Techniktagebuch auf Tumblr: "Das Scheitern ist viel interessanter"

Wie war das noch mit dem ersten C64 in der Schule(öffnet im neuen Fenster) ? Wie schwierig war es früher, mit einem Akustikkoppler ins Internet zu kommen(öffnet im neuen Fenster) ? Wie viele D-Mark hat man für ein selbst geschriebenes Amiga-Programm bekommen(öffnet im neuen Fenster) ? Was vor 20, 30 Jahren gewöhnlich gewesen sein mag, dürfte inzwischen viele Leser interessieren. Damit solche Alltagserfahrungen mit Technik nicht in Vergessenheit geraten, hat die Journalistin und Schriftstellerin Kathrin Passig(öffnet im neuen Fenster) im Februar 2014 das Techniktagebuch(öffnet im neuen Fenster) auf Tumblr ins Leben gerufen. Mehr als 20 Autoren(öffnet im neuen Fenster) (Sascha Lobo und Julia Schramm sind nicht darunter) haben seitdem einige hundert Beiträge geschrieben.
Um es vorwegzunehmen: Das Tagebuch ist nicht unbedingt eines von Nerds für Nerds. Es geht weniger um aufgebohrte Grafikkarten oder ausgefallene Basteleien mit einem Raspberrry Pi . Im Mittelpunkt steht der alltägliche Kampf mit den Tücken der Technik, mit der piepsenden Spülmaschine ebenso wie mit dem gestörten Handyempfang. Für Passig ist das Tagebuch keine journalistische oder literarische Technikkritik: "Eigentlich ist es dokumentarisch. Es soll um Alltagstechnik gehen, um nicht zu verstiegene Sachen, die nur zwei Leser verstehen."
Kampf gegen das Vergessen
In erster Linie ist das Blog ein Kampf gegen das Vergessen. "Zum einen vergesse ich, was ich wie gemacht habe, zum anderen vergisst man noch gründlicher und zuverlässiger, warum man die Sachen so gemacht hat" , sagte Passig. Sie sei selbst überrascht gewesen, als sie sich alte Chat-Logfiles angeschaut habe, um die Anfangszeiten des Neuen zu sehen. Mit welcher Begründung man erklärt habe, nun bei Facebook zu sein(öffnet im neuen Fenster) oder was an Twitter toll ist(öffnet im neuen Fenster) . In der Erinnerung sehe das völlig anders aus als in den Chat-Logfiles dieser Zeit.
Um solche vergangenen Erfahrungen zu beschreiben, macht das Techniktagebuch ausgiebig von der Möglichkeit Gebrauch, Artikel zurückdatieren zu können. Der derzeit erste Beitrag ist auf den 24. Februar 1974 datiert. Darin beschreibt Jochen Schmidt, wie er bei der Suche nach Süßigkeiten im Nachttisch seines Vaters einen Kopfkissenlautsprecher entdeckte(öffnet im neuen Fenster) . "Eine recht flache, linsenförmige Plastik-Sache, die man unter das Kopfkissen legt, um beim Einschlafen Musik zu hören, ohne den Partner zu stören." Seitdem hat sich die Technik nicht unwesentlich verändert. Es folgten für die Autoren die ersten Erfahrungen mit dem Walkman (in Ost(öffnet im neuen Fenster) und West(öffnet im neuen Fenster) ), Computern, die ersten Schritte ins Netz und schließlich die ständige Erreichbarkeit mit Handys und Smartphones. Die neuesten Beiträge werden jeweils auf Twitter angekündigt(öffnet im neuen Fenster) .
Technikkompetenz nicht das Wichtigste
Da wohl jeder in seinem Leben schon etwas Schräges oder Skurriles mit Technik erlebt hat, hat Passig bislang keine Probleme, Beiträge für das Blog zu erhalten. Allerdings geht es darin nicht nur um witzige Anekdoten oder das reine Lesevergnügen: "Ich finde es schön, wenn die Beiträge eine gewisse Unterhaltsamkeit haben" , sagt Passig, "aber es gibt auch eine ganze Menge interessante Veränderungen im Technikalltag, die pointenlos sind. Genau die will ich da eigentlich drin haben." So hätten sich diverse Leser beklagt, dass ein Beitrag über Flugbuchung zwischen Zürich und Berlin(öffnet im neuen Fenster) so lang und pointenlos sei. Passig findet diesen Text jedoch "extrem interessant, weil das genau die Sachen sind, die später am schwersten zu rekonstruieren sind. Schon im Abstand von ein oder zwei Jahren, geschweige denn in zehn Jahren." So etwas wolle sie im Techniktagebuch festhalten, auch wenn es komplett unanekdotisch sei.
Neben der pointenlosen Dokumentation sieht Passig noch drei weitere stilistische Stränge im Techniktagebuch. Zum einen den Rant, wenn sich jemand rumpelstilzchenartig darüber empöre, dass etwas nicht funktioniere. Daneben gebe es noch die rein anekdotischen Technikerlebnisse sowie nostalgische Beiträge(öffnet im neuen Fenster) .
Dabei ist es kein Zufall, dass die Autoren nicht auf jedem Technikgebiet kompetent wirken. "Es ist viel interessanter, über das Scheitern und das nicht Funktionierende zu schreiben" , sagt Passig. Dadurch entstehe natürlich manchmal der Eindruck, dass die Autoren keine Ahnung hätten. Das treffe aber nicht zu, wofür auch Autoren wie der IT-Experte Volker König und die Softwareentwicklerin Anne Schüssler stünden. Allerdings verfüge auch sie selbst eher über "Inselkompetenzen" , sagt Passig. "Ich bringe nur für relativ enge Bereiche von Technik die Motivation auf, das zu verstehen. Von ganz vielen anderen habe ich wirklich keine Ahnung und ich bin mir ziemlich sicher, dass das bei allen so ist."
Lebensdauer ungewiss
Für wenig Technikkompetenz scheint auch die Tatsache zu sprechen, solch ein Tagebuch auf Tumblr zu starten. Die Suchfunktion ist notorisch schlecht und wird daher über Google umgeleitet. Die Beträge sind nur mit dem jeweiligen Datum überschrieben und nicht verschlagwortet, was die Übersichtlichkeit nicht erhöht. Passig will sich aber inzwischen mit dem minimalistischen Konzept angefreundet haben, was auch den Verzicht auf die Kommentarfunktion betrifft. Zu einem seien die meisten Kommentare vorhersehbar nach dem Motto ( "Ihr Doofies, Ihr macht das nur nicht richtig …" ), zum anderen könnten die Lektüre und Moderation der Kommentare den Spaß an dem Blog sehr schnell zerstören. Schließlich ließen sich mit dem Blog bislang keine Einnahmen generieren. Nicht einmal die Zugriffszahlen sind bekannt.
Sollte dieser Spaß aus anderen Gründen bald ausbleiben, könnte das Tagebuch dasselbe Schicksal ereilen wie viele andere Blogs. "Wir müssten irgendetwas viel richtiger machen als üblich, damit das nicht passiert" , räumt Passig ein. Die realistische Variante sei eher: "Es schläft in ungefähr drei bis fünf Jahren wieder ein." Derzeit muss sich Passig darüber noch keine Sorgen machen, im Gegenteil. Problematisch findet sie eher die "Demografiebeule" , den Überhang an männlichen Autoren zwischen 30 und 55 Jahren. "Ich hätte sehr gerne mehr Autoren außerhalb dieser Beule" , sagt Passig. Technikkenntnisse seien eher zweitrangig. Der ideale Autor sei jemand, der einigermaßen unterhaltsam oder wenigstens nachvollziehbar über das schreiben könne, was da passiere, sagt Passig.
Wenn die Arbeit am Blog so weitergeht, könnte aus dem Techniktagebuch ein umfassendes Kompendium der Technikentwicklung werden. Schon jetzt macht es viel Vergnügen, in den Beiträgen zu schmökern. "Wenn ich dasselbe jetzt schon vor 20 Jahren gemacht hätte, würde mich das noch viel mehr interessieren" , sagt Passig. Das gilt auch für die Tatsache, ob es in 20 Jahren das Blog und Tumblr noch gibt.