Telekommunikation: Warum US-Tech-Firmen so heiß auf Jio sind

Der indische Telekommunikationsanbieter Jio Platforms sammelt trotz Coronapandemie Milliarden ein und verspricht eine Erfolgsgeschichte wie Alibaba. Vor allem das Silicon Valley will davon profitieren.

Eine Analyse von Sabrina Keßler veröffentlicht am
Jio soll in Indien noch präsenter werden.
Jio soll in Indien noch präsenter werden. (Bild: Punit Paranjpe/AFP via Getty Images)

Mukesh Ambani liebt waghalsige Versprechungen. Etwa die, sein Unternehmen Reliance Industries innerhalb von nur anderthalb Jahren von allen Schulden zu befreien. Diese Wette ging Indiens erfolgreichster Industrieller vergangenes Jahr auf der jährlichen Hauptversammlung vor Tausenden Investoren ein. Umgerechnet mehr als 20 Milliarden US-Dollar Schulden hatten sich zuvor in dem einstigen Energieunternehmen angehäuft.

Inhalt:
  1. Telekommunikation: Warum US-Tech-Firmen so heiß auf Jio sind
  2. Das Silicon Valley hat große Pläne in Indien

Mitte Juni dann die große Überraschung. "Reliance ist jetzt schuldenfrei", verkündete der 63-jährige gerade einmal zehn Monate nach seinem Versprechen. Zahlreiche Investoren hatten zuvor frisches Kapital in den indischen Mischkonzern eingebracht, darunter so renommierte Konzerne wie Google und Facebook, der saudische Staatsfonds und der prominente Investor KKR. 20,2 Milliarden US-Dollar haben die insgesamt 13 Kapitalgeber innerhalb von nur acht Wochen investiert. Das Geld floss vor allem in den Reliance-Ableger Jio Platforms, Indiens wohl ambitioniertestes Digitalprojekt.

Ambani und seine ausländischen Kapitalgeber hoffen, Jio zu Indiens führendem Telekommunikationsanbieter auszubauen. Ähnlich wie das chinesische Erfolgsunternehmen Alibaba soll die Digitaltochter von Reliance zu Asiens Big Playern aufschließen. 388 Millionen Mobilfunkkunden verzeichnet das Unternehmen seit seiner Gründung vor vier Jahren - so viel wie kein anderes Unternehmen im Land. Im Gegensatz zur Konkurrenz, den Mobilfunkanbietern Bharti Airtel, Vodafone Idea und BSNL-MTNL, operiert Jio allerdings weder im 2G- noch im 3G-Netz. Stattdessen setzt Ambani auf leistungsstarke Voice-over-LTE-Technologie und ein FTTH-Netzwerk, um seine Dienstleistungen unterwegs und auch für zu Hause anzubieten.

"Indien wird sich für immer verändern"

Dank einer zusätzlichen 5G-Lösung, die 2021 an den Start gehen soll, könnte der Kundenstamm in den kommenden drei Jahren auf eine halbe Milliarde ansteigen. Das US-Analysehaus Bernstein rechnet sogar damit, dass Jio bis 2025 die Hälfe des indischen Marktes mit einer potenziellen Kundschaft von immerhin fast 1,4 Milliarden Menschen kontrollieren könnte. Für Ambani, der mit einem geschätzten Nettovermögen von 80 Milliarden US-Dollar als reichster Mann Asiens gilt, ein renditeträchtiges Geschäft.

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Dass es Jio Platforms in nur vier Jahren zum Marktführer gebracht hat und selbst alteingesessene Konkurrenten wie Vodafone in den Schatten stellt, liegt vor allem an seinen Angeboten. Anfangs warb Jio mit Gratistarifen um neue Kunden. Danach sorgten Kampfpreise für Smartphones und Daten sowie die Möglichkeit, kostenlos zu telefonieren, für stetiges Nutzerwachstum. Durch Jios aggressive Preispolitik sank der Preis eines Gigabytes in Indien von umgerechnet knapp 5 Euro auf nur noch 14 Cent. "Indien wird sich für immer verändern", prophezeite Ambani zum Jio-Markteintritt 2016.

Heute, vier Jahre später, ist Jio längst mehr als ein reiner Telekommunikationsanbieter. Ganz nach Alibabas Devise, in möglichst viele Lebensbereiche der Kunden vorzudringen, hat auch Ambani Jio längst zu einer digitalen Plattform für Handel und Unterhaltung ausgebaut. Mit Jio Mart etwa lassen sich Lebensmittel und Haushaltswaren einfach per Mausklick nach Hause ordern. Jio Saavn verspricht ein Musikerlebnis wie bei Spotify. Jio Cinema ist dem US-Streaming-Pendant Netflix zum Verwechseln ähnlich. Und über Jio Meet können Kunden Videokonferenzen abhalten wie beim amerikanischen Anbieter Zoom.

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Jio wird gerade zum Super-Operator, sagt ein Analyst

Das breite Angebot macht Jio nicht nur zum Marktführer, sondern auch zu einem entscheidenden Treiber der Digitalisierung Indiens. "Jio ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Telekommunikationsbetreiber und Internetgiganten immer stärker annähern", sagte Varun Mishra, Analyst bei Counterpoint Research, Golem.de. Statt lediglich Netzwerke anzubieten, setzten immer mehr Telekommunikationsanbieter auf eigene Lösungen und Produkte. "Jio verwandelt sich gerade in einen Super-Operator."

Dass die Plattform innerhalb kurzer Zeit so erfolgreich wurde, liegt auch an Ambani selbst. Mit 45 Jahren erbte er den Mutterkonzern Reliance Industries, bis dato ein erfolgreiches Textil- und Petrochemie-Unternehmen, das er in wenigen Jahren zu Indiens führendem Konglomerat ausbaute. Mit dem Kauf des Netzwerkoperators IBSL, der auf Mobilfunk spezialisiert ist, stieg er 2010 in den Telekommunikationssektor ein. Um die Branche zu dominieren, baute Ambani wenig später Indiens 4G-Infrastruktur aus. Mehr als eine Milliarde Mobilfunkverträge verzeichnet das Land inzwischen, auch dank Jio. Zum Vergleich: Die Zahl der Festnetzanschlüsse beträgt gerade mal 21 Millionen.

Die Veränderungen, die Ambani angestoßen hat, bergen ein unfassbares Potenzial. Mit 600 Millionen Internetnutzern ist das 1,4-Milliarden-Einwohner-Land einer der aussichtsreichsten Märkte der Welt. Bis zu 435 Milliarden US-Dollar, immerhin zehn Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts, lassen sich hier nach Angaben von McKinsey im Jahr 2025 verdienen.

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