Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Test The Crew: Gebremster Rennspaß in den Sandbox-Staaten

Von der Ostküste bis zum Pazifik: In The Crew kann der Spieler eine immer noch riesige Kleinausgabe der USA frei befahren und sich in schick inszenierten Rennen beweisen. Ärgerlich nur, dass die Abenteuer am Lenkrad durch unnötigen Ballast und eine schlechte Nutzerführung ausgebremst werden.
/ Peter Steinlechner
123 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Artwork von The Crew (Bild: Ubisoft)
Artwork von The Crew Bild: Ubisoft

Der Blick aus dem Autofenster macht in Salt Lake City wenig Spaß: Auf den Straßen liegt Schnee, der Himmel ist grau. Nichts wie weg! Und tatsächlich - nach einer guten Viertelstunde sieht die Sache schon anders aus: Wir rauschen aus den Bergen hinunter in die warme Wüste und sehen schließlich in der Ferne den Stratosphere Tower, das Wahrzeichen von Las Vegas. Noch ein paar Minuten Vollgas, dann fahren wir in The Crew endlich über Straßen, auf die die Sonne scheint und die von Palmen gesäumt sind. Herrlich!

The Crew - Fazit
The Crew - Fazit (01:20)

Momente wie dieser gehören zu den besten in dem Rennspiel, das der französische Entwickler Ivory Tower(öffnet im neuen Fenster) im Auftrag von Ubisoft programmiert hat. In The Crew können wir eine riesige Welt erkunden, die eine zusammengeschnurrte Version der USA darstellt. Es gibt immer noch erstaunlich große und gut aussehende Umsetzungen von Städten wie New York, Los Angeles und Chicago, riesige Wüsten und wilde Berglandschaften, Flüsse und Wälder. Je nach Auto und Strecke benötigt ein Spieler rund eineinhalb Stunden - eher etwas mehr -, um von Küste zu Küste zu gelangen.

Die Kampagne beginnt stilgerecht in der Autostadt Detroit. Dort geraten wir nach einem kurzen Prolog unschuldig in die Fänge des FBI. Unser Job, um nicht im Knast zu landen: Wir, der Straßen-Rennfahrer Alex, müssen einer Agentin namens Zoe dabei helfen, einen korrupten Polizisten und seinen Verbrecherkumpel zu überführen. Dazu müssen wir undercover in der Autogang "510" aufsteigen - deren Boss können wir erst treffen, wenn wir uns die sagenumwobene goldene 510er-Tätowierung mit allen Extras verdient haben.

Diese klischeehafte, aber nicht weiter störende Handlung wird mit ein paar gut gemachten Zwischensequenzen, vor allem aber mit den Story-Missionen erzählt. Die finden alle im Auto statt - aussteigen können wir nicht. Stattdessen müssen wir in Straßen- oder Offroad-Rennen gewinnen, einen Ganoven vor der Polizei in Sicherheit bringen, Supersportwagen mit möglichst wenigen Kratzern von A nach B fahren oder einen Konkurrenten von der Straße schubsen. The Crew ist - trotz offener Spielwelt - letztlich ein reines Rennspiel, das gefühlt nur sehr wenig mit einem Titel wie GTA 5 gemein hat.

Eine der wenigen Parallelen ist, dass viele der Rennen und Verfolgungsjagden nicht auf separaten Pisten stattfinden, sondern direkt in der Welt, in der auch computergesteuerte Passanten herumlaufen und Autos fahren. Wir haben mehr als eine Mission mehrfach spielen müssen, weil wir mit einem Superflitzer frontal in einen Lkw gerast sind. Immerhin werden wir dann trotz sichtbarer Schäden ohne Nachteile auf die Spur zurückgesetzt und können weiterfahren. Aber zu viele derartige Karambolagen kosten einfach Zeit. Der Schwierigkeitsgrad ist auch deshalb nicht sehr einheitlich: Einige Missionen haben wir im ersten Durchgang mit Gold-Auszeichung geschafft, andere nur mit viel Glück nach mehreren Dutzend Versuchen.

In The Crew kommt noch dazu, dass es neben den computergesteuerten anderen Fahrern auch von Menschen gelenkte Autos gibt - das Spiel ist letztlich ein MMO. Hier wird es allerdings kompliziert: Wir können zum einen ein paar klassische Multiplayer-Sachen machen, also schlicht Rennen gegen andere fahren. Zum anderen können wir in den Missionen gemeinsam mit anderen Fahrern antreten. Der Gedanke, wenn wir das richtig verstanden haben: Nicht zwingend wir, sondern ein beliebiger der menschlichen Piloten muss aufs Siegertreppchen.

Chaotische Koop-Crew

Irgendwie können wir dabei auch ein festes Grüppchen bilden, das dann als eine "Crew" gilt und fortan in einer Art festem Verbund antritt. Leider erklärt das Programm diese Funktion so schlecht, dass wir auch in Foren niemanden gefunden haben, der es wirklich verstanden hat und erklären konnte. Wir waren einfach irgendwann in einer Crew, ohne ihr bewusst beigetreten zu sein. Ein paar Stunden später ist die Testversion (Playstation 4) dann beim Zugriff auf besagte Crew-Daten immer abgestützt, und eine halbe Stunde später konnten wir wieder ohne Crew ganz normal weiterfahren.

The Crew - Trailer (Launch)
The Crew - Trailer (Launch) (02:52)

Die chaotische oder fehlerhafte Koop- und Crew-Funktion ist nicht das einzige Problem bei der Benutzerführung in dem Spiel. Auf Dauer ein echtes Ärgernis ist auch die Weltkarte: Sie lässt sich nur in fest vorgegebenen Stufen zoomen, was die Übersicht deutlich erschwert - zumal riesige Infografiken nicht sauber etwa am Bildschirmrand, sondern direkt über dem gerade aktiven Abschnitt eingeblendet werden. Auch die weiteren Anzeigen sind teils völlig überfrachtet und oft unlogisch aufgebaut. Dazu blinkt und leuchtet ständig irgendetwas auf dem Bildschirm, und der in rund drei Metern Höhe statt am Boden eingeblendete Navigationsfaden ist unübersichtlich.

Ein anderes Problem von The Crew löst sich glücklicherweise zumindest zum Teil im Verlauf des Spiels: Das Fahrgefühl der Autos hat uns am Anfang eher an einen vollbeladenen Güterzug als an einen normalen Pkw erinnert - so schlecht lassen sich die Vehikel lenken. Dahinter scheint allerdings eine Absicht zu stecken: Wir sollen motiviert werden, Missionen zu absolvieren und damit immer bessere Steuerungsteile, Reifen, Motoren und Bremsen zu verdienen und sie in unsere Autos einzubauen. Schnell verbessert sich damit das Fahrgefühl.

Wenn wir dann früher oder später in echten Sportflitzern sitzen, ist deren Fahrphysik zwar immer noch sehr arcadig, aber tatsächlich nicht mal annähernd so hüftsteif wie in den Karossen am Anfang. Bei uns gab es einen Punkt, ab dem wir die Steuerung wirklich okay fanden. Trotzdem wünschen wir uns, dass die Entwickler hier noch weiter feilen - wirklich perfekt fühlt sich das immer noch nicht an.

Im Spielverlauf füllt sich die Garage in unserem Hauptquartier mit immer mehr Autos, im Angebot sind die Vehikel von Herstellern wie Nissan, BMW, Ferrari, Ford und Chevrolet. Die Fahrzeuge sehen schick aus und glänzen schön in der Sonne, auf Wunsch können wir sie in unserer Lieblingsfarbe lackieren und mit unterschiedlichen Sets etwa für die Straße, für die Rennstrecke oder das Gelände ausstatten.

Die Stadt- und Landschaftsgrafik zeichnet sich - um es mal nett auszudrücken - vor allem durch die Größe der Welt und die Abwechslung aus, weniger durch Detailreichtum oder fein aufgelöste Texturen. Wenn wir auf einem Highway in ein Tal hineinfuhren oder von der Interstate abbogen und dann durch Vororte in eine mittelgroße Metropole gelangten, waren wir durchaus beeindruckt. Allerdings gibt es auch viele nur sehr schlicht aufgebaute und texturierte Gebäude, Berge ploppen unschön aus dem Nichts auf und Kantenflimmern haben wir an mehr als an einer Stelle gesehen.

Internet-Pflicht und Fazit

The Crew ist für Windows-PC und Xbox 360 (jeweils rund 50 Euro) sowie für Xbox One und Playstation 4 (jeweils 60 Euro) erhältlich. Eine Fassung für die Playstation 3 soll nicht erscheinen. Neben der Standardversion gibt es eine Vielzahl an teureren Sammler- und Limited-Editionen sowie für rund 25 Euro einen Season Pass für alle kommenden Erweiterungen. Anfang 2015 soll für Tablets und Smartphones eine Companion-App erscheinen, die immer eine Sicht auf die Karte ermöglicht und mit der Spieler ihr Auto tunen können.

The Crew - Trailer
The Crew - Trailer (04:14)

Das Spiel setzt eine Internetverbindung voraus - am PC zu Uplay. Auch auf den anderen Plattformen gibt es ein paar Extras, wenn der Spieler sich bei dem Ubisoft-Dienst anmeldet. Nicht für die Kampagne und die allmeisten Herausforderungen, aber für bestimmte Multiplayerfunktionen und für Chats mit anderen Spielern ist auf den Konsolen zusätzlich eine Mitgliedschaft bei Xbox Live Gold oder Playstation Plus nötig. Einige Ingame-Gegenstände sollen sich später wahlweise durch Echtgeld freischalten lassen.

Das Spiel erscheint hierzulande vollständig lokalisiert. Die deutsche Sprachausgabe finden wir viel zu bemüht und teilweise fast schon störend albern, aber die Bildschirmtexte sind sehr sauber übersetzt. Die USK hat The Crew eine Freigabe ab 12 Jahren erteilt.

Fazit

Wer mit The Crew wirklich Spaß haben möchte, sollte die Multiplayer- und Koop-Elemente ignorieren, sich auf die Story-Missionen konzentrieren und fröhlich von der Ost- zur Westküste fahren. Zumindest uns hat das Spiel erst Spaß gemacht, als wir die merkwürdig umgesetzten Herausforderungen und Crew-Einsätze nicht mehr bewusst angesteuert, sondern sie - im wahrsten Sinne des Wortes - am Wegesrand einfach mitgenommen haben.

Mit einer Familienpackung Ignoranz gegenüber den nur sporadisch funktionierenden Elementen machen die gut inszenierten und extrem abwechslungsreichen Rennen dann plötzlich Freude. Genauso die schick aussehenden und für so ein Spiel ganz schön großen Mini-USA. Ein richtiges Spitzenspiel ist The Crew wegen der vielen kleinen Mängel bei Bedienung, Steuerung, Grafik und Handlung trotzdem nicht. Schade, mit den vielversprechenden Ansätzen und guten Ideen wäre deutlich mehr drin gewesen als nur ein ordentliches Arcade-Sandbox-Rennspiel.


Relevante Themen