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Test Dragon Age Inquisition: Grand Theft Fantasy

Eine riesige Welt, Massen an Nebenmissionen und viel Freiheit: Für Inquisition hat sich Bioware bei so gut wie allen bekannten Openworld-Spielen bedient - und zum Glück trotzdem ein echtes und durchaus komplexes Dragon Age abgeliefert.
/ Peter Steinlechner
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Artwork von Dragon Age Inquisition (Bild: Electronic Arts)
Artwork von Dragon Age Inquisition Bild: Electronic Arts

Grüne Risse am Himmel sind nicht gut. Klar, es könnte sein, dass ein übermächtiges Wesen seine Hand durchstreckt und Schokopudding für alle verteilt. Aber in so gut wie allen Fantasywelten ist es dann doch so, dass Dämonen und andere Monster durch die Dimensionsverschiebung hopsen und anfangen, die Bevölkerung vor Ort abzumurksen. Und dann stellt sich schnell die Frage: Wer ist schuld?

Dragon Age Inquisition - Fazit
Dragon Age Inquisition - Fazit (02:21)

In Dragon Age Inquisition deutet alles darauf hin, dass wir schuld sind. Jedenfalls glüht ausgerechnet an unserer Hand ein Mal im Grün der Risse am Himmel. Irgendeine Verbindung muss es also geben - und wir können froh sein, nicht gleich in den ersten Minuten der Handlung im Schnellverfahren verurteilt und gelyncht zu werden.

Natürlich glauben uns dann doch ein paar Entscheidungsträger, und wir dürfen ins große Abenteuer ziehen, um die Fantasywelt Thedas vor dem Bösen zu retten. Wer oder was das ist, erfahren wir übrigens erst relativ spät in der Handlung, die in den ersten Stunden ohne klares Feindbild etwas belanglos und stellenweise wirr wirkt, dann aber an Dramatik gewinnt.

Dass die eigentliche Story erst vergleichsweise spät wirklich interessant ist, wäre bei den ersten beiden - sehr unterschiedlichen - Dragon-Age-Teilen ein echtes Problem gewesen. Doch Inquisition ist anders: Statt stark auf eine Erzählung zu bauen, lebt das neueste Werk von Bioware(öffnet im neuen Fenster) vor allem von der Handlungsfreiheit und dem Absolvieren von kleineren und größeren Quests in einer weitgehend offenen Fantasywelt.

Durch linearen Prolog bis nach Haven

Zwar müssen wir uns erst durch einen linearen Prolog kloppen und dann noch längere Zeit in der Stadt Haven verbringen. Aber irgendwann nach zwei, drei Stunden stehen wir dann in einer Region namens Hinterland: Um uns herum stehen saftig grüne Laubbäume, die Sicht nach vorne zeigt Hügel und Felsen. Und der Blick auf die Übersichtskarte erinnert stark an Assassin's Creed, GTA 5 oder Skyrim: Wir sehen ein paar Symbole, die für Nebenquests stehen, sowie eine Markierung mit der aktuellen Hauptaufgabe.

Aus diesen anfangs wenigen Symbolen werden sehr schnell sehr viele. Bei uns war das so: Wir haben rasch einen Auftrag über die Beschaffung von zehn Stück Widderfleisch angenommen. Die Biester lassen sich aber nicht einfach abschlachten, sondern flüchten ziemlich schnell in das nächste Felstal - und wir natürlich hinterher.

Dabei haben wir dann weitere Personen mit Aufträgen getroffen, Briefe mit Hinweisen auf Schätze gefunden oder sind auf Überbleibsel von NPCs mit Quests gestoßen. Nach der ziemlich temporeichen Jagd auf die Widder hatten wir dann zwar eine Mission erledigt, aber um die zehn neue im Tagebuch stehen.

Heldenalltag und Höhepunkte

Sehr viele der Aufträge sind ähnlich simpel gestrickt wie die in MMORPGs. Das ist eine Sache, die man als Spieler von Inquisition einfach akzeptieren muss. Ein Rollenspiel mit offener Welt bringt nicht nur episch-weltbewegende Herausforderung mit sich, sondern auch viel Heldenalltag. Wir müssen eine vorgegebene Anzahl von Blumen sammeln, einer Witwe den Ring ihres Mannes wiederbesorgen, über einen Rittmeister die Option zur Benutzung von Pferden freischalten oder Lager von Templern und Magiern zerstören.

Dragon Age Inquisition - Trailer (Launch)
Dragon Age Inquisition - Trailer (Launch) (02:14)

Die meisten dieser Quests sind nur locker in die Haupthandlung eingebunden. Zwischensequenzen gibt es meist nicht, sondern lediglich die typischen - und immer noch sehr oft ausufernden - Multiplechoice-Dialoge der Serie.

Zwischendurch gibt es dann aber auch mal größere und teils originelle Quests: Etwa Kämpfe gegen extrem schick aussehende Drachen, die Erkundung einer Tempelruine, in der die Dämonen und Magier mit der Zeit an sich experimentieren, das Stürmen von Festungen sowie den Aufbau und die Einrichtung unserer eigenen Burg - eine der fesselndsten Aufgaben im Spiel.

Bei so gut wie allen diesen Quests spielen natürlich Kämpfe eine tragende Rolle. Ähnlich wie im ersten Dragon Age gibt es zwei Modi - aber mit Änderungen. Der eine Modus ist vor allem für einfache Feld-, Wald- und Wiesengegner gedacht. Wir stellen uns möglichst nah vor den Feind und schlagen mit dem rechten Trigger oder per Maustaste mit Schwert, Axt oder Morgenstern zu. Die drei anderen, computergesteuerten Gruppenmitglieder unterstützen uns dabei - was bei einfachen Auseinandersetzungen so gut wie immer ganz gut klappt.

Für die etwas komplexeren Gefechte haben wir den zweiten Modus verwendet. Darin frieren wir das Geschehen vollständig ein, und die Kamera schaltet in die Vogelperspektive. Dann erteilen wir jedem unserer Mitstreiter einen konkreten Befehl. Unser Tank etwa soll sich auf den Typen stürzen, der den Magier angreift, und der wiederum soll erst mal ein magisches Schild für uns alle beschwören, während wir selbst uns mit der Hauptfigur auf den feindlichen Zauberer stürzen. Sobald die Aufgaben verteilt sind, unterbrechen wir die Pause und verfolgen das weitere Geschehen in Echtzeit

Vorteil fürs Gamepad

Besonders schick geht das Pausieren und Aufheben der Pause übrigens mit dem Trigger eines Gamepads, weil es sich damit sehr feinfühlig halten und weiterlaufen lässt. Überhaupt ist die Steuerung auf dem PC zwar gelungen, aber mit dem Gamepad letztlich doch komfortabler - wir raten auch auf PCs zu einem solchen Controller. Nur die teils recht verschachtelten Menüs sind mit der Maus einfacher zu bedienen, etwa beim Vergleichen der Werte von Ausrüstungsgegenständen und Waffen.

Auf allen Plattformen sind wir nicht ganz einverstanden mit der Höhe der Kamera: Gerade auf dem PC ist das Scrollen des zu kleinen Bildausschnitts ohne Gamepad ziemlich nervig - hier sollte Bioware noch nachbessern. Uns hat außerdem gestört, dass wir gerade in heftigen Kämpfen längst nicht immer sofort sehen, wer Feind und wer Freund und wer überhaupt noch am Leben ist. Grund: Die roten Markierungen um Gegner werden in Wäldern oft durch das Laubwerk oder durch andere Hindernisse verdeckt, oder schlicht durch die Animationen etwa von Flächenzaubern. Auch dieses Problem sollte sich eigentlich ohne viel Aufwand lösen lassen. Aber selbst dann ist das Kampfsystem nur richtig gut, aber nicht klasse - uns hat das aus dem ersten Dragon Age etwas besser gefallen.

Neun Regionen und ein Fazit

Insgesamt kämpfen und abenteuern wir in neun großen, erst nach und nach zugänglichen Regionen. Fast jede bietet mindestens Aufträge für fünf bis sechs Stunden, einige noch deutlich (!) mehr. Neben dem Hinterland mit seinen Bergen und Wäldern kommen wir auch in düstere Sumpfgebiete, eine Wüste mit starken Anklängen an den Grand Canyon sowie eine schicke, sturmgepeitschte Meeresküste. Außerdem sind wir ganz am Anfang in einer Eislandschaft unterwegs und müssen natürlich zahlreiche Höhlen erkunden - die diesmal übrigens individuell von Hand erstellt wurden. Für Abwechslung ist also gesorgt, zumal es auch in den Regionen einige Gebiete mit unterschiedlicher Optik gibt.

Dragon Age Inquisition - Grafiktest
Dragon Age Inquisition - Grafiktest (01:45)

Die allermeiste Zeit sind wir nicht allein unterwegs, sondern in Gesellschaft von drei Begleitern, die wir aus einem Pool von neun vorgefertigten Figuren aussuchen. Im Angebot ist etwa der aus den Vorgängern schon bekannte Zwergenschurke Varric mit seiner Armburst namens Bianca und teils schön zynischen Kommentaren, ein etwas langweiliger Qunari sowie die herrlich schräge und ziemlich durchgeknallte Elfin Sera - der Star im Ensemble.

Dragon Age Inquisition ist für Windows-PC mit Origin-Pflichtanbindung sowie für Xbox 360 und One und für Playstation 3 und 4 erhältlich. Der Preis liegt je nach Plattform bei rund 50 bis 60 Euro. Unser Test basiert auf der PC- und der PS4-Version mit dem ersten und bislang aktuellsten Patch; über die Technik auf Basis der Frostbite-3-Engine der PC-Fassung hat Golem.de bereits ausführlich berichtet.

Das Rollenspiel erscheint hierzulande vollständig lokalisiert. Die meisten wichtigen Sprecher gefallen uns sehr gut, einige Nebenfiguren wirken aber wie wenig geübte Sprecher. Neben der sehr langen Kampagne gibt es auch einen Multiplayermodus . Inquisition erscheint ohne inhaltliche Schnitte mit einer USK-Altersfreigabe ab 16 Jahren.

Fazit

Auch wenn sich Inquisition ganz schön offensichtlich bei so gut wie jedem Openworld-Spiel von Assassin's Creed bis Skyrim bedient: Bioware hat ein klasse Rollenspiel entwickelt, das sich vom ersten Augenblick an wie ein echtes Dragon Age anfühlt und Fantasyfans für sehr, sehr viele Stunden fesseln kann.

Uns macht es Spaß, Abenteuer in der wunderschönen Welt zu erleben. Wir freuen uns etwa, wenn wir einfach mal einem spektakulär aussehenden Flusstal folgen dürfen - selbst, wenn wir dabei nur eine einfache Sammelaufgabe zu erledigen haben. Wenn es dabei dann doch mehr zu entdecken gibt als erwartet, was in Inquisition gar nicht so selten vorkommt: umso besser!

Gut finden wir auch, dass Bioware kein für jeden zugängliches Einsteiger-RPG produziert hat. Jedenfalls braucht die Haupthandlung lange, um wirklich Sogwirkung zu entfalten. Und wer die Vorgänger nicht kennt, hat ein paar Verständnisprobleme - aber dafür wirkt die Welt von Dragon Age inzwischen eben auch komplex und glaubwürdig.

Auch die Steuerung geht erst alles andere als geschmeidig von der Hand - nicht weil sie schlecht gestaltet wäre, sondern weil die Verwaltung von so vielen Figuren mit ihren Charakterwerten, dem Inventar, dem Tagebuch und der Karte einfach komplex ist.

Ein paar Dinge hätten wir trotzdem gerne anders gestaltet. Eine ganze Welt am Stück etwa wäre uns lieber als die vielen Abschnitte, auch wenn die an sich teils riesig sind. Vor allem aber wünschen wir uns in den Kämpfen mehr Übersicht und Kontrolle - zwar haben wir uns auch an das Kamerasystem gewöhnt, aber hier sehen wir noch Verbesserungspotenzial. Größerer Sichtabstand zum Boden und immer klar erkennbare Feindmarkierungen würden sich ja sogar per Update einfach nachreichen lassen.

Unterm Strich überwiegen aber klar die Stärken dieses tollen Rollenspiels - das eben nicht nur Masse, sondern auch viel Klasse bietet und auf das jeder Fantasyfan einen Blick werfen sollte.


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