Tamagotchi Uni: Sitzt neben seinem Häufchen und weint

Ich weiß nicht genau, zu welchem Zeitpunkt Heinz I. verstorben ist - es muss innerhalb der Woche geschehen sein, in der ich mein Tamagotchi Uni in die Hände meines Kollegen Martin gelegt habe. Bandais jüngste Version seines Elektronikspielzeugs, in dem Nutzer sich um ein kleines Wesen kümmern müssen, war da gerade erst eingerichtet und mein Tamagotchi frisch geschlüpft.
Ja, ich gebe zu: Dass ich Heinz I. im Büro vergessen und den Rest der Woche von zu Hause aus gearbeitet habe, hat möglicherweise zu seinem kurzen Leben beigetragen. Die Antwort des Kollegen, nachdem ich ihn gebeten hatte, sich um das Tamagotchi zu kümmern, hätte mir eine Warnung sein können: "Hm hmmmm..."
Glücklicherweise hat das Tamagotchi Uni nicht nur einen Farbbildschirm, sondern auch einen Reset-Button (beides hatte das allererste Tamagotchi in Japan 1997 nicht). Mithilfe eines SIM-Piekers kann ich schnell von vorne anfangen und Heinz II. ins Leben rufen. Das Spielprinzip ist vergleichbar mit den ersten Tamagotchis aus den 90ern: Ich habe mich um ein kleines Geschöpf zu kümmern (offiziell aus dem All), indem ich es füttere, mit ihm spiele und seine Hinterlassenschaften entsorge.
Am Design hat sich nicht viel geändert - an der Technik schon
Die Steuerung erfolgt über drei Buttons; das ganze Design des Tamagotchi Uni erinnert mich sehr an das Spielzeug, das ich in den 1990er Jahren besessen habe. Bandai hat die neue Version allerdings um einige moderne Funktionen erweitert: Neben dem Farbbildschirm ist das vor allem WLAN sowie die Möglichkeit, zwei Tamagotchi Uni zu verbinden und die Wesen miteinander kommunizieren zu lassen.

Wie beim ursprünglichen Tamagotchi (und den Versionen danach) ist mein neuer kleiner Freund nach dem Schlüpfen hungrig und grantig. Nachdem wir mit Rasseln gerasselt, das Geschöpf mit Milch gefüttert und die ersten Hinterlassenschaften beseitigt haben, ist es auch schon Zeit für den ersten Wachstumsschub. Je größer mein Tamagotchi wird, desto mehr Möglichkeiten für die Interaktion stehen zur Verfügung.








So kann ich Heinz II. nicht nur anderes Futter geben und sogar Sushi liefern lassen, sondern ihn dank WLAN-Anbindung auch ins Tamaversum mitnehmen. Dort treffen wir andere Tamagotchis, können Herzen verteilen und an Partys teilnehmen. Auch fertige Outfits lassen sich im Tamaversum kaufen, die offenbar von anderen Nutzern in verschiedenen Teilen der Welt stammen - bei der Einrichtung musste ich wählen, wo mein Tamagotchi wohnt.
Seine Artgenossen im Tamaversum gehören aber nicht anderen Nutzern. Bandai zufolge sind sie im Tamaversum "aufgewachsen" .
Auch kann ich das Tamagotchi spazierengehen lassen. Nach Ablauf des 20-minütigen Ausflugs kommt Heinz II. mit einigen Rohstoffen zurück, die ich zum Basteln von Accessoires verwenden kann. Auch in die Spielhalle können wir gehen: Über drei mehr oder weniger kurzweilige Minispiele lässt sich Tamagotchi-Geld verdienen, das ich für Möbelstücke, Essenslieferungen oder Outfits verwenden kann.
Tamagotchi am Uhrenarmband = Fashion?
Für eines der Spiele trage ich das Tamagotchi Uni am mitgelieferten Uhrenarmband, in das das Gerät eingelegt wird. Womöglich ist das für gewisse Altersgruppen durchaus Fashion, ich verwende diese Tragevariante lieber nur drinnen.
Im Spiel muss ich mir Tanzpositionen merken und nachstellen, was dank des verbauten Gyroskops erstaunlich gut funktioniert. Ich bekomme schnell das Gefühl, dass ich Heinz II. verglichen mit einem 90er-Jahre-Tamagotchi eine Menge mehr bieten kann.
Die Bedienung über die drei Knöpfe und der kleine Bildschirm mit einer Diagonale von nur 3,7 cm ist angesichts der doch überraschend umfangreichen Möglichkeiten, die das Tamagotchi Uni Nutzern bietet, etwas dürftig. Die linke Taste dient der Auswahl, mit der mittleren bestätige ich die Eingaben und die rechte führt zurück.








Da die unterschiedlichen Orte, etwa das Tamaversum oder Außengebiete wie die Spielhalle oder die Spaziergänge, im Grunde verschachtelte Menüs sind, wird die Sache manchmal etwas unübersichtlich. Vor allem, wenn im Tamaversum noch lauter andere Tamagotchis auf dem Bildschirm herumspringen, ist mir manchmal nicht mehr ganz klar, wo ich gerade bin. Dass die eigentliche Zielgruppe des Geräts, also Kinder, die Menüs besser als ich versteht, will ich nicht ausschließen.
Wenn zwei Tamagotchis sich treffen
Mein Tamagotchi ist vom Aussehen her erst mal nicht einzigartig, insgesamt gibt es 21 Figuren. Bandai zufolge soll die Erziehung aber einen Einfluss auf den Charakter haben - wie genau, verrät der Hersteller nicht. Außerdem lässt sich das Wesen mit Accessoires individualisieren; die Möglichkeiten dazu sind recht vielfältig.
Frühere Geräte verfügten teilweise über eine Infrarotschnittstelle, über die sie mit anderen Tamagotchis verbunden werden konnten. Die Wesen konnten sich dann treffen und bei bestimmten Geräten auch Nachwuchs zeugen.
Das Tamagotchi Uni ermöglicht das auch, und zwar über das eingebaute WLAN-Modul: Treffen wir ein zweites Tamagotchi Uni (wie es der Zufall so will, hat Kollege Martin ebenfalls eines bekommen), können die beiden Wesen miteinander agieren.
Unter anderem lassen sich Geschenke austauschen, Bandai zufolge können Tamagotchis sich auch verpartnern. In der nächsten Tamagotchi-Generation auf dem Uni können Nutzer dann einen besonderen Charakter bekommen.
Die Interaktion unserer beiden Tamagotchis funktioniert problemlos: Die beiden Geräte verbinden sich über WLAN, die Verbindung wird über einen Code gesichert, den Kollege Martin auf seinem Tamagotchi Uni eingeben muss. Anschließend watschelt sein Tamagotchi zu meinem und die beiden freuen sich gut eine halbe Minute lang.
Wird es Abend, geht Heinz II. ins Bett; glücklicherweise schläft der kleine Racker durch. Grundsätzlich bin ich positiv überrascht, wie sehr sich das Tamagotchi Uni zurückhält, mich mit Benachrichtigungen zu nerven. Nur wenige Male am Tag meldet sich das kleine Ei bei mir, etwa wenn Heinz II. hungrig oder unglücklich ist. Dabei piept es über den eingebauten Lautsprecher, der auch immer mal wieder kleine Melodien abspielt. Wen das nervt, der kann den Ton abschalten.
Das schlechte Gewissen spielt bei mir mit
Vergesse ich Heinz II. aber mal für eine Zeit, kann es passieren, dass er weinend neben einem Häufchen sitzt. Das schlechte Gewissen ist bei mir dann nie fern, obschon es sich natürlich um ein Spielzeug handelt. Die Präsentation ist aber so niedlich, dass Heinz mir schnell ans Herz gewachsen ist.
Wer gerade keine Lust oder Zeit hat, sich um das Tamagotchi zu kümmern, kann ab der dritten Entwicklungsstufe auch einen Babysitter anstellen. Der kümmert sich auch in meinem Fall um Heinz II., ohne dass ich eingreifen muss. Allerdings sollte man die Betreuung nicht zu oft und zu lange nutzen - das Tamagotchi wird dann traurig, weil es mich vermisst.
Der Akku wird über einen USB-C-Anschluss geladen und hält bei uns problemlos mehrere Tage durch. Wird das Tamagotchi Uni längere Zeit am Tag verwendet, dürfte diese Zeit entsprechend sinken. Um den Akkustand abzulesen, muss das Gerät in den Uhrmodus geschaltet werden: Dazu wird die linke Taste ein paar Sekunden lang gedrückt.
Mit einem unserer Tamagotchi Uni haben wir zum Ende des Tests leider ein ärgerliches Problem gehabt: Mein Gerät mit Heinz II. gab von einem Abend auf den nächsten Morgen den Geist auf. Trotz am Abend noch halbvollem Akku ließ sich das Gerät plötzlich nicht mehr einschalten, es reagierte überhaupt nicht mehr.
Auch ausdauerndes Laden hat nicht geholfen, ebenso wenig funktionierte der Reset. Das Gerät ist nicht heruntergefallen oder wurde anderweitig malträtiert - zumal das Tamagotchi Uni für Kinder gedacht ist und ein bisschen was aushalten sollte.
Verfügbarkeit und Fazit: Tamagotchi Uni
Das Tamagotchi Uni ist im Onlinehandel je nach Farbe zu Preisen zwischen 69 und 84 Euro erhältlich. Die pinke Version kostet 69 Euro, die violette Variante 71 Euro. Die vor Kurzem vorgestellte blaue Version ist mit 84 Euro am teuersten. Technisch gesehen unterscheiden sich die Geräte nicht. Sie kommen mit dem Uhrenarmband und einer alternativen Trageschlaufe.
Fazit
Das Tamagotchi Uni ist für Kinder der 1990er Jahre eine lustige Zeitreise und für heutige Kinder ein witziger Zeitvertreib. Bandai hat sich sichtlich Mühe gegeben, das alte Konzept in die Neuzeit zu übertragen: Das Füttern und Bespaßen des Tamagotchis wird durch eine Reihe von Minispielen und anderen Interaktionsmöglichkeiten aufgepeppt.
Bandai greift dabei auch auf Mittel wie eine In-Game-Währung zurück, was ich eigentlich nicht so gut finde. Aber immerhin kann man diese nirgendwo gegen Echtgeld kaufen und bekommt sie bei nahezu jeder Beschäftigung hinterhergeworfen.
Das Tamagotchi Uni ist darauf ausgelegt, länger benutzt zu werden. Nicht nur lassen sich immer neue Generationen an Tamagotchis spielen, auch besteht der Alltag aus mehr als Füttern und dem Wegräumen von Tamagotchi-Kötteln.








Die Minispiele und das Tamaversum sollten zumindest für einige Zeit für Unterhaltung sorgen - wirklich langfristigen Spielspaß dürfte das Tamagotchi Uni zumindest für Erwachsene eher nicht bieten. Bei kleineren Kindern frage ich mich, wie lange das überhaupt nicht kratzfeste Display durchhalten wird.
Ältere Kinder könnten die Minispiele irgendwann langweilig finden - vor allem, wenn sie schon so alt sind, dass sie ein Smartphone mit wesentlich interessanteren Beschäftigungsmöglichkeiten besitzen. Positiv finde ich, dass das Tamagotchi Uni sich nicht andauernd meldet und an sich kein aktiver Zeitfresser ist, im Gegensatz zu mancher Spiele-App.
Für mich obsiegt der Charme der Erinnerungen an mein Tamagotchi aus den 1990er Jahren, der mich zumindest eine Weile mit dem Tamagotchi Uni spielen lässt. Wer kleine Minispiele und kurze Unterbrechungen zwischendurch mag, für den ist das Tamagotchi Uni ein netter Zeitvertreib. Das muss einem aber bis zu 84 Euro wert sein - und man sollte hoffen, kein Montagsgerät zu erhalten, das nach einer Woche Nutzung plötzlich den Geist aufgibt.



