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Test Pillars of Eternity: Neue Welt mit klassischem Vorbild

Wie Baldur's Gate , aber doch anders: Mit Pillars of Eternity hat Obisidian Entertainment ein tolles Rollenspiel im klassischen Stil veröffentlicht, das nicht nur Fans für Wochen an den Bildschirm fesseln kann.
/ Peter Steinlechner
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Pillars of Eternity (Bild: Obsidian Entertainment)
Pillars of Eternity Bild: Obsidian Entertainment

Goldtal – das klingt idyllisch. Aber kaum stehen wir kurz nach dem Start von Pillars of Eternity in der kleinen Siedlung, sehen wir den Galgenbaum. Dort hat der Abgesandte des örtlichen Fürsten Raedric VII viele der Dorfbewohner aufgeknüpft, weil es zu einer auffälligen Häufung von sogenannten Hohlgeburten gekommen ist: Kinder ohne Seele.

Pillars of Eternity – Fazit
Pillars of Eternity – Fazit (01:39)

Es dürfte klar sein, wer die Sache aufklären und alle folgenden Probleme lösen muss: wir. In Pillars of Eternity sind wir einer der sagenumwobenen Wächter und haben die besondere Fähigkeit, die Seelen von anderen Menschen zu erforschen. Das Rollenspiel versetzt uns in die teils lauschige, teils aber auch recht düstere Fantasywelt Eora.

Doch Fantasy trifft es nur zum Teil. Anders als im großen Vorbild von Pillars of Eternity – gemeint ist natürlich Baldur's Gate – sind wir nicht im Szenario von Dungeons & Dragons unterwegs. Sondern in einer Welt, die das Entwicklerstudio Obsidian Entertainment(öffnet im neuen Fenster) selbst geschaffen hat. Dort treffen wir zwar gleich auf Mitreisende wie einen Zauberer, der uns ganz klassisch mit Blitzangriffen und Feuerbällen im Kampf hilft.

Aber wenig später begegnen wir eben auch einem Mitstreiter, der mit einer Flinte schießt – wobei es ziemlich putzig aussieht, wie der Fernkämpfer die Waffe vor jedem Schuss erst noch umständlich laden muss. Bis zur AK-47 ist es auch in Pillars of Eternity noch ein sehr weiter Weg; und allzu groß sind die etwas moderneren Einflüsse nicht. Das gilt auch für die Schar der Standardgegner, die zu einem recht großen Teil aus Spinnen, Skeletten und Trollen sowie aus Plünderern und Banditen besteht.

Diese Arten von Feinden treffen wir, während wir wie in Baldur's Gate die Welt erkunden. Das bedeutet im Normalfall, dass wir am Rand eines mehr oder weniger großen und von oben dargestellten Abschnitts beginnen und diesen dann erkunden. Oft sind das mitteleuropäisch anmutende Wäldchen, in denen wir in ein Banditenlager oder eine Höhle mit Goblins stolpern und uns dann einen Kampf liefern – offiziell irgendwie im Namen des Guten, eigentlich aber um unsere Vorräte aufzustocken.

Die Ablaufgeschwindigkeit des Spiels und damit auch den Laufschritt unseres maximal sechsköpfigen Trupps können wir mit einem komfortablen Mausklick verdoppeln. Wir haben die erhöhte Geschwindigkeit übrigens irgendwann einfach generell angelassen.

Kampfsystem mit Ausdauer

Das Kampfsystem orientiert sich direkt an Baldur's Gate, insbesondere was die entscheidende Bedeutung der Leertaste angeht: Damit frieren wir das Geschehen ein, und können in aller Ruhe allen Party-Mitgliedern Befehle erteilen. Der Magier soll einen Flächenzauber wirken, unser Paladin heilt ein angeschlagenes Truppenmitglied, der Sänger stimmt ein Kampflied an und der Schwertträger attackiert den feindlichen Priester – und so weiter.

Pillars of Eternity – Trailer (Launch)
Pillars of Eternity – Trailer (Launch) (01:43)

Es ist sogar etwas taktischer als Baldur's Gate, weil wir neben der Gesundheit unserer Helden auch ihre Ausdauer im Blick behalten müssen. Richtig in Probleme geraten wir, wenn beide durch die Kämpfe in Richtung Null sinken. Um sie nach dem Ende der Gefechte wieder zu erholen, müssen wir Rastpausen einlegen – wenn wir das in einem luxuriösen Hotelbett machen, bekommen wir sogar ein paar handfeste Boni.

Die Kämpfe sind anfangs auch in den niedrigeren Schwierigkeitsgraden teils fordernd, später ändert sich das aber und es gibt etwas zu viele simple Scharmützel; ein erster Patch von Obidian hat sich dieses Problems bereits angenommen, aber vermutlich werden die Entwickler noch weiter an der Balance feilen.

Die Haupt- und Nebenquests sind abwechslungsreich und stellen uns immer wieder vor Entscheidungen – mit Fürst Raedric VII etwa können wir auf sehr unterschiedliche Arten umgehen. Schon recht früh im Spielverlauf bekommen wir die Möglichkeit, eine eigene Burg unter unsere Fittiche zu nehmen und nach und nach renovieren. Auch dort warten Abenteuer, nämlich in den Kellerverliesen.

Benutzerführung und Komfort machen einen gelungenen Eindruck. Natürlich gibt es Tasten zum Schnellspeichern und Schnellladen. Bei den zahlreichen Texteinblendungen – ohne deren halbwegs gründliches Studium das Spiel deutlich weniger Spaß, und irgendwann keinen Sinn macht – haben sich die Entwickler mit verschiedenfarbigen Schriften und Ähnlichem sehr um Übersicht bemüht.

Die Grafik ist die wohl größte Schwäche von Pillars of Eternity. Wir marschieren durch sehr viele matschig aussehende Sumpflandschaften, sterile Städte, Siedlungen und wenig märchenhaft wirkende Wälder. Im Laufe der Zeit hat uns auch gestört, dass wir gefühlt fast immer bei Nacht unterwegs waren. Dann wirkt alles noch farbärmer, außerdem ist die Orientierung ein bisschen umständlicher – immerhin, echte Probleme bereitet das nicht.

Verfügbarkeit und Fazit

Anders als bei Baldur's Gate können wir uns etwas in das Geschehen hineinzoomen, was besonders in Kämpfen mit vielen Teilnehmern praktisch ist, etwa zum Erteilen von gezielten Befehlen. Die Figuren bestehen nicht aus Bitmaps, sondern sind in 3D animiert, was relativ ordentliche Bewegungen und nette Effekte ermöglicht.

Pillars of Eternity – Trailer (Gameplay)
Pillars of Eternity – Trailer (Gameplay) (01:55)

Pillars of Eternity ist als Download über die bekannten Portale für Windows-PC, OS X und Linux erhältlich und kostet rund 40 Euro. Es sind aber auch teurere Fassungen mit zusätzlichem Inhalt verfügbar. Im stationären Handel gibt es eine Boxversion für rund 50 Euro. Sie enthält neben einem 80-seitigen gedruckten Handbuch den – sehr guten – Soundtrack und ein Kartenposter. Von der USK hat Pillars of Eternity eine Freigabe ab 16 Jahren erhalten.

Die Texte der deutschen Version sind mit viel Sprachgefühl aufwendig übersetzt. Allerdings führen vergleichsweise viele Rechtschreibfehler und Bugs dazu, dass manche Sätze regelrecht unverständlich sind. Ein paar der Probleme behebt ein inoffizieller, von einem Fan erstellter Patch(öffnet im neuen Fenster) . Wer mag, kann mit einem Mausklick im Optionsmenü unter anderem zu Englisch wechseln. Die ordentliche Sprachausgabe – die nur wichtige Szenen vertont – erfolgt immer auf Englisch.

Fazit

Pillars of Eternity hat sich etwas mehr verdient als nur wohlüberlegtes Lob – nämlich echte Begeisterung. Das Rollenspiel macht vom ersten Moment an richtig Spaß, bietet wunderbarstes Noch-fünf-Minuten-Gampeplay mit kurzweiligen Kämpfen. Und es fesselt trotzdem auch langfristig mit einer interessanten Handlung und einer vielschichtigen Welt.

Natürlich haben es sich die Entwickler einfach gemacht, indem sie sich direkt und offen bei Baldur's Gate bedient haben. Und trotzdem fühlt sich Pillars of Eternity fast nie wie eine simple Fortsetzung im Geiste an, sondern wie ein neues und frisches Werk. Das liegt am eigenständigen, angenehm erwachsenen und vergleichsweise klischeefreien Szenario. Und an ein paar zwar kleinen, aber eben feinen und sinnvollen Verbesserungen – wie den eingeblendeten Aktionsfenstern, die viel Handlung in kürzester Zeit erzählen.

Größtes Manko ist natürlich die Grafik. Ein Blick auf einen beliebigen Screenshot genügt, um festzustellen, dass das Spiel veraltet aussieht. Besonders störend ist das bei Nacht – und es ist gefühlt sehr oft Nacht, so dass man selbst mit hochgedrehter Gammakorrektur in vielen Abschnitten tatsächlich im finsteren Wald steht. Den Spielspaß schränkt das aber kaum ein. Und immerhin: Ein paar größere Siedlungen sehen hübsch aus, und einige der Kampfanimationen machen auch optisch etwas her.

Unterm Strich hat Obsidian Entertainment mit Pillars of Eternity ein tolles Rollenspiel produziert, auf das jeder Fan von Baldur's Gate einen Blick werfen sollte – das aber auch selbst das Zeug zum Klassiker hat.


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