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Telefoneinwahl: Als das Internet noch ein Abenteuer war

Kinder, stellt euch vor: Das Internet war früher nicht einfach so da! Wir gehen auf eine Zeitreise in die Ära fiepender Modems.
/ Johannes Hiltscher
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Passt zum Jahrtausendwechsel: Ein 56k-Modem mit buntem, transparentem Gehäuse. (Bild: Wassily, Wikimedia Commons)
Passt zum Jahrtausendwechsel: Ein 56k-Modem mit buntem, transparentem Gehäuse. Bild: Wassily, Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

Heute fühle ich mich alt. Verdammt alt. Dieser Artikel ist ein Opa-erzählt-vom-Krieg-Moment, und ich bin jetzt der Opa. Denn ich kenne noch die Zeit, als man über sogenannte Einwahlverbindungen ins Internet ging. In den USA hat AOL diese nun endgültig abgeschaltet , was uns in der morgendlichen Redaktionskonferenz zu einer kurzen Reflexion über unsere frühen Interneterfahrungen anregte. Und dabei fiel uns wieder ein, wie aufwendig Internet früher war, während es heute einfach da ist.

Überhaupt erst einmal ins Internet zu kommen, war eine Herausforderung: Man musste die passenden Einstellungen bei Windows kennen und dann noch wissen, welche Nummer man anwählen musste. Denn Internet kaufte man nicht als eigene Option, es war eine Funktion des normalen Telefon- und später ISDN-Netzes. Beim Analognetz funktionierte zudem nur Internet oder Telefon, bei ISDN dank zweier Leitungen beides gleichzeitig. Es sei denn, man gönnte sich den Luxus der Kanalbündelung mit doppelten Kosten.

"Ich bin drin!"

Anbieter wie AOL waren so beliebt, weil sie Einwahlprogramme lieferten, die den Einwahlprozess erledigten. Nicht nur Boris Becker war begeistert(öffnet im neuen Fenster) ! Die CDs damit lagen damals Zeitschriften bei oder in Supermärkten aus. Der Nachteil: Diese Anbieter waren selten die günstigsten, auch wenn es 100 Stunden Internet gratis gab.

Internetverbindungen wurden damals nach Dauer abgerechnet und kosteten mehrere Pfennige (später Cent) pro Minute. Es gab eine Reihe von Anbietern mit unterschiedlichen Preisen, die auch noch nach Tageszeit variierten. Und dann musste man noch die Taktung der Abrechnung beachten! Einige Anbieter rechneten auf zehn Sekunden genau ab, andere auf die Minute. Mein Kollege Mike Faust hatte damals eine Liste mit Einwahlnummern auf dem Schreibtisch, auch manche Tageszeitungen veröffentlichten sie.

Der Smartsurfer rettet den Geldbeutel

Die Revolution war dann der Smartsurfer von Web.de(öffnet im neuen Fenster) , damals der Gigant der deutschen Internetbranche: ein Programm, das eine umfangreiche Datenbank mit Einwahlnummern pflegte und stets die günstigste wählte. Die funktionierte allerdings in den seltensten Fällen, da die günstigsten Nummern eigentlich nie erreichbar waren – zu viele Verbindungen.

Jede Minute kostet Geld

Eine weitere Superkraft war die automatische Verbindungstrennung bei Inaktivität – schließlich kostete jede Minute Geld. Gelegentlich wurden Einwahlverbindungen aber auch ungewollt unterbrochen, was insbesondere bei großen Downloads (für ein MByte brauchte selbst ISDN über zwei Minuten) ärgerlich war.

Auch damals musste man sich übrigens bereits vor Scammern in Acht nehmen: die betrieben 0190-Nummern, über die die Einwahl ins Internet mehrere D-Mark (später Euro) pro Minute kosten konnte. Direkt wählte sie kaum jemand, meist installierte man sich unbeabsichtigt einen Dialer, der unbemerkt einen solchen Mehrwertdienst(öffnet im neuen Fenster) anwählte. Das war gewissermaßen der Verschlüsselungstrojaner der Jahrtausendwende. Die böse Überraschung kam dann mit der nächsten Telefonrechnung.

Rugpulls sind ebenfalls keine Erfindung krimineller Krypto-Bros: Teils kam es vor, dass Anbieter mit günstigen Minutenpreisen starteten und diese dann nach einigen Wochen oder Monaten drastisch erhöhten – was die Kunden auch oft erst mit der nächsten Telefonrechnung bemerkten.

Ein Verlust von Stilblüten der Internetkultur

Eine Kuriosität des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts scheint hingegen unbemerkt das Zeitliche gesegnet zu haben: die Internetadressbücher. Um die Jahrtausendwende gab es sie im Dutzend, das Web-Adress-Buch für Deutschland(öffnet im neuen Fenster) wurde allerdings 2019 zum letzten Mal aufgelegt. Golem.de steht auch drin! Die Homepage wird allerdings weiter mit den besten Surftipps gepflegt.

Die Telefoneinwahl hielt noch ein paar Jahre länger durch. In Deutschland stellte 2023 der letzte Anbieter den Betrieb ein(öffnet im neuen Fenster) . DSL, Internetzugänge über das Koaxialnetz des Kabelfernsehens sowie zunehmend Glasfaser hatten Telefon und ISDN als Medium abgelöst. Seit Jahren waren zudem Flatrates mit festen monatlichen Kosten anstelle von Minutenpreisen etabliert. Internet war keine Zusatzfunktion des Telefons mehr, sondern ein eigener Dienst, über den dann auch telefoniert wurde und bekanntermaßen heute noch telefoniert wird.

Diese kurze Reflexion zeigt mir: Auch wenn einige Aspekte des Internets heute nerven – besser war es früher keinesfalls. Aber hatte ich übrigens erwähnt, dass der Schnee früher soooo hoch war?


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