Test Spec Ops The Line: Antikrieg in der Luxusstadt

Im Stakkato fetzen die Schüsse durch das, was einst die Halle eines Luxushotels gewesen sein muss. Wo früher gefeiert wurde, werfen sich jetzt Captain Martin Walker und zwei Begleiter hinter Bartheken in Deckung. Irgendein Irrer hat dafür gesorgt, dass im Hintergrund der Song "Hush" von Deep Purple läuft, während sich Walker in Spec Ops The Line ein Feuergefecht mit den Soldaten vom verfluchten 33er Bataillon liefert. Der aufpeitschende Rocksong, Schreie, Schüsse, dazu die durch das zerstörte Dach hereinbrechende Sonne und aufgewirbelter Sand: willkommen im Games-Gegenstück zu Apokalypse Now.

Auf den ersten Blick erinnert Spec Ops The Line zwar an Action in der Machart von Call of Duty . Wer dann aber genauer hinsieht, entdeckt mindestens genauso viele Parallelen zum Antikriegsfilm von Francis Ford Coppola. Allerdings – durchaus zeitgemäß – in die Ruinen der arabischen Metropole Dubai versetzt. So hat sich im Film wie im Spiel ein US-Offizier mit seinen Untergebenen von der restlichen Armee abgesetzt und sein eigenes Reich aufgebaut – im Spiel eben in der Wüstenstadt statt im Dschungel. Der Offizier in Spec Ops heißt übrigens Colonel John Konrad, was eine sehr direkte Anspielung auf den Schriftsteller Joseph Conrad ist, dessen Erzählung Herz der Finsternis die Grundlage für Apocalpyse Now bildet.
























Spieler steuern Captain Walker in der rund acht bis zehn Stunden langen Kampagne von The Line aus der Schulterperspektive, die beiden KI-Kumpel Lugo und Angel agieren selbstständig. Allerdings kann der Spieler den beiden ein Ziel vergeben, das sie dann selbstständig und mit ziemlich großer Treffsicherheit ausschalten, und ihnen – vor allem in wilderen Gefechten praktisch – den Befehl erteilen, schnell mal eine Blendgranate zu werfen. Unsterblich sind die beiden nicht: Wenn einer der Sergeants zu viel Blei fängt, sinkt er verletzt zu Boden und der Spieler muss sich innerhalb eines meist ausreichend langen Zeitraums zu ihm vorkämpfen, um ihm per Tastendruck eine Spritze zu verpassen. Sonst geht es, wie beim Ableben von Walker selbst, zurück zum letzten der meist fair angelegten Checkpoints.
Wichtig: Walker und seine Mannen sollten immer Deckung suchen. Ähnlich wie in Gears of War kann man per Tastendruck ziemlich bequem und einigermaßen sicher über die Begrenzungen hinwegfeuern und es so durchaus mit größeren Gruppen aufnehmen – praktisch, denn im scheinbar so menschenleeren Dubai kämpft in den Gefechten gefühlt ein Großteil der US-Army. Walker und seine Jungs wehren sich mit Schießprügeln wie der AK47, Maschinenpistolen und Schrotflinten. Entscheidend ist, dass man taktisch geschickt immer die Waffe eines Feindes aufnimmt, von der im jeweiligen Gebiet am meisten Munition zu finden ist – sonst muss Walker als Notlösung zu seiner Armeepistole greifen, und auch die verfügt nicht über unendlich viele Kugeln.
Abwechslung durch Level-Vielfalt
Grundsätzlich sind die Gefechte vergleichsweise simpel. Für Abwechslung sorgt das Leveldesign: Mal muss sich das Delta-Force-Team von oben durch die Etagen einer Hotelhalle nach unten kämpfen, dabei muss der Spieler immer wieder von Treppe zu Treppe rennen und möglichst viele der Soldaten im Stockwerk unter sich ausschalten. An einer anderen Stelle kämpft er sich durch einen Gang voller Säulen und muss per Gewehr die Decke unter Beschuss nehmen, um sie zum Einsturz zu bringen und so die versteckten Feinde eliminieren zu können.
























Eine andere Situation: Per Scharfschützengewehr muss Walker in den Häuserschluchten von Dubai möglichst schnell feindlichen Snipern eine Kugel verpassen, bevor er selbst ins Fadenkreuz gerät. Die Designer von Yager(öffnet im neuen Fenster) bieten eine Reihe von derartigen Shooter-Konstellationen in Spec Ops – wenige fühlen sich wirklich neu an, aber in der Summe geht es dennoch kurzweilig zu.

Allerdings sorgt in The Line vor allem die Handlung für Spannung. Die Fragen: Was hat Joseph Konrad dazu gebracht, sich von der Armeeführung loszusagen? Warum richtet er auch unter Zivilisten fürchterliche Massaker an – und wie kann der Spieler ihn stoppen? Konrad scheint komplett durchgedreht zu sein: Immer wieder laufen Walker und sein Team durch Gänge, in denen Dutzende, teils Hunderte von verkohlten und verstümmelten Leichen liegen. Teils wirkt das fast schon ein bisschen unglaubwürdig und so mancher Spieler dürfte sich fragen, ob nicht doch eine fiese Alienarmee heimlich das Heft in der Hand hält...
Immer wieder wird der Spieler in Zwischensequenzen zum Zeugen von Folterungen und Erschießungen durch Konrads Männer. Das Spiel und seine Macher haben eine klar erkennbare Haltung zu Brutalität und zum Krieg: nicht glorifizierend wie teils in Call of Duty, sondern ablehnend. Beispielsweise gibt es in einer Zwischensequenz eine Kameraeinstellung, in der mehrere quälende Sekunden eine tote, verkohlte Mutter ihr durch Napalm bis auf die Knochen entstelltes Kind an sich drückt. Spec Ops setzt stark auf derartige Ekeleffekte – Mitgefühl und Empathie spielen hingegen erstaunlich selten eine Rolle. Engere Kontakte etwa mit Zivilisten gibt es so gut wie nicht.
Weiter so bis ins Fazit
Verwirrend wirkt auch, dass Walker und seine zwei Begleiter nach Schockmomenten, oder auch nach einem heftigen Streit innerhalb des Teams, wieder mit der Knarre in der Hand auf dem Schlachtfeld stehen und kämpfen, als wäre nichts weiter gewesen. Hier hätte es ein Film einfacher, indem er eine innerlich durchaus nachvollziehbare Blockade der Soldaten zeigen könnte – ein Spiel kann das sinnvoll nur schlecht umsetzen.
Die Grafik auf Basis der Unreal Engine 3 macht einen durchgehend guten Eindruck: Der Sand und die Ruinen von Dubai wirken sehr oft farbenfroh, teils scheint die Sonne etwa über orange Dünen und auf blaumetallene Stahlträger – schick. Abwechslung gibt es auch genug, etwa indem die Entwickler den Spieler auch mal durch finstere Keller oder über ein in den Boden eingelassenes, riesiges Aquarium schicken. Animationen und Spezialeffekte sind zeitgemäß, aber nicht weiter spektakulär. Bis auf die Sand- und Sandsturmeffekte: Vor allem Letztere sind gut umgesetzt und sorgen für einige Aha-Momente.
























Neben der Kampagne gibt es auch einen Multiplayermodus, in dem bis zu acht Spieler auf sechs Maps antreten können. Enthalten sind Varianten von Team Deatchmatch und anderen Modi, in denen man wahlweise als Schütze, Scharfschütze, Sanitäter, Brecher oder Offizier kämpft.
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Spec Ops The Line ist für Playstation 3, Xbox 360 und Windows-PC erhältlich. Die Preise liegen bei den üblichen 50 bis 60 Euro, je nach Plattform. Die deutsche Sprachausgabe ist gut, die englische etwas besser – kein Wunder, leiht dort doch Synchronwunder Nolan North (unter anderem Nathan Drake in Uncharted ) der Hauptfigur seine Stimme. Die PC-Version verwendet Steam als Kopierschutz. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten.
Fazit
Die Versuchung liegt nahe, Spec Ops The Line auf einem virtuellen Antikriegsspiel-O-Meter eine Punktzahl verpassen zu wollen. Wahrscheinlich würde das Programm dann irgendwo zwischen vier und sechs landen: Krieg und Zivilistensterben wirken schon deutlich schrecklicher als in jedem Call of Duty, aber letztlich macht es doch zu viel Spaß, selbst möglichst viele Personen über den Jordan zu schicken. Außerdem setzt Yager stark auf Ekeleffekte – so etwas wie Mitgefühl mag sich mit den Massen der namens- und gesichtslosen Opfer nicht einstellen.
Wer einfach nur einen unterhaltsamen Shooter mit guter Grafik und einer interessanten Handlung sucht und sich für moralische Fragen nur am Rande interessiert, kann durchaus auch zu Spec Ops greifen. Die Feuergefechte kommen zwar nicht an die Intensität eines Call of Duty heran, sind aber schick in Szene gesetzt, abwechslungsreich und klar im oberen Viertel des Genres anzusiedeln.



