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Test Assassin's Creed Unity: Schöner meucheln in Paris

Mord in Notre Dame, Köpfe sammeln für Madame Tussauds, amouröse Spiele im Schloss Versailles und die Französische Revolution: Das erste Assassin's Creed nur für "Next Gen" und PC konfrontiert den Spieler erneut mit der Historie. Eine große Chance nutzt Unity allerdings nicht.
/ Peter Steinlechner
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Artwork von Assassin's Creed Unity (Bild: Ubisoft)
Artwork von Assassin's Creed Unity Bild: Ubisoft

Merde – Monsieur Sivert ist uns schon wieder entwischt! Verzweifelt hangeln wir uns unterhalb der Decke von Notre Dame von Säulenvorsprung zu Säulenvorsprung. Aber Sivert weit unter uns spaziert seelenruhig und nichtsahnend durch das Kirchenschiff in Richtung des Altars. Licht fällt durch die bunten Mosaikfenster, ganz leise hören wir Orgelmusik. Endlich: Unser Ziel bleibt stehen, die Zielaufschaltung markiert ihn orange und wir springen in die Tiefe – das Schwert im Anschlag.

Assassin's Creed Unity – Test-Fazit
Assassin's Creed Unity – Test-Fazit (02:19)

Natürlich muss der Monsieur Sivert sterben, schließlich ist er mitschuldig am Tod unseres Vaters. In Assassin's Creed: Unity schlüpfen wir in die Rolle eines jungen Franzosen namens Arno Victor Dorian, der bei Paris aufwächst und nach einigen dramatischen Verwicklungen in die Reihen der Assassinen eintritt, um wie in den Vorgängern gegen Sivert und andere, weit mächtigere Templer zu kämpfen. Parallel dazu entfaltet sich eine zweite Handlungsebene, die in unserer Gegenwart angesiedelt ist – allzu viele Details wollen wir aber nicht verraten.

Nur noch eines: Die historische Erinnerungshandlung ist weit weniger stark mit der Geschichte verknüpft als in einigen Vorgängern. Während wir in Assassin's Creed 2 und vor allem 3 sehr nah dran waren an wichtigen Entwicklungen, ist die Französische Revolution über weite Strecken nur der sehr entfernte Hintergrund für die eigentliche Story.

Zwar spaziert mal ein Robespierre durchs Bild, wir sehen kurz König Ludwig den XVI. und nehmen sogar an einer sehr züchtig inszenierten Orgie mit dem Marquis de Sade teil – aber insgesamt konzentriert sich Unity stark auf den fiktiven Konflikt zwischen Assassinen und Templern und taugt damit etwas weniger als Serious Game als die Vorgänger . Wer nicht die – gut geschriebenen, aber sehr langen – Texte in der Datenbank liest, erfährt erstaunlich wenig über die gesellschaftliche und politische Dimension der Französischen Revolution.

Paris zur Zeit der Revolution

Immerhin bekommen wir aber einen guten Eindruck vom Paris des 18. und 19. Jahrhunderts – viele Details über die Zustände auf den Straßen und hinter den Palastmauern wirken glaubwürdig, wurden laut Entwickler Ubisoft von Historikern zusammengetragen. Und so geraten wir in die riesigen Menschenmengen, die sich wütend protestierend vor Notre Dame und dem Palais de Justice zusammenfinden. Wir lerne das reiche Stadtviertel Le Marais mit seinen prächtigen Bauten und den breiten Boulevards kennen, landen aber auch im Bastille-Gefängnis und dürfen an einem Ball im Garten vom Schloss Versailles teilnehmen.

Natürlich sind wir dabei nicht nur wie die meisten anderen Bürger brav zu Fuß auf der Straße unterwegs, sondern springen über Häuserdächer und kraxeln in bester Assassin's-Creed-Manier an Fassaden. Obwohl die Kletter- und Springfunktion für Unity so stark wie bei bislang keinem anderen Spiel der Serie überarbeitet wurde, kommen langjährige Spieler vom ersten Moment an problemlos damit zurecht.

Schneller klettern und runterspringen

Erst allmählich fällt auf, dass Assassine Arno deutlich flüssiger an Häuserwänden hochklettern kann und weniger oft zu Boden fällt. Besonders gut gefällt uns die Möglichkeit, bei entsprechend gedrückten Knöpfen sehr schnell auch von hohen Gebäuden nach unten springen zu können, ohne Verletzungen befürchten zu müssen – das macht das Leben als Meuchelmörder teils wesentlich angenehmer.

Assassin's Creed Unity – Trailer (Launch, deutsch)
Assassin's Creed Unity – Trailer (Launch, deutsch) (02:05)

Allerdings: Auch das neue System ist nicht frustfrei. Schwierigkeiten machen Steuerung und Kamera vor allem in engen, verwinkelten Stellen. Manchmal klebt Arno geradezu an seinem Stellplatz und will nicht einmal einen handbreiten Stein hochsteigen, mal verweigert er das Abgleiten von Fenstern oder anderen Stellen in der Höhe.

Mit diesen Steuerungsdefiziten können wir unterm Strich leben. Wirklich störend finden wir hingegen die Kameraprobleme an einigen Stellen. Vor allem, weil es Missionen gibt, in denen die Entwickler uns genau an diese Orte schicken, etwa die Bretterbuden eines Marktes oder die Kanalisation. Die Kamera ist von solchen Umgebungen völlig überfordert und schwenkt wild in alle Richtungen, oder klebt hinter einer Wand. Einige dieser Pflichteinsätze haben wir erst mit Glück nach vielen Versuchen geschafft – und waren entsprechend frustriert.

Das ist umso ärgerlicher, weil uns die Missionen an sich gut gefallen. Neben den bereits erwähnten Auftragsmorden, Verfolgungsjagden und Sammeleinsätzen aus den Vorgängern gibt es in Unity relativ oft Aufträge, bei denen wir als Arno feindlich besetzte Gebäude infiltrieren und dabei meist auch so viele Gegner wie möglich ausschalten müssen.

Schleichen und töten

Das machen wir natürlich mit den Schleichfähigkeiten von Arno. Der duckt sich auf Knopfdruck und ist dann so einigermaßen vor den Blicken feindlicher Wachen geschützt. Außerdem kann er mit einem weiteren Knopfdruck an Wänden oder Mauern in Deckung gehen, um etwa einen Opponenten heimlich auszuschalten. Das System funktioniert ganz gut und macht Spaß, erlaubt aber kein genaues "Arbeiten" wie in einigen Schleich-Shootern: So kann es an derselben Stelle einmal passieren, dass keiner der Gegner uns sieht, und bei einem neuen Versuch wenige Augenblicke später fallen die Feine sofort über uns her.

Insgesamt finden wir den nicht einstellbaren Schwierigkeitsgrad aber fair, zumal die Speicherpunkte unterm Strich gut angelegt sind und wir bei Fehlschlägen nur selten längere Abschnitte wiederholen müssen; dann nerven allerdings die sehr langen Ladezeiten, zumal die alte Im-Virtuellen-Raum-Rumlauf-Animation weggefallen ist. Die Einschätzung der Spieldauer ist wegen der Masse an Nebenmission trotzdem schwierig: Spieler dürften die Kampagne mit ihren 13 Kapiteln nach rund 15 Stunden beendet haben.

Massen an Nebenaufgaben

Die normale Spielzeit dürfte aber ein Vielfaches dieses Wertes betragen: Unity bietet noch mehr Sammelaufgaben und Nebenmissionen als die Vorgänger – jedenfalls ist das angesichts der Menge unser Eindruck. Es gibt eine Missionsreihe namens "Pariser Geschichten", in der es speziell um Anekdoten aus der französischen Hauptstadt geht. Dann gibt es eine Reihe von Mordfällen, in denen wir etwa in einem Kloster auf Basis der Befragung von Mönchen und der Suche nach Beweismitteln am Ende benennen müssen, wer von mehreren Verdächtigen der Mörder ist – die richtigen Schlüsse müssen wir tatsächlich selbst ziehen, um nicht die falsche Person in Kittchen zu bringen.

Assassin's Creed Unity – Trailer (Story)
Assassin's Creed Unity – Trailer (Story) (02:19)

Eine weitere Besonderheit sind Einsätze, bei denen wir als Computer-Erinnerungsreisender in andere Zeitepochen von Paris gehen, und dann beispielsweise Missionen mit Blick auf den im Hauptspiel noch nicht gebauten Eiffelturm absolvieren. Und es gibt das Café Théâtre, letztlich unser Hauptquartier, das wir mit viel gesammeltem Geld renovieren müssen und für das es ebenfalls Missionen gibt.

Sowohl in den Haupt- wie in den Nebenmissionen kommt es natürlich regelmäßig zu Kämpfen. Ubisoft hat das Kampfsystem gegenüber den Vorgängern nicht grundsätzlich geändert, aber in eine neue Form gebracht. Wir treten nach wie vor mit Schwertern oder Speeren an und müssen in den Nahkämpfen im passenden Moment parieren, besonders fest zuschlagen oder ausweichen. Uns gefällt das System, das sich endlich weder zu einfach noch zu übertrieben komplex anfühlt.

Auch Fernkampfwaffen gibt es wieder. Neben beispielsweise der Pistole kommen hübsche Neuerungen wie die Berserkerklingen zum Einsatz: Deren Gift sorgt dafür, dass etwa ein Wachmann nicht uns, sondern seine Kollegen angreift. Auf diese Art lässt sich an vielen Stellen schon frühzeitig die Anzahl der Feinde erheblich lichten, was uns das Leben und Töten viel einfacher macht.

Riesige offene Spielewelt

Bei der Konsolengrafik gilt ein bisschen das Gleiche wie bei der Steuerung: Auf den ersten Blick sind die Unterschiede zu den Vorgängerspielen gar nicht so riesig. Erst nach und nach hatten wir immer wieder und immer öfter den Eindruck, dass es eine bestimmte Umgebung, einen Blick über die Stadt oder besonders aufwendige Animationen und Effekte so früher schlicht nicht gegeben hätte. Wir finden inzwischen das Gesamtpaket aus der riesigen Stadt, den Massen an mit unterschiedlichsten Dingen beschäftigten Menschen, den nahtlos integrierten und interessanten Innenräumen sowie unfassbar vielen individuellen Details an Gebäuden sehr gelungen und stellenweise auch beeindruckend.

Unity läuft auf den beiden Konsolen in einer nativen Auflösung von 900p (1.600 x 900 Pixel) mit offiziell 30 fps. Tatsächlich dürfte die Bildrate zumindest auf der PS4 bei Szenen, in denen auf dem Bildschirm extrem viel los ist, eher bei 15 bis 20 fps liegen – das Spiel ruckelt also gelegentlich. Das stört aber nicht wirklich: Einen Gelegenheitsdieb konnten wir an solchen Stellen trotzdem noch problemlos erledigen, und in Haupt- und Nebenmissionen hatten wir schlicht keine nennenswerten Ruckelprobleme.

Koo-Mulitplayer und Fazit

Wie bereits gemeldet, hat die PC-Version sehr hohe Hardwareanforderungen , und Golem.de wird in den nächsten Tagen noch gesondert zu diesem Thema berichten. Ubisoft selbst – das eng mit Nvidia zusammenarbeitet – weist bereits jetzt darauf hin, dass es Probleme mit Grafikkarten von AMD(öffnet im neuen Fenster) gibt, nennt aber keine Details.

Assassin's Creed Unity – Trailer (Koop-Raub)
Assassin's Creed Unity – Trailer (Koop-Raub) (04:39)

Den konfrontativen Multiplayermodus der letzten Vorgänger hat Ubisoft gestrichen. Stattdessen gibt es nun die Möglichkeit, einige der Missionen mit bis zu drei anderen Spielern zusammen im Koop-Modus zu absolvieren. Wir konnten das bislang vor allem auf Messen ausprobieren, wo es unter Idealbedingungen gut funktioniert hat.

Beim jetzigen Test haben wir außerdem über ein paar der an Schlüsselstellen in Paris herumstehenden "Koop-NPC-Anbieter" eigene Partien gestartet. Die liefen über das Playstation Network, und zwar (trotz lokal sehr guter Internetanbindung) nur ziemlich schwammig – Spaß hat uns das wegen der ungewohnt zähen Steuerung nicht gemacht. Es könnte aber sein, dass diese Probleme am Vorabzugang lagen – wir müssen abwarten, ob und wie sich Unity nach dem ersten Ansturm spielt. Eine weitere kleine Onlinefunktion sind auf der Karte blau markierte Truhen, die sich auch in der Konsolenversion nur mit einer Anbindung an das Ubisoft-Onlineportal Uplay öffnen lassen.

Assassin's Creed Unity ist ab dem 13. November 2014 für Windows-PC, Xbox One und Playstation 4 erhältlich; zum Test lag uns die PS4-Version mit dem Launch-Patch auf Version 1.0.1 vor. Der Preis für das Spiel liegt je nach Plattform bei 60 (PC) und 70 Euro (Konsole). Die PC-Fassung ist über Steam und über EAs Onlineportal Origin als Download erhältlich. Das gut lokalisierte und ungeschnittene Programm hat von der USK eine Altersfreigabe ab 16 Jahren erhalten.

Fazit

Unity spielt zur Zeit der Französischen Revolution in Paris – eine echte Revolution findet aber nur im Hintergrund statt. Das gilt im neuen Assassin's Creed sowohl für die Handlung als auch für das Gameplay. Unity spielt sich trotz einiger Änderungen sehr ähnlich wie die Vorgänger.

Verbesserungen bei der Spielmechanik stellen wir erst nach und nach fest. Etwa, wie gut das neue Klettersystem ist. Wir steigen schneller von Gebäuden und können selbst von Bäumen fast nicht mehr fallen – klasse!

Die Handlung ist ordentlich bis gut für ein Actionspiel, geht aber leider arg wenig auf historische Ereignisse wie eben die Französische Revolution ein. Die Einbindung der echten Geschichte hat uns in einigen Vorgängern besser gefallen, insbesondere in Assassin's Creed 2 und 3.

Leider hakt die komplexe Steuerung an Stellen mit vielen Bewegungsmöglichkeiten – dafür haben wir sogar Verständnis. Aber es hakt noch an anderen Stellen: So schickt uns Ubisoft vergleichsweise oft in geschlossene Räume, den Untergrund oder in unser völlig verwinkeltes Hauptquartier Café Théâtre, wo die Kamera Schwierigkeiten hat.

Auf der Habenseite verbucht Unity die wirklich schöne und sehr stimmungsvolle Grafik. Der Blick über Paris oder auf Notre Dame ist eine Wucht, die Menschenmassen wirken erstaunlich glaubwürdig, Gesichter und viele Zwischensequenzen sehen toll aus. Auch die Möglichkeit, in und durch sehr viele Gebäude zu gehen, trägt viel zur Atmosphäre bei.

Unterm Strich bietet Assassin's Creed Unity jede Menge spannende Missionen, interessante Nebenjobs sowie Such- und Sammelaufgaben in einer faszinierenden, vergleichsweise authentischen Welt. Wer die Vorgänger mag, sollte auch beim Abstecher nach Paris dabei sein.


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