Test Gears of War Judgment: Arg abwechslungsarme Action

Auffällig ist, dass ausgerechnet die beiden konsolenexklusiven Vorzeigeserien God of War und Gears of War mit Ascension und Judgment fast zum gleichen Zeitpunkt ganz ähnliche Akzente setzen. Beide mogeln sich um die eigentlich fällige "4" mit einem ziemlich kryptischen Untertitel herum, beide erzählen die Vorgeschichte der Hauptserie und beide versuchen unentschlossen, gleichzeitig Einzelspieler und die Fans von Multiplayerpartien zufriedenzustellen.

In Judgment treten wir sogar ohne den eigentlichen Star von Gears of War an, den Muskelprotz Marcus Fenix. Stattdessen geht es um die teils aus der Serie bekannten Figuren Damon Baird, Sofia Hendrik, Augustus Cole und Garron Paduk, die sich vor einem Militärgericht verantworten müssen. Das findet wenige Tage nach dem Emergence Day statt, also nach dem Erstkontakt mit der feindlichen Armee der Locust – 14 Jahre vor den Geschehnissen aus dem ersten Gears of War. Wir steuern nacheinander die Protagonisten durch interaktive Rückblenden, während derer sie als Off-Erzähler zu erklären versuchen, was in den letzten Tagen passiert ist.








Viel größere Auswirkungen auf das Spielgefühl hat allerdings eine andere Entscheidung der Designer des polnischen Epic-Games(öffnet im neuen Fenster) -Ablegers People Can Fly(öffnet im neuen Fenster) : Die Kampagne ist in viele kleine, jeweils ungefähr 5 bis 15 Minuten lange Abschnitte unterteilt. Meistens gibt es an deren Anfang die Möglichkeit, Munition oder neue Waffen aufzunehmen, dann kommt es zum Gefecht, und anschließend erfahren wir in einer Tabelle, wie wir uns geschlagen haben. Die Abschnitte sind zwar durch die Handlung und die Umgebung miteinander verbunden, aber das System fühlt sich dennoch weniger natürlich an als sonst in der Serie, wirkt mitunter wie eine Aneinanderreihung von Multiplayerarenen.
Der Grund für die Unterteilung in Abschnitte: Judgment wendet sich auch an Spieler, die im Koopmodus mit Freunden antreten. Über Xbox Live können bis zu drei weitere Spieler mitmachen, an derselben Konsole kann ein weiterer Spieler anstelle der computergesteuerten Mitstreiter antreten. Diese erfüllen ihre Aufgabe übrigens sehr gut – machmal zu gut, etwa beim Heilen. Wenn wir zu viele Treffer einstecken und in die Knie gehen, versorgen uns die Bots sehr schnell mit Medizin, so dass wir uns um ein vorzeitiges Ableben bald gar keine Sorgen mehr gemacht haben.
Solokämpfe in Multiplayerarenen
Die Gefechte in den Abschnitten bieten viel weniger Überraschungen als die Kampagne etwa des direkten Vorgängers – auch, weil ein Großteil der Waffen und Gegner schon bekannt ist. Bei den Kämpfen wechseln sich drei Standardsituationen ab. Nur ganz selten gibt es echte Überraschungen. Meist aber müssen wir uns von A nach B gegen heftigen Widerstand durchballern.
Auch sehr häufig müssen wir eine Stellung oder einen Gegenstand gegen einige Wellen von Angreifern verteidigen. Dann haben wir vor dem Start des Gefechts ein paar Minuten Zeit, um Selbstschussanlagen und andere Verteidigungseinrichtungen aufzubauen – auf Knopfdruck können wir auch sofort loslegen. Etwas seltener ist das dritte typische Szenario, in dem wir etwa einen bestimmten Platz einnehmen müssen. Zwischendurch gibt es keinerlei Bossgegner, auch der Endkampf ist unspektakulär in Szene gesetzt.








Einen kleinen Vorteil hat das oft arenaartig anmutende Leveldesign: Wir werden deutlich mehr als in den Vorgängern ermutigt, die Deckung zu verlassen und uns im offenen Feld dem Feind zu stellen. Das macht meist Spaß, führt aber in etlichen engeren Umgebungen zu schlechten Sichtverhältnissen aufgrund von Kameraproblemen – Freund, Feind und Umgebung ergeben dann ein wildes Polygondurcheinander.
Neben der gut fünf bis sieben Stunden langen Judgment-Kampagne gibt es eine zusätzliche, nur rund eine Stunde lange Zusatzkampagne, die direkt auf Gears of War 3 aufbaut, aber längst nicht dessen Klasse erreicht. Der Multiplayermodus ist auch jenseits der Koop-Elemente noch umfangreicher als beim Vorgänger. Neben dem Horde-Modus gibt es zahlreiche weitere Neuerungen: zusätzliche Maps, einen Versus-Modus (unter anderem mit klassischem Deathmatch) und den Overrun-Modus, in dem Spieler als Menschen oder als Locust antreten können.
Gears of War Judgment ist ab dem 22. März 2013 für die Xbox 360 erhältlich. Die deutsche Sprachausgabe wirkt gelungen, inhaltliche Änderungen gegenüber der US-Version gibt es laut Microsoft nicht. Die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahre erteilt.
Fazit
Uns hat Gears of War Judgment deutlich weniger Spaß gemacht als die Vorgänger. Die epische Erzählweise und das zwar simple, aber exzellent in Szene gesetzte Gameplay der Vorgänger erreichen die neuen Kämpfe gegen die Locust bei weitem nicht. Bei der Kampagne hatten wir schnell das Gefühl, es ständig mit den gleichen vier, fünf Arten von Kampfsituationen zu tun zu haben. Im Einzelspielermodus fehlt es so an Abwechslung – Koop-Kumpel haben allerdings den Vorteil, dass alle Beteiligten auch ohne Absprache wissen, was sie erwartet.
Gut sind die für Xbox-360-Verhältnisse sehr schicke Grafik und die Gefechte, die etwas dynamischer als in den Vorgängern wirken. Ständig nur aus der Deckung heraus auf die Locust zu ballern, funktioniert in Judgment kaum. Wir müssen uns deutlich mehr bewegen und aktiver sein. Das führt zwar gelegentlich zu unübersichtlichem Nahkampfgetümmel mit Kameraproblemen, macht unterm Strich aber doch Spaß.
Wer gerne im Koopmodus mit Kumpels gegen außerirdische Bestien kämpft, sollte Judgment eine Chance geben. Der typische Einzelspieler kann den Titel aber auslassen – zumal die Handlung ziemlich uninteressant ist – und auf das erste Gears of War für die Next-Generation-Xbox warten.



