Gefahr von rechts trifft auf angespannten Arbeitsmarkt
Die Gefahr von rechts trifft auf eine ohnehin angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt, wo die IT-Branche sorgenvoll auf ihre offenen Stellen blickt. Im vergangenen Dezember meldete der Bitkom knapp 150.000 unbesetzte IT-Stellen in Deutschland – 12.000 mehr als im Vergleich zum Vorjahr. Im Schnitt dauert es fast acht Monate, bis eine vakante Stelle besetzt werden kann.
Viele Fachkräfte nehmen den Standort Deutschland als unattraktiv wahr, dafür braucht es nicht mal den Einfluss einer stramm rechten Partei. Im jährlich erscheinenden Report Expat Insider des Akademiker-Netzwerks InterNations landete Deutschland 2023 bei der Beliebtheit auf Platz 49 – von 53.
Die Anwerbung von Fachkräften ist im internationalen Wettbewerb eine Herausforderung, die deutsche Bürokratie und deutsches Wetter sind da keine Hilfe. Andere Länder punkten laut den rund 12.000 Befragten mit einem freundlicheren Image, einer ausgeprägteren Willkommenskultur und besserer (digitaler) Infrastruktur.
Darum ist Deutschland für Fachkräfte so unattraktiv
"Der Mangel an IT-Fachkräften ist aktuell die größte Herausforderung für unsere mittelständisch geprägte Digitalwirtschaft", sagt Oliver Grün, Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand, auf Golem.de-Anfrage. Die Unternehmen hätten größtes Interesse daran, dass Deutschland als weltoffener und toleranter Innovationsstandort wahrgenommen werde. "Leider wird die Attraktivität Deutschlands für ausländische Fachkräfte derzeit nicht nur durch hohe bürokratische Zugangshürden, sondern auch durch den erhöhten Zuspruch für Parteien am rechten Rand, wie der AfD, gehemmt."
Und die AfD selbst? Die ignoriert die Analysen und Erfahrungen aus der Branche. Als der Bitkom im Dezember die Zahl der unbesetzten Stellen vorlegte, kommentierte der Bundestagsabgeordnete und arbeitspolitische Sprecher der Partei, René Springer: "Das Fachkräfteproblem in Deutschland kann nicht durch Migration gelöst werden", weil "weder Sprachkenntnisse noch eine behördliche Anerkennung für Qualifikationsnachweise bei der Einstellung in diesem Bereich unbedingt erforderlich" seien.
Zu den tatsächlichen Ursachen des Fachkräftemangels – kein Wort. Stattdessen unterstellt die AfD den Unternehmen "überschaubare Bemühungen" beim Anwerben von Expertise aus dem Ausland. "Wir tun alles, um gute Leute zu gewinnen", sagt Benjamin Heese, Gründer und CEO des Start-ups Sensit, im Gespräch mit Golem.de. Seine Firma entwickelt Technologien, die Sehen und Hören um ein haptisches Feedback ergänzen, im Gaming ebenso wie in digitalen Operationssälen.
"Der Fachkräftezuzug ist eine Katastrophe"
Von aktuell 20 Beschäftigten soll das Unternehmen mit Sitz in Potsdam im Laufe dieses Jahres auf 40 wachsen, doch die Anwerbung von Spezialisten werde von den Behörden erschwert. "Der Fachkräftezuzug ist eine Katastrophe", sagt der Gründer. Gerade habe er einen Kandidaten aus Iran, für dessen Arbeitserlaubnis die Ausländerbehörde den Nachweis einer Wohnung verlange. "Dabei haben wir den noch gar nicht sicher." Klappt es mit der Arbeitserlaubnis andernorts schneller, seien solche Fachkräfte für den deutschen Markt verloren.
Die bei Sensit gefragten Tech-Fähigkeiten für die Entwicklung von Mikroprozessoren gebe es weder in Deutschland noch innerhalb der EU, sagt Benjamin Heese. Seine Leute findet er in Syrien, Belarus, Tunesien. Wie sehr die AfD ausländische Fachkräfte abschrecke, könne er nicht beurteilen: "Wer aus Syrien kommt, ist Leid gewohnt, für den ist fast alles besser."
Einfluss auf das Denken der Bevölkerung
Deshalb wolle er das Problem nicht auf mögliche Wahlerfolge der rechten Partei reduzieren. "Viel wichtiger ist, dass deren dumpfe Parolen Einfluss haben auf das Denken in Teilen der Bevölkerung", sagt Heese. Er fürchtet, dass seine Beschäftigten in Alltagssituationen Leuten ausgesetzt sind, bei denen die hohlen AfD-Phrasen verfangen, beim Einkauf etwa oder in der Kfz-Werkstatt. "Wenn sie in ihrer Freizeit Ablehnung erfahren, wirkt sich das natürlich darauf aus, wie wohl sie sich fühlen."
Als Sprecher des Start-up-Verbands Brandenburg ist Heese im regelmäßigen Austausch mit anderen Unternehmerinnen und Unternehmern. "Unter Gründern sind alle davon abhängig, internationale Leute zu bekommen, ausnahmslos", sagt er. Bei sechs von zehn deutschen Unicorns, also Start-ups mit einer Unternehmensbewertung ab einer Milliarde Euro, gehöre jemand mit Migrationshintergrund zum Gründerteam. "Unterschiedliche Kulturen und Einflüsse sind eine Bereicherung, es gibt keinen Grund, sich abzuschotten."