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Jaron Lanier geht mit Facebook hart ins Gericht.
Jaron Lanier geht mit Facebook hart ins Gericht. (Bild: ShareBW 2016 Byernst)

Einen Master-Filter braucht es nicht

Schmidt: In Deutschland wird Facebook dafür kritisiert, nicht genügend gegen rechtsradikale Inhalte vorzugehen. In den USA ist die Firma hingegen mit dem Vorwurf konfrontiert, sich durch das Kuratieren von Inhalten in den laufenden Wahlkampf einzumischen. Kann Facebook überhaupt jemals so kuratieren, dass es allen gefällt?

Lanier: Da schon die Grundannahme, es sollte einen Master-Filter geben, falsch ist, ist es auch völlig nebensächlich, wie man das Filtern besser gestalten könnte. Das ist so, als würde man sich einen perfekten Diktator wünschen. In seiner jetzigen Form sollte Facebook überhaupt nicht existieren. Das ist die einzig mögliche Antwort. In der vordigitalen Welt haben sich die Zeitungsleser auch für einen bestimmten Filter entschieden, die einzelnen Publikationen standen ganz offen für einen bestimmten Blick auf die Welt, sei es nun konservativ, liberal, christlich oder sozialistisch, und dagegen gibt es auch überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil. Unser Problem ist heute ist der trügerische Anschein der Neutralität. Die Objektivität der Newsfeeds ist eine Illusion.

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Schmidt: Auf Twitter findet bisher keine Filterung des Streams statt. Dennoch wächst gerade dort das Problem der Echokammer, da wir tendenziell Menschen mit ähnlichen Überzeugungen folgen und sich Positionen so gegenseitig verstärken - auch ohne den Einfluss eines Master-Filters.

Lanier: Twitter ist in mehrfacher Hinsicht in einer völlig anderen Situation. Es stimmt, dass die Leute dort immer mehr zu ihren eigenen Filtern werden. Aber egal ob Twitter, Facebook oder was auch immer - solange auf der jeweiligen Plattform offen damit umgegangen wird, dass der Plattformbetreiber eine eigene Position vertritt, können die Nutzer eine bewusste Entscheidung treffen und wollen dann hoffentlich auch verschiedene Blickwinkel kennenlernen. Ob man sich dann eine Echokammer baut, bleibt jedem selbst überlassen. Hauptsache, es läuft ehrlich ab. Aber genau das ist leider derzeit nicht der Fall.

Schmidt: In deinem letzten Buch hast du argumentiert, dass die Nutzer dauerhaft im Besitz ihrer Daten bleiben sollten, um dann mit der Vergabe eingeschränkter Nutzungsrechte Geld zu verdienen. Aber ist nicht die wesentlichere Frage, wem die Plattformen gehören?

Lanier: Ich fürchte leider, dass dies ein altmodischer Ansatz ist, der heute keine Relevanz mehr hat. Android beispielsweise ist zu weiten Teilen Open Source. Dennoch musst du, wenn du diese Plattform effektiv nutzen willst, letztlich deine Daten an Google übermitteln, denn nur dann kommst du in den Genuss des besten Services. Die daraus resultierende Konzentration der Daten ist weitaus wichtiger als die Frage, wem die Plattform gehört. Ob sie open oder genossenschaftlich ist, ist letztlich trivial.

Schmidt: Aber wenn die Nutzer im Besitz der Plattform sind, könnten sie doch auch gemeinschaftlich entscheiden, was mit ihren Daten geschieht und welche Regeln für die Interaktion gelten.

Lanier: Es tut mir wirklich leid, aber ich muss dir da widersprechen. Es gilt einfach, dass die Kraft mit den größten IT-Ressourcen immer gewinnt - weil sie mehr Rechenleistung hat, weil ihr die Netzwerkeffekte zugute kommen und weil sie die meisten Ingenieure beschäftigen kann. Aus diesen Gründen kannst du auch nicht mehr mit einer Firma wie Uber konkurrieren und etwa eine lokale, kollektive Alternative auf die Beine stellen. Solche Versuche sind schon in der Vergangenheit immer wieder gescheitert. Früher oder später kommt die Kraft mit dem größten Ressourcen immer irgendwie an die Daten der kleinen Plattform, und sei es indirekt.

Schmidt: Wir sollten es also einfach lassen, uns gegen die Netzwerke zu wehren?

Lanier: Nein, das heißt nicht, dass man es nicht probieren sollte - schon allein weil es großen Spaß macht, eine eigene Plattform zu entwickeln. Aber eine Lösung für das größere politische Problem ist das nicht. Ähnliches gilt, wenn du ein genossenschaftliches Wohnprojekt gründest, weil dir nicht gefällt, wie der Staat wirtschaftet. Das geht eine Weile gut, aber irgendwann kriegen die Leute Kinder, werden älter oder krank und das Projekt fällt in sich zusammen, weil der Staat durch seine Größe sehr viel umfassender für das Wohl der Menschen sorgen kann. Ich wünschte, ich wäre da optimistischer.

 Technik-Kritiker: Jaron Lanier will Facebook zerschlagenDaten sind viel wichtiger als Algorithmen 

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