Tarran T1 Pro im Test: Ein Lastenrad, das "all computer" ist

Würde Donald Trump ein Lastenrad kaufen, wäre es wahrscheinlich das Tarran T1 Pro(öffnet im neuen Fenster) : Es ist all computer . Das begeisterte den US-Präsidenten bereits an den Autos seines Ex-Buddies Elon Musk. Wir konnten die vielen Features, die Transportfähigkeiten – inklusive zugehörigem Kindersitz – und das Fahrverhalten des T1 Pro ausgiebig testen. Mit seinem ersten Rad macht der Hersteller vieles richtig, am Ende stellt sich aber die Frage: Braucht man das alles?
Das T1 Pro ist mindestens ebenso sehr Gadget wie Lastenrad. Bereits auf der Verpackung erfahren wir, dass ein Quad-Core-Prozessor verbaut ist. Das abnehmbare 5,2-Zoll-Display des Bordcomputers gleicht eher einem Tablet als einem klassischen Fahrradcomputer.
Neben einem Bluetooth-Soundsystem sind drei 1080p-Kameras integriert, jeweils eine filmt als Dashcam nach vorn und hinten, über die dritte können Selfies des Fahrers sowie eventueller Fahrgäste aufgenommen werden. Abgestellt kann das Rad seine Umgebung aufnehmen, wie bei Tesla heißt das Sentry Mode.
Kameras und ein nach hinten gerichteter Radar sollen zudem vor gefährlichen Situationen warnen. Bevor wir losfahren können, muss das T1 Pro entsperrt werden. Das funktioniert über eine NFC-Karte – zwei Karten sind beigelegt – oder nach Kopplung über eine Handy-App. Die gibt es für Android und iOS. Dann kann das Fahrrad uns auch alarmieren, wenn es bewegt wird, und seinen Standort übermitteln. Das funktioniert per integriertem LTE-Modem.
Großes Fahrrad, großer Karton
Vor der ersten Fahrt steht aber das Auspacken an. Geliefert wird das T1 Pro in einem großen Karton auf einer Europalette. Das Auspacken klappt auch allein wunderbar, das Fahrrad kann nach Entfernen der einzelnen, durch Plastik-Clips zusammengehaltenen Seitenwände einfach von der Palette gerollt werden.



Vorher entnehmen wir die beiden Kartons mit Zubehör und Akku und stecken den Lenker ein. Damit ist die Montage bereits abgeschlossen, wir müssen lediglich den 708-Wattstunden-Akku im Fach unten in der Transportbox einsetzen. Hier finden gleich zwei Akkus Platz, der Hersteller gibt damit eine Reichweite bis zu 200 km an. Dort wird zudem die SD-Karte für die Kameraaufnahmen eingesetzt. Die Batterien können im Fahrrad geladen oder hierfür entnommen werden.
Das Design ist ein Hingucker
Verbaut ist die Technik in einem schicken Rahmen, der ein wenig an das Design von Urban Arrow erinnert. Beim T1 Pro ist der Rahmen geradliniger. Der obere und untere Teil wirken wie zwei parallele Linien. An der Front ist ein Tagfahrlicht angebracht, die beiden Scheinwerfer sind an der Vordergabel montiert. Das Rücklicht fungiert auch als Bremslicht, außerdem sind serienmäßig Blinker verbaut. Die sind in Deutschland seit Mai 2024 anstelle des Handzeichens erlaubt(öffnet im neuen Fenster) .
Der Rahmen mit durchgehendem Oberrohr sieht schick aus und zieht die Blicke auf sich, hat aber auch einen praktischen Hintergrund: Am oberen Rahmenteil ist der Dämpfer für die Hinterradschwinge befestigt, das Vorderrad ist mit einer gefederten Gabel montiert.
Der Einstieg ist mit 65 cm Höhe dennoch verhältnismäßig tief. Die Transportbox verfügt über eine Verkleidung aus Hartschaum mit zwei Öffnungen als Einstiegshilfe. Dass die Akkus darin verschwinden, unterstützt nicht nur den schlichten Look, sondern sorgt auch für einen tiefen Schwerpunkt.

Das durchgehend wertige Äußere stören lediglich die Kunststoffteile an Schnauze und Heck: Die beiden Staufachklappen vorn wirken zerbrechlich, aufgestellt sollte man lieber keine Kinder in die Nähe lassen. Wir hatten mehrfach Angst um die Deckel, da sie offenstehen bleiben. Das ist aber durchdacht, die Führung zum Verschließen muss jedoch kompliziert wieder eingefädelt werden. Mehrere Sechsjährige haben versucht, sie einfach zuzudrücken, vermutlich gibt der Deckel eher früher als später nach. Der matte Kunststoff wirkt zudem im Kontrast zum Rest des Fahrrads ein wenig billig.
Das verwundert umso mehr, da Tarran bei der Ausstattung des T1 Pro klotzt.
Komponenten vom Feinsten
Wer sich für Fahrradtechnik interessiert, wird vom T1 Pro begeistert sein: Das Rad ist voll gefedert, der Antrieb erfolgt über einen Zahnriemen mit Spannrolle. Der treibt eine stufenlose Nabenschaltung von Enviolo an. Beim Fahren unterstützt ein 100-Nm-Motor, den Tarran mit Gobao aus Shenzhen entwickelt hat; den Hersteller kennen wir vom Hepha Trecking 7 . Dass er über einen Drehmomentsensor verfügt, muss dabei eigentlich nicht extra erwähnt werden.
Den Motor braucht es auch – das T1 Pro ist mit 65 kg ein echtes Schwergewicht. Auf ebener Strecke lässt es sich auch ohne Unterstützung bequem fahren, man ist dann aber etwas gemächlicher unterwegs. Sobald das Rad allerdings etwas stärker beladen ist, braucht man den Motor. Der Hersteller gibt als maximale Zuladung 65 kg für den vorderen Ladebereich und 27,5 kg für den Gepäckträger an. Das zulässige Gesamtgewicht beträgt 220 kg.
Ein relativ schräges Sattelrohr sorgt dafür, dass das T1 Pro auch für große Menschen angenehm zu fahren ist. Die Sattelhöhe kann dank einer hydraulischen Stütze schnell verstellt werden. Dafür, dass wir bei dem hohen Gewicht sicher zum Stehen kommen, sorgen 180-mm-Scheibenbremsen an Vorder- und Hinterrad. Verbaut ist das C2.3 von TRP (Tektro Racing Products), ein Vierkolbensystem, das der Hersteller explizit für Lastenräder entwickelt hat.
Wendiger, als die Konstruktion erlaubt
Beim Fahren merkt man dem T1 Pro sein hohes Gewicht nicht an, auch wenn wir kaum über die 25 km/h hinaus kommen, bis zu denen der Motor unterstützt. Dank ihm und des zweirädrigen Designs fährt es sich fast wie ein normales Fahrrad, auch mit zwei sechsjährigen Passagieren. Es fährt sich sehr wendig – fast ein wenig zu wendig.



Bei unseren Testfahrten sind wir in Kurven mehrmals mit der Halterung der Stützräder, die im Ständer integriert sind, aufgesetzt. Die Wendigkeit des T1 Pro verleitet dazu, Kurven enger zu nehmen, als es die mit fast 6 cm recht weit nach unten herausragende Halterung erlaubt. Dabei fühlen sich auch enge Kurven noch immer sicher an, vom Gefühl her wäre mehr möglich, als der Aufbau des Rads erlaubt.
Für Einsteiger ist allerdings die versetzte Lenkung gewöhnungsbedürftig: Dadurch, dass das Vorderrad weit vor dem Lenker sitzt, verhalten sich zweirädrige Lastenräder anders als normale Fahrräder. Sehr gut hat uns die Vollfederung gefallen. Für die Hinterachse ist ein einstellbarer Dämpfer von Fastace verbaut, die Vorderradgabel kommt von Suntour. Wald- und Feldwege sowie Straßen mit Kopfsteinpflaster fahren sich damit deutlich angenehmer als mit unserem privaten Bullit von Larry vs. Harry.
Für gemütliche Radler
Dass wir selbst auf ebener Strecke kaum über 25 km/h kommen, hat zwei Gründe: Der erste ist das – selbst für ein Lastenrad – hohe Gewicht.
Der zweite Grund sind die relativ kleinen 20-Zoll-Räder, die Tarran verbaut – bei unserem Bullit misst das Hinterrad 28 Zoll, auch beim sehr ähnlichen Urban Arrow ist ein mit 26 Zoll deutlich größeres Hinterrad verbaut. Daher treten wir bei höchster Schaltungsübersetzung und einer Geschwindigkeit von 27 km/h bereits rund 70 Mal pro Minute. Die Trittfrequenz zeigt der Bordcomputer praktischerweise an.
Nicht nur für die Kurzstrecke
Mit dem T1 Pro lassen sich dennoch bequem auch längere Strecken zurücklegen. Unsere längste Tour – wenn auch ohne Zuladung – waren rund 70 km, mit über 840 Höhenmetern zudem keine einfache Strecke. Gefahren sind wir ausschließlich in den Unterstützungsmodi Eco und Auto.
Wir haben den Großteil der Strecke im Eco-Modus zurückgelegt, der lediglich leicht unterstützt, auf den Auto-Modus haben wir für anstrengendere Steigungen zurückgegriffen. Er passt die Motorleistung in einem größeren Bereich an – bei relativ ebenen Strecken verhält er sich ähnlich wie der Eco-Modus, an Steigungen unterstützt der Motor mit spürbar höherer Leistung. Der Turbo-Modus hingegen bietet sich an, um auch beladen an Steigungen nicht allzu sehr ins Schwitzen zu kommen. Im letzten Modus – er heißt schlicht Standard – arbeitet der Motor mit höherer Grundleistung.
Die Reichweite passt
Laut Tarran sollen wir mit dem T1 Pro auf eine Reichweite von bis zu 100 km pro Akku kommen. Diese Angabe erscheint uns unter guten Bedingungen realistisch: Bei unserer 70-km-Tour sind wir mit vollem Akku losgefahren und mit 21 Prozent Restkapazität wieder angekommen. Bei milden Temperaturen, flachem Gelände, Fahrt im Eco-Modus ohne Last und ohne die zusätzlichen elektrischen Gimmicks zu nutzen, sollten 100 km machbar sein.
Zu diesen Gimmicks kommen wir noch, zuerst sehen wir uns eine weitere Besonderheit des T1 Pro an.
Wendig und stabil
Denn einige Dinge löst Tarran anders, als wir es von anderen Lastenrädern kennen. Die Übertragung der Lenkbewegungen erfolgt mittels Seilzügen, bislang kannten wir bei zweirädrigen Lastenrädern nur Schubstangen. Die Seilzüge ermöglichen ein deutlich weiteres Einschlagen des Vorderrads, geschätzt ist ein Winkel von 80° möglich. Damit erreicht das Rad einen sehr engen Wendekreis von rund 3 Metern.
Leider machten die Seilzüge bei unserem Test Probleme: Regelmäßig fing das Vorderrad an zu vibrieren, was das sonst sehr angenehme Fahren ziemlich unruhig gestaltete und beim ersten Mal für einen Schreckmoment sorgte. Tarran stellte uns umgehend eine Anleitung zum Einstellen der Seilzüge bereit, was innerhalb von 10 Minuten erfolgreich erledigt war. Anschließend trat das Problem nicht mehr auf.
Eine weitere Besonderheit ist der sogenannte Gleitmodus: Das T1 Pro verfügt über zwei Stützräder, die halbautomatisch aus- und auf Wunsch vollautomatisch einfahren. Das Ausfahren müssen wir über eine Schaltwippe aktivieren; wenn wir danach eine wählbare Geschwindigkeit – voreingestellt sind 8 km/h – unterschreiten, werden die Räder ausgefahren. Das Einfahren können wir ebenfalls manuell auslösen, hier können wir aber auch eine Automatik auswählen. Die Räder sind, wie bereits erwähnt, mit dem Ständer kombiniert. Werden sie weiter ausgefahren, landet das Rad auf den Standfüßen.
Anhalten, ohne den Boden zu berühren
Die Stützräder sollen für mehr Sicherheit und Kontrolle beim Anhalten und Schieben sorgen. Mit etwas Übung gelingt es uns sogar oft, an Ampeln anzuhalten, ohne einen Fuß abzusetzen. Verlassen sollte man sich darauf allerdings nicht. Die Räder sind zwar gefedert und können somit leichte Unebenheiten ausgleichen, je nach Zustand der Straße kommen wir gelegentlich aber recht schräg zum Stehen, was sich dann nicht mehr sicher anfühlt.



Auch Fahren lässt sich im Gleitmodus nicht – zwar handelt es sich bei den Stützrädern um Omnidirektionalräder, sie beeinträchtigen das Fahrverhalten aber selbst auf sehr ebenen Untergründen. Auf unebenen Untergründen wie Schotter fanden wir sie sogar eher hinderlich. Da das T1 Pro zudem einen recht tiefen Schwerpunkt hat, haben wir die Räder selten genutzt. Unserem Gefühl nach lässt sich das Rad auch beladen sicher bewegen und wir sind uns sicher, dass dieses Feature seine Liebhaber findet.
Die Räder halten das T1 Pro bereits sehr stabil, richtig sicher steht es aber erst auf dem Ständer, der mit den Rädern kombiniert ist. Auch er fährt nach einem langen Druck auf den Parken-Knopf elektronisch aus und ein.
Kinder sitzen recht hoch
Tarran hat uns mit dem T1 Pro auch den zusätzlich zu erwerbenden Kindersitz bereitgestellt. Der ist ebenso durchdacht wie das Fahrrad selbst: Die Sitzbank kann nach oben geklappt werden, was bei Fahrten ohne Passagiere den Stauraum erweitert. An der Unterseite ist zudem ein Gepäcknetz angenäht. Auf dem Sitz finden zwei Kinder Platz, gesichert werden sie durch Fünfpunktgurte mit magnetischen Verschlüssen, die das Schließen erleichtern.
Laut Tarran sollten mitgenommene Kinder nicht größer als 1,26 m sein. Den Grund dafür sehen wir schnell: Die Passagiere sitzen im T1 Pro im Vergleich zu anderen Lastenrädern recht hoch, wodurch Köpfe und Lenker sich sehr nah kommen können. Auch bei Kindern unter 1,26 m ist ein Helm doppelt Pflicht – den sollten sie natürlich immer tragen, beim T1 Pro könnten sie sich allerdings beim Überqueren eines Bordsteins oder anderen größeren Hindernissen den Kopf am Lenker anschlagen.
Auch ist die Ladewanne beim T1 Pro kürzer als bei anderen Modellen, bei zwei Kindern bleibt nicht allzu viel Platz für zusätzliches Gepäck. Dennoch sitzen und fahren auch zwei größere Kinder bequem mit.
Vollgepackt mit elektronischen Extras
Wie erwähnt, glänzt das T1 Pro nicht nur mit Fahrkomfort und hochwertiger Ausstattung. Der Hersteller hebt insbesondere die vielen elektronischen Features hervor. Vieles davon müsste üblicherweise extra gekauft werden, etwa die Dashcam oder die Blinker. Zudem sind gleich drei Lademöglichkeiten für elektronische Geräte verbaut: zwei USB-C-Buchsen, eine in der Transportbox, die zweite am Handyhalter. Der kann Mobiltelefone zudem induktiv laden.
Die Blinker gefallen uns wirklich gut, auch wenn die Steuerung ein wenig umständlich ist, da wir an den rechten Rand des Schaltpanels müssen. Etwas irritierend ist zudem, dass der Blinker, offensichtlich abhängig vom Lenkwinkel, teils automatisch deaktiviert wird, teils nicht. So haben wir uns auch nach vier Wochen Testen noch regelmäßig ertappt, dass wir blinkend gefahren sind, obwohl wir längst abgebogen waren.
Auch die Beleuchtung gefällt uns, das Tagfahrlicht an der Front ist standardmäßig immer eingeschaltet, die Rückleuchte fungiert gleichzeitig als Bremsleuchte. Nach vorne leuchten gleich zwei Scheinwerfer die Fahrbahn aus, die zudem noch zwischen Fern- und Abblendlicht umgeschaltet werden können. Das Fernlicht reicht zwar, anders als der Name erwarten lässt, nicht weiter, leuchtet die Umgebung aber weiträumiger aus. Die Scheinwerfer sind dabei extrem hell, möglicherweise wäre sogar eine leichte Verringerung der Helligkeit sinnvoll, um den Gegenverkehr weniger zu blenden.
Nicht vollends überzeugen konnten uns hingegen die eingebauten Lautsprecher. Im Stadtverkehr sind sie zu leise, bei Fahrten in ruhigerer Umgebung sind sie für Ansagen einer Navigationssoftware oder zum Musik hören sehr angenehm. Die Übertragung erfolgt mittels Bluetooth. Die Qualität ist allerdings nicht besonders überzeugend, zumal wir die Lautstärke fast aufs Maximum stellen müssen. Das Hauptproblem ist dabei, dass die Lautsprecher aufgrund ihrer Ausrichtung unsere Beine beschallen, statt unserer Ohren.
Interessante Features, aber nicht zu Ende gedacht
Auch die Dashcam finden wir eine gute Idee. Aufnahmen werden in 3 Minuten langen Sequenzen angelegt und regelmäßig wieder gelöscht. Das sorgt dafür, dass die Speicherkarte nicht irgendwann voll ist, außerdem ist ein permanentes Aufzeichnen der Umgebung in Deutschland verboten.



Nicht voll durchdacht ist allerdings der Mechanismus, um Aufnahmen dauerhaft zu speichern. Eine manuelle Möglichkeit gibt es hierfür während der Fahrt nicht. Wir können lediglich drei automatische Auslöser einstellen: Notbremsung, Erschütterung oder Klingeln. Während die beiden ersten Optionen etwa bei gefährlich engen Überholmanövern nicht auslösen, hätten wir bei der letzten Option haufenweise Videos von Situationen, die wir überhaupt nicht aufzeichnen wollen würden – etwa, wenn wir mittels der übrigens ebenfalls elektronischen Klingel Fußgänger auf uns aufmerksam machen.
Nicht überzeugen konnte uns das Kollisionswarnsystem. Den akustischen Alarm haben wir nach einer Weile entnervt deaktiviert. Während wir auf mit zu geringem Seitenabstand überholende Autos regelmäßig nicht akustisch hingewiesen wurden, meldete der Alarm sich alle paar Sekunden, wenn uns ein anderer Radfahrer folgte. Die Autos hatte das System zwar erkannt und auf dem Display angezeigt, aber offensichtlich nicht als gefährlich genug für eine akustische Warnung eingestuft. Gewarnt wurden wir hingegen regelmäßig beim Abbiegen vor Fahrzeugen, die das System auf einer anderen Spur entdeckte oder einem mit vier Metern Entfernung auf einer Busspur vorbeifahrenden Bus.
Auch andere Features sind nicht immer ganz glücklich umgesetzt.
Selfiekamera, Diebstahlschutz, Tastenverwirrung und App
Ein besonderes Merkmal ist die verbaute Selfiekamera. Sie filmt Fahrer und in der Transportbox sitzende Kinder oder Tiere. Tarran hebt sie besonders hervor – umso enttäuschender ist die schlechte Bildqualität. Fotos und Videos zeigen deutliche Artefakte.
Gleiches gilt für die Dashcam-Aufnahmen. Sie sind zwar grundsätzlich brauchbar, Kennzeichen etwa sind erkennbar. Bei der Frontkamera gilt das allerdings nur tagsüber – bei Nacht nimmt sie sich immer selbst mit auf, die Linse erscheint als Ring auf den Aufnahmen. Der Grund dafür scheint das schräge Einstrahlen der Scheinwerfer zu sein.
Gewöhnungsbedürftiges Bedienkonzept
Die Bedienung der vielen Funktionen des T1 Pro erfolgt über eine Reihe von Tasten auf der linken Seite des Lenkers und über das 5,2-Zoll-Display. Das ist auch bei heller Umgebung gut ablesbar und zeigt normalerweise beim Fahren das Bild der Heckkamera sowie Geschwindigkeit und andere Parameter. Den virtuellen Rückspiegel haben wir durchaus zu schätzen gelernt, um den rückwärtigen Verkehr im Auge zu haben, auch wenn er den Schulterblick nicht ersetzt.
In diesem Modus können wir allerdings nicht die Lautstärke der Lautsprecher ändern – dafür müssen wir erst die Kameraansicht verlassen und in die Musikansicht wechseln. Die Verwirrung komplett macht, dass die Lautstärke an Mobiltelefon und Fahrrad getrennt eingestellt wird. Der große Funktionsumfang zeigt sich am Bedienelement in Form vieler Knöpfe, die teils zudem noch mehrfach oder abhängig von der aktuellen Ansicht belegt sind. Auch nach vier Wochen Test mussten wir teils noch den passenden Schalter suchen. Die Bedienung zumindest mit dünnen Handschuhen gelingt allerdings gut.



Volle Funktion nur mit App
Um alle Features des T1 Pro nutzen zu können, müssen wir die zugehörige App installieren. Sie ist für Android und iOS verfügbar, ist übersichtlich und hat in unserem Test ohne Probleme funktioniert. Die App ermöglicht etwa das Sperren und Entsperren des Fahrrads, entweder direkt über den Bildschirm oder automatisch beim Weggehen oder Näherkommen – hierfür wird Bluetooth genutzt. Wir können das Fahrrad zudem dank eingebautem GPS-Empfänger orten.
Zudem verfügt das T1 Pro über eine eingebaute Alarmanlage: Wird es im Sentry Mode bewegt, beginnt es zu blinken und laut zu hupen, außerdem kann die Selfiekamera ein Video aufnehmen. Wir bekommen außerdem über die App eine Benachrichtigung, was in unserem Test mit nur geringer Verzögerung zuverlässig funktionierte. Über die App können wir den Alarm deaktivieren oder das Fahrrad in den sogenannten Lost Mode versetzen. In dem soll es unbenutzbar sein, bis er wieder deaktiviert wird.
Im Test machte die Alarmanlage einen guten Eindruck, sie reagierte nicht zu empfindlich. Es braucht einen etwas kräftigeren Rempler, um sie auszulösen. Wir konnten das T1 Pro sogar vorsichtig anheben und schieben, beim Absetzen löste der Alarm aus.
Nicht testen konnten wir die Navigation – Tarran will dieses Feature noch per Software-Update ausliefern. Auf dem Display wäre sie sehr gut aufgehoben, das im Halter sehr tief sitzende Smartphone eignet sich nicht gut dafür.
An Funktionen mangelt es dem T1 Pro also nicht – aber um auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Braucht man das alles auch? Zeit für unser Fazit.
Tarran T1 Pro: Verfügbarkeit und Fazit
Aktuell bieten deutschlandweit 28 lokale Händler das T1 Pro an – hauptsächlich in Großstädten. Das Lastenrad kann aber auch über die Homepage des Herstellers bestellt werden und wird dann per Spedition geliefert. Auch unser Testmuster kam auf diesem Weg. Die Ausstattung lässt bereits erahnen, dass das Rad nicht günstig ist: Mit 6.999 Euro reißt es ein großes Loch in den Geldbeutel.
Angesichts von Ausstattung und Verarbeitung ist das durchaus ein gerechtfertigter Preis, zumal ähnliche Räder anderer Hersteller oft nicht wesentlich günstiger sind. Für Zubehör lässt sich allerdings noch einmal einiges an Geld ausgeben: Kindersitz und Regenverdeck kosten je 329 Euro, ein zweiter Akku 599 Euro. Wer damit rechnet, dass Kinder auch mal im Rad einschlafen, sollte zudem den zusätzlichen Schutzkragen für 199 Euro kaufen.
Hinzu kommen langfristig noch Kosten für einen Mobilfunkvertrag. Ohne das integrierte 4G-Modem lassen sich viele Funktionen wie Ortung, Diebstahlwarnung und Over-the-Air-Updates nicht nutzen. Für das erste Jahr ist die Datennutzung kostenlos, was ein anschließender Vertrag kostet, konnte uns Tarran noch nicht sagen – die Verhandlungen mit Mobilfunkanbietern liefen noch.
Fazit: Ein Lastenrad für Technikliebhaber
Das Tarran T1 Pro ist definitiv ein tolles Lastenrad, das sich angenehm fährt. Selber kaufen würden wir es allerdings nicht, und das liegt gerade an der vielen Elektronik – was von einem ITler eine seltsame Aussage sein mag. Der Grund dafür ist einfach: Je mehr Technik, desto mehr kann kaputtgehen, und bei den Motoren für Stützräder und Ständer etwa könnte es schwer werden, Ersatz zu bekommen, sollte Tarran etwa in die Insolvenz gehen.
| Fahrergröße | 155 - 195 cm |
| Passagiergröße | 126 cm |
| max. Gewicht | 65 kg Ladewanne, 27,5 kg Gepäckträger, 100 kg Fahrer; Gesamt 220 kg |
| Reifen | Schwalbe Pick-up / 55-406 / 20" x 2,15" |
| Motorleistung | Mittelmotor, Hepha (100 Nm / 250 W, 750 W max. / 25 km/h) |
| Akkukapazität | 2x HEPHA BT-700BH (angepasst), 708 Wh, entnehmbar |
| Ladezeit | ca. 5,5 Stunden |
| Reichweite laut Hersteller (Eco) | 100 km (1 Akku) / 200 km (2 Akkus) |
| Gewicht | 65 kg |
| Bremsen | hydraulische Scheibenbremsen TRP C2.3 |
| Schaltung | Enviolo Heavy Duty, stufenlos |
| Material Rahmen | Aluminium |
| Lieferumfang StVZO-konform | ja |
| Preis | 6.999 Euro |
Und längst nicht alle Features des T1 Pro finden wir sinnvoll. Dazu gehört etwa, dass ohne Strom nicht einmal mehr der Ständer funktioniert. Das Rad kann zwar gefahren werden, ist aber der Ständer ausgefahren, bekommt man es nicht vom Fleck. Das ist beim Abstellen ebenfalls ein Problem, weshalb Tarran einen normalen Fahrradständer beilegt, der zusätzlich angebracht werden kann.
Wer jedoch hochwertige Fahrradtechnik und elektronische Features mag und bereit ist, für ein Fahrrad recht tief in die Tasche zu greifen, wird vom T1 Pro begeistert sein.