Test Grey Goo: Goommand & Conquer
Sich selbst reproduzierende Naniten-Schwärme als Kundschafter durch schwarze Löcher zu schicken, ist eine blöde Idee – schließlich weiß niemand, was die Grey Goo genannten Materiebrocken am anderen Ende der Galaxie treiben. Einige Jahrhunderte später fliegt die menschliche Rasse ins All und schlittert auf dem Planeten Ecosystem Nine in einen Krieg mit den Beta. Die Alien-Rasse floh einst vor einer alles auslöschenden Macht.
Im Verlauf der 15 Missionen umfassenden Kampagne erfahren wir viel über die Beweggründe der Fraktionen, stets verknüpfen schicke Rendersequenzen mit tollen Animationen die Spielabschnitte. Zwar haben wir anfangs gedacht, wir könnten die Handlung vorhersehen, Entwickler Petroglyph Games aber überraschte uns. Die Charaktere handeln glaubwürdig, wenn auch immer mal wieder mit ein bisschen zu viel Pathos.

Im ersten Spieldrittel lenken wir die Geschicke der Beta. Deren Basis besteht aus vielen verstreuten Hubs, an die weitere Gebäude wie eine Catalyst-Raffinerie samt Extraktor angeschlossen werden. Catalyst-Adern, welche die Oberfläche durchbrechen, dienen als einzige Ressource in Grey Goo. Da Hubs nur begrenzt Andockpositionen bieten, müssen wir uns überlegen, ob wir Fabriken für leichte Infanterie, schwere Strahlenpanzer oder getarnte Gleiter koppeln.
Die Menschen hingegen gruppieren im zweiten Drittel ihre Gebäude rund um einen gigantischen Kern – Strukturen, die nicht per Stromleitungen angeschlossen sind, liegen brach. Die Basis entwickelt sich im Verlauf einer Mission daher zu einem Verteidigungsbollwerk. Expansion ist schwierig, da das Synapsengitter nicht durch Wasser, Wälder oder Berge reicht – dafür sind Gebäude und Einheiten teleportierbar.
Als einzige Fraktion sind die Grey Goo gegen Ende des Spiels immer in Bewegung: Statt Hubs oder einem Kern wabbeln bis zu einem Dutzend monströse Materiebrocken über jegliche Hindernisse hinweg, saugen Catalysts auf und wachsen. Ab einer bestimmten Größe spalten wir einen Naniten-Schwarm ab und lassen ihn Gegner verschlingen oder der Schwarm wandelt sich in Kampfeinheiten um.
Wir erleben den Konflikt der Beta, Menschen und Goo aus drei Perspektiven – allerdings verzichtet Petroglyph Games darauf, uns die gleiche Mission mit mehreren Fraktionen spielen zu lassen. Die einzelnen Abschnitte der Kampagne sind abwechslungsreich: Mal versuchen wir, eingekesselte Mitstreiter zu beschützen, retten Flüchtlinge, schleichen getarnt durch Wälder oder erwehren uns zurückgedrängt verzweifelt einer feindlichen Übermacht.
Nebenaufgaben sorgen für zusätzlichen Anreiz, dafür mangelt es in den meisten Missionen an Überraschungen und – bis auf eine Ausnahme – an denkwürdigen Erlebnissen. Weder deckt das Spiel im Verlauf einer Mission weitere Teile der Karte auf wie einst in Supreme Commander, noch gibt es plötzliche Ziele – schade.
KI, Technik und Fazit
Die Gefechte unterhalten dank der künstlichen Intelligenz großartig: Die attackiert etwa aus der Ferne unsere Verteidigungsanlagen, beschützt ihre Artillerie mit Flugeinheiten und schickt anschließend schwere Einheiten durch die entstandene Lücke. Die KI ist sogar so schlau, einige Abwehrgeschütze auf heranfliegende Materiebrocken unserer Goo-Artillerie feuern zu lassen, während die restliche Verteidigung unseren Stoßtrupp unter Beschuss nimmt. Grey Goo fordert den Spieler, insbesondere Missionen mit Zeitlimit sind knackig.
Das Schere-Stein-Papier-Prinzip hat Petroglyph Games gut umgesetzt, wenngleich etwas zu minimalistisch. Beim Basenbau unterscheiden sich die Fraktionen deutlich, ihre Kampfeinheiten ähneln sich funktional aber sehr. Zu den wenigen Ausnahmen gehört der Bastion-Goo, der die gegnerische Sichtlinie blockt und Feindfeuer auf sich zieht. Spezialfähigkeiten oder im Rang aufsteigende Einheiten gibt es nicht, sinnvolle Tech-Upgrades wie mehr Raketen für den Scythe-Flieger bilden die Ausnahme.
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Eine tolle Idee ist die Shooter-Steuerung: Alle Strukturen und Einheiten wurden auf die Tasten Q bis T (Gebäude, leichte Bodeneinheiten, schwere Bodeneinheiten, Luftwaffe und technische Verbesserungen) gelegt. Das klappt nach einigen Minuten wunderbar komfortabel, der Verzicht auf Mikromanagement beschleunigt die flotten Gefechte noch ein wenig mehr.
Die GlyphX-Engine von Grey Goo setzt eine DirectX-11-Grafikkarte voraus. Die Multicore-Unterstützung ist sehr gut(öffnet im neuen Fenster), weit ausgedehnte Verteidigungsbollwerke der Menschen drücken die Bildrate aber auch auf starken Prozessoren deutlich. Der Planet Ecosystem Nine erinnert von seiner Flora und Fauna her an Avatars Pandora: Vogelschwärme kreisen über lauschigem Dschungel, der von kleinen Flüssen durchzogen ist. Zwar überzeugen Art Design und Grafikqualität, wir hätten uns aber auch verschneite oder Wüstenlandschaften gewünscht statt nur grün-brauner Umgebungen.
Grey Goo ist für Windows-PC erhältlich und kostet rund 40 Euro. Die Disc-Version als Steelbook-Edition ist ein wenig günstiger, erfordert aber wie ihr digitales Pendant(öffnet im neuen Fenster) einen Steam-Account. Das Echtzeitstrategiespiel hat eine USK-Altersfreigabe von 12 Jahren erhalten und bietet eine deutsche sowie englische Sprachausgabe – wir empfehlen Letztere. Neben der von uns getesteten Kampagne gibt es Skirmish- und Multiplayer-Gefechte für vier Spieler.
Fazit
Der Mehrspielermodus von Grey Goo hat uns bereits in der Beta viel Spaß bereitet, die Kampagne überzeugt ebenfalls. Die Geschichte um die Naniten-Schwärme, die Beta-Aliens und die Menschen unterhält je nach Herangehensweise bis zu 20 Stunden. Die einzelnen Missionen sind durch schicke Rendersequenzen verknüpft, dazwischen toben knackige, aber lineare Gefechte gegen eine schlaue künstliche Intelligenz.
Jede Fraktion bietet einen völlig eigenen Basenbau, die Goo spielen sich als ständig bewegende Materiebrocken erfrischend anders. Das Schere-Stein-Papier-Prinzip funktioniert wie gewohnt, ein bisschen weniger Minimalismus hätte aber nicht geschadet – beispielsweise ein Veteranenbonus für kampferprobte Recken oder ein paar mehr Einheiten, die aus der Reihe tanzen.
Wer auf der Suche nach einem klassischen Echtzeitstrategiespiel mit Basisbau, hübscher Grafik und komfortabler Steuerung ohne nerviges Mikromanagement ist, sollte Grey Goo definitiv eine Chance geben. Schließlich weiß niemand, was die Naniten-Schwärme am anderen Ende der Galaxie treiben.



