Test Driveclub: Unfertiger Fahrverein für Puristen

Was bei Driveclub besonders gut funktioniert, kennen Freunde klassischer Rennspiele bereits seit Jahrzehnten: sich an ein eigenwilliges Fahrverhalten gewöhnen, Bremspunkte und ideale Kurvengeschwindigkeiten studieren und am Ende wieder ein paar Hundertstel schneller über die Ziellinie rasen. Das macht 2014 in Driveclub genauso viel Spaß wie 1994 in Ridge Racer. Im PS4-Raser der Evolution Studios (Motorstorm) wird nur nicht ganz so stark gedriftet.

Erschreckend kurzer Bremsweg
Die Autos in Driveclub sehen realistisch aus, die Strecken wirken ebenfalls authentisch. Das Fahrgefühl auf dem Asphalt ist aber unrealistisch und unterscheidet sich dramatisch von Forza, Gran Tourismo oder Grid. Der Bremsweg aller Vehikel ist erschreckend kurz, und auch das Bremsen mit vollem Lenkeinschlag ist noch sehr effektiv.
In den Optionen gibt es keine Einstellungsmöglichkeiten für Fahrassistenzen, die Autos kleben immer auf dem Asphalt. Bis wir uns sicher sind, wie das Driften funktioniert, vergehen in etwa vier Spielstunden. Driveclub bietet keine Rückspulfunktion und auf der Strecke gibt es keine Ideallinie. Einzig ein paar kolorierte Fähnchen vor den Kurven und Schilder machen auf den lokalen Streckenverlauf aufmerksam. Das bedeutet, dass Spieler die 33 Strecken im Großen und Ganzen auswendig lernen müssen, wenn sie schneller werden wollen - etwa so, wie in den meisten Rennspielen der 90er Jahre, Arcade-Racern wie Sega Rally oder Daytona USA.
















Die Kurse sind auf fünf Länder unterteilt: Kanada, Chile, Indien, Norwegen, Schottland. Sie bieten einen abwechslungsreichen Mix aus Rundkursen und Punkt-zu-Punkt-Rennen und unterscheiden sich auch optisch teils deutlich. Im recht sterilen Schottland stehen majestätische, graue Burgen, weite Täler und Seen erstrecken sich über die Landschaft, über den Himmel ziehen dunkle Wolken. In Indien hingegen ist der Himmel strahlend blau, bunte Blumen und grünes Dickicht wuchern überall.
Auf der Strecke wird sauberes Fahren mit sogenannten "Fame"-Punkten belohnt. Rabiate Streckenmanöver und das Abkürzen von Kurven führen zu Punktabzug und werden mit einer zusätzlichen Zeitstrafe geahndet.
Das Licht am Ende des Tunnels
Die Vegetation, die Weitsicht und die Lichteffekte sind Driveclubs optische Highlights. Die Sonnenreflektionen auf dem Lack sind jederzeit nett anzusehen. Wird es Nacht, leuchtet das Scheinwerferlicht unserer Kontrahenten bis ins Innere unseres detailliert modellierten Cockpits und sorgt für ein hübsches Lichtspiel. Etwas übertrieben finden wir den Effekt, wenn wir aus einem dunklen Tunnel wieder ins Tageslicht rasen. Der Belichtungswechsel blendet uns fast eine ganze Sekunde, bis wir wieder sehen können.
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Während am Horizont viele Bäume stehen, erscheinen am Streckenrand manche Objekte aus dem Nichts. Einfluss auf die Spielbarkeit hat das nicht, ist aber unschön. Vor allem Schatten wabern manchmal an den Streckenbegrenzungen hin und her, tauchen auf und verschwinden wieder.
Das Schadensmodell bei Zusammenstößen mit der Streckenbegrenzung oder anderen Vehikeln ist nur optisch umgesetzt. Auswirkungen auf die Motorleistung oder das Fahrverhalten haben Unfälle also nicht. Die Kratzer im Lack sehen immer gleich aus und wirken wie ein silberner Fremdkörper an den Polygonautos. Eine Option, das optische Schadensmodell auszuschalten, hätten wir begrüßt.
Sie sind nicht mit dem Drive-Club-Server verbunden
Wir haben mit unserem Test zu Driveclub etwas warten müssen: Zu häufig stürzten die Server ab oder unsere Verbindung zu den Mitspielern wurde unterbrochen. Für ein online-zentriertes Rennspiel mussten wir also auf mehr Konkurrenz nach dem Erscheinungstermin hoffen.
















Ohne die Onlinefeatures gibt es nicht viel in Driveclub zu tun: Für Solospieler stehen lediglich eine begrenzte Anzahl linear aufeinanderfolgender Meisterschaften und Zeitrennen bereit. Sie offline zu bestreiten, ist äußerst müßig und wird schnell langweilig, denn Driveclub fokussiert sich auf puristische Rennen. Im Hintergrund spielt in den Standardeinstellungen keine Musik, es gibt keine Handlung und die interessanten Autos müssen erst Level für Level mühsam freigespielt werden. Die künstliche Intelligenz geht leider sehr ruppig vor und verschuldet häufiger Karambolagen.
Schwer überschaubares Onlinesystem
Das Onlinesystem von Driveclub ist in vielen Belangen clever durchdacht mit vielen Möglichkeiten, immer neue Herausforderungen für Freunde und andere Clubs zu erstellen und anzunehmen. Was uns weniger gut gefällt, ist das verschachtelte Menü. Zwar kommen wir mit dem Dreieck-Knopf jederzeit in ein soziales Übermenü, in dem sich der Onlinestatus von Freunden einsehen lässt - zum Einladen in eine Gruppe werden wir aber in die Betriebssystemoberfläche der Playstation 4 geworfen. Hat sich eine Party versammelt, gibt es leider nur einen Weg des Zusammenfahrens: die Auswahl einer vorgegebenen Online-Meisterschaft.
Der Gruppenführer wählt zwischen zufällig angezeigten Rennserien die Meisterschaft für das nächste Rennen aus, danach wird gewartet. Jede Serie hat nämlich einen Countdown, der erst ablaufen muss, bevor es weitergeht. Ist der Countdown bei 0 angelangt, synchronisiert sich die Lobby und das Rennen wird geladen. Die Ladezeiten sind mit unter 15 Sekunden übrigens angenehm kurz. Dieses Prozedere muss nach jedem Rennen wiederholt werden, was die Wartezeiten abseits des Asphalts ziemlich lang werden lässt. Echte Onlinemeisterschaften mit mehreren Rennen gibt es bei Driveclub noch nicht.
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Die eigentlichen Clubherausforderungen muss jedes Mitglied einzeln bestreiten, meistens handelt es sich dabei um ein Zeitrennen, oder es geht darum, so viele Stilpunkte wie möglich in einer Runde zu sammeln. Nur die Zeit des schnellsten oder besten Mitglieds gilt stellvertretend für den Club in den Bestenlisten.
Individualisierungsmöglichkeiten für den eigenen Club werden durch ein Erfahrungspunktesystem eingefahren. Jeder Level-Aufstieg bringt mehr Designs für den eigenen Fuhrpark und auch Club-exklusive Autos. Wagen aus den USA, Japan oder Korea gibt es in Driveclub übrigens nicht. Der Fuhrpark ist auf europäische Autos von deutschen, britischen und italienischen Herstellern begrenzt.
Verfügbarkeit und Fazit
Drive Club ist seit dem 8. Oktober für die Playstation 4 erhältlich. Eine Demoversion mit begrenzter Strecken- und Fahrzeugauswahl soll Abonnenten von Playstation Plus noch zur Verfügung gestellt werden. Sony hat diese Fassung allerdings am Erscheinungstag kurzfristig verschoben .
Fazit
Je länger wir in Driveclub um die Kurven gezirkelt sind, desto motivierter waren wir, es immer und immer wieder zu versuchen. Zwar ist das Fahrgefühl recht unrealistisch, es vermittelt aber nach der Eingewöhnungsphase ein gutes Streckengefühl, das sich von Auto zu Auto unterscheidet. Die Grafik ist abseits der flackernden Schatten und des hässlichen Schadensmodells sehr ansehnlich. Die Lichteffekte sind hübsch, das Geschwindigkeitsgefühl ist aufregend, die Cockpits sind detailliert und die Ladezeiten angenehm kurz. Ein Langstreckenrennen mit elf Onlinegegnern, das sich über zehn Runden von der Morgenröte bis in die Nacht zog, war unser Highlight während des Tests.
Sonys Rennspiel wirkt insgesamt aber einfach unfertig und bietet in der aktuellen Verkaufsversion keine Wiederholungen und keinen Fotomodus. Das in Trailern beworbene Wettersystem ist ebenfalls noch nicht integriert. In einem Onlinerennspiel wie Driveclub würden wir außerdem gerne online echte Meisterschaften und Rennserien bestreiten und nicht von Einzelrennen zu Einzelrennen springen.
Einen eigenen Fahrklub zu leiten, zu designen und für ihn anzutreten ist kurzweilig. Dennoch glauben wir, dass die puristischen Rennen aktuell hauptsächlich Zeitfahrer ansprechen werden, die aus jedem der schönen Kurse die letzten Tausendstel für ihre Bestzeiten rausholen wollen.



