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Test Watch Dogs: Das Smartphone als Superwaffe

Dateneinbruch statt Dauerfeuer: Watch Dogs schickt den Spieler in das Hackermilieu von Chicago. Das Actionspiel bietet viele Elemente aus der GTA-Reihe – und ein paar richtig spannende eigene Ideen.
/ Peter Steinlechner
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Artwork von Watch Dogs (Bild: Ubisoft)
Artwork von Watch Dogs Bild: Ubisoft

Wo ist die verdammte Sicherheitskamera? Wir stehen mitten in einer Fußgängerzone von Chicago und suchen Hauswände, Baugerüste und Fahnenstangen ab. Ah, endlich gefunden! Per Smartphone übernehmen wir die Kontrolle über die städtische Videocam und blicken auf den Innenhof, den wir infiltrieren sollen. Wir haben Glück: Von den drei Wachleuten trägt einer eine mit dem Internet verbundene Ladung Dynamit in der Tasche. Die jagen wir aus der Ferne zuerst in die Luft, natürlich zusammen mit dem armen Mann. Seine beiden Kollegen schalten wir aus, indem wir einen Transformator überhitzen und explodieren lassen. Und schon steht uns das Gebäude offen, und wir können mit der Mission fortfahren.

Watch Dogs – Fazit
Watch Dogs – Fazit (02:01)

Das ist – verkürzt – eine typische Szene aus Watch Dogs und zeigt eines der wichtigsten Elemente aus dem Actionspiel von Ubisoft Montreal(öffnet im neuen Fenster) : den Einbruch in Gebäude und deren Computersysteme per Kamera. Es ist die vielleicht wichtigste neue Idee, die das Spiel bietet, die allerdings nicht ganz logisch ist, denn wir benötigen nicht etwa direkte Nähe oder so etwas wie Datenkontakt zu der Kamera oder dem Transformator an der Hauswand gegenüber, sondern nur Sichtkontakt. Sobald wir ein knackbares Stück Hardware sehen, können wir es im Normalfall auch übernehmen.

Dann können wir uns beispielsweise von Kamera zu Kamera durch die halbe Stadt hangeln und am weit entfernten Ende einer Straße eine Brücke hochfahren oder eine Straßensperre errichten. Meist ist das Element aber dazu da, dass wir uns in ein Gebäude "hacken" und tief in dessen Inneren einen Datensatz unter Kontrolle bringen.

Kein echtes Hacker-Spiel

Ubisoft vermarktet Watch Dogs als eine Art "Hackerspiel". Ganz korrekt ist das nicht, denn in dem Spiel müssen wir nicht einmal ansatzweise hacken. Nur gelegentlich sehen wir die Darstellung eines Computers von innen und müssen Datenströme von links nach rechts leiten – was eine einfache, von jedem zu bewältigende Denksportaufgabe ist, wie sie auch mal andere Spiele etwa beim Türenknacken bieten.

Den größten Teil der Zeit verbringen wir in Watch Dogs hinter dem Steuer von Autos, die wir ähnlich wie zuletzt in GTA 5 einfach am Straßenrand geknackt oder den Besitzern gestohlen haben. Nicht ganz so viel Zeit haben wir mit den genannten Sicherheitskameras verbracht, dann erst folgen Feuergefechte und andere Aktivitäten.

Killer und Familienmensch

Dank flexibler Spielweise ist es meist durchaus möglich, die Kameras zu ignorieren und einfach mit Gewehr im Anschlag in Gebäude zu stürmen. Aber zum einen ist uns die Steuerung dafür etwas zu hakelig, und zum anderen sind die Kameras ja gerade das Besondere an dem Spiel – Action pur gibt's anderswo besser.

Watch Dogs – Trailer (Launch)
Watch Dogs – Trailer (Launch) (01:41)

Für alle, die sich jetzt wundern, warum wir uns überhaupt in Kamerasysteme hacken und uns Verfolgungsjagden liefern: In Watch Dogs schlüpfen wir in die Rolle eines gewissen Aiden Pearce. Der ist Hacker und Ganove. Als ein Überfall in einem Hotel schiefgeht, machen seine Auftraggeber Jagd auf ihn, erwischen halb versehentlich aber seine Nichte. Das Programm erzählt in seiner langen Kampagne dann mit recht aufwendigen Zwischensequenzen eine Mischung aus Hacker-Drama mit einigen leicht schrägen Computerspezialisten, Familiendrama und klassischem Unterweltkrimi – gut umgesetzt, aber nichts Besonderes.

Uns hat etwas irritiert, dass der sympathische und intelligente Aiden Pearce zwar sichtbar um seine Nichte trauert, dann aber ungerührt Hunderte von virtuellen Menschen tötet, darunter auch den ein oder anderen harmlosen Wachmann und Passanten.

Die gesamte Handlung spielt in Chicago. Die Metropole im Spiel ist stark dem Original nachempfunden, aber ähnlich wie bei Los Santos in GTA 5 auf wichtige und bekannte Stadtteile und Sehenswürdigkeiten kondensiert. Es gibt ein Zentrum mit Hochhäusern, schöne Villenviertel, eine paar heruntergekommene Kieze und ausgedehnte Natur-, Wald- und Flussgegenden. An das riesige Gesamtareal aus GTA 5 kommt Watch Dogs allerdings nicht mal annähernd heran.

Chicago ist nicht Los Santos

Grafisch überzeugt die Stadt: Wenn die Abendsonne über den Dächern zu sehen ist und durch eine schmale Lücke in der Skyline blinzelt, sieht das imposant aus. Es gibt wunderschöne Brücken über dem Kanal, und dazu flanieren toll und sehr verschieden aussehende Passanten über die Gehwege, die sich etwa in kleinen Gruppen unterhalten oder nach einem Blechschaden lautstark streiten.

Trotz (plattformbedingt) deutlich schwächerer Grafik hat Los Santos aus GTA 5 bei uns größeren Eindruck gemacht, weil es mit seinen Gegenstücken zu ikonographischen Gebieten wie Beverly Hills oder Hollywood einen viel reicheren Schatz an Skurrilitäten und interessanten Kulturversatzstücken nutzen kann, während Chicago in Watch Dogs wie eine ziemlich beliebige Metropole wirkt. Schade!

Rasante Verfolgungsrennen

Das etwas unmittelbarere Fahrgefühl der Autos in GTA 5 gefällt uns zwar besser, trotzdem haben uns die Verfolgungsjagden in Watch Dogs mit der Zeit sogar mehr Spaß gemacht. Anfangs können wir zwar nur wenig mehr tun als Fahren, aber sobald wir in der Kampagne und den Nebenaufgaben vorankommen, bekommen wir immer mehr interessante Möglichkeiten im Fähigkeitenbaum.

Watch Dogs – Trailer (Charaktere)
Watch Dogs – Trailer (Charaktere) (02:12)

Dann können wir bei einer Verfolgungsjagd beispielsweise mit unserem Smartphone die Poller aus der Straße hochschießen lassen – und mit etwas Glück krachen Polizei oder Ganoven bei Vollgas in Stahlhindernisse, was das Programm mit einer schicken Einblendung in Zeitlupe zeigt. Oder wir jagen per Pseudohack die unter der Straße verlegten Dampfleitungen in die Luft, was eine riesige Wasserdampfexplosion ergibt, die Gegner halbwegs zuverlässig ausschaltet.

Die Möglichkeit für derlei Tricks haben wir natürlich nicht nur in der Kampagne, sondern auch in den vielen Nebenaufgaben. Alles in allem dürfte sich ein typischer Spieler locker 40 bis 80 Stunden mit Watch Dogs beschäftigen können, ohne dass Langeweile aufkommt. Wir können allein in mehreren Arten von Fixer-Autorennen antreten. So heißen Jobs für die Unterwelt, in denen wir etwa Wegpunkte abfahren und so die Polizei von anderen Gebieten ablenken oder einen Luxusschlitten bis in eine sichere Garage bringen. Dazu kommen verschiedenartige Einsätze, in denen wir Passanten vor Verbrechern schützen, und noch sehr viel mehr.

Das alles bringt uns neben Spaß auch bessere Skills. Zwar können wir bestimmte Fertigkeiten wie das Hochjagen der Dampfleitungen nur über Punkte freischalten, die wir in Neben- oder Hauptmissionen sammeln. Andere Fähigkeiten gibt es aber nur für Nebenaufgaben. Wer etwa die in Feuergefechten nützliche Zeitverlangsamung "Fokus" besonders lang nutzen möchte, muss vorher in der Stadt zehn Schachprobleme lösen, oder für einen beschleunigten Waffenwechsel mindestens zehn Kleinganoven verfolgt und sie im Nahkampf besiegt haben.

Technik auf Playstation 4 und Xbox One

Auf der Playstation 4 läuft Watch Dogs in 900p und auf der Xbox One in 792p bei jeweils 30 fps. Das Spiel wird also auf beiden Konsolen von der Display Scanout Engine (DCE) hochskaliert und nicht nativ gerendert. Die Bildrate ist im Test fast immer stabil geblieben, nur extrem selten kam es zu Einbrüchen, etwa auf einem Bahnsteig mit zwei Zügen und vielen Passanten.

Auf den beiden New-Gen-Konsolen sehen Spieler eine Grafik, die den High-Einstellungen auf dem PC entsprechen soll – so jedenfalls Ubisoft. Uns lag die PC-Fassung noch nicht vor, sie soll aber zusätzlich eine noch schönere Ultra-Einstellung bieten.

PC-Kopierschutz und Fazit

Die Entwickler haben eng mit Nvidia zusammengearbeitet und unterstützen auf den Grafikkarten des Herstellers Technologien wie die Umgebungsverdeckung HBAO+ (Horizon Based Ambient Occlusion +), die Anti-Aliasing-Technologie TXAA sowie die Anti-Tearing- und -Ruckel-Technologie G-SYNC. Nvidia selbst hat ein paar weitergehende Informationen auf einer seiner Webseite(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht. Watch Dogs verfügt über einen Multiplayermodus und Unterstützung durch Smartphone- und Tablet-Apps, die zum Testzeitpunkt aber noch nicht vorlagen.

Wer mehr zur PC-Fassung wissen möchte: Das Magazin PC Games Hardware hat auf seiner Webseite ausführliche Benchmark-Ergebnisse der PC-Version(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht.

Watch Dogs (Geforce PC Technology Trailer)
Watch Dogs (Geforce PC Technology Trailer) (02:35)

Das Spiel erscheint für Windows-PC, Xbox 360 und One sowie für Playstation 3 und 4. Die PC-Fassung setzt eine Aktivierung bei Uplay voraus. Auch dann, wenn der Spieler bei Steam kauft, muss das Programm mit dem Ubisoft-eigenen Dienst verknüpft sein. Die deutsche Version ist gut lokalisiert und erscheint ohne inhaltliche Schnitte, die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Watch Dogs ist kein Actionspektakel, das den Spieler von der ersten Minute an fesselt. Die ersten ein, zwei Stunden fühlen sich die Abenteuer des Aiden Pearce mehr nach Arbeit als nach Spaß an: Nicht alle Gameplay-Elemente mit ihren Eigenheiten sind intuitiv verständlich.

Nach und nach entfaltet das Programm dann aber immer mehr Sogwirkung. Watch Dogs ist sehr abwechslungsreich: Gerade haben wir eine hochdramatische Verfolgungsjagd überstanden, schon dürfen wir in einem eher ruhigen Abschnitt per Kameraübernahme in einen Gebäudekomplex einbrechen.

Neben der Hauptkampagne lädt aber auch die schiere Masse an klasse gemachten Nebenmissionen dazu ein, in der offenen Welt zu verweilen – egal ob im Onlineduell gegen einen feindlichen Hacker oder bei der Verbrechensbekämpfung im Dienste der Bürger. Nebeneinsätze sind mit viel Aufwand inszeniert. Dazu kommt das interessante Fähigkeitensystem, das ebenfalls motiviert.

Schade, dass das Chicago im Spiel zwar technisch aufwendig in Szene gesetzt ist, aber die Metropole etwa im Vergleich zu Los Santos aus GTA 5 fast ein bisschen langweilig wirkt – wie eine x-beliebige US-Stadt und nicht wie der interessanteste Ort der Welt. Das gilt ähnlich für die Handlung: Sie ist mit schönen Zwischensequenzen und emotionalen Überraschungen gut in Szene gesetzt, aber nicht allzu originell. Und über Hacker oder staatliche Überwachung erfahren wir außer Klischees nichts.

Dennoch, nach dem etwas mühsamen Einstieg hat uns Watch Dogs langfristig für sich gewonnen. Zwar nicht auf allerhöchstem Niveau, aber so, dass wir das Programm mit Überzeugung weiterempfehlen – und das nicht nur Hackern.


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