Verdi: Anti-Streik-Aktion bei Amazon könnte gesteuert sein
Mehr als 1.000 Pro-Amazon-Unterschriften, dazu eine geplante T-Shirt-Aktion sind das bisherige Ergebnis der Gegenrichtung im aktuellen Tarifstreit bei Amazon. Dazu heißt es bei der Tageszeitung Weser-Kurier(öffnet im neuen Fenster) : "Vorstellbar, dass die Angestellten vor ihrer Aktion – wie von Verdi umgehend vermutet – vielleicht sogar von der Unternehmensführung unter Druck gesetzt wurden."
Auf die Frage von Golem.de, ob es Belege dafür gebe, sagte einer der Verdi-Streikführer: "Es ist zumindest nicht auszuschließen. Uns liegen diesbezüglich Berichte vor. Ich traue mich aber noch nicht zu behaupten, dass die Aktion von Amazon durch aktives Handeln gesteuert ist." Verdi berichtet bei Facebook(öffnet im neuen Fenster) , die Gewerkschaft habe erfahren, dass "diese Unterschriften beispielsweise in Leipzig" , von wo rund zwei Drittel der Unterschriften stammten, "unter Aufsicht des Managements eingeholt wurden."
Nach einem Bericht der Neuen Osnabrücker Zeitung(öffnet im neuen Fenster) hatten 1.018 Beschäftigte der Standorte Leipzig und Bad Hersfeld mit einer Unterschriftenaktion Ende Dezember erklärt, dass sie sich "distanzieren von den derzeitigen Zielen, Argumenten und Äußerungen der Verdi, die in der Öffentlichkeit über Amazon und damit über uns verbreitet werden" . Die Mitarbeiter betonen, dass das von der Gewerkschaft erweckte "negative öffentliche Bild" sie "bis ins Privatleben" verfolge. Verdis Darstellungen entsprächen "nicht der Realität und nicht unserem täglichen Arbeitsleben" , heißt es in dem Aufruf.
"Die Angabe von 1.000 sei derzeit nicht belegt" , so der Verdi-Sprecher. "Sofern dies eine Eigeninitiative von Beschäftigten ist, ist das ein Ausdruck von Demokratie. Solange dies nicht zu Störungen des Betriebsfriedens führt, haben alle beteiligten Parteien dies auszuhalten."
Amazon hatte schon am 27. Dezember 2013 in einer Pressemitteilung geschrieben: "Mittlerweile wehren sich auch Mitarbeiter gegen die aus ihrer Sicht falsche Darstellung des Unternehmens. Allein im Logistikzentrum Leipzig übergaben sie dem Management am Freitag vor Weihnachten über 700 Pro-Amazon-Unterschriften, gesammelt von der dortigen Belegschaft. Sie distanzieren sich damit von den Methoden der Gewerkschaft Verdi und schreiben: 'Wir arbeiten gern bei Amazon.' Das teils negative Bild, das über Amazon verbreitet werde, decke sich nicht 'mit dem Empfinden und der Einstellung vieler Mitarbeiter'. Auch andernorts hatten sich Mitarbeiter entsprechend zu Wort gemeldet, etwa in Zeitungsinterviews oder auf der Video-Plattform Youtube."
Die Streikenden und ihre Gewerkschaft wollen bei dem Internetversandhändler einen Tarifvertrag durchsetzen. Die Geschäftsführung bezeichnet Amazon als Logistikunternehmen, für das die Tarifverträge der Versandhandelsbranche nicht gelten, und lehnt Verhandlungen ab. An keinem der deutschen Standorte gibt es eine Tarifbindung. Das Unternehmen zahlt nach einem firmeneigenen Vergütungssystem, das deutlich unter den Tarifen des Einzel- und Versandhandels, aber deutlich über denen der Logistikbranche liegt. In Hessen beträgt der Einstiegslohn bei Amazon 9,83 Euro, nach Tarif müssten es 12,18 Euro sein. In Leipzig beträgt der Einstiegslohn 9,30 Euro, nach Versandhandelstarif müsste Amazon 10,66 Euro pro Stunde bezahlen.
Rund 1.800 der 9.000 deutschen Amazon-Beschäftigten hätten sich an der aktuellen Streikserie beteiligt.
Nachtrag vom 7. Januar 2014, 17:30 Uhr
Amazon-Sprecherin Christine Höger sagte Golem.de: "Dies ist eine Initiative der Amazon-Mitarbeiter der Logistikzentren – das Management von Amazon hat keinerlei Einfluss genommen, und verwahrt sich gegen eine derartige Behauptung. Es ist respektlos zu behaupten, dass die mehr als 1.000 Mitarbeiter, die sich hier engagieren, keine eigene Meinung haben."