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In dieser Kleinstadt haben wir ein Einhorn versteckt

Besuch in Göppingen, wenige Tage vor dem Börsengang von Teamviewer. So kurz vor dem großen Ereignis ist die Führungsriege ausgeflogen, sie ist unterwegs, um Investoren für ihr Unternehmen zu begeistern. Geblieben sind zwei PR-Managerinnen, die durch die Firmenzentrale führen und durch die Geschichte von Teamviewer, die in ihrer offensiven Bodenständigkeit etwas wahrhaft Exotisches hat.

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Silicon-Valley-Firmen wie Uber oder Facebook stellen Gewinne oft erst einmal hintenan. Stattdessen verkaufen sie Unternehmensanteile und investieren dieses Geld in ihr Wachstum. Skalieren nennt man das in Gründersprech. Die Idee: Im Digitalen ist es erst einmal wichtig, möglichst schnell möglichst groß zu werden, weil viele Branchen sogenannte Monopolmärkte sind - oft ist es nur ein Unternehmen, das sich etabliert und wirklich erfolgreich wird. So wie Google bei den Suchmaschinen, Amazon im Onlinehandel und Facebook bei den sozialen Netzwerken. Gewinne, so das Kalkül, kommen dann schon noch.

Teamviewer dagegen ist ein Unternehmen, das sich stets selbst finanziert hat. "In Deutschland wachsen neue Unternehmen oft eher langsam", sagt die Startup-Forscherin Andrea Hermann. Als Professorin an der Universität Utrecht hat sie gemeinsam mit anderen Forschern 300 Startups aus Deutschland zu ihren Gründungen befragt. "Man überlegt sich zweimal, ob man einen Schritt geht oder nicht", resümiert sie über die deutsche Startup-Mentalität. Typischerweise seien deutsche Firmen daher schnell profitabel. So außergewöhnlich die Geschichte von Teamviewer auch ist - gemessen an diesem Satz ist das Unternehmen typisch deutsch.

Stück für Stück hat Teamviewer seine Produktpalette erweitert. Heute gibt es dort weit mehr als nur das klassische Screensharing von Bildschirm zu Bildschirm: Unternehmen können mit Teamviewer IoT ihre Industrieroboter überwachen und rechtzeitig eingreifen, wenn irgendetwas nicht funktioniert. Wer mit seinem Auto liegenbleibt, kann sich von einem Freund über Teamviewer Pilot per Smartphone anleiten lassen, wie er den platten Reifen reparieren kann. Und mit Blizz können Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der ganzen Welt per Video konferieren. Das Grundprinzip ist immer noch dasselbe: aus der Ferne miteinander kommunizieren.

Nur mit Bodenständigkeit wäre man allerdings wohl auch bei Teamviewer nicht so weit gekommen. Schon 2009 verkaufte der Gründer Tilo Rossmanith seine Firma, fünf Jahre später ging sie an das Private-Equity-Unternehmen Permira - für rund eine Milliarde Dollar. In der Startup-Szene nennt man ein so hoch bewertetes Technologieunternehmen ein Einhorn, zu diesem fabelhaften Kreis zählen auch Airbnb oder Wework.

Der Verkauf von Teamviewer an Permira sei wichtig gewesen, sagt eine der Sprecherinnen: So habe man ein professionelles Management etablieren, neue Abteilungen und Strukturen für den künftigen Erfolg aufbauen können. Permira habe etwa die Rechtsabteilung vergrößert, die Finanzabteilung professionalisiert und die Internationalisierung unterstützt. Obwohl der Hauptsitz in Göppingen geblieben ist, sind weltweit etliche Standorte hinzugekommen: Singapur, Tokio, Jerewan, Madrid, Karlsruhe, Stuttgart.

Das sparkassigste Startup der Welt

Auch in der Firmenzentrale schwankt alles zwischen diesen zwei Polen: hier moderne Startup-Optik, dort behördenartige Provinzialität. An den Wänden im zweiten Stock kleben in bunten Farben die Firmenwerte auf Englisch: Passion. Trust. Security. Simplicity. Diversity. Customer First. Das ist Gründerprosa in Reinform. Es gibt Büros, die sich Dutzende Menschen teilen - schön getrennt durch Wände, die sowohl als Sichtschutz als auch als Pinnwand dienen. Das wirkt dynamisch und agil. Und ganz anders als die verwinkelten Gänge, in denen die Ästhetik einer Sparkassenfiliale vorherrscht. Schon allein wegen der riesigen Pflanzen im zweiten Stock.

Sich derartig nicht einzuordnen, nicht irgendeinem Image hinterherzulaufen, auch das passt zu Teamviewer: Es ist schwer, das Unternehmen einer Kategorie zuzuordnen. Es ist noch jung, aber eigentlich nicht mehr jung genug, um noch als Startup zu gelten. Die Firma ist irgendwie familiär, aber als Beteiligung eines Private-Equity-Unternehmens auch nicht das, was man sich unter typisch deutschem Mittelstand vorstellt. Sie ist nicht klein, aber auch noch weit entfernt von der Größe eines DAX-Konzerns. Das liegt natürlich auch an den Bezeichnungen: Startup, Mittelständler, Konzern - das sind dehnbare Begriffe. Im Zeitverlauf gesehen gebe es keine klare Grenze, wann ein Startup aufhöre und ein Mittelständler anfange, sagt Wissenschaftlerin Hermann.

Vielleicht ist der Erfolg von Teamviewer auch mit dieser Mischung aus Pioniergeist und Professionalität zu erklären. Permira habe Strukturen aufgebaut, sagt eine der Sprecherinnen. Die Kultur des Unternehmens ähnle dagegen noch mehr immer der eines Startups. Von Bürotüren, die auch bei den Chefs immer geöffnet seien, bis hin zu sogenannten Insights-Sessions, in denen Mitarbeiter die Führungsriege alles fragen können. Zum Beispiel, wann die nächste Party stattfindet.

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 Teamviewer: Ein schwäbisches DigitalwunderTotale Unterbesetzung, viele Altlasten und Druck 
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bombinho 13. Okt 2019

Jupp, ich hatte gelegentlich bei Freunden und Familie immer mal nach dem Rechten...

nasenweis 04. Okt 2019

Gibts. Such mal genauer. Ich hab sie zumindest.

Golressy 03. Okt 2019

Ohje. Ich war mal in so eine Firma öfters zu Besuch. Ziemlich gross und sehr bekannt...

quasides 29. Sep 2019

oh die realität ist wirklich schlimm. es kommt noch besser wenn wachschutzfirmen...

quasides 29. Sep 2019

teamviewer war defacto die opensource variante von vnc mit zusätzlichen eingekreation für...


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