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Test Sunset Overdrive: System-Seller am Rande der Apokalypse

Es ist das zweitwichtigste Exklusivspiel für die Xbox One im kommenden Weihnachtsgeschäft: das kunterbunte und sehenswert schöne Sunset Overdrive mit arcadiger Action und vielen Gags - schade, dass die Macher fast schon zu viel in ihr Programm gepackt haben.
/ Peter Steinlechner
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Zwischensequenz von Sunset Overdrive (Bild: Golem.de)
Zwischensequenz von Sunset Overdrive Bild: Golem.de

Manchmal ist es gut, ein Verlierer zu sein. Das jedenfalls ist die Ausgangslage von Sunset Overdrive: Da steigt in der supertollen Megastadt Sunset City eine riesige Einführungsparty für einen neuen Energydrink. Und so ziemlich der Einzige, der nicht mitfeiert - ist der Typ, den wir spielen. Weil er der Typ ist, der die leeren Dosen wieder einsammeln muss. Und deshalb keinen Schluck von dem Energydrink abbekommt, der wiederum ein paar Nebenwirkungen hat: Er verwandelt die braven Bürger in böswillige Supermutanten namens Od - nur uns eben nicht.

Sunset Overdrive - Test-Fazit
Sunset Overdrive - Test-Fazit (01:57)

Das klingt so, also ob in Sunset Overdrive direkt nach dem Start ein mehr oder weniger blutiges Gemetzel mit fiesen Monstern folgt? So einfach ist es nicht: Das neustes Werk des unabhängigen Entwicklerstudios Insomniac Games(öffnet im neuen Fenster) (Ratchet & Clank, Resistance) ist kein simpler Ballerspaß, sondern ein vergleichsweise komplexes und großes Offene-Welt-Spiel - und nebenbei zusammen mit der Halo Master Chief Collection der wichtigste Exklusivtitel für die Xbox One für das Weihnachtsgeschäft 2014. Insbesondere in den USA hat Publisher Microsoft für den Anti-Engergydrink-Kampf kräftig die Werbetrommel gerührt.

Die mit Abstand wichtigste Idee von Sunset Overdrive ist die Surf-Funktion. Das bedeutet, dass wir auf Stromleitungen, Treppengeländern, den Kanten von Dachterrassen und Straßenbegrenzungen sowie auf ähnlichen Objekten wie auf einem Surfbrett gleiten können. Wir müssen nur auf ein Treppengeländer springen und die X-Taste drücken, schon sausen wir elegant dahin - stehend oder hängend, beispielsweise um Hindernissen auszuweichen.

Das System hat zwei Vorteile: Zum einen kommen wir so recht schnell durch Sunset City, indem wir uns über das Netz von Stromleitungen wie auf Straßen bewegen. Das macht durchaus Spaß, geht aber leider nicht ganz ohne Unterbrechungen - zwischendurch müssen wir immer hüpfend neue Anschlussstränge finden.

Zweiter Vorteil: Aus luftiger Höhe können wir nicht immer, aber an vielen Stellen halbwegs ungefährdet die Mutantenmassen unter uns auszuschalten. So klappt es oft hervorragend, auf ein Gebäude mit Flachdach zu springen, an dessen Kante immer im Kreis zu surfen und dabei die Bestien um uns herum aus luftiger Höhe ins Visier zu nehmen. Das setzt wegen der schnellen Kreis- und Drehbewegungen zwar etwas fortgeschrittenes Geschick mit den Analogsticks des Controllers voraus. Allerdings reicht es mit den meisten Waffen, nur so ungefähr in Richtung der bösen Od oder anderer Fraktionen zu zielen, um zu treffen - trotz dieser Hürde und der gelegentlichen Kameraprobleme finden wir die Steuerung insgesamt gelungen.

In Sunset Overdrive gibt es keine simple Rahmenhandlung, sondern einen mit aufwendigen Zwischensequenzen in Szene gesetzten Plot, der unseren Aufstieg zum Retter der Stadt erzählt - oder zumindest zum Retter von uns und ein paar Überlebenden. Wir begegnen einer ganzen Reihe von anderen Figuren, für die wir Aufträge erledigen und die uns im Gegenzug mit Ausrüstung oder Tipps weiterhelfen.

Uncoole Handlung und eiskalte Waffen

Die Story ist zwar aufwendig erzählt, zündet aber selten so richtig. Wir haben den Eindruck, dass die Entwickler sich nicht zwischen einer halbwegs ernsthaften Handlung und einem satirischen Stil entscheiden konnten. So helfen wir in einem längeren Abschnitt ein paar herumlümmelnden Studenten in einer Spielhalle, aber die Humorausbeute beschränkt sich auf einen überdreht kämpfenden Roboterhund und ein paar Gags über die desinteressierten Eltern der Kids.

Sunset Overdrive - Trailer (Gameplay, Launch)
Sunset Overdrive - Trailer (Gameplay, Launch) (01:58)

Die Missionen hinterlassen gemischte Eindrücke - wie so vieles in Sunset Overdrive. Gut gefällt uns, dass es sehr abwechslungsreich und originell zugeht. So müssen wir uns auf Strommasten gleitend in einen Park kämpfen und dort besagten Hund erst finden, ihn dann quer durch die Stadt trotz massiver Mutantenangriffe bis zu seinem Herrchen bringen. Ein anderer, längerer Einsatz schickt uns zu zwei Hochhäusern, zwischen denen wir Seile mit Harpunen spannen müssen, um nach und nach bis zum Tennisplatz auf dem Dach zu gelangen - uns hat das ein bisschen an das Seilespannen im letzten Tomb Raider erinnert.

Etwas später müssen wir für einen durchgeknallten Überlebenden und dessen TV-Show mit möglichst spektakulären Angriffen möglichst viele Monster vor laufender Kamera ausschalten, um die Quoten in die Höhe zu treiben. Bei dieser Mission, aber auch bei einigen anderen sind uns die Ziele nicht klar genug formuliert: Wir haben es immer wieder erlebt, dass wir nach dem Briefing nicht wirklich wussten, was wir tun sollen und wohin wir müssen - in dieser relativen Häufung ist uns das so schon lange nicht mehr aufgefallen.

Neben den Kampagnenmissionen, die rund zehn bis 15 Stunden Spielzeit umfassen, gibt es noch zahlreiche zusätzliche Aufträge in Sunset City, die der Spieler ähnlich wie in GTA 5 oder Assassin's Creed über eine einblendbare Karte findet. Zwar gibt es längst nicht so viel zu tun wie in den beiden Vorzeige-Sandboxtiteln, dafür stimmt aber die Qualität, und es gibt vergleichsweise wenig generische Nebenaufgaben. Eine vermeintlich einfache "Sammle fünf Rucksäcke"-Quest barg deutlich mehr Überraschungen, als wir erwartet hatten.

Durch die Kampagnen- und Nebenmissionen bekommen wir Erfahrungspunkte und Gegenstände, die wir in verbesserte Fähigkeiten und bessere Waffen investieren können. Sunset Overdrive bietet hier relativ viele Möglichkeiten zur Optimierung an. Allerdings sind diese Menüs und Optionen derart unübersichtlich und seltsam aufgebaut, dass wir sie nach kurzer Zeit weitgehend links haben liegen lassen und auf mehr Munition oder ähnliche Vorteile gepfiffen haben. Der Schwierigkeitsgrad ist auch so nicht allzu hoch: Vor allem durch die die fast zu fair gesetzten Checkpunkte fühlt es sich fast so an, als ob wir in einem ständig aktivierten Gottmodus antreten.

Dazu kommt noch, dass die Waffen relativ effektiv unter den Gegnermassen aufräumen. Wenn wir erst mal das Gewehr haben, dass explosive Teddybären verschießt oder die Feinde-Einfrier-Kanone freigeschaltet haben, sind wir nur durch die wenigen wirklich harten - übrigens größtenteils toll animierten - Gegner etwas länger aufzuhalten. Etwas später im Spielverlauf bekommen wir dann auch die Möglichkeit, Fallen etwa in Form riesiger Propeller aufzustellen, mit denen wir unter anderem unser Hauptquartier schützen können.

Brave Sprachausgabe und Fazit

Sunset Overdrive wird auf der Xbox One mit 30 fps in 900p (1.600 x 900 Pixel) berechnet und dann auf HD hochskaliert. Die Entwickler begründen das damit, dass sie statt einer höheren nativen Auflösung lieber eine besonders detailreiche Umgebung zeigen möchten. Das kann man durchaus durchgehen lassen, denn die Grafik macht tatsächlich einen richtig guten Eindruck: Die Texturen wirken scharf, die Fernsicht ist klasse, und trotz teils riesiger Gegnermassen haben wir keine Ruckler bemerkt - Insomniac hat eines der schönsten und grafisch imposantesten Spiele abgeliefert, die wir bislang auf der Microsoft-Konsole gesehen haben.

Sunset Overdrive - Gameplay (Multiplayer-Modus)
Sunset Overdrive - Gameplay (Multiplayer-Modus) (02:59)

Sunset Overdrive erscheint am 31. Oktober 2014 für die Xbox One und kostet rund 70 Euro. Das Programm enthält einen Multiplayermodus, den wir mangels Mitspielern nicht sinnvoll ausprobieren konnten. Hierzulande kommt das Spiel laut Publisher Microsoft ohne inhaltliche Schnitte gegenüber dem US-Original auf den Markt.

Die Lokalisierung ist hörbar aufwendig, trotzdem klingen uns die deutschen Sprecher etwas zu steril, insbesondere die Stimme der Hauptfigur wirkt zu brav. Die USK hat eine Freigabe ab 16 Jahre erteilt.

Fazit

Es gibt Momente, in denen wir richtig begeistert sind von Sunset Overdrive. Wenn wir auf einer Stromleitung über einen riesigen Park surfen und von oben die Monsterhorden mit Sprengstoff-Teddybären eindecken, oder wenn wir uns Etage für Etage an der Außenfassade von Hochhäusern emporkämpfen und uns auf dem Tennisplatz ganz oben mit einer Bande böser Damen prügeln, fühlt sich das nach großem Actionkino an.

Schade, dass Spielfluss und -spaß an weiteren Stellen oft merkwürdig ausgebremst werden. Es gibt zu viele kleinteilige Missionen, in denen nach ein paar erledigten Mutanten gleich eine kurze Zwischensequenz oder die nächste schlecht erklärte Miniaufgabe wartet. Wir haben auch deshalb relativ lange gebraucht, um wirklich mit der überladenen Steuerung klarzukommen. Für eine arcadige Ballerorgie fühlt sich Sunset Overdrive zu kompliziert an - dabei ist uns gleichzeitig der Schwierigkeitsgrad wegen des Checkpoint-Systems zu niedrig.

Es gibt durchaus weitere Kritikpunkte wie die seltsam ernsthaft erzählte, im Grunde aber banale Handlung und die spektakulär schöne, aber auch sterile Stadt sowie die gelegentlichen Kameraprobleme. Allerdings: Es gibt eben auch weitere Stärken, etwa das klasse umgesetzte Surfen, die stellenweise tollen Grafikeffekte und wahnsinnig viele kleine Gags und Ideen.

Das alles zusammen macht Sunset Overdrive zu einem ordentlichen Actionspiel aus vielen Elementen, die aber kein stimmiges Ganzes ergeben, weshalb es unter seinen Möglichkeiten bleibt. Trotzdem sollten Fans von Effektfeuerwerken, die es gerne schön schräg mögen, den Kühlschrank mit Energydrinks füllen und so gewappnet einen Blick wagen.


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