Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Das Founders-Fund-Mafia-Video

Vor acht Jahren geriet das Jobs/Woz-Nerd-Image ins Wanken. Vor fünf Jahren bekam der Ruf der Tech-Branche ernsthafte Risse. Heute ist die Fassade eingestürzt und herauskriechen 10.000 Schlangen.

Richtig losgelassen wurden die Schlangen, finde ich, mit dem Founders-Fund-Mafia-Video(öffnet im neuen Fenster), das einfach nur komplett verrückt ist.

Peter Thiels VC-Firma hat hier eine gut produzierte Show entwickelt, in der Sam Altman, Palmer Luckey, Bryan Johnson, Moxie Marlinspike, Dylan Field, Ryan Petersen und weitere von Thiels Lieblingen ein Partyspiel spielen, in dem sich alles um Betrug dreht. Warum macht jemand so etwas?

Über kurz oder lang macht man sich damit zum Gespött. Sollte irgendjemand aus der illustren Runde jemals in einen Skandal wie um Cambridge Analytica verwickelt werden, wird man sich an die Mafia-Videos erinnern und denken: "Ja, man sieht schon, er ist ein guter Lügner." Oder: "Er konnte gut verheimlichen, dass er gut täuschen kann."

Das ist so dumm, dass ich es nicht fassen kann.

Host ist Mike Solana von Pirate Wires. Die erste Folge heißt "Can Tech Legends Find the Liar?" (Finden die Tech-Legenden den Lügner?) Gedreht wurde im Tosca Cafe, der gleichen Bar in San Francisco, in dem die Paypal-Mafia 2007 für ihr berüchtigtes Gangster-Foto posierte. Scheint, als wäre die eigene Mythologisierung außer Kontrolle geraten.

Klar, dass einige diesen Cast alptraumhaft und dumm nannten.

Ein Kritiker kam auch darauf, worauf das Format abzielt(öffnet im neuen Fenster): Seit 30 Jahren geht es im Reality-TV darum, Menschen, die man sonst meiden würde, immer wieder ins eigene Wohnzimmer einzuladen, bis sie keine Fremden mehr sind. Ozzy biss einer Fledermaus den Kopf ab – und MTV machte ihn zum liebenswerten, tolpatschigen Dad, der mit der Fernbedienung nicht umgehen kann. Das wirkte. Man braucht nur jemand Fähigen im Videoschnitt und im PR-Team, dann kann wirklich jeder nett rüberkommen.

Bei der Mafia-Besetzung bekommt diese Sichtweise allerdings einen düsteren Beigeschmack. Einer von ihnen betreibt das folgenreichste KI-Labor des Planeten und möchte nebenbei die ganze Spezies biometrisch erfassen. Ein anderer entwickelt autonome Waffen für das Pentagon. All diese Hauptfiguren verfügen über viel Kapital, manche über Waffenverträge und einen direkten Draht ins Weiße Haus – und die Serie soll dafür sorgen, dass man sie trotzdem ins Herz schließt.

Die merkwürdigste Besetzung ist dabei Moxie Marlinspike, der unsere Zukunft nicht so in den eigenen Händen hält wie einige der anderen und eigentlich ein respektierter Datenschutzexperte ist. Dass er mit am Tisch sitzt, lässt das Ganze seriös erscheinen. Er ist das Äquivalent zur geliebten Indieband auf einem Festival-Poster und die Tatsache, dass er teilnimmt, zeigt, dass die Produzenten genau wissen, worauf sie mit ihrem Format wirklich abzielen.

Es ist eine Charme-Offensive im Wortsinn: eine Offensive, die mit Charme ausgeführt wird. Auch wenn die Show Zuschauer bringt und ein paar davon überzeugt, dass Tech-CEOs cool sind – es wird mehr Menschen geben, die das verstört, wenn auch vielleicht erst rückblickend.

Gründer müssen nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden. Seine Arbeit öffentlich zu machen, hat einfach zu viele Vorteile, um es zu lassen.

Nur sollten Gründer und andere ITler schlauer in der Öffentlichkeit agieren. Es ist ganz einfach. Vergiss nicht, wer du eigentlich bist: ein intelligentes Kind, oft alleine, das mit Hardware oder am Computer werkelt und versucht zu verstehen, wie etwas funktioniert und was man selbst bewerkstelligen kann.

Meine Empfehlung für Gründer und deren Team ist:

  • Sei offen mit deinen Zielen. Eine TV-Show zu produzieren und dabei so zu tun, als wolle man unterhalten und den Menschen die eigenen Geschäftspartner nahebringen, ist betrügerisch und gruselig. Hier wird versucht, Leute zu rehabilitieren, die ihren Ruf selbst ruiniert haben. Wenn du also ein Produkt oder dich selbst promoten willst, mach es auf ehrliche Weise. Jason Fried ist ein Beispiel dafür, wie man das zumindest mit etwas Demut und Authentizität macht. Er ist in Ordnung und macht keine Show. Er hält das Nerdtum hoch, das IT interessant macht, unterhaltsam, charmant und getrieben von Neugier. Und das für ein Publikum mit einem gewissen Anspruch. Bei ihm hat man zumindest das Gefühl, dass man das bekommt, was man sieht. Für den eigenen Ruf wirkt das Wunder!
  • Halte dein Ego im Zaum. Ein Gründer zu sein, ist natürlich anspruchsvoll und bringt Massen an materiellen Vorteilen mit sich. Viele Menschen halten einen für cool und wahrscheinlich hat man spannende und bewundernswerte Dinge vollbracht. Geh damit so entspannt wie möglich um – und gib nicht andauernd an. Auch wenn Youtuber das so machen, und auch wenn es dazu führt, dass man Klicks und Likes anhäuft von Menschen, die für dich arbeiten oder wie du sein wollen: Diese Art von Aufmerksamkeit ist billig und flüchtig und hat keine dauerhafte Kraft. Schwieriger und langsamer ist es, Bewunderung und Aufmerksamkeit durch die Kraft deiner Produkt- und schlauer Businessentscheidungen zu gewinnen, und dadurch, dass du einen Wert für deine Nutzer schaffst.

Dass Gründer selbst Marken werden, ist heute normal. Sie müssen aber nicht so peinlich und verstörend agieren, wie das oft der Fall ist. Statt ihre Leidenschaft mit Geld und Macht zu demonstrieren, sollten sie es mit den ursprünglichen Nerdwerten machen: mit ihrem Enthusiasmus für Nischenthemen, ihrer Besessenheit für technische Lösungen, ihrer Lernfreude und Neugier – und mit einer tiefen Demut und Skepsis vor dem großen Reiz, ins Rampenlicht zu treten.

Übersetzt von Jennifer Fraczek, mit Unterstützung von DeepL.


Relevante Themen