Technikpionier: Jim Marshall ist tot

Es gibt wenige Unternehmen, die ihre Produkte auf der Vorderseite mit dem Autogramm des Firmengründers versehen – bei vielen Marshall-Verstärkern ist das seit Jahren so. Vielleicht nur noch mit Mercedes-Benz vergleichbar, steht der Name von Jim Marshall nicht nur für eine bestimmte Produktkategorie, sondern für eine klare Erwartungshaltung an die Geräte.
Ein Marshall-Verstärker klingt wie ein Marshall-Verstärker – auch wenn sich das Handwerkszeug von Musikern in den genau 50 Jahren, seit Jim Marshall seine ersten Geräte verkaufte, stark verändert hat. Marshall, eigentlich Sänger und Schlagzeuger, betrieb ab 1960 ein Geschäft für Musikinstrumente in London.
Da er zuvor auch als Ingenieur für Elektrotechnik gearbeitet und für den Eigenbedarf Verstärker gebaut hatte, entwickelte Jim Marshall für den Vertrieb in seinem Laden auf Anfrage auch Verstärker für elektrische Gitarren und Bässe. Da es damals keinerlei Normen für die Elektrik der Instrumente gab, hatten die ersten Marshall-Amps 1962 zwei Eingänge, "Hi" und "Low" mit unterschiedlicher Eingangsempfindlichkeit.
Die Verwechslung, mit der alles begann
Das führte zu einer dieser klassischen Fehlbedienungen, aus der beim Umgang mit Musikinstrumenten oft neue Sounds geboren werden: Wenn eine vergleichsweise "leise" Gitarre nicht an den Eingang "Hi", sondern "Low" angeschlossen wurde, verzerrte der Verstärker den Klang schon bei relativ geringen Lautstärken. Dieser raue Sound war genau das Richtige für die Rockmusik der frühen 1960er Jahre, Musiker wie Pete Townshend von "The Who" zählten schnell zu Jim Marshalls Kunden.
Um den typischen Marshall-Sound zu erhalten, mussten die Gitarristen die Verstärker aber bis in die Mitte der 1970er Jahre trotzdem extrem laut spielen, denn: Die Geräte hatten keine getrennten Lautstärkeregler für die Vor- und Endstufe. Um die Röhren(öffnet im neuen Fenster) beider Teile eines Verstärkers(öffnet im neuen Fenster) zum gewünschten Klang zu treiben, blieb nur die Erhöhung der Lautstärke. Das brachte Jim Marshall den Titel "Father of Loud" ein.
Während Musikern und Ingenieuren in den 1960er und 1970er Jahren klar war, wie ein für Rockmusik gebauter Gitarrenverstärker zu klingen hatte, war es der Legende nach erst das Wunderkind Eddie Van Halen, das Jim Marshall den entscheidenden Tipp zur Weiterentwicklung gab. Van Halen, der seit Beginn seiner Karriere Ende der 1970er Jahre an Gitarren und Verstärkern herumbastelte, schlug Marshall angeblich vor, die Leistung von Vor- und Endstufe getrennt regelbar zu machen. Die Endstufe hatte künftig die Bezeichnung "Master" am Drehregler, die Vorstufe wird meist mit dem Knopf "Gain" geregelt.
Zuvor kam Van Halen zu seinem damals einzigartigen Sound, indem er sich eine Eigenheit der Marshall-Verstärker zunutze machte. Da die ersten Geräte noch durch Jim Marshall von Hand gebaut worden waren, hatten sie keine oder nur kleine Platinen. Die Verbindungen wurden "hand wired" , also mit frei verlegten Kabeln hergestellt. Zudem gab es noch etliche kleine Regler im Inneren der Verstärker, welche für eine Anpassung der je Exemplar elektrisch unterschiedlichen Röhren nötig waren. Van Halen hatte einige seiner Verstärker so umgebaut, dass die Röhren mit veränderter Spannung oder Stromstärke liefen – das reduzierte zwar deren Haltbarkeit, ergab aber noch mehr Verzerrung.
Digitaler Sound erst seit 2010
Es dauerte bis 1980, um den Namen "Marshall" endgültig synonym mit dem Verstärker für harte Rockmusik zu machen. In diesem Jahr kam das Modell "JCM-800" auf den Markt, das durch die spätere "New Wave of British Heavy Metal" bald auf jeder Bühne zu finden war. Der Verstärker mit Master-Volume lieferte – oft in Verbindung mit zusätzlichen Effektgeräten wie Verzerrern – den harten Sound, den Bands wie Iron Maiden und Judas Priest gesucht hatten.
Marshall wird zum Synonym für harten Rock
Den Kult um die Marke "Marshall" beschleunigte auch die Tatsache, dass solche Bands oft auf der Bühne weit mehr Lautsprecher mit dem Schriftzug der Marke aufstellten, als für die Darbietung nötig gewesen wäre. Die typische "Marshall-Wand" bestand damals wie heute aber oft aus leeren Gehäusen, die nicht mit Lautsprechern bestückt waren. Solche "Dummies" können sich Musiker noch heute bei Verleihfirmen für Bühnentechnik mieten.
Im Grunge- und späteren Nu-Metal-Trend der 1990er und 2000er Jahre kam Jim Marshalls Firma aber bald ins Hintertreffen. Erst machte US-Konkurrent Fender mit seinen recht andersartigen Sounds das Geschäft mit Grunge und Alternative Rock, die extremen "Hi Gain"-Verzerrungen für modernen Metal lieferte in dieser Zeit vor allem die Firma Mesa Boogie. Gleichzeitig gab es noch eine viel wesentlichere Bedrohung durch das " Physical Modeling(öffnet im neuen Fenster) " .


Bei dieser Technik wird eine Schaltung, wie die eines Röhrenverstärkers von Marshall, durch DSP-Programme nachgebildet. Mit der US-Firma Line 6 betrat 1996 ein Unternehmen den Markt, das in kleineren, leichteren und wartungsärmeren Verstärkern den klassischen Röhrensound auch noch für kleineres Geld anbot.
Das Unternehmen Marshall weigerte sich lange, auch in seinen Geräten die digitale Nachbildung von Röhren zu verbauen. Vielmehr galt die Ansage, auch mit analogen Schaltungen den Sound anderer Verstärker zu erzielen – und in der Tat klangen die Marshalls der frühen 2000er Jahre oft verdächtig nach US-Vorbildern. Der klassische Marshall-Klang war dabei aber auch immer zu erzielen, die Geräte arbeiteten längst mit mehreren Kanälen, denen sehr unterschiedliche Schaltungen zugrunde lagen. Erst im Januar 2010 kam mit dem Modell JMD-1 der erste Verstärker auf den Markt, der auch mit digitalem Modeling arbeitete. Im Test des Geräts meint Ultimateguitar(öffnet im neuen Fenster) : "Man müsste Jim fragen, warum seine Firma dafür so lange gebraucht hat" . Eine Antwort wird es nun nicht mehr geben.
Auf der seit Bekanntwerden des Todes von Jim Marshall überlasteten Webseite marshallamps.com(öffnet im neuen Fenster) will das Unternehmen demnächst ein Kondolenzbuch einrichten, eine eigene Seite bei Facebook(öffnet im neuen Fenster) gibt es schon. Schon zu Lebzeiten hatte die Firma ihrem Gründer ein Denkmal gesetzt, das noch über seine Unterschrift auf den Verstärkern hinausgeht. Unter dem Namen "The Guv´nor" gibt es seit 1989 von Marshall ein Effektpedal – natürlich einen Verzerrer. Umgangssprachlich wird im britischen Englisch auch ein Chef, dessen Autorität niemand in Zweifel stellt, als "Guv´nor" bezeichnet.
Bereits 2003 ist die autorisierte Biografie von Jim Marshall(öffnet im neuen Fenster) erschienen, die unter anderem die von schwerer Krankheit geprägte Kindheit des Erfinders nachzeichnet. Sie trägt natürlich den Untertitel "The Father of Loud" .