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Test Rocksmith 2014: Hey ho, let's go!

Die neue Version von Ubisofts Programm zum E-Gitarre-Lernen versucht sich nicht mehr als Spiel zu tarnen. Davon profitieren arrivierte Hobbymusiker wie Anfänger, Letztere allerdings nicht sofort.
/ Alexander Merz
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Bild: Ubisoft

Um es vorwegzunehmen: Sein Versprechen löst Rocksmith ein. Nach einigen Monaten mit der ersten Version spielen wir mittlerweile halbwegs passabel E-Gitarre. Mit der neuen Version 14 können wir nun auf allen Plattformen üben - PC, Mac, Xbox 360 und PS3. Und das ist nötig, denn über Nacht wird man selbst mit Rocksmith nicht zum Gitarrenprofi.

Rocksmith 2014 - Test
Rocksmith 2014 - Test (03:14)

An der grundsätzlichen Lernmethode des von uns getesteten Vorgängers hat sich nichts geändert, das praktische Spielen der Lieder und das gezielte Üben einzelner Riffs stehen immer noch im Vordergrund. Dazu kommen frei auswählbare Einführungsvideos, mehrteilige Übungslektionen für konkrete Spiel- und Grifftechniken und Mini-Spiele, mit denen diese geübt werden können. All diese Elemente wurden neu produziert und erweitert - nichts wurde vom ursprünglichen Rocksmith weiter verwendet.

Die Probleme der ersten Version wurden zum großen Teil beseitigt: Basics wie Und wie halte ich meine Gitarre korrekt? werden jetzt behandelt. Auch viele kleinere Stellen wurden verbessert, zum Beispiel ist das Stimmen der Gitarre jetzt einfacher und seltener erforderlich. Die einzelnen Teilvideos und Übungen einer Lektion können gezielt ausgewählt werden. Praktisch für Farbenblinde ist die Option, eine andere Farbpalette für die Darstellung der Saiten auszuwählen.

Zielgruppe verprellt

Die größte Verbesserung ist aber, dass der Karrieremodus und die "Werde zum Rockstar"-Attitüde wegfallen. Die erste Version drehte sich darum, durch gutes Spielen der Lieder Punkte zu sammeln, so Level für Level aufzusteigen und damit neue Auftritte in immer größeren Locations freizuschalten, von der schummrigen Kellerkneipe bis hin zum Stadion. Die durchgängig verwendete Farbpalette und die Hintergrundbilder Marke "Versiffter Proberaum" sollten dabei stets auch noch ein Ambiente von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll vermitteln - also die ideale Masche für Eltern, um ein pubertierendes Kind zum Gitarreüben zu verführen.

So motivierend das in den ersten Tagen des "Spiels" war, so enervierend war es für fortgeschrittene Nutzer, die vor allem gezielt üben wollten. Denn jedes Mal nach dem Programmstart musste der Spieler erst einmal aus diesem Modus ausbrechen und sich durch unzählige Menüs zum eigentlichen Übungsobjekt hangeln.

Schon die freundliche, helle Farbpalette in Rocksmith 2014 vermittelt ein anderes Gefühl, außerdem landen wir nach dem Start direkt im Hauptmenü und von dort in der Musikübersicht mit vielfältigen Sortierungsmöglichkeiten, unter anderem jetzt auch nach Schwierigkeitsgrad.

Einfacher zu navigieren (meinen Fortgeschrittene)

Obwohl die Anzahl an Menüs und Menüpunkten nicht kleiner geworden ist, fühlt sich die Navigation von Rocksmith 14 deutlich komfortabler und eingängiger an - auch weil die Menüs jetzt auf den Bildschirm passen und nicht mehr gescrollt werden muss.

Der Riff-Repetitor ist kein Extrabestandteil mehr, sondern kann jederzeit aufgerufen werden, während ein Lied gespielt wird. Er dient dazu, einzelne Passagen gezielt zu üben. In der ersten Version musste sich der Spieler noch entscheiden, ob er dabei an seiner Geschwindigkeit oder am Schwierigkeitsgrad arbeiten wollte. In der neuen Version können wir beides zugleich tun. Der Riff-Repetitor ist nur noch ein einzelner Modus, dessen Funktionsweise durch einen umfangreichen Dialog festgelegt wird.

Was mache ich hier eigentlich? (fragt sich der Anfänger)

Der Dialog im Riff-Repetitor zeigt auf der anderen Seite ein Problem auf, das in der alten Version schon existierte, mit dem Wegfall des Karrieremodus aber noch verschlimmert wird: Anfänger sind von den Möglichkeiten und ihrer sinnvollen Auswahl überfordert, denn sie werden nicht mehr wenigstens minimal durch den Karrieremodus und das schrittweise Freischalten von Inhalten gelenkt.

In Rocksmith 2014 stehen dem Spieler schon nach kurzer Zeit alle Möglichkeiten offen, gleichzeitig ist die "pädagogische" Nutzereinführung immer noch ausbaufähig. Wie in der alten Version wird es eine Zeit dauern, bis ein Anfänger einen sinnvollen Lernpfad findet - falls er nicht vorher frustriert aufgibt.

Ganz allein lässt Rocksmith 2014 den Spieler aber dann doch nicht. Zum einen gibt es nun zu jedem Lied spezifische Lernempfehlungen und Mini-Achievements, zum anderen Missionen, die auf bestimmte Programmteile und Lernmöglichkeiten hinweisen. Allerdings wirken Missionen wie "Spiele einen 80er-Jahre-Song" zum Teil etwas seltsam, wenig zielführend und lernfördernd, auch wenn dahinter vermutlich die Idee steckt, der Nutzer möge einmal die Sortierung der Liedliste nach Erscheinungsdatum ausprobieren.

Der Lehrer lobt und schimpft (aber ganz selten)

Auch ein paar motivierende Elemente enthält Rocksmith 2014. Nach jedem Lied gibt es eine kurze schriftliche Leistungsbewertung, die meist angelsächsisch höflich ist: Der Anfänger kann sich oft über ein "sehr gut gespielt" freuen. Wir müssen schon sehr häufig danebengreifen, um den Rat zu bekommen, doch noch mal zu üben oder gar für unser "enttäuschendes" Spiel kritisiert zu werden. Die Formulierungen sind recht abwechslungsreich und scheinen nach Schwierigkeitsgrad und Spielhäufigkeit eines Liedes zu variieren.

Insbesondere im Riff-Repetitor ist das optische Feedback bei Fehlern jetzt besser sichtbar und schimmert nicht mehr irgendwo am Rande des Sichtfeldes auf. Es geht in der Hektik aber teilweise doch unter. Nicht oder falsch getroffene Noten werden jetzt kontinuierlich mitgezählt und angezeigt.

Freies Spiel

Neu ist der Session-Modus: Der Spieler wählt dabei bis zu drei virtuelle Bandmitglieder aus, neben weiteren Gitarristen oder Bassisten auch einen Schlagzeuger, stellt unter anderem die geplante Spielgeschwindigkeit sowie anfängliche Tonleiter ein und kann dann frei spielen. Seltsamerweise kann er für die eigene Gitarre keine Effekte auswählen, das geht weiterhin nur im Sound-Designer.

Wenn wir dann spielen, wechselt Rocksmith die empfohlene, harmonisch passende Tonleiter, je nachdem, wo wir die Töne greifen. Das ist aber die einzige spürbare Anpassung an unser Spiel. Keine merkliche Rolle spielt es, ob wir punkig flott anschlagen oder unsere Töne vor Schmalz zerfließen. Die Bandmitglieder dudeln relativ unbeeindruckt ihre Fahrstuhlmelodien.

In der Theorie ist der Session-Modus trotzdem durchaus für mehr als nur kleine Fingerübungen zu gebrauchen. Es ist kein schlechtes Werkzeug für eigene Kompositionen. Nur fehlt leider ein entscheidendes Detail: die Aufnahmefunktion.

Die Musikauswahl

Rocksmith 2014 kommt mit einer breiten Palette an aktuellen Musiktiteln wie auch Klassikern quer durch alle Genres: zwischen Ramones knackigem Blitzkrieg Bop und Police schmalzigem Every breath you take dürfte jeder seine Favoriten finden.

Wem die mitgelieferten 55 Songs nicht reichen, der kann sich aus dem umfangreichen Angebot an kostenpflichtigen Titeln aus dem Uplay-Store von Ubisoft bedienen. Wer bereits die frühere Rocksmith-Version besitzt, kann auch deren Titel übernehmen. Das gilt auch für bereits gekaufte Titel - mit einer Einschränkung: Plattformübergreifend funktioniert das nicht. Wer also bisher zum Beispiel die PC-Version einsetzte und Rocksmith 2014 für den Mac kauft, kann keinen Titel übertragen.

Ärgerlich - aus deutscher Sicht - ist außerdem die erneute starke Fixierung auf amerikanische und britische Musiktitel. Scorpions, Rammstein, Die Ärzte - es gibt sie nicht einmal als kostenpflichtige Zusatztitel.

Doch Punkte jagen

Durch den Wegfall des Karrieremodus gibt es beim normalen Üben auch keine Punkte mehr für das erfolgreiche Spielen von Noten. Das gilt aber nicht für die integrierten Technikspiele und Spielherausforderungen.

Die Technikspiele, allesamt mit überdeutlichen Anleihen bei 8-Bit-Arcade-Vorbildern, konzentrieren sich darauf, jeweils eine bestimmte Technik oder Fähigkeit zu üben. Der Übungsaspekt steht dabei deutlicher im Vordergrund als bei den Technikspielen in der alten Rocksmith-Ausgabe, weniger die Reaktionsfähigkeit.

"Score-Attacks" - Spielherausforderungen sind eine kleine Reminiszenz an das alte Rocksmith, hier gibt es tatsächlich noch Punkte für das Treffen des richtigen Tones. Der Spieler wählt ein Lied aus und dann eine von vier Schwierigkeitsstufen. Während des Spielens verändert sich die Schwierigkeit nicht, stattdessen gilt es, mit der vorgegebenen Notenanzahl möglichst viele Punkte zu erzielen. Der Zählwert der Noten ist nicht fixiert, sondern hängt von einem Multiplikator ab, der mit erfolgreich gespielten Noten steigt. Diese Herausforderungen machen auch im Multiplayer den meisten Spaß.

Fazit

Es ist erstaunlich: Rocksmith muss bis zum Erscheinen von Bandfuse keine Konkurrenz fürchten. Trotzdem hat Ubisoft auf die Benutzer gehört und wesentliche Verbesserungen in Rocksmith 2014 umgesetzt. Jetzt steht das Education in Edutainment deutlich im Vordergrund.

Wer bereits das alte Rocksmith hat und aktiv übt, für den ist Rocksmith 2014 ein Pflichtkauf, Verbesserungen gibt es überall im Programm. Wer sich mit dem Gedanken trägt, E-Gitarre (ohne Lehrer) zu lernen, kommt schon mangels echter Alternativen nicht daran vorbei - Youtube und Büchern fehlen einfach die Interaktivität und das Feedback. Allerdings sollte sich ein Anfänger bewusst sein, dass er einige Tage brauchen wird, um sich zurechtzufinden. Denn es sind zwei steile Lernkurven zu erwarten: an der Gitarre und am Programm.

Von Rocksmith 2014 ist eigentlich nur einer Gruppe abzuraten: gut meinenden Eltern und Großeltern. Sie sollten eher zum Vorgänger greifen, wo es noch den Karrieremodus gibt. Rocksmith 2014 motiviert den Spieler viel weniger, sondern setzt eigene Motivation voraus - auch langfristig.


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