Telekommunikation: Warum US-Tech-Firmen so heiß auf Jio sind
Mukesh Ambani liebt waghalsige Versprechungen. Etwa die, sein Unternehmen Reliance Industries innerhalb von nur anderthalb Jahren von allen Schulden zu befreien. Diese Wette ging Indiens erfolgreichster Industrieller vergangenes Jahr auf der jährlichen Hauptversammlung(öffnet im neuen Fenster) vor Tausenden Investoren ein. Umgerechnet mehr als 20 Milliarden US-Dollar Schulden(öffnet im neuen Fenster) hatten sich zuvor in dem einstigen Energieunternehmen angehäuft.
Mitte Juni dann die große Überraschung. "Reliance ist jetzt schuldenfrei" , verkündete der 63-jährige(öffnet im neuen Fenster) gerade einmal zehn Monate nach seinem Versprechen. Zahlreiche Investoren hatten zuvor frisches Kapital in den indischen Mischkonzern eingebracht, darunter so renommierte Konzerne wie Google und Facebook, der saudische Staatsfonds und der prominente Investor KKR. 20,2 Milliarden US-Dollar haben die insgesamt 13 Kapitalgeber innerhalb von nur acht Wochen investiert(öffnet im neuen Fenster) . Das Geld floss vor allem in den Reliance-Ableger Jio Platforms, Indiens wohl ambitioniertestes Digitalprojekt.
Ambani und seine ausländischen Kapitalgeber hoffen, Jio zu Indiens führendem Telekommunikationsanbieter auszubauen. Ähnlich wie das chinesische Erfolgsunternehmen Alibaba soll die Digitaltochter von Reliance zu Asiens Big Playern aufschließen. 388 Millionen Mobilfunkkunden verzeichnet das Unternehmen(öffnet im neuen Fenster) seit seiner Gründung vor vier Jahren – so viel wie kein anderes Unternehmen im Land. Im Gegensatz zur Konkurrenz, den Mobilfunkanbietern Bharti Airtel, Vodafone Idea und BSNL-MTNL, operiert Jio allerdings weder im 2G- noch im 3G-Netz. Stattdessen setzt Ambani auf leistungsstarke Voice-over-LTE-Technologie und ein FTTH-Netzwerk, um seine Dienstleistungen unterwegs und auch für zu Hause anzubieten.
"Indien wird sich für immer verändern"
Dank einer zusätzlichen 5G-Lösung, die 2021 an den Start gehen soll, könnte der Kundenstamm in den kommenden drei Jahren auf eine halbe Milliarde ansteigen. Das US-Analysehaus Bernstein rechnet sogar damit(öffnet im neuen Fenster) , dass Jio bis 2025 die Hälfe des indischen Marktes mit einer potenziellen Kundschaft von immerhin fast 1,4 Milliarden Menschen kontrollieren könnte. Für Ambani, der mit einem geschätzten Nettovermögen von 80 Milliarden US-Dollar als reichster Mann Asiens gilt(öffnet im neuen Fenster) , ein renditeträchtiges Geschäft.
Dass es Jio Platforms in nur vier Jahren zum Marktführer gebracht hat und selbst alteingesessene Konkurrenten wie Vodafone in den Schatten stellt, liegt vor allem an seinen Angeboten. Anfangs warb Jio mit Gratistarifen um neue Kunden. Danach sorgten Kampfpreise für Smartphones und Daten sowie die Möglichkeit, kostenlos zu telefonieren, für stetiges Nutzerwachstum. Durch Jios aggressive Preispolitik sank der Preis eines Gigabytes in Indien von umgerechnet knapp 5 Euro auf nur noch 14 Cent. "Indien wird sich für immer verändern" , prophezeite Ambani zum Jio-Markteintritt(öffnet im neuen Fenster) 2016.
Heute, vier Jahre später, ist Jio längst mehr als ein reiner Telekommunikationsanbieter. Ganz nach Alibabas Devise, in möglichst viele Lebensbereiche der Kunden vorzudringen, hat auch Ambani Jio längst zu einer digitalen Plattform für Handel und Unterhaltung ausgebaut. Mit Jio Mart etwa lassen sich Lebensmittel und Haushaltswaren einfach per Mausklick nach Hause ordern. Jio Saavn verspricht ein Musikerlebnis wie bei Spotify. Jio Cinema ist dem US-Streaming-Pendant Netflix zum Verwechseln ähnlich. Und über Jio Meet können Kunden Videokonferenzen abhalten wie beim amerikanischen Anbieter Zoom.
Anzeige
AVM FRITZ! Box 7590 WLAN AC+N Router (DSL/VDSL,1.733 MBit/s (5GHz) & 800 MBit/s (2,4 GHz), bis zu 300 MBit/s mit VDSL-Supervectoring 35b, WLAN Mesh, DECT-Basis, Media Server, geeignet für Deutschland)
Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.
Jio wird gerade zum Super-Operator, sagt ein Analyst
Das breite Angebot macht Jio nicht nur zum Marktführer, sondern auch zu einem entscheidenden Treiber der Digitalisierung Indiens. "Jio ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Telekommunikationsbetreiber und Internetgiganten immer stärker annähern" , sagte Varun Mishra, Analyst bei Counterpoint Research, Golem.de. Statt lediglich Netzwerke anzubieten, setzten immer mehr Telekommunikationsanbieter auf eigene Lösungen und Produkte. "Jio verwandelt sich gerade in einen Super-Operator."
Dass die Plattform innerhalb kurzer Zeit so erfolgreich wurde, liegt auch an Ambani selbst. Mit 45 Jahren erbte er den Mutterkonzern Reliance Industries, bis dato ein erfolgreiches Textil- und Petrochemie-Unternehmen, das er in wenigen Jahren zu Indiens führendem Konglomerat ausbaute. Mit dem Kauf des Netzwerkoperators IBSL, der auf Mobilfunk spezialisiert ist, stieg er 2010 in den Telekommunikationssektor ein. Um die Branche zu dominieren, baute Ambani wenig später Indiens 4G-Infrastruktur aus(öffnet im neuen Fenster) . Mehr als eine Milliarde Mobilfunkverträge verzeichnet das Land inzwischen, auch dank Jio. Zum Vergleich: Die Zahl der Festnetzanschlüsse(öffnet im neuen Fenster) beträgt gerade mal 21 Millionen.
Die Veränderungen, die Ambani angestoßen hat, bergen ein unfassbares Potenzial. Mit 600 Millionen Internetnutzern ist das 1,4-Milliarden-Einwohner-Land einer der aussichtsreichsten Märkte der Welt. Bis zu 435 Milliarden US-Dollar, immerhin zehn Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts, lassen sich hier nach Angaben von McKinsey(öffnet im neuen Fenster) im Jahr 2025 verdienen.
Das Silicon Valley hat große Pläne in Indien
Nicht nur für Ambani ist Indien ein wichtiger Wachstumsmarkt. Längst hat die Tech-Elite in den USA das Potenzial des asiatischen Subkontinents entdeckt. Schon seit Jahren versuchen Firmen wie Google und Facebook von der Milliardenbevölkerung zu profitieren. Der Markteintritt dort gestaltet sich allerdings schwieriger als anderswo. Wegen der zunehmenden Härte der Regulierungsbehörden ist etwa Facebook immer wieder mit seinem kostenlosen Internetzugang Free Basics in Indien gescheitert. Mit der neuen Allianz und dem Investment von 5,7 Milliarden Dollar(öffnet im neuen Fenster) in Jio erhofft sich das US-Unternehmen endlich Fortschritte.
Für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, dessen Plattform in Indien rund 250 Millionen Nutzer zählt, ist der Einstieg bei Jio mit vielen Hoffnungen verbunden. So will er Facebooks Messengerdienst Whatsapp endlich monetarisieren. Über eine Zusammenarbeit mit Jio Mart will der 36-jährige auch ins indische E-Commerce-Geschäft einsteigen(öffnet im neuen Fenster) . Jio und Facebook machen damit den US-Konzernen Walmart und Amazon Konkurrenz, die sich bisher den Großteil des indischen Onlinehandels aufteilen. Auch über eine Super-App nach dem chinesischen Vorbild Wechat wird spekuliert.
Google wiederum erhofft sich vor allem Profite vom Mobilfunkmarkt, immerhin der zweitgrößte der Welt. Gerade einmal 40 Prozent aller Inder nutzen bislang ein Mobiltelefon. Versuche, ein Handy im Alleingang auf den Markt zu bringen, scheiterten allerdings immer wieder. Die Investition von 4,5 Milliarden US-Dollar in Jio soll dabei helfen, kostengünstige 4G- und 5G-Smartphones zu entwickeln. Auch das Betriebssystem Android soll so weitere Verbreitung finden.
Jios strategische Partner sollen Schwächen ausbügeln
Die Allianz könnte Jios Konkurrenz massiv unter Druck setzen. Mit dem Google-Investment verfolgt Ambani einen kühnen Plan. Geht es nach ihm, soll Indiens 2G-Netz bald komplett abgeschaltet werden(öffnet im neuen Fenster) . 350 Millionen Inder nutzen noch immer Geräte der alten Schule mit Ziffernblöcken und Basisbildschirmen. Sie alle sollen in Zukunft kostengünstige Alternativen von Google nutzen. Für Jios Konkurrenz wäre das ein deutlicher Dämpfer. Bharti Airtel, Vodafone und BSNL-MTNL, die zusammen immerhin zwei Drittel des Marktes behaupten(öffnet im neuen Fenster) , sind noch immer überwiegend im 2G-Netz aktiv.
Für Jio wiederum kämen die Investitionen ausländischer Geldgeber gerade recht, sagt Counterpoint-Analyst Neil Shah. Die Entwicklung der Plattform sei zuletzt deutlich ins Stocken geraten. "Die strategischen Partnerschaften werden Jio helfen, die Bereiche Handel, Kommunikation und Cloud auszubauen." Dort habe es dem Betreiber in der Vergangenheit an Können, Reichweite und Akzeptanz gemangelt. Dank frischem Kapital und externem Know-how sei Jio nun fähig, langfristig den Massenmarkt zu erobern. "Kein anderer Betreiber weltweit verspricht, das zu bauen, anzubieten und zu kontrollieren, wozu Jio in der Lage ist."
Dass Ambani dabei vor allem auf Geld aus dem Silicon Valley setzt, hat auch politische Gründe. Seit Jahren pflegt der Großindustrielle enge Beziehungen zu Indiens Staatsführung. Seine Verbindungen zu Indiens Premierminister Narendra Modi etwa sollen geholfen haben(öffnet im neuen Fenster) , den Markteintritt von Jio zu beschleunigen. Beide teilen den Wunsch, Indien schnellstmöglich zu digitalisieren.
Dem Technologieriesen China will man dabei nicht den Vortritt lassen. Zu groß sind die Konflikte zwischen den Ländern. Erst kürzlich verbot die indische Regierung mehr als 100 chinesische Apps(öffnet im neuen Fenster) , darunter solche, die Verbindungen zur chinesischen Plattform Alibaba aufweisen.
Anzeige
AVM FRITZ! Box 7590 WLAN AC+N Router (DSL/VDSL,1.733 MBit/s (5GHz) & 800 MBit/s (2,4 GHz), bis zu 300 MBit/s mit VDSL-Supervectoring 35b, WLAN Mesh, DECT-Basis, Media Server, geeignet für Deutschland)
Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.
Schon 40 Milliarden von US-Firmen in diesem Jahr
Auch Direktinvestitionen aus China, die bislang überwiegend genehmigt wurden, stehen stärker unter Beobachtung. Kapital aus den USA hingegen wird gerne genommen: 40 Milliarden Dollar sollen US-Firmen nach Angaben der amerikanisch-indischen Organisation USISPF(öffnet im neuen Fenster) in diesem Jahr bereits in Indien investiert haben.
Dass mehr als die Hälfte davon in ein einziges Unternehmen – nämlich in Jio – geflossen ist, zeigt, mit welchen Hoffnungen die Investitionen verbunden sind. Counterpoint-Research-Analyst Mishra warnt allerdings vor übermäßiger Euphorie. Das Unternehmen stehe zwar auf soliden Füßen und sei aggressiv in viele Bereiche vorgestoßen. "Es wird allerdings eine enorme Herausforderung sein, die jeweiligen Marktführer wie Amazon, Netflix oder die Lern-App BYJU vom Thron zu stoßen."
Bis Jio Platforms wirklich in allen Kategorien Cashflow generiere, sei es noch ein langer Weg. Trotzdem sei klar: "Verglichen mit allen anderen Playern im Markt hat Jio langfristig die besten Chancen, um maximal von Indiens Digitalisierung zu profitieren."
- Anzeige Hier geht es zur AVM FRITZ! Box 7590 bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.