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The Witcher 3 im Test: Wunderschönes Wohlfühlabenteuer

Eine Welt im Krieg und ein schwer bewaffneter Hexenmeister – und trotzdem eine mit leichter Hand erzählte Handlung und eine stellenweise fast idyllische Kulisse: In vielen Rollenspielen wäre das zusammen ein Problem, in The Witcher 3 funktioniert es grandios.
/ Peter Steinlechner
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Artwork von The Witcher 3 (Bild: CD Projekt Red)
Artwork von The Witcher 3 Bild: CD Projekt Red

"Es ist nicht der Fusel, sondern Hexerei" : Das stellt ein leicht benommener Gast in einer Kneipe irgendwo in den Weiten von Temerien fest. Gerade haben wir dem Mann mit einem Geistestrick gegen seinen Willen ein paar Informationen entlockt und gehofft, dass er daraufhin über seinen Schnäpsen zusammensackt. Umsonst gehofft, der Kerl beschwert sich lautstark – und wir als Hexer Geralt von Riva haben ein Problem. Das wir natürlich entweder mit dem Schwert oder mit weiterer Magie schon lösen.

The Witcher 3 – Fazit
The Witcher 3 – Fazit (02:14)

Im Rollenspiel The Witcher 3 sind wir zwar der Typ, der normalerweise im Dienst der Bevölkerung ein Dorf von Drachen befreit, Verbrechen aufklärt, entführte Kinder rettet und noch weitere Heldentaten begeht. Aber mit unseren Schlangenaugen sind wir eben auch für jeden Soldaten oder Bauern sofort als Hexer erkennbar – und die normale Bevölkerung kann ihr Misstrauen einfach nicht überwinden, selbst wenn wir ihr nicht mit Hexerei ins Gehirn schauen.

Die Rolle als Außenseiter ist eines der Kennzeichen der Witcher-Reihe, deren erster Teil 2007 erschien, die Fortsetzung The Witcher 2 kam 2011 auf den Markt. Der jetzt anstehende dritte Teil soll die Trilogie abschließen – ob wir Riva dann tatsächlich nicht wiedersehen, bleibt allerdings angesichts des erwartbaren Erfolgs noch abzuwarten.

Die gefühlte Stimmung finden wir allerdings etwas anders: Obwohl The Witcher 3 in einem Krieg spielt und es ständig um Mord, Totschlag, Unglück und Chaos geht, ist die Atmosphäre erstaunlich unbeschwert. Das liegt zum einen daran, dass die Welt recht farbenfroh gestaltet ist – während eines Sonnenuntergangs sind wir sogar lange in einer bonbonfarbenen Kitschidylle unterwegs, gegen die ein Skyrim wie schwarze Materie wirkt und selbst das farbenfrohe Inquisition noch ein bisschen trist wirkt. Außerdem ist Geralt zwar Außenseiter und traditionell ein bisschen grimmig, aber er hat in Zwischensequenzen auch oft witzige Sprüche parat. Und wenn hübsche Frauen – die in der Witcher-Serie grundsätzlich über ein Playboy-kompatibles Äußeres verfügen – in der Nähe sind, läuft er sowieso zu Hochform auf.

Der dritte Teil ähnelt den Vorgängern zwar sehr bei Elementen wie der Erzählweise und natürlich bei der Hauptfigur und Welt. Wer Teil eins und zwei nicht kennt, muss aber keine ernsthaften Einstiegsschwierigkeiten fürchten: Zwar gibt es viele Bezüge auf vorhergehende Abenteuer, die spielen für den Verlauf der Handlung jedoch keine große Rolle. Eine längere Sequenz kurz nach dem Einstieg, in der wir in einem Dialog ein paar frühere Entscheidungen aufgreifen können, ist unterhaltsam, aber nicht weiter wichtig.

Dabei spielt die Handlung vom ersten Moment an eine entscheidende Rolle in The Witcher 3. Wo wir in Skyrim die Story auch weitgehend ignorieren können und in Dragon Age Inquisition viele generische "Beschaffe zehn Orkschädel-"Quests absolvieren müssen, machen wir als Geralt von Riva so gut wie nichts, ohne dass es irgendwie in die ganz große Geschichte eingebunden ist – zu der gleich mehr.

Jedenfalls haben die Entwickler fast jede scheinbar unwichtige Nebenquest irgendwie ins große Ganze eingefügt oder sie zumindest interessant gestaltet. Es ist eine der großen Stärken von The Witcher 3, dass wir unfassbar viel Kleinkram erledigen können – und der sich nur selten wirklich nach Kleinkram anfühlt, sondern fast wie ein Teil der Kampagne.

Spiellänge und Story

Übrigens: Wie lang The Witcher 3 wirklich ist, wagen wir nicht ernsthaft einzuschätzen – auch nach vielen Dutzend Stunden können wir nicht mit Bestimmtheit sagen, ob wir nicht doch noch ein paar weitere sehr lange Questreihen übersehen haben. Die Entwickler selbst gehen für das gesamte Spiel von bis zu 200 Stunden aus. Wir glauben, dass das stimmen könnte, dann allerdings inklusive aller Sammelaufgaben, die irgendwann nur noch für ganz eingefleischte Trophäenjäger interessant sind.

The Witcher 3 – neues Gameplay und Interview
The Witcher 3 – neues Gameplay und Interview (06:13)

Noch ein paar Worte zur Story, über die wir hier aber nicht allzu viel verraten wollen: Neben dem Krieg spielt noch ein anderes Element eine entscheidende Rolle, nämlich eine junge Frau namens Ciri. Die lernt der Spieler gleich zu Beginn kennen, aber nach ein paar überraschenden Wendungen und einer längeren Suche ist sie dann von großer Bedeutung – was sich auch daran zeigt, dass der Spieler sie an bestimmten Stellen sogar steuern kann.

Abseits der Haupthandlung kann der Spieler einen großen Teil der riesigen Welt frei erkunden. Die Fantasywelt ist in mehrere Regionen unterteilt. Die Waldgegend Novigrad und eine in Inseln unterteilte Umgebung namens Skellige sind wirklich riesig – jede zumindest gefühlt so groß wie Skyrim. Die anderen Gebiete sind wesentlich kleiner, was aber schlicht dem Gamedesign und dem Ablauf der Kampagne geschuldet ist. In den großen Regionen – in denen es keine weiteren Ladezeiten gibt – können wir uns an sich frei bewegen. Allerdings sorgen die Entwickler durch Tricks wie sehr viel höherstufige Monster und teure Überfahrten dafür, dass wir uns einigermaßen an einen grob vorgegebenen Ablauf halten – die ganz große Freiheit wie in Skyrim bietet The Witcher 3 also nicht.

In den Gebieten sind wir zu Fuß, mit einer Schnellreisefunktion sowie mit unserem treuen Pferd Plötze unterwegs. Das hat übrigens eine praktische Zusatzfunktion: Es trägt einen Teil unseres Inventars, auf das wir als Hexer auch dann zugreifen können, wenn der Gaul mal nicht in der Nähe ist. Die Navigation in den Weiten funktioniert mit Hilfe von Karten und einer gestrichelten Linie zur jeweils aktiven Quest auf der Mini-Map am Bildschirmrand recht gut. Auf den Tag- und Nachtwechsel müssen wir übrigens keine allzu große Rücksicht nehmen: Auch nach Sonnenuntergang ist ein Wald nur mäßig finster, und alle questrelevanten NPCs stehen uns rund um die Uhr zur Verfügung.

Keine überflüssigen Gespräche

Überhaupt haben sich die Entwickler von CD Projekt Red(öffnet im neuen Fenster) im Zweifel fast immer für Komfort entschieden. Nicht nur beim Inventar und den NPCs, sondern auch bei weiteren Funktionen, etwa den eingeblendeten Pflanzensammelstellen für das später wichtige Brauen von Tränken. Und in Dörfern und Städten lernen wir schnell, dass die relevanten Figuren markiert sind, so dass wir gar nicht erst mit jedem Bürger ein Gespräch anfangen müssen. Angenehm: Wenn wir in einer Quest einen Gegenstand besorgen müssen, der sich schon im Inventar befindet, dann merkt das Programm das und schickt uns nicht erst durchs Gelände – das schaffen nicht alle Rollenspiele.

Ebenfalls recht unkompliziert ist das Kampfsystem. Mit unseren zwei Schwertern können wir schnelle kurze oder etwas kräftigere Schläge austeilen. Dazu kommen einfache Hexer-Zaubertricks, mit denen wir Gegner zurückstoßen oder in Flammen setzen können, sowie Ausweichmanöver und später einfache Kombos. Im vorgegebenen, zweitniedrigsten der vier Schwierigkeitsgrade ist The Witcher 3 damit für erfahrene Spieler fast zu einfach, vor allem im späteren Verlauf mit ausgebauten Talentbäumen und guten Waffen.

Allerdings sind die Kämpfe nicht immer ganz perfekt ausbalanciert: Es kann passieren, dass Geralt ohne große Vorwarnung in einem Faustkampf mit einen Standardgegner stirbt, den er im nächsten Durchgang ohne Schwierigkeit selbst sofort zu Boden schickt – auch deshalb empfiehlt es sich, zusätzlich zu den (sehr gut und fair) automatisch angelegten Savegames regelmäßig manuell zu speichern, was komfortabel sogar auf Konsole funktioniert.

Fehler und Fazit

Ebenfalls nicht ganz perfekt in den Kämpfen ist, dass die Zielaufschaltung den Gegner nicht so konsequent wie etwa in Bloodborne ins Visier nimmt, sondern ihn ab und an verliert und Geralt immer wieder mit kleinen Sichtproblemen kämpft. Es kommt vor, dass er sich unvermittelt mit ein paar Seitwärtssprüngen zur Seite bewegt, obwohl wir eigentlich zuschlagen wollten. Mag sein, dass diese Fehler noch vor dem Start behoben werden. Wobei fairerweise gesagt werden sollte, dass sie zwar stören, aber kein sehr großes Problem darstellen.

The Witcher 3 im Überblick – Herstellervideo
The Witcher 3 im Überblick – Herstellervideo (04:39)

Überhaupt gibt es bei The Witcher 3 durchaus noch Raum für Korrekturen: Die Steuerung ist auch außerhalb der Kämpfe manchmal hakelig – es kann mal zum Geduldsspiel werden, eine nur leicht verwinkelte Treppe ordentlich herunterzulaufen, oder mit Pferd Plötze korrekt eine Abzweigung zu nehmen. Auch das Inventar und das Charaktersystem dürfen die Entwickler gerne noch mal überarbeiten. Beide sind nicht wirklich schlecht, aber auch nicht sehr gut gestaltet – und verwenden erstaunlich kleine Symbole, obwohl in der Übersicht noch jede Menge ungenutzte Fläche vorhanden ist. Dazu kommen viele kleine Grafikfehler, spät nachladende Texturen, ab und zu seltsame Animationen und Ähnliches.

Aber um es klar zu sagen: Bei uns haben diese Probleme angesichts der vielen Stärken und der epischen Ausmaße des Programms den Gesamteindruck nur wenig geprägt. The Witcher 3 ist auch aus technischer Sicht mit seiner imposanten Grafik, den riesigen begehbaren Umgebungen, den vielen aufwendigen Zwischensequenzen und der Masse an handgefertigten Details ein Top-Spiel – und mit Abstürzen oder Plot-Stoppern mussten wir gar nicht kämpfen.

Zum Test hatte Golem.de nur die Playstation-4-Version ohne den angekündigten Day-One-Patch. Diese Fassung läuft nativ in 1080p, also mit einer Auflösung von 1.920 x 1.080 Pixeln. Auf der Xbox One verwendet das Spiel laut Hersteller eine dynamisch an die jeweilige Stelle skalierte Auflösung, und am PC kann der Spieler derartige Details natürlich einstellen. Sobald die beiden anderen Versionen vorliegen, gehen wir darauf gesondert ein.

The Witcher 3 ist ab dem 19. Mai 2015 für Playstation 4, Xbox One (jeweils rund 70 Euro) und Windows-PC (rund 50 Euro) erhältlich. Die PC-Fassung ist im stationären Handel, aber auch über die Downloadportale Steam, Origin und über das zum Entwickler CD Projekt Red gehörende Gog.com erhältlich. Das Spiel erscheint hierzulande sehr aufwendig lokalisiert: Die deutschen Sprecher gefallen uns, insbesondere der kernig gesprochene Geralt. Einen Multiplayermodus gibt es nicht, zwei Solo-Erweiterungen sind angekündigt . Die USK hat dem ungeschnittenen Programm eine Altersfreigabe ab 18 Jahren gegeben.

Fazit

Vor lauter Begeisterung wollen wir uns das Wortspiel diesmal nicht verkneifen: The Witcher 3 ist magisch geworden! Die vielleicht größte Stärke dieses Abenteuers ist, wie es seine faszinierende offene Welt mit den Rollenspiel-Elementen und der Handlung verbindet. Während wir in anderen Titeln auch wunderbar zurechtkommen, ohne die Dialoge zu lesen oder umgekehrt eigentlich nur wegen der Story weitermachen, bietet The Witcher 3 ein Erlebnis aus einem Guss.

Auch einzeln gehören viele Elemente mit zum Besten, was das Genre zu bieten hat. Über die klugen Inhalte einiger pointiert geskripteter Zwischensequenzen denken wir jetzt noch nach, die abwechslungsreiche Welt sieht stellenweise spektakulär aus. Und vom Tempo und den geschickt eingestreuten, eben nicht aufgesetzten Motivationstricks können andere Spiele lernen.

Dabei ist The Witcher 3 nicht perfekt. Die Steuerung fühlt sich manchmal etwas hakelig an, an den überladenen Bildschirm haben wir uns auch nach vielen Stunden nicht wirklich gewöhnt, und beim Charaktersystem haben die Entwickler viel Potenzial verschenkt. Dazu kommen jede Menge kleine Balanceprobleme und Grafikfehlerchen. Und nicht jeder Skyrim-Fan wird den stellenweise etwas bonbonfarben-kitschigen Stil sofort ins Herz schließen.

Trotzdem: CD Projekt Red hat mit The Witcher 3 ein extrem unterhaltsames, großes und erwachsenes Rollenspiel-Abenteuer erschaffen, das die sehr hohen Erwartungen insgesamt mehr als erfüllt hat.


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