Test Ubuntu 13.04: Raring Ringtail geht's langsam an

Mit der Ankündigung von Ubuntu for Phones erregte Canonical Anfang dieses Jahres einiges Aufsehen. Da zunächst weder Quellcode noch Images zum Testen bereitstanden, war klar, dass Canonical künftig noch viel mehr hinter geschlossenen Türen entwickeln würde als bisher. Wenig später gab das Unternehmen zudem bekannt , statt Wayland als X11-Ersatz einen eigenen Displayserver mit dem Namen Mir zu entwickeln und den Unity-Desktop auf Qt5 zu Qml portieren.

Nutzer der Desktopversion von Ubuntu 13.04 alias Raring Ringtail bekommen davon jedoch nichts mit. Die großen Eingriffe sind im Entwicklungszyklus ausgeblieben und erst für die kommenden beiden Versionen 13.10 sowie 14.04 zu erwarten.
Raring für Experimente
Die neue in Qt geschriebene Oberfläche soll künftig über alle Geräte vom Smartphone über den Desktop-PC bis hin zum Fernsehgerät nutzbar sein. Laut Plan(öffnet im neuen Fenster) sollen Mir und Unity Next ab Mai grundlegend zusammenarbeiten können, doch erst im April 2014 soll die QML-Shell auch die Desktopversion erobern.
Ungeduldige und Interessierte können die Software jedoch selbst kompilieren(öffnet im neuen Fenster) und in einem separaten Fenster ausprobieren. Darüber hinaus basieren auch die Images für Mobilgeräte nun auf Raring Ringtail, was es ermöglicht, über das dazugehörige Phablet-PPA(öffnet im neuen Fenster) die Standardoberfläche gegen das QML-Unity zu ersetzen. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten, da eine Parallelinstallation zweier Unity-Oberflächen nicht möglich ist und der Desktop eventuell unbenutzbar wird.















Auswirkungen auf Nutzer gering
Die geänderte Geschäftspolitik Canonicals berührt Nutzer jedoch allenfalls am Rande. So diskutierten die Entwickler etwa, auf ein Rolling-Release-Modell umzusteigen, und entschieden sich letztlich für verkürzte Supportzeiten(öffnet im neuen Fenster) bei den Versionen, die im Halbjahresrhythmus zwischen denen mit Long-Term-Support erscheinen.
Künftig werden diese Veröffentlichungen nur noch neun Monate mit Aktualisierungen versorgt, was auch bereits für Raring Ringtail gilt, das nur bis Januar 2014 unterstützt wird. Die dadurch freigewordenen Ressourcen sollen die Entwicklung eigener Software beschleunigen.
Dass dieser Plan für Raring selbst aber noch nicht aufgeht, zeigt sich an den vielen geplanten, aber noch nicht umgesetzten und verschobenen Funktionen. Dazu zählt etwa die Zahlungsfunktion über das Dash oder die sogenannten Smart Scopes. Für Tester steht ebenfalls ein als experimentell gekennzeichnetes PPA(öffnet im neuen Fenster) bereit, um die neuen Scopes zu testen. Mit den Smart Scopes soll eine Vielzahl von Onlinediensten in das Unity-Dash integriert werden können und die Suche besser funktionieren.
Kleinigkeiten in Unity
Ein wenig wirkt es so, als hätten Canonicals Entwickler bei der Planung für Raring ihre Möglichkeiten zu optimistisch eingeschätzt. Wie bereits beschrieben, blieben die größeren Neuerungen aus und so wurden nur Kleinigkeiten an der Unity-Oberfläche verbessert. Dazu zählen etwa die veränderten Icons des Softwarecenters samt integrierter Updateverwaltung. Die neuen Symbole sind stilisierte Varianten des Buchstaben A, was bei Nutzern wohl eine stärkere Assoziation zu Apps hervorrufen soll. Das Symbol des Dateimanagers wechselt vom Ordner-Icon zu dem Bild einer Schublade.
Canonicals Designer sorgten ebenso für das neue Aussehen der Abmeldedialoge, die nun halbdurchsichtig und an das Unity-Design angepasst sind. Noch lassen diese Bemühungen den Desktop aber inkonsistent wirken, da nicht alle Dialoge in der gleichen Optik daherkommen. Das Fenster zur Passworteingabe der Bildschirmsperre etwa ist nach wie vor ein grauer Kasten.
App-Indicator
Bereits seit Ubuntu 12.10 gibt es mit dem Sync-Menü ein Applet für Canonicals eigenen Cloud-Dienst Ubuntu One. In Raring ist es standardmäßig installiert und ermöglicht, das Synchronisieren per Knopfdruck an- und abzuschalten, direkt Dateien mit anderen zu teilen oder die Dateitransfers zu überwachen. Das Applet ist damit vergleichbar mit den Funktionen ähnlicher Anwendungen wie Dropbox.
Die kleine Wolke von Ubuntu One legt sich wie die Icons vieler anderer Software auch in die obere Leiste, erreicht wird das durch sogenannte App-Indicators(öffnet im neuen Fenster) , die eine Anwendung dafür mitbringen muss. Bisher konnte Unity über einen manuellen Eingriff dazu bewegt werden, dass sich jede beliebige Anwendung auch ohne App-Indicator in der Leiste ablegen lässt. Mit Ubuntu 13.04 ist das nicht mehr möglich.
Die Entwickler verzichteten auf die sogenannte Whitelist und erlauben nur noch Wine- und Java-Anwendungen trotz fehlendem App-Indicator in der Leiste. Der Eingriff führte in dem dazugehörigem Bugreport(öffnet im neuen Fenster) zu teils hitzigen Diskussionen, weil davon auch häufig genutzte Software wie Truecyrpt oder XChat betroffen ist. Nutzer, die die Whitelist trotzdem weiter benutzen wollen, können dies durch das Einbinden eines PPA(öffnet im neuen Fenster) .
Suche mit Tippfehlern
Die Suche im Dash bringt nun eine interne Autokorrektur für Rechtschreibfehler mit, wodurch das Gesuchte auch bei Tippfehlern gefunden werden soll. Das funktioniert häufig aber nicht auf Anhieb, sondern erst, wenn der Suchbegriff inklusive Fehlern komplett ausgeschrieben wurde.
Die Suche nach lirbe etwa führt ins Leere, Libreoffice hingegen findet wie gewünscht die Anwendungen der freien Office-Suite. Diese hilfreiche Erweiterung der Suche wird auch im Head-up-Display unterstützt, das einen einfachen Funktionsaufruf in Anwendungen ermöglicht.
Hilfreich für den einen oder anderen ist auch, dass nun schneller per Maus zwischen den einzelnen Fenstern einer Anwendung gewechselt werden kann. Dazu muss lediglich das Mausrad bewegt werden, wenn der Cursor über dem entsprechenden Icon im Startmenü ruht. Dabei kann jedoch nicht durch alle Anwendungen gewechselt werden, sondern nur durch die Fenster des jeweils ausgewählten, was wenig plausibel scheint. Denn ein Scrollen über die vertikal angeordneten Icons lässt eher einen Wechsel zwischen den Anwendungen erwarten.
Arbeitsflächen verschwunden
Viele Nutzer schätzen die Möglichkeit von Linux-Desktops, virtuelle Arbeitsflächen zu verwenden. Umso unverständlicher ist das Verstecken eben dieser Funktion - eine Standardinstallation bietet die vier Arbeitsflächen zunächst nicht mehr an. Diese müssen, falls gewünscht, über die Systemeinstellungen wieder aktiviert werden.
Die über die Systemeinstellungen eingefügten Onlinekonten lassen sich nun, wie in der Gnome-Shell auch, einzeln aktivieren. Zudem lässt sich der Zugriff auf einzelne Anwendungen beschränken, insbesondere auch auf die Linsen des Unity-Desktops, um etwa zu bestimmen, ob die Google-Docs in der Dokumentenlinse erscheinen sollen oder nicht. Ärgerlich dabei ist, dass die Möglichkeit, Onlinesuchen zu unterbinden, nicht differenzierter gestaltet wurde.
Die Funktion wurde ursprünglich nach heftigen Protesten in Ubuntu 12.10 eingeführt , damit Nutzer einfach die Möglichkeit haben, die Amazon-Suchergebnisse aus dem Dash verschwinden zu lassen und damit auch ihre Privatsphäre zu schützen. Die jetzige Implementierung folgt aber immer noch einem Alles-oder-nichts-Prinzip. Möchte der Nutzer keine Amazon-Ergebnisse sehen, kann er auch nicht über das Dash auf Dateien zugreifen, die zum Beispiel bei Google-Diensten lagern.
Derivate, aktuelle Software und Fazit
Neben den KDE Plasma Workspaces 4.10.2 enthält Kubuntu in der neuen Version(öffnet im neuen Fenster) auch einige Software, die noch nicht offiziell Teil der Desktopumgebung ist. Dazu gehört das Werkzeug KScreen, welches den Umgang mit mehreren Displays vereinfachen soll. Als alternatives Startmenü können Kubuntu-Nutzer Homerun ausprobieren und das eigene Muon Software Center erlaubt die Installation von Plasma-Widgets.
Mit Ubuntu 13.04 ist die Variante mit der Gnome-Shell als Desktop erstmals offiziell ein sogenanntes Flavour(öffnet im neuen Fenster) . Den Entwicklern erlaubt dies vor allem einen einfachen Zugang zu Ressourcen wie etwa den Launchpad-Build-Servern, um täglich Entwicklungsschnappschüsse als ISO-Abbilder zu veröffentlichen. Wie auch in Ubuntu 12.10 wird Gnome 3.6 als Desktopumgebung verwendet. Gnome 3.8 steht aber ebenfalls zur Nutzung über ein PPA(öffnet im neuen Fenster) zur Verfügung.
Ebenfalls neu in der Liste der Ubuntu-Abkömmlinge ist das auf den chinesischen Markt zielende Ubuntu Kylin . Kylin wird in Zusammenarbeit mit der chinesischen National University of Defense Technology (NUDT) und staatlichen Behörden entwickelt. Der Flavour soll mehr als nur übersetzte Software bieten und integriert dazu zum Beispiel Dienste der Suchmaschine Baidu oder die in China populäre Office-Suite WPS von Kingsoft.
Im Zuge der üblichen Aktualisierungen der Pakete verwendet Ubuntu nun Libreoffice 4.0, der eingesetzte Kernel basiert auf Linux 3.8.8. Für experimentierfreudige Anwender bietet der Init-Dienst Upstart 1.8 eine Vorschau auf die Verwaltung der User-Sessions. Eine kurze Erklärung dazu findet sich in den Release Notes.(öffnet im neuen Fenster)
Fazit
Die Unity-Oberfläche wirkt mittlerweile sehr ausgereift und stabil, auch wenn kleinere Unstimmigkeiten diesen Eindruck manchmal etwas trüben. Der positive Eindruck begründet sich wohl aber auch darin, dass größere Neuerungen in diesem Entwicklungszyklus ausgeblieben sind.
Dafür haben die Anstrengungen des Ubuntu-Distributors in den vergangenen Monaten gezeigt, dass Software künftig viel häufiger firmenintern und unabhängig von bestehenden Community-Projekten entwickelt werden wird. Außerdem wurde klar, dass Canonical den Veröffentlichungen mit Long-Term-Support einen noch größeren Stellenwert einräumen möchte als bisher. Die Zwischenversionen werden zum Versuchsfeld, bei denen auch kurzfristig Neuerungen integriert und wieder entfernt werden können.
Canonicals Ziele für den Desktop sind sehr ambitioniert - vor allem der Displayserver Mir sowie der Qt5-Port, der in einem Jahr vollendet sein soll. Ob die Umstellung tatsächlich so problemlos verläuft, wie Canonical dies darstellt, bleibt abzuwarten. Denn Testmöglichkeiten sind derzeit noch sehr beschränkt vorhanden.
Ubuntu 13.04 steht auf den Projektseiten zum Download(öffnet im neuen Fenster) bereit. Die bisher angebotenen CDs werden künftig nur noch für LTS-Versionen gepresst(öffnet im neuen Fenster) und zum Verkauf angeboten. Auch die sogenannten Loco-Teams (Local Communitys) erhalten keine CDs zum Verteilen. Zudem wird der Wubi-Installer für Windows nicht mehr angeboten. Dieser ist nicht kompatibel zu Windows 8 und wird nicht mehr aktiv gepflegt.



