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Test ST3 Pinion: Speed-Radeln im Raketenmodus

Das S- Pedelec ST3 Pinion aus der Schweiz ist fürs Pendeln mit viel Power gemacht. Hierzulande wird es allerdings ausgebremst.
/ Peter Ilg
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Für Pendler bis etwa 25 Kilometer eine echte Alternative zum Auto: das S-Pedelec ST3 Pinion (Bild: Stromer)
Für Pendler bis etwa 25 Kilometer eine echte Alternative zum Auto: das S-Pedelec ST3 Pinion Bild: Stromer

Es gibt Fahrzeuge, die im Test halten, was sie auf dem Papier versprechen. Andere enttäuschen und wieder andere überraschen. Zu letztgenannter Gruppe zählt das S-Pedelec ST3 Pinion des Schweizer Herstellers Stromer. In der Modellbezeichnung stehen die Buchstaben ST für Stromer, die Zahl 3 für die mittlere Modellklasse. Es ist der Topseller im Produktportfolio der Firma. Das Überraschende am E-Bike: Es sieht aus wie ein Fahrrad, ist rechtlich ein Kleinkraftrad und geht los wie eine Rakete.

Stromer ist Spezialist für S-Pedelecs und das ST3 Pinion ist interessant für alle, die im Grünen leben und täglich in die Stadt zum Arbeiten pendeln. 25 Kilometer sind mit dem ST3 morgens und abends schnell geradelt. Das Fahrzeug sieht elegant und stabil aus. Es gibt keine hässliche, weil wulstige Ausbuchtung für den Akku. Der ist, obwohl mit 814 Wattstunden (Wh) groß, unauffällig im Unterrohr untergebracht.

Laut Hersteller reicht die Energie für 150 Kilometer und der Akku ist in 4 Stunden und 45 Minuten geladen. Kabel am Rad sind in den Rohren verlegt, daher wirkt es aufgeräumt. Die Hebel sind haptisch geformt, Schweißnähte unsichtbar verschliffen und poliert. Das ST3 steht hochwertig und souverän auf seinem stabilen Seitenständer. Wer auch Form und Design mag, wird das Rad mögen.

Manche technischen Komponenten sind außergewöhnlich und uneingeschränkt zu empfehlen, auch wenn sie aufpreispflichtig und teuer sind. Das Antiblockiersystem verhindert ein blockierendes Vorderrad bei zu starkem Bremsen und das Wegrutschen auf feuchter, schmutziger oder Fahrbahn mit losem Untergrund. Damit es nicht zu einem Überschlag bei starkem Bremsen kommt, wird die Bremsleistung vorne reduziert, wenn das hintere Rad abzuheben droht.

Das andere technische Highlight ist das Pinion-Getriebe aus deutscher Herstellung. Anstatt unterschiedlich großer Ritzel und Umwerfer fürs Schalten sitzt es direkt auf der Kurbel. Es hat neun Gänge und schaltet wie ein Autogetriebe über Zahnradpaarungen. Die Gänge werden per Drehgriff rechts am Lenker gewechselt.

Das Getriebeöl sollte alle 10.000 Kilometer gewechselt werden, ansonsten ist die Schaltung wartungsfrei – wie auch der Antriebsriemen, über den das Getriebe mit dem Motor im Hinterrad verbunden ist. Der Motor ist leise, leistet 820 Watt und hat ein Drehmoment von 44 Newtonmeter (Nm). Seine drei Unterstützungsstufen werden links am Lenker mit Druckknöpfen gewählt. Darüber befindet sich der Schalter fürs Fernlicht, daneben der für die Hupe.

Eingeschaltet wird das Rad an der Unterseite des Oberrohrs. Seine Bedienung ist höchst einfach. Was die Schweizer mit dem ST3 auf zwei dicke Reifen gestellt haben, ist perfekt funktionierende Mechanik, Elektronik und Software. Nichts ist ruppig, alle Komponenten harmonieren fließend sanft. Das ist Speed-Radeln auf höchstem Niveau.

Ein S-Pedelec ist eher Motorrad als Fahrrad

Doch Vorsicht: Wer meint, ein S-Pedelec sei einfach nur ein um 20 km/h schnelleres Pedelec, verkennt die Situation völlig. Ein S-Pedelec ist eine andere Art der Fortbewegung: Radfahren mit der Dynamik eines kleinen Motorrads. Innerorts sind dahinschleichende Autos, langsam fahrende Busse oder träge Lastwagen Hindernisse. Auf herkömmlichen Pedelecs ist man selbst der Bremser, der für andere zu langsam unterwegs ist, mit dem S-Pedelec sitzt man manch Vorausfahrendem im Nacken.

Auf dem S-Pedelec radelt man nicht mehr so schnell, wie man kann, sondern so, wie es der Verkehr erlaubt. Innerorts bis 50 km/h schwimmt man leicht mit. Von einer zur anderen Ampel geht es so schnell wie mit dem Auto. Und in Tempo-30-Zonen muss man sich zusammenreißen, um nicht geblitzt zu werden. Wenn der Verkehr fließt und es keine Tempobegrenzung gibt, ist das Radeln im Tour-de-France-Tempo.

Berge und Gegenwind reduzieren die Höchstgeschwindigkeit nur leicht. Selbst unter diesen Bedingungen geht es noch mit 40 Sachen voran. Man muss nur stärker auf die Pedale treten, um die gesamte Kraft des Motors abzurufen.

Der höheren Geschwindigkeit sollte man seinen Fahrstil anpassen. Dazu gehören: früher bremsen, an unübersichtlichen Stellen das Tempo drosseln und stärker Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer nehmen. Das Umgewöhnen dauert etwas, danach ist es Radfahren im Raketenmodus. Morgens zur Arbeit geht es im Vergleich zum Pedelec in der Hälfte der Zeit. Man kommt an, als sei man mit einem Motorrad unterwegs gewesen. Das macht schon gute Laune.

An der Oberseite des Oberrohrs sitzt der Bildschirm. An ihm und in der Stromer-App mit dem Namen Omni lassen sich Fahrdaten ablesen und Einstellungen vornehmen. Das alles funktioniert ziemlich gut. Der Akku wird seitlich am Unterrohr geladen und befindet sich auf perfekt platzierter Höhe. Der Stecker wird magnetisch von der Buchse angezogen. Auf Knopfdruck lässt sich der Akku seitlich entnehmen, ohne umständliches Hantieren mit einem Schlüssel. Das ist schon ziemlich durchdacht gemacht.

Die bergige Schweiz gilt als Pionierland für S-Pedelecs. Deren Anteil an Pedelecs liegt dort bei 12 Prozent. In Deutschland sind Speed-Pedelecs mit einem ganz geringen Anteil von 0,5 Prozent Exoten. Das liegt an den rechtlichen Rahmenbedingungen: In unserem südlichen Nachbarland dürfen S-Pedelecs auf Radwegen fahren. In Deutschland nicht.

S-Pedelec ST3 Pinion: Verfügbarkeit und Fazit

Das Speed-Pedelec ST3 Pinion kann bei einem der 98 autorisierten Stromer-Händler(öffnet im neuen Fenster) in Deutschland vor Ort gekauft werden. Alternativ lässt sich das E-Bike auch online bestellen und vom Händler liefern. Wir raten unbedingt dazu, vorher eine Probefahrt zu machen.

Das schnelle Rad kostet in seiner Grundausstattung 8.222 Schweizer Franken. Das sind umgerechnet 8.600 Euro. Federgabel und Sattelfederung sind optional und summieren sich auf rund 1.400 Euro. Für das Pinion-Getriebe in Verbindung mit dem ABS verlangt Stromer knapp 1.900 Euro.

Diese Investitionen lohnen sich aber, denn alle Radler wissen, wie schlecht unsere Straßen sind und wie man wegen Schlaglöchern durchgeschüttelt und manchmal fast aus dem Sattel geworfen wird. Oder wie häufig die Schaltung eingestellt und die Ritzel erneuert werden müssen, was bei dieser Ausstattungsvariante entfällt. Das ABS hebt Radfahren auf ein neues Sicherheitslevel. Ein solches System sollte Pflicht an jedem Zweirad sein.

Fazit

Das ST3 Pinion ist ein technisch hervorragendes Produkt, es sieht schön aus und es fährt sich hervorragend. An diesem Fahrzeug gibt es nichts zu nörgeln, aber sehr viel zu loben.

Das Problem sind die Umstände, unter denen das S-Pedelec genutzt werden muss – und die können den ganzen Spaß an der guten Sache vermiesen. Denn weil S-Pedelecs ähnlich wie Mofas eingestuft werden, brauchen sie ein Versicherungskennzeichen, die Fahrer einen Führerschein der Klasse AM oder den Autoführerschein.

Spezifikationen Stromer ST3 Pinion
Fahrergröße/max. Gewicht 178-210 cm/150 kg
Reifen 57 x 584
Motorleistung Heckmotor, 850 W, 44 Nm
Akkukapazität 814 Wh, abnehmbar
Ladezeit ca. 4 Stunden und 45 Minuten
Reichweite laut Hersteller bis zu 150 km
Reichweite gemessen (normale Witterung, ebene Strecke) ca. 130 km
Gewicht 33 kg
Bremsen Hydraulische Scheibenbremsen, ABS optional
Schaltung/Kette Pinion-Getriebe, 9 Gänge, Riemen
Material Rahmen Aluminium
Lieferumfang StVZO-konform ja
Preis ca. 8.600 Euro

Zudem gilt eine Helmpflicht. Kurioserweise schreibt der Gesetzgeber aber nicht vor, ob ein Fahrradhelm genügt oder ob es ein Motorradhelm sein muss. Wie Polizei und Gerichte bei einem Unfall damit umgehen, ist unklar.

S-Pedelecs ähnlich wie Mofas eingestuft

Neben Fahrradwegen sind Feld- und Waldwege, die mit Verbotsschildern für Motorfahrzeuge ausgewiesen sind, für S-Pedelecs tabu. Sie dürfen auch nicht auf dem Gehweg abgestellt werden, sondern müssen auf einen Pkw-Parkplatz – mit Parkscheibe oder Parkausweis. Für Reifen gilt eine Mindestprofiltiefe und es dürfen keine Anhänger für Kinder angebracht werden. Das alles hört sich an, als wolle der Gesetzgeber den Menschen das Fahren mit einem S-Pedelec vergraulen.

Dabei könnten Speed-Pedelecs auf Pendlerstrecken um die 25 Kilometer eine Alternative zum Auto sein. Deshalb fordern immer wieder Organisationen wie der ökologische Verkehrsclub VCD, Rad-, Wald- und Feldwege für S-Pedelecs zu öffnen. Derzeit sieht es leider nicht danach aus.


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