Telefahrdienst Vay ausprobiert: Carsharing de luxe macht sich für Deutschland bereit
Wenn es in Zeiten von EU-Digitalkommissar Günther Oettinger und Bundeskanzlerin Angela Merkel um das schnelle Internet und den Mobilfunkstandard 5G ging, musste meist das autonome Fahren als Paradebeispiel herhalten . Nun werden die Visionen von damals Realität. Auf dem Gelände des früheren Flughafens Berlin-Tegel haben wir uns fahrerlos über einen Testparcours chauffieren lassen und mit Vay-Chef Thomas von der Ohe über die Pläne des Telefahranbieters gesprochen.
Vor drei Jahren haben wir uns schon einmal von einem Vay-Fahrzeug durch Berlin fahren lassen . Seit Ende 2022 darf das Unternehmen sogar ohne seine Sicherheitsfahrer in Hamburg unterwegs sein . In Las Vegas startete der Carsharing-Dienst im Januar 2024 . Nun könnte bald Deutschland folgen.
Neue Fernlenk-Verordnung tritt in Kraft
Möglich macht das eine neue gesetzliche Regelung , die zum 1. Dezember 2025 in Kraft treten soll. Die Straßenverkehr-Fernlenk-Verordnung (StVFernLV) regelt die Zulassung und Nutzung ferngesteuerter Autos auf deutschen Straßen. Vay-CEO von der Ohe hat schon erste Einsatzorte im Blick. "Wir haben hier mit Berlin und Hamburg zwei Städte, die wir sehr gut kennen" , sagte er im Gespräch mit Golem.
Inzwischen kann Vay von den Erfahrungen in Las Vegas profitieren. Dort startete der Dienst zunächst mit 20 Fahrzeugen. "Da gehen wir jetzt auf 100 hoch und dann noch mehr im nächsten Jahr" , sagte von der Ohe. So ähnlich könne man auch in Berlin oder Hamburg vorgehen.

Nur wenige Telefahrer erforderlich
Für einen solchen Dienst wären anfänglich nur wenige Telefahrer erforderlich. Laut von der Ohe liegt das Verhältnis zwischen Telefahrern und Fahrzeugen bei 1 zu 10 oder 1 zu 15. Dadurch sei es möglich, den Dienst günstiger als Robotaxi-Unternehmen wie Waymo oder als Mitfahrdienste wie Uber oder Lyft anzubieten.
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen sind die Telefahrzeuge von Vay nicht mit teuren Laserscannern ausgerüstet. Das reduziert die Kosten im Vergleich zu den aufwendig ausgestatteten Waymo-Autos. Zudem nutzt Vay einen umgebauten elektrischen Kia Niro. Er verfügt lediglich über zusätzliche Kameras und eine optimierte Mobilfunkverbindung. Und natürlich über entsprechende Aktuatoren für Bremse, Fahrpedal und Lenkrad. Vay muss darüber hinaus nicht hunderte Entwickler beschäftigen, die autonome Fahrsoftware programmieren und KI-Modelle für etliche Millionen US-Dollar trainieren.
Zum anderen ist Vay nur ein Carsharing-Dienst. Der Kunde fährt selbst, so dass die Telefahrer nur die Fahrten zwischen den Nutzern übernehmen müssen.
Jede Minute kostet 35 Cent in Las Vegas
Pro gefahrener Minute verlangt Vay in Las Vegas 35 Cent. Bei einem Zwischenhalt kostet die Minute nur 5 Cent. Zum Vergleich: Laut Business Insider(öffnet im neuen Fenster) kostete eine zwölfminütige Fahrt mit einem Waymo in San Francisco in der vergangenen Woche 16 US-Dollar. UberX hätte 13 US-Dollar gekostet, der normale Lyft-Tarif lag bei 12 US-Dollar. Eine zwölfminütige Fahrt mit Vay wäre mit 4,20 US-Dollar deutlich günstiger.
Wie teuer der Dienst in Deutschland wird, steht laut von der Ohe noch nicht fest. Orientieren dürfte sich das Unternehmen dabei an den Preisen für Carsharing, die in Berlin beim Anbieter Freemove je nach Fahrzeug zwischen 17 und 30 Cent pro Minute liegen.
Weniger Parkgebühren durch höhere Auslastung
Doch Vay hat in Berlin einen Vorteil, da die Parkgebühren recht hoch sind. So wird der Anbieter Miles verdächtigt, durch eine Manipulation des Handyparksystems Millionen Euro an Parkgebühren eingespart zu haben. "Ein Carsharing-Auto hat drei, vier, fünf Fahrten am Tag. Wir können ja ein Vielfaches davon haben. Dadurch ist die Auslastung der Fahrzeuge höher. Kosten wie Parken sind um einiges geringer" , sagt von der Ohe.
Kunden dürfen daher davon ausgehen, dass Vay am Anfang "ein bisschen teurer" als das normale Carsharing sein wird. "Unser langfristiges Ziel besteht aber ganz klar darin, den Dienst zu einem ähnlichen Preis anzubieten wie bei einem privaten Pkw, der im urbanen Umfeld genutzt wird" , so der CEO. Vay solle als dasjenige Unternehmen in Erinnerung bleiben, das den privaten Pkw abgeschafft oder dafür eine richtige Alternative in Metropolregionen entwickelt habe.
Vay nutzt bislang nur 4G
Damit der Plan aufgeht, müssen vor allem die technischen Voraussetzungen stimmen. Vay will weiterhin nicht die erforderliche Datenrate nennen, die für die Übertragung der sechs Kamerabilder und Fahrzeugdaten erforderlich ist. "Datenraten machen wir nicht offiziell, weil das natürlich etwas ist, das sich immer stark verringert, weil wir technologisch sehr viele Fortschritte machen" , sagte von der Ohe.
Auskunftsfreudiger ist das Unternehmen beim Thema Mobilfunk. "Wir nutzen 4G, also redundante 4G-Netzwerke." In den USA gebe es zudem schon Teletrucker, die von Las Vegas aus Lkw steuerten. Dabei erfolge die Mobilfunkverbindung auch über zwei Starlink-Satelliten, da die Lkw häufig im suburbanen Raum oder in sehr abgelegenen Gebieten ohne 4G unterwegs seien.
Allerdings bietet 5G durchaus Vorteile.
Bessere Latenzen dank L4S und Network Slicing
So testet Vay inzwischen das neue L4S-Protokoll(öffnet im neuen Fenster) , das die Latenzen stark senken soll. Dieses Protokoll könne Service-Level-Agreements (SLA) einhalten, um sicherzustellen, dass bestimmte Latenzen nicht überschritten werden. Dabei gebe es eine schnelle Rückmeldung zum Auto, damit die Bitrate im Falle einer zu hohen Latenz angepasst werden könne. Der Deutschen Telekom zufolge(öffnet im neuen Fenster) zeigt L4S "seine volle Leistungsfähigkeit im Zusammenspiel mit 5G Network Slicing" .
Für Vay hat diese Technik den Vorteil, dass die Bitraten potenziell stark verringert werden können. "Dadurch, dass wir eben diese SLAs haben, brauchen wir vielleicht nicht mehr ganze vier, sondern vielleicht nur drei oder nur zwei Provider. Und es ermöglicht eben auch, in Bereichen zu fahren, die derzeit keine ausreichende Abdeckung haben" , sagte von der Ohe und fügte hinzu: "Das sind alles Entwicklungen, die uns sehr helfen, aber es ist jetzt nicht etwas, was wir absolut brauchen."
Bis zu 200 ms zulässig
Auf der Testfahrt vor drei Jahren kam es noch zu einem Abbruch der Mobilfunkverbindung – ein Szenario, das Vay unter allen Umständen vermeiden möchte. "Wir haben seit knapp sieben Jahren mit sehr großem Funding und wirklich einem fantastischen Team genau an dieser Technologie gearbeitet. Dass wir eben sicherstellen, dass idealerweise nie die Netzwerkverbindung abbricht" , sagte von der Ohe.
Der neuen Verordnung zufolge ist die Datenübertragung "mit einem Fokus auf niedrige Latenzzeiten, hohe Verfügbarkeit, hohe Zuverlässigkeit, hohe Robustheit und niedrige Fehlerraten auszulegen" . Laut den technischen Anforderungen an das Gesamtsystem ist eine Latenzzeit von 200 Millisekunden (ms) zwischen "der Aufnahme des Bildes bis zur vollständigen Darstellung auf dem Ausgabebildschirm des Leitstands" (Glas-zu-Glas-Latenz) und der Übertragung des Steuerbefehls zum Auto (Steuerbefehl-Latenz) zulässig.
Laut von der Ohe wurde dieses Thema ausgiebig in der Diskussion über die Verordnung verhandelt. Die 200 Millisekunden sieht er unkritisch: "Das ist viel kürzer als ein Augenblinzeln, das man rund 15 Mal in der Minute macht. Wir dachten auch, als wir gestartet sind, wir müssen die Latenz runterbringen und alles ist Latenz, Latenz, Latenz."
Nothalt bei Verbindungsabbruch
Problematisch seien eher viel längere Latenzen, wenn ein Fahrer beispielsweise auf sein Handy schaue oder sich dem Beifahrer zuwende. Das könne ein, zwei Sekunden dauern. "Wichtig ist, dass wir innerhalb dieser Latenzen mögliche Notfallmanöver durchführen können, dass man schnell ausweichen kann, dass man immer noch zum sicheren Stopp kommen kann, auch wenn das Auto vor einem eine Vollbremsung macht" , sagte von der Ohe.
Wobei in solchen Fällen auch die vorhandenen Assistenzsysteme wie Notbremsassistenten zum Einsatz kommen würden. Erkennt das Auto einen Abbruch der Netzverbindung, muss es der Verordnung zufolge "in der Lage sein, selbstständig und ohne andere Verkehrsteilnehmende zu gefährden, einen risikominimalen Zustand zu erreichen" . Das bedeutet in der Regel, dass das Auto mit Warnblinker auf seiner Fahrspur zum Stillstand kommt.
Keine Alkoholkontrolle vor Fahrtantritt in den USA
Der Vay-CEO zeigt jedoch nicht für alle Auflagen der deutschen Verordnung Verständnis. Das gilt beispielsweise für die Alkoholkontrolle der Telefahrer vor Dienstbeginn. Das sei weder in den USA noch bei Taxifahrern vorgeschrieben. "Das ist jetzt halt in der Verordnung drin und ist technisch machbar" , sagte von der Ohe. Seiner Einschätzung nach setzt Vay schon 95 Prozent der Vorgaben um.
Sollte das ferngelenkte Fahren in Deutschland an den Start gehen, wäre das für Vay nur ein erster Schritt in die Zukunft der Mobilität.
Hybride Fernlenkmodelle in der Zukunft
Denn es ist davon auszugehen, dass künftig auf den Straßen viele private Fahrzeuge unterwegs sein werden, die über eine ausreichende Sensorausstattung und Rechenleistung verfügen, um hochautomatisiert unterwegs zu sein.
Für von der Ohe sind beispielsweise hybride Systeme eine Option: "Bestimmte Dinge werden dann über den Computer gesteuert, zum Beispiel geradeaus fahren, wo es einfacher ist für den Computer. Und sobald dann der Computer nicht mehr weiterweiß, kommt ein Telefahrer und löst diese Situation dann für den Computer. Das ist unser Ansatz, wie wir nach und nach Autonomie in unsere Fahrzeuge bringen."
Ein Level-3-System plus Fernsteuerung entspräche dann einem passiven Level-4-System. Das bedeutet, dass das Auto hochautomatisiert durch die Stadt fährt und der Telefahrer die Steuerung übernimmt, wenn Systemgrenzen erreicht werden sollten. Der Kunde könnte dann während der Fahrt sogar schlafen.
Fernsteuerung als zubuchbare Option
Ein erster Schritt soll jedoch darin bestehen, dass bestimmte Streckenabschnitte von den Vay-Fahrzeugen selbstständig gefahren werden. Die Auf- und Abfahrten würde dann der Telefahrer übernehmen. Langfristig schwebt von der Ohe vor, dass man die Fernsteuerung auch bei seinem Privat-Pkw als Option hinzubuchen kann.
Vor gut einem Jahr startete Vay einen B2B-Service(öffnet im neuen Fenster) , so dass Fahrzeughersteller die Technik in ihre Flotten integrieren können. Anfang 2024 hatte das Unternehmen eine Kooperation mit Peugeot angekündigt, um den E-3008 für Anwendungsfälle in der Autovermietung auszurüsten.
Für die Geschäftspläne sieht sich Vay noch ausreichend finanziert, obwohl das Start-up mit seinem Angebot noch Verluste schreibt. "Wir haben jetzt über 100 Millionen Euro an Wagniskapital und anderen Finanzierungen eingesammelt und sind weiterhin sehr gut finanziert" , sagte von der Ohe und fügte hinzu: "Wir haben jetzt ein Team, das knapp 150 Personen umfasst, und einen Großteil davon Entwickler hier in Europa." Angesichts der vielen Milliarden US-Dollar, die Firmen weltweit in KI-Systeme stecken, erscheint die Summe ziemlich gering.
Offizieller Antrag erst im Dezember möglich
Neben Vay ist auch der estnische Anbieter Elmo in Deutschland aktiv . Firmen wie BMW und Valeo arbeiten an einem Service, bei dem Autos aus der Ferne auf einem Parkplatz manövriert werden .
Nach Auskunft des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) wird es prinzipiell erst nach dem 1. Dezember 2025 möglich sein, formal einen Antrag auf die Zulassung eines Telefahrdienstes zu stellen. "Vorgespräche zu etwaigen Antragstellungen können allerdings schon vorab zwischen Antragsteller und KBA geführt werden" , teilte die Flensburger Behörde auf Anfrage von Golem mit. Wie lange ein solches Zulassungsverfahren dauere, lasse sich derzeit nicht seriös abschätzen, "da es sich um ein neues Antragsverfahren handelt" .
Die Berliner Senatsverwaltung für Verkehr steht dem ferngelenkten Fahren zumindest offen gegenüber. "Gespräche, um die erforderliche Genehmigung des KBA zu beantragen, haben bisher nicht stattgefunden" , teilte ein Pressesprecher auf Anfrage mit. Bis die Vay-Autos bei Frau Merkels Wohnung am Pergamonmusuem vorfahren, dürfte es daher noch eine Zeitlang dauern.
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