Test Wasteland 2: Abenteuer in der postnuklearen Textwüste

Er ist keine Schönheit, unser Johnny Golem. Schief sitzende Fellmütze, Angebersonnenbrille, schlecht rasiert und blass. Aber er ist hoch motiviert, in Wasteland 2 nicht nur zu überleben, sondern als Ranger früher oder später auch so etwas wie ein Held zu werden. Mit unserem Johnny Golem sind wir in einer Welt unterwegs, die durch einen Nuklearkrieg zwischen der Sowjetunion und den USA zerstört ist. Das Rollenspiel schließt an den 1988 veröffentlichten Klassiker Wasteland an.

Wir gehören zu den wenigen verbliebenen Menschen, die erst in der Wüste von Arizona und später in Kalifornien vor sich hinvegetieren. Klar, dass wir es mit vielen gnadenlosen Typen zu tun bekommen, die uns um unsere kärglichen Waffen- und Munitionsvorräte erleichtern wollen, und mit mindestens genauso vielen Spinnern.









Eine übergreifende Handlung spielt erst mal keine allzu große Rolle. Stattdessen besuchen wir mit Johnny Golem innerhalb der rund 80 bis 100 Stunden langen Kampagne viele kleine Abschnitte, um dort Quests zu absolvieren. So sind wir gleich zu Beginn in einem Gebiet rund um einen Sendemast unterwegs, in dem wir ein paar Höhlen untersuchen, uns je nach Verlauf einen kurzen Kampf mit Banditen liefern und nach etwa einer halben Stunde über die Weltkarte zur nächsten Siedlung reisen.
Die späteren Orte sind zwar umfangreicher und komplexer, aber nicht viel: Wasteland 2 besteht aus vielen mittelgroßen Häppchen - was aber gar nicht schlecht ist, denn so gibt es viel Abwechslung. Wir besuchen Gefängnisse, Sumpfgebiete, geheime wissenschaftliche Labore und natürlich Westernstädte.
Nach und nach merken wir, dass ein wesentliches Element von Wasteland 2 die Entscheidungen sind, die wir im Spielverlauf treffen. So können und müssen wir uns gut überlegen, welchem von zwei Betreibern von Radiostationen unser Johnny helfen soll. Wenn wir das nicht tun, müssen beide sterben - sonst nur einer.
Viel zu lesen - auf Deutsch oder Englisch
Ein weiteres wesentliches Element von Wasteland 2 sind Texte. Egal, ob wir uns mit anderen Figuren unterhalten oder einen Gegenstand durch Anklicken mit der Maus untersuchen: Das Programm erklärt uns jedes Detail mit teilweise langen Texten. Die sind zum Glück sehr gut und lebendig geschrieben und stecken voller Wortwitz. In Gesprächen wählen wir Antworten über ein komfortables System im Multiple-Choice-Stil aus, können aber zusätzliche Worte auch per Tastatur eingeben. Allerdings springt das System nur auf bestimmte Begriffe an, die wir über den jeweiligen Kontext herausbekommen müssen.

Im Spiel selbst können über das Optionenmenü auch deutsche Texte aktiviert werden. Die sind grundsätzlich ganz ordentlich übersetzt - angesichts der vielen sehr speziellen Kraftausdrücke und Sprachscherze ist das gar nicht so einfach. Allerdings gibt es derzeit noch viele Rechtschreib- und Kommafehler. Wir haben uns deshalb für die US-Version entschieden. Die USK hat Wasteland 2 eine Altersfreigabe ab 16 Jahren erteilt.









In der Endzeitwelt ist Johnny Golem natürlich nicht allein unterwegs. Bei der Charaktergenerierung erstellen wir eine Gruppe aus vier Helden, die wir entweder aus vorgefertigten - durchgehend ziemlich exzentrischen - Figuren auswählen, oder vollständig selbst bauen. Wasteland 2 erlaubt dabei sehr weitgehende Gestaltungsmöglichkeiten.
So können wir uns auf mehrere Waffenarten spezialisieren. Und uns zum halbwegs freundlichen "Smart-Ass" oder zum eher herzhaft-fiesen "Kick-Ass" entwickeln, jeweils mit anderen Auswahlmöglichkeiten in Gesprächen, was starke Auswirkungen etwa auf Kämpfe und deren Vermeidung hat. Die Entscheidungen beim Heldenbasteln sind alles andere als einfach: Angesichts der Fülle an Möglichkeiten müssen wir zwangsläufig auch ein paar wichtige Skills unberücksichtigt lassen - aber dann haben wir eben eine Computerspezialistin statt eines Mediziners mit dabei.
Im Spielverlauf können wir unseren Ranger-Trupp um bis zu drei weitere Mitstreiter aufstocken. Gleich zu Beginn finden wir etwa versteckt in einem seitlichen Winkel der Karte eine junge, besonders kampfkräftige Frau, mit der wir in den ersten Gefechten kaum noch verlieren können. Und wenn wir feststellen, dass uns Medizin doch wichtig ist, haben wir noch eine Chance: Nach nicht allzu langer Zeit begegnen wir der Ärztin Rose, die sich uns ebenfalls anschließen kann.
Kämpfe und Fazit
Wasteland 2 setzt wie der Vorgänger und die ersten, von den gleichen Machern stammenden Fallout-Spiele auf ein rundenbasiertes Kampfsystem. Per Mausklick platzieren wir unsere Mistreiter entweder möglichst nah beim Feind, in sicherer Deckung oder (für etwas größere Treffsicherheit) im Hocken, und erteilen ihnen dann so viele Kampfaufträge, wie die Punkte hergeben. Die Reihenfolge der Züge bestimmt das Programm.

Wir sind mit dem System vom ersten Moment an prima klargekommen und finden es angenehm. Wer derlei Kämpfe sehr herausfordernd mag, muss aber in einem der höheren der vier Schwierigkeitsgrade antreten, um auf seine Kosten zu kommen.









Das Programm basiert auf der Unity-Engine. Die Grafik wirkt nicht mal im Ansatz zeitgemäß. So ist es oft sogar schwierig, alle Details zu erkennen. Boden etwa scheint normalerweise nicht eben zu sein - aber so richtig gut sehen kann man das selten, die Perspektive scheint nicht ganz zu stimmen. Ärgerlich auch: Wir haben mehrfach Eingänge zu Höhlen oder Gebäuden schlicht übersehen, weil die Öffnungen oder Türen zufällig gerade aufgrund der frei drehbaren Ansicht verdeckt waren.
Wasteland 2 ist für Windows-PC, Mac OS und Linux erhältlich und kostet bei Steam rund 40 Euro. Der Publisher Deep Silver veröffentlicht das Spiel hierzulande auch im Handel, und zwar als Standardausgabe für rund 30 Euro und als Ranger-Edition für rund 40 Euro. Letztere enthält neben einer gedruckten Weltkarte, einem Poster, ein paar Postkarten, einem Download-Code für das erste Wasteland auch ein richtig gut gemachtes, deutschsprachiges Handbuch mit rund 100 Seiten. Den Handelsversionen liegt auf Disc nur die Fassung für Windows-PC bei - die Fassung für Mac OS und Linux lässt sich über den mitglieferten Steam-Key aber natürlich auch herunterladen.
Fazit
Wer auf postnukleare Westernromantik, schrägen Humor und viele gut geschriebene Texte steht, dem wird Wasteland 2 gefallen. Die Entwickler haben wenig falsch gemacht. Ob die Welt in zu kleine Schauplätze gestückelt wurde und ob Rundenkämpfe etwas zu simpel gestrickt sind, ist Geschmackssache - wir finden beides gelungen. Vor allem aber freuen wir uns, mit unseren Entscheidungen spürbar Einfluss auf die Welt nehmen zu können und über weite Teile unser Schicksal und die Handlung zu bestimmen.
Missraten finden wir die Grafik. Natürlich muss ein Wasteland 2 kein hochglanzpoliertes Spektakelfeuerwerk sein. Aber wer etwa einen Blick auf Divinity: Original Sin wirft, findet ein viel schöneres und stimmungsvolleres Rollenspiel. Anders als Wasteland 2 hat es auch keine größeren Kameraprobleme, obwohl es deutlich weniger Unterstützung über Kickstarter erhalten hat.
Unterm Strich liefert Entwickler Inxile Entertainment aber ein gelungenes Oldschool-Programm ab, in dem es viel zu entdecken und zu entscheiden gibt und das Fans auf Wochen und Monate gut unterhält.



