Technikgeschichte: Der Traum von der Mensch-Maschine
Hier wird das Techie-Herz erwärmt: Diese Serie ist für alle von euch, die sich jeden Tag eine kleine Auszeit von der Weltlage wünschen. Es gibt täglich eine Geschichte für euch aus unserem Archiv – geeignet für ein wenig fröhlichen Eskapismus. Viel Spaß!
Wer seine Roboter effizient vermarkten will, setzt auf menschliches oder tierisches Aussehen. So schaffte es der Roboterhund Spot dank der Begeisterung der Öffentlichkeit und der Investoren von Boston Dynamics bis zur Serienreife . Ein Maultier(öffnet im neuen Fenster) und der aufrecht gehende humanoide Atlas wurden zwar eingestellt, aber auch sie erregten großes Aufsehen.
Derzeit ist neben dem Nachfolger von Atlas noch der Tesla-Roboter Optimus in Entwicklung. Gerade letzterer zeigt aber auch die Problematik der menschenähnlichen Roboter: Sie versprechen seit Jahrhunderten viel mehr, als sie halten können.
Sie beflügeln die menschliche Fantasie und eignen sich daher wunderbar als Werbemittel. Wir stellen im Folgenden einige besonders schräge Modelle vor.
Die Geschichte der androiden Robotik fängt technisch gesehen erst mit der industriellen Revolution an, denn zuvor gab es keine zuverlässigen mechanischen Antriebe und auch keine transportablen Energiequellen. Trotzdem existiert mindestens ein Beispiel eines sehr berühmten vorgeblichen Androiden aus dem 18. Jahrhundert: der sogenannte Schachtürke.
Viel Schach, wenig Automat
Die Zeitschrift Reichs-Postreuter vom 12. August 1773 berichtete(öffnet im neuen Fenster) : "Die Maschine stellet einen Mann von natürlicher Größe vor, der türkisch gekleidet ist, und vor einem Tische sitzet, auf welchem ein Schachbrett stehet. [...] Sowol der Tisch, als die Maschine selbst, sind voller Räder, Hebel und Springfedern."
Der Apparat, der Schachpartien gegen einige der weltbesten Spieler seiner Zeit gewann, war natürlich kein echter Roboter. Dass ein Mensch im Inneren saß, gab sein Schöpfer Wolfgang von Kempelen(öffnet im neuen Fenster) zeitlebens nicht zu – aber er bestritt es auch nicht.
Mehr als 50 Jahre erregte der sogenannte Schachtürke in Europa und den USA Aufsehen, wo auch immer er präsentiert wurde. Der junge Edgar Allan Poe schrieb sogar einen seitenlangen Zeitungsartikel(öffnet im neuen Fenster) über ihn, in dem er darlegte, dass der Automat keinesfalls autonom spielen konnte.
Das 19. Jahrhundert bot mit der aufkommenden Industrialisierung und den verbesserten Dampfantrieben erstmals reale Möglichkeiten des Roboterbaus. Trotzdem basierte der Kunstmensch in einem einflussreichen Text am Anfang des Säkulums nicht auf mechanischen Prinzipien.
Vielmehr war es die Elektrizität, die dem Wesen in Mary Shelleys Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus(öffnet im neuen Fenster) Leben einhauchte. Wie beim Schachtürken ging es um weit mehr als nur einen Apparat, der Arbeiten verrichtete. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Idee vom Androiden und künstlicher Intelligenz eng verbunden.
"Und nun, du unheimliches Kind meiner Muse, gehe hinaus und wirb dir Freunde!" schrieb Shelley im Vorwort zu einer späteren Edition ihres Romans 1831. Das tat das Buch.
Die messianische Maschine
So ist es ziemlich sicher, dass der US-Spiritualist John Murray Spear(öffnet im neuen Fenster) das Werk gelesen hatte und den herrschenden Zeitgeist mit seiner Gottesmaschine(öffnet im neuen Fenster) einfangen wollte. 1854 stellte er den elektrisch betriebenen Messias New Motive Power vor. Neun Monate lang hatte er daran gearbeitet und am Ende sogar eine bis heute unbekannt gebliebene Frau als neue Maria aufgetrieben, die bei der Geburt des Apparates anwesend war.
Das Gerät aus Kupfer- und Zinkplatten, Magneten und einem Esstisch sollte als Perpetuum Mobile die neue Zeit einläuten und als physische Manifestation Gottes dienen.
Ähnlich wie der Homunkulus in Shelleys Roman wurde aber auch die messianische Maschine später von einem aufgebrachten Mob zerstört. Im Jahr 2019 tauchten Berichte(öffnet im neuen Fenster) über die Wiederentdeckung von Murrays Apparat auf – allerdings handelt es sich dabei wohl um eine Fälschung.
Die Zukunft des Transportwesens hat zwei Beine
Der erste patentierte(öffnet im neuen Fenster) menschenähnliche Roboter dürfte wohl Zadoc P. Dedericks Steam Man(öffnet im neuen Fenster) sein. Am 8. Januar 1868 berichtete das Magazin Newark Advertiser:
"Mr. Zadock Deddrick, ein Maschinist aus Newark, hat einen Menschen erfunden, der, angetrieben durch Dampf, einige der wichtigsten Funktionen der Menschheit erfüllen kann; der aufrecht stehend, gehend oder laufend nach Belieben in jede Richtung und mit fast jeder Geschwindigkeit eine Last hinter sich herziehen kann, deren Gewicht die Kraft von drei Zugpferden auf die Probe stellen würde."
Sein Preis von fast 50.000 US-Dollar in heutiger Kaufkraft sollte nach Angaben des Herstellers in der Serienproduktion auf fast ein Zehntel fallen. Schließlich würde das nützliche Gerät sich als straßen- und wegetaugliches Transportmittel durchsetzen! Auch Pferde, die nach dem gleichen Prinzip konstruiert werden sollten, sah Deddricks Vision vor.
Spätere Berichte räumten ein, dass die Beine des Dampfmannes lediglich in der Luft ruderten. Das Magazin Scientific American schrieb in den 1880ern: "Vorerst raten wir unseren Zeitgenossen, sich nicht zu sehr über den Dampfmann aufzuregen, denn zunächst wird er wahrscheinlich harmlos bleiben."
Über den Verbleib des Dampfmannes ist nichts bekannt, er fand jedoch etliche Nachahmer(öffnet im neuen Fenster) .
Auch auf der anderen Seite des Atlantik erregten mechanische Androiden die Aufmerksamkeit des Publikums.
Schaubudenroboter und Metropolis
In Berlin präsentierte ein Herr Whitman, dessen Vorname ungenannt blieb, den Radiomenschen Occultus(öffnet im neuen Fenster) , auf Grund seines prächtigen Bartes auch Barbarossa genannt. Der beeindruckend menschlich aussehende Roboter war klar auf den Schauwert ausgerichtet. Sein geöffneter Körper(öffnet im neuen Fenster) zeigte zahllose Räder und Getriebe.
Er wurde in Ausstellungen vorgeführt und fand etliche Nachahmer, die ihn im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts in wandernden Schaubuden zeigten. In Wirklichkeit dürfte es sich um Puppen gehandelt haben, die vor einer Wand aufgestellt wurden und deren Kopf zu einem Schauspieler hinter der Wand gehörte, der auch die Arme bewegte.
Zu dieser Zeit waren bereits Automaten in Wachsfigurenkabinetten beliebt, die nach Münzeinwurf Bewegungen vollführten, Geräusche machten – und natürlich die Zukunft voraussagten(öffnet im neuen Fenster) .
Die robotische Zukunft war spätestens nach der Premiere des Films Metropolis(öffnet im neuen Fenster) von Fritz Lang fest im kollektiven Bewusstsein verankert. Von Spiritualismus war ab diesem Zeitpunkt in der Robotik keine Spur mehr zu finden. Der wissenschaftliche Zeitgeist hatte übernommen.
Damit einher ging allerdings auch eine neue Furcht vor den Maschinen. Nicht nur bedrohten sie ganz real die Arbeitsplätze von Millionen Menschen in den Fabriken, sie würden sich vermutlich am Ende auch als Waffe einsetzen lassen.
Der Schweizer Androide schießt
Mit dieser Angst spielt der elektrisch-mechanische Androide Televox(öffnet im neuen Fenster) des Schweizer Erfinders Eugène Wendling. Im Buch Automata: A Historical and Technological Study(öffnet im neuen Fenster) von Edmond Droz und Alfred Chapuis wird seine Funktionsweise so beschrieben:
"Der Roboter steht plötzlich auf, blickt erst nach links, dann nach rechts und hebt sanft seinen rechten Arm, in dem er eine Pistole hält. Nach einer kurzen Pause, in der er scheinbar zuhört, richtet er seinen Blick in eine Ecke des Raums, winkt mit dem Arm und feuert. Diese Vorstellung löst beim Publikum immer eine lebhafte Reaktion aus."
Friedlicher – und vor allem zuversichtlicher – präsentierte der Elekrizitätskonzern Westinghouse im Jahr 1939 seine robotische Vision auf der Weltausstellung in New York(öffnet im neuen Fenster) . Elektro the moto man(öffnet im neuen Fenster) konnte laufen, die Arme bewegen und 700 Worte von einer Schallplatte sprechen. All das natürlich mit einer Zigarette im Mundwinkel.
Später kam noch ein Roboterhund namens Sparko hinzu, der bellte und auf Kommando Männchen machte.
Die robotische Vision von Westinghouse sollte vor allem eines zeigen: Der Konzern hatte die Zukunft fest im Blick und würde die technologische Führung übernehmen.
Im Grunde genommen führt also Tesla im Jahr 2024 die Tradition der menschenähnlichen Roboter als Vehikel für die Eigenwerbung fort, indem der Schauwert eines Automaten die Überlegenheit der eigene Entwicklungsabteilung repräsentiert. Sogar die Puppenspieler im Hintergrund(öffnet im neuen Fenster) , welche die Aktionen des Apparates steuern, gibt es auch heute noch.
Lesetipp: Wer sich für reale und fiktionale historischen Roboter interessiert, findet auf den Seiten von David Buckley(öffnet im neuen Fenster) und Cybernetic Zoo(öffnet im neuen Fenster) etliche spannende Beispiele.
Update:
Der Artikel wurde auf seine Aktualität überprüft.
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