SXSW 2012: Konzerne unterwandern das Festival der Technik-Hippies

Für jeweils zehn Tage im März ist das texanische Austin einer der angesagtesten Orte der USA. Dann findet das South by Southwest-Festival(öffnet im neuen Fenster) (SXSW) statt. Eigentlich ein Film- und Musikfest, hat sich die Veranstaltung zu einem Treffpunkt der Technikbranche entwickelt. SXSW Interactive(öffnet im neuen Fenster) , die interne Technikkonferenz, verbuchte 2010 erstmals mehr Besucher als das Filmfestival. In den letzten beiden Jahren stiegen die Besucherzahlen um je rund 40 Prozent – ein Rekord, der sich in diesem Jahr fortsetzen dürfte. Auch viele deutsche Startups machen sich inzwischen regelmäßig auf den Weg nach Texas.
Denn das SXSW bietet ein attraktives Versuchsgelände. Nicht nur treffen Tausende junge und vermeintlich technikaffine Besucher zusammen, auch die Ausrichtung des Festivals ist besonders: Da sich viele Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten der Stadt befinden, fordert das SXSW von seinen Besuchern viel Organisation und Vernetzung. Damit fördert es genau die Produkte, die sich dieser Bedürfnisse annehmen. Mobil muss es sein, ortsgebunden und am besten auch noch "social". Dementsprechend waren in den vergangenen Jahren vor allem die Dienste erfolgreich, die sich die Verknüpfung aus Personen- und Ortsdaten zunutze machten.
Am Ende der Woche lässt sich allerdings sagen: Innovationen sucht man dieses Mal vergeblich. Mit Pinterest(öffnet im neuen Fenster) und Path(öffnet im neuen Fenster) hatten zwei der beliebtesten Netzwerke der letzten Monate den Sprung vom Geheimtipp zum Erfolg bereits vor dem SXSW geschafft. Was blieb, waren vor allem Dienste, die auf bekannten Ideen basierten.
So auch Highlight(öffnet im neuen Fenster) , ein Instrument, das nach der Auswertung des Technikblogs Mashable unter den Besuchern am meisten diskutiert wurde(öffnet im neuen Fenster) . Bei Highlight handelt es sich um einen sogenannten passiven Ortsdienst. Anders als Foursquare, bei dem die Nutzer sich aktiv an bestimmten Plätzen einloggen, findet Highlight automatisch andere Nutzer an gleichen Orten. Auch die Konkurrenten von Sonar(öffnet im neuen Fenster) , Glancee(öffnet im neuen Fenster) und Banjo(öffnet im neuen Fenster) (die beiden letzteren gibt es auch für Android) stellten ähnliche Produkte vor.
Die Funktionsweise dieser umgebungsbasierten ("ambient") sozialen Netzwerke ist nicht neu. Dienste wie Google Latitude basieren auf dem gleichen Prinzip. Neu ist allerdings, dass Highlight und Co. durch die Integration von Facebook- und Twitter-Profilen in der Lage sind, Nutzer mit gleichen Interessen oder aus der gleichen Branche zu finden. Als "einen lustigen Weg, mehr über Menschen zu erfahren" bezeichnet sich Highlight selbst auf seiner Website. Datenschützer der Electronic Frontier Foundation (EFF) fürchten derweil neue Gefahren(öffnet im neuen Fenster) , die durch diese Art der passiven Informationsfreigabe entstehen.
Andere Unternehmen nutzten die Woche in Austin weniger zur Vorstellung neuer Produkte als für PR-Arbeit. Der Fotodienst Instagram(öffnet im neuen Fenster) verkündete zur Freude vieler Besucher, bald eine Android-App zu veröffentlichen(öffnet im neuen Fenster) . Mit rund 27 Millionen iPhone-Nutzern gehört Instagram bereits jetzt zu den größten Foto-Communitys im Netz.
Soweit ist der Musikstreaming-Dienst Rdio(öffnet im neuen Fenster) noch nicht: Das Unternehmen des Skype-Gründers Janus Friis stellte auf dem SXSW ein komplett neues Interface(öffnet im neuen Fenster) vor, das nicht nur gut aussieht, sondern auch mehr Fokus auf die sozialen Aspekte des Musikhörens legt. Dennoch dürfte Rdio es weiterhin schwierig gegen die Konkurrenz von Spotify und iTunes haben.
Längst nutzen große Firmen das Treffen für ihre PR
Die Cloud ist auch das Stichwort von Wevideo(öffnet im neuen Fenster) . Der Online-Videoeditor ermöglicht Nutzern, gemeinsam Videos zu bearbeiten. Der mit Youtube kooperierende Dienst hat im Januar die Betaphase verlassen und hat nach eigenen Angaben bereits rund 150.000 Nutzer. Auf dem SXSW rief das Unternehmen einen eigenen Wettbewerb aus, in dem sich Startups per Video präsentieren konnten.
Von sich reden machte auch Shapeways(öffnet im neuen Fenster) . Das New Yorker Startup hat sich auf 3-D-Druck spezialisiert: Nutzer können sowohl ihre eigenen Ideen direkt über Shapeways drucken lassen, als auch mithilfe eines Online-Editors selbst komplexe Objekte entwerfen und mit anderen Nutzern teilen. Das ist gerade angesichts der technischen Entwicklungen und zunehmenden Erschwinglichkeit des 3-D-Drucks für die Zukunft interessant.
Ein Marketingkonzept präsentierte Grandstand(öffnet im neuen Fenster) : Es verbindet Elemente von Gamification mit den Funktionen von Twitter, Facebook und Foursquare: Durch Foursquare-Checkins beispielsweise können Preise oder Aktionen wie ein besserer Sitzplatz im Fußballstadion freigeschaltet werden. Auch das ist nicht gänzlich neu, konnte aber in der ansprechenden Umsetzung einige Experten überraschen.
Der Erfolg bringt Probleme mit sich
Während die Besucherzahl neue Rekorde aufweist, sehen einige Teilnehmer die Entwicklung der Veranstaltung kritisch. Zwar bietet das SXSW weiterhin einen attraktiven Rahmen für neue Produkte, doch ist auch das Interesse der Besucher an neuen Produkten irgendwann gestillt.
Gerade kleinere Startups sehen sich zunehmend von der Masse verdrängt. Joe Kraus, Berater der Risikokapitalanleger Google Ventures, sagte der Nachrichtenagentur Reuters(öffnet im neuen Fenster) , dass er seinen Klienten davon abrät, neue Produkte auf dem SXSW vorzustellen. Auch andere(öffnet im neuen Fenster) glauben inzwischen nicht mehr an die Möglichkeit des SXSW, neue Produkte auf einen Schlag bekannt zu machen.
In der Vergangenheit ist das ein paar Mal spektakulär geglückt. Twitter beispielsweise wurde zwar nicht auf dem SXSW vorgestellt, doch war die Rolle des Festivals und seiner Besucher als Multiplikator nicht unerheblich für den Erfolg des Nachrichtendienstes. Auch die beiden Geolocation-Dienste(öffnet im neuen Fenster) Foursquare, das seine App vor zwei Jahren auf dem SXSW präsentierte, und Gowalla verdanken einen Teil ihres Erfolgs dem Festival.
Allerdings nutzen zunehmend große Unternehmen das Marketingpotential der Veranstaltung. Vergangenes Jahr hatte bereits Apple einen vorübergehenden Store auf dem SXSW errichtet. In diesem Jahr waren es Microsoft, Google und Samsung, die durch große Events und illustre Gäste auffielen. "Big brands, big bands" – große Marken, große Bands, schrieb die New York Times(öffnet im neuen Fenster) . Es sind ungewohnte Worte für eine Veranstaltung, die sich lange Zeit gerade durch alternative und verschrobene Ideen auszeichnete.
Die SXSW-Macher sind sich der veränderten Rolle bewusst: "Accelerator", Beschleuniger, heißt die offizielle Veranstaltung, die seit vier Jahren die jeweils innovativsten Startups kürt (und in diesem Jahr von Microsoft gesponsert wird). Im eigens eingerichteten "Startup Village" können sich junge Unternehmer untereinander austauschen. "Es gibt einen Startup-Wahnsinn" , sagte SXSW-Interaktiv-Direktor Hugh Forrest dem Sender CNN(öffnet im neuen Fenster) und fügt hinzu: "Startups sind spannend, aber SXSW steht für mehr."



