank einer einzigen funktionierenden Steckdose des Anwesens ihre Arbeit am ersten Spiel der Game Mistresses of St. Bride begonnen.

Dieses Garn spannen die Schwestern gegenüber Vertretern der britischen Spielepresse weiter, die in einem ungewohnten Anflug von Investigativjournalismus eine Tagesreise nach Burtonport unternahmen(öffnet im neuen Fenster) . Trotz freundlicher Begrüßung bekamen sie weder die Räumlichkeiten noch die sonstigen Umstände zu Gesicht, unter denen die Spieleentwicklung stattfand, und reisten unverrichteter Dinge wieder ab - nicht ohne sich vorher jedoch königlich betrunken zu haben.

C64 und Grammophon

Aus heutiger Sicht ist die Wahrscheinlichkeit äußerst gering, dass jemand mit einem Heimcomputer eine derart explizit rückwärtsgewandte Institution besuchen wollen würde, wo selbst das in den Werbebroschüren hervorgehobene Grammophon als Novität angepriesen wird - samt dem Hinweis, dass es "... manchmal von einer unbeaufsichtigten Gruppe von Mädchen benutzt werden kann, vorausgesetzt, dass große Sorgfalt darauf verwendet wird, ein Überdrehen zu vermeiden" .

Weiterhin ist anzumerken, dass lediglich der C64 selbst kaum von Nutzen ist, denn ohne klobigen Röhrenfernseher oder -monitor und Diskettenlaufwerke hätte die Spieleentwicklung wohl kaum starten können. Ms. Marianne Martindale(öffnet im neuen Fenster) hatte allerdings ein Faible für selbsterdachte Geschichten, was ihren Ambitionen sowohl für das Pensionat als auch die Computerabenteuer entgegenkam.

Sie firmierte über die Jahre unter wechselnden Pseudonymen wie Catherine Tyrell, Mari de Colwyn, Mary Scarlett and Mary Guillermin, veröffentlichte Fetisch-Bücher(öffnet im neuen Fenster) und merkte einmal an, dass ihr echter Name eben der sei, den sie gerade benutze.

Wer auch immer hinter Priscilla Langridge steckte(öffnet im neuen Fenster) , oder ob es am Ende eine gemeinschaftliche Arbeit war, im August 1985 kam jedenfalls das mit der Software The Quill(öffnet im neuen Fenster) geschriebene erste Abenteuer The Secret of St. Brides auf den Markt.

Die Anzeigenwerbung, die eine junge Frau mit Röckchen und Feinstrümpfen samt Strapsen abbildete(öffnet im neuen Fenster) , gab sich selbstsicher: "Ein magisches Drama in über 100 Szenen. Eher ein Lebensstil als ein Programm."

Tatsächlich kam das Spiel bei der zeitgenössischen Presse relativ gut an und das sorgte dafür, dass die Schwesternschaft nicht mehr auf den Postversand als Vertriebsweg angewiesen war.

Nach einem Vertrag mit dem Softwarehaus CRL(öffnet im neuen Fenster) , welches der Mode folgend den Text der St.-Brides-Spiele durch bunte Grafiken ergänzte, endete die Karriere des wohl ungewöhnlichsten Spieleherstellers der Heimcomputerära nach acht veröffentlichten Titeln.

Die dunkle Seite der Abenteuer

In den Adventures von St. Brides, die in der damaligen Spielepresse recht gute Bewertungen erhielten, übernahm man an der Tastatur oft weibliche Spielfiguren.

So ist das erste Abenteuer - das bereits erwähnte St. Brides - aus der Perspektive der Schülerin Trixie Trinian geschrieben. Sie hat im folgenden Spiel The Very Big Cave Adventure(öffnet im neuen Fenster) noch einen Gastauftritt als hinweisgebende Erzählerin. Allerdings ist The Very Big Cave Adventure eher eine Parodie auf das erste Textabenteuer überhaupt: Adventure(öffnet im neuen Fenster) .

In The Snow Queen(öffnet im neuen Fenster) nach dem Märchen von Hans Christian Andersen ist es Gerda, die ihren Bruder aus den Fängen der Schneekönigin befreien muss, und in Silverwolf(öffnet im neuen Fenster) bestimmen gleich vier Amazonen neben der Hauptfigur Petra Stone den Fortgang der Geschichte.

"Die Beschreibungen und der allgemeine Ansatz sind intelligent und kompetent," urteilte das britische Spielemagazin Sinclair User über The Snow Queen und vergab 7 von 10 möglichen Punkten. Mit fast 10 Pfund war der Vollpreistitel also offenbar sein Geld wert.

Mit Gore zu Geld

Der Wirbel um den Titel Jack the Ripper(öffnet im neuen Fenster) , der 1987 als erstes Spiel in Großbritannien eine Alterseinstufung von 18 Jahren bekam, ist eher als PR-Eskapade anzusehen. Das Abenteuer selbst ist inhaltlich zahm und wurde im Nachhinein vom Publisher durch blutrünstige Pixelbilder ergänzt, die die Zensurbehörde zu ihrem Einschreiten veranlassten.

In seinem Buch " 50 Years of Text Games(öffnet im neuen Fenster) " schreibt Autor Aaron A. Reed(öffnet im neuen Fenster) : "Die Abenteuer, die St. Bride hinterlässt, sind abgesehen von ihrem komplizierten Erbe schwer einzuschätzen. In vielerlei Hinsicht handelt es sich um feministische Spiele. Sie basieren auf den Idealen des 19. Jahrhunderts, die die meisten Feministinnen als regressiv empfinden würden. Sie gehören vielleicht zu den frühesten Queer-Spielen, werden jedoch durch angebliche Assoziationen mit abstoßenden Ideologien getrübt."

Düsterer als jegliche Fiktion der silbernen Schwesternschaft war nämlich das, was sich nach Auflösung der Gruppe im Haus An Droichead Beo an Aufzeichnungen und Schriftverkehr fand(öffnet im neuen Fenster) . Martindales Aussage: "In der Natur gibt es zwei Geschlechter. Sie sind beide weiblich, doch Brünette sind dominant und Blondinen unterwürfig" , könnte noch als Teil des Rollenspiels im Pensionat interpretiert werden. Aber jahrelange freundschaftliche Briefwechsel mit dem damaligen Vorsitzenden(öffnet im neuen Fenster) der rechtsradikalen British National Party(öffnet im neuen Fenster) und antisemitische Propaganda lassen kaum Deutungsspielraum, auch wenn sich ehemalige Bewohnerinnen im Nachhinein von jeglicher Ideologie distanzierten.

Marianne Martindale selbst wurde 1993 wegen Körperverletzung einer Pensionatsbewohnerin verurteilt(öffnet im neuen Fenster) und lebt inzwischen in Kalifornien, wo sie ihr Geld mit Eheberatung(öffnet im neuen Fenster) und nach eigenen Angaben(öffnet im neuen Fenster) ironischerweise als Gastgeberin bei Airbnb verdient - unter einem anderen Namen selbstverständlich.


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