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Super73 S2 im Test: Dieses Pedelec wird per App schnell illegal

Das E-Bike ist für den urbanen Raum gedacht. Allerdings haben wir herausgefunden, dass es zumindest in Deutschland gar nicht dort fahren darf.
/ Martin Wolf
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Sieht ein wenig nach Bonanza-Rad aus, fährt aber wesentlich schneller. (Bild: Jennifer Fraczek / Golem.de)
Sieht ein wenig nach Bonanza-Rad aus, fährt aber wesentlich schneller. Bild: Jennifer Fraczek / Golem.de

Die Firma Super73(öffnet im neuen Fenster) kommt aus dem kalifornischen Orange County – einen Namen, den einige vielleicht aus dem Fernsehen kennen: vom Unternehmen Orange County Choppers(öffnet im neuen Fenster) . Dessen extravagante Motorrad-Umbauten und interne Zwistigkeiten(öffnet im neuen Fenster) waren Thema einer über 200 Episoden langen Reality-TV-Serie(öffnet im neuen Fenster) . Die beiden haben jedoch nichts miteinander zu tun, die TV-Serie spielte anfangs im Bundesstaat New York.

Wie die Motorräder aus der TV-Serie sehen auch die E-Bikes von Super73 alles andere als gewöhnlich aus. Sie wirken eher wie elektrische Mofas denn wie Fahrräder, was problematisch werden kann. Aber dazu später.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die technischen Spezifikationen, die gleich in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert sind. So ist das Gewicht von über 33 Kilogramm ebenso opulent wie die maximale Zuladung von über 145 Kilogramm. Noch beeindruckender wirkt allerdings die Leistungsangabe des Motors: 2.000 Watt.

In Deutschland sind maximal 250 Watt für normale Pedelecs legal, allerdings mit der Ausnahme von kurzzeitigen Leistungsspitzen. Darauf bezieht sich Super73 im Datenblatt.

Das Rad wirkt mit seinen 20-Zoll-Reifen und dem fast 1.000 Wattstunden fassenden Akku mit Tank-Anmutung sehr bullig. Der Sitz ist eher eine Bank, es gibt im Auslieferungszustand keine Möglichkeit, Taschen zu befestigen. Dafür sind jede Menge Bohrungen vorhanden, an denen sich allerlei separat erhältliche(öffnet im neuen Fenster) Gepäckträger und sonstige Utensilien befestigen lassen. Die Frontleuchte sieht nach Motorrad aus, hinten gibt es ein LED-Bremslicht unter dem Sitz.

Die lange und ungeschützte Kette läuft zum hinteren Schaltwerk der 8-Gang-Schaltung von Sram. Dort sitzt auch der große Motor in der Hinterradnabe.

Das Rad wurde uns in einem sehr stabilen Karton geschickt und war sorgsam verpackt. Lenker und Pedale ließen sich problemlos mit dem beigelegten Werkzeug montieren. Außerdem lag alles dabei, was das Rad benötigt, um StVZO-konform zu sein. Eine Checkliste gab uns am Ende das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben – leider fehlte ein entscheidender Hinweis.

Schneller, als die Polizei erlaubt

Das von uns getestete S2 wird explizit als urbane Variante beworben, dennoch fühlten wir uns wenig agil, als wir uns für unsere erste Fahrt auf den Sitz schwangen. Gemächlich fuhr das E-Bike in einer der drei Unterstützungsstufen an. Wir konnten zunächst nur bei höherer Geschwindigkeit einen Unterschied zwischen den Stufen feststellen.

Unser langsamer erster Ausflug hatte noch einen weiteren Hintergrund: Beim Schalten krachte es zum Gotterbarmen. Wir hatten die Befürchtung, dass uns die Kette abspringt. So erregten wir noch mehr Aufsehen im Stadtverkehr. Denn abgesehen vom auffälligen Äußeren ist das Super73 S2 auch recht laut. Das liegt einerseits am schnurrenden Motor und der rasselnden Kette, aber vor allem an der dicken Bereifung, die Abrollgeräusche verursacht.

Ein Youtube-Video(öffnet im neuen Fenster) zeigte uns, wie wir schnell und einfach die Gangschaltung justieren können, danach hatten wir keinerlei Probleme mehr mit springenden Gängen. Diese Information hätten wir uns in der Anleitung des Rades gewünscht, auch ein Eintrag auf der Checkliste wäre angemessen gewesen.

Unser zweiter Ausflug begann damit, dass wir die App(öffnet im neuen Fenster) näher unter die Lupe nahmen – sie bietet neben einem Tachometer und grundlegenden Aufzeichnungsfunktionen auch eine Motoreinstellung. Hier kann man das Super73 S2 entgegen den in Deutschland geltenden Bestimmungen auch auf Geschwindigkeiten von 35 oder sogar 45 km/h und hohe Motorleistungen trimmen.

Allein die Option dazu verstößt gegen die gesetzlichen Vorschriften, weil das S2 nicht als S-Pedelec verkauft wird. Da nützt auch die kleingedruckte Anmerkung des Herstellers nichts, dass man diese Modi in der EU nicht auf öffentlichen Straßen und Wegen aktivieren dürfe.

Wir hatten zu diesem Thema ein ausführliches Gespräch mit dem damaligen Leiter der Berliner Fahrradstaffel, der uns sagte: "Der § 1 Absatz 3 Straßenverkehrsgesetz (StVG) definiert abschließend, welche technischen Maximalleistungsparameter ein Pedelec aufweisen darf, um noch als Fahrrad im Sinne der Normierung zu gelten. Besteht die technische Möglichkeit zur Veränderung, erfüllt das bisherige Fahrrad nicht die Anforderungen als solches und wird dadurch zum Kraftfahrzeug. Wenn der Modus ausgewählt werden kann, ist das nicht zulässig – wenn dauerhaft der EU-Modus aktiv ist, dann gilt das Rad auch als klassisches Pedelec."

Auch das Super73 ZX , das 2021 auf den Markt kam, war demzufolge nicht uneingeschränkt straßentauglich.

Der Hersteller und einige Händler(öffnet im neuen Fenster) erklärten hingegen zunächst, dass es keinerlei rechtliche Hürden für den Betrieb des Pedelecs gebe.

Fakt ist jedoch: Wer damit in Berlin radelt und der Fahrradstaffel über den Weg fährt, dürfte Probleme bekommen. Die Kosten für ein solches Vergehen können sich schnell auf mehrere tausend Euro belaufen, wie uns ein Polizist, den wir dazu befragten, erklärte. Damit beendeten wir unsere Ausflüge auf öffentlichen Straßen und verlegten uns auf Privatgelände, wo wir die anderen Modi ausprobierten.

Super nur auf Privatgelände

Gibt man in der App die 35-km/h-Grenze frei, zieht das Rad noch immer gemächlich an, wenngleich wir natürlich eine höhere Geschwindigkeit erreichten. Erst mit Aktivieren der letzten beiden von vier Stufen in der App bekamen wir einen Leistungsschub, der uns an ein Elektromoped erinnerte und uns auf 45 km/h brachte.

So machte uns das Super73 S2 um einiges mehr Spaß. Positiv hervorzuheben ist hier auch, dass die Bremsen und die Gesamtkonstruktion ziemlich gut mit den höheren Kräften auskommen. Das legt nahe, dass der Hersteller das Pedelec eigentlich für genau diese Modi konzipiert hat. Es gibt bei den US-Bikes sogar noch einen Gashebel, dessen Anschlüsse bei unserem Modell jedoch traurig vorne vor dem Lenker baumeln.

Während des Testzeitraumes kontaktierte uns der Hersteller durch seine Agentur und gab zu verstehen, dass es ein App- und E-Bike-Update geben werde, das die kritischen Modi deaktivieren sollte. Die angesetzten Termine für diese Updates verstrichen allerdings und am Ende blieben Rad und App (Android) auf dem gleichen Stand wie vor unserem Test.

Ob in Zukunft noch mit dem Update – und damit der Legalisierung des Rades – zu rechnen ist, konnte man uns nicht sagen. Die App ist ansonsten funktional und gut gestaltet, sie kann Strecken aufzeichnen, Daten anzeigen und zur Navigation verwendet werden. Verbindungsprobleme hatten wir nicht.

Ein großer Pluspunkt ist unserer Meinung nach die lautstarke Hupe. Wir würden sie nicht als Ersatz für eine Klingel nutzen wollen, um Fußgänger zu erschrecken – aber gegen zu dicht heranfahrenden Autos erwies sie sich als probates Mittel. Leider ist auch diese in Deutschland nicht erlaubt(öffnet im neuen Fenster) .

Bei Autos: Hupen statt Klingeln

Leider verhakte sich der kleine Gummiknopf mehrmals und wir fuhren dann hupend ein paar hundert Meter weiter, bis wir ihn wieder lösen konnten. Weil er direkt unter dem Moduswahlschalter angebracht ist, hupten wir manchmal auch ungewollt, wenn wir ihn beim Umschalten mit dem Daumen berührten.

Der Akku schafft die vom Hersteller angegebenen 70 bis 120 Kilometer spielend, wir kamen bei gerader ebener Strecke und normalen Witterungsbedingungen auf rund 100 Kilometer Reichweite. Das Laden dauert mit dem beigelegten Netzteil ziemlich lang: Bis zu sechs Stunden sollte man einplanen. Dabei ist der winzige Stromanschluss direkt am abnehmbaren Akku etwas fummelig, zudem muss das Rad eingeschaltet sein, sonst fließt kein Strom.

Verfügbarkeit und Fazit

Verfügbarkeit

Das Super73 ist bei deutschen Online-Händlern ab 3.150 Euro erhältlich, der Hersteller bietet einiges Zubehör an(öffnet im neuen Fenster) .

Fazit

Das Super73 S2 fährt sich ziemlich gut – wenn man es denn so fährt, wie der Hersteller das vorgesehen hat. Leider ist genau das in Deutschland nicht ohne Weiteres legal. Mit voller Motorkraft und höherer Geschwindigkeit als 25 km/h macht das S2 Spaß, darf allerdings so gar nicht auf öffentlichen Straßen gefahren werden.

Der per App beschränkte EU-Modus ist hingegen nicht sonderlich spektakulär. Denn obwohl das S2 als "Hochleistungs-Elektrofahrrad" für den urbanen Raum beworben wird, bewegt es sich dort eher gemächlich und ist wenig agil.

Der Hersteller versicherte uns während des Testzeitraumes mehrfach, dass App und E-Bike mit einem Update versorgt werden würden, das den US-Modus ersatzlos streicht und das Rad damit auch auf deutschen Straßen legalisieren sollte. Leider kam dieses Update nie.

Die Grundausstattung mit 8-Gang-Schaltung und den gut funktionierenden Tektro-Scheibenbremsen ist solide. Auch Beleuchtung und Erweiterbarkeit durch viele Bohrungen im Alurahmen gefielen uns. Leider ist in der Standardausstattung kein Gepäckträger dabei.

Unser Highlight war definitiv die druckvolle Hupe, die uns mehr als einmal Autos vom Leib hielt. Nur ist selbst diese hierzulande nicht erlaubt.

Am Ende bleibt die Frage, für wen das S2 eigentlich gedacht ist – zumindest in Deutschland kann es sein Potenzial nur abseits der öffentlichen Straßen entfalten.


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