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Elektroautos: Hunderttausende Jobs in der Automobilindustrie gefährdet

Weil Elektroautos viel weniger Teile brauchen als Verbrenner, droht laut Ifo-Institut ein großer Stellenverlust im deutschen Automobilbau.
/ Peter Ilg
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Die Autoindustrie muss sich umstellen. (Bild: Pedro Vilela/Getty Images)
Die Autoindustrie muss sich umstellen. Bild: Pedro Vilela/Getty Images

Forscher des Münchner Ifo-Instituts haben im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie (VDA) die Auswirkungen der zunehmenden Produktion elektrisch betriebener Autos auf die Beschäftigung in Deutschland untersucht. Eine zentrale Frage ihrer Studie(öffnet im neuen Fenster) war, ob die in Rente gehenden Beschäftigten ausreichen, um absehbare Veränderungen in der Branche auszugleichen.

Hintergrund ist, dass Elektromotoren viel weniger Motorenteile benötigen als Verbrenner. Ein Auto mit Verbrennungsmotor braucht im Antriebsstrang Tausende Teile, ein Stromer Hunderte. Der ADAC geht von einem Faktor 10:1 aus. Neun von zehn Teilen fallen damit weg.

In der Automobilindustrie hängt aber knapp jeder zweite Arbeitsplatz an der Verbrennertechnik. Dazu kommen Beschäftigte bei Zulieferern von Teilen für Verbrennermotoren, was im Jahr 2019 in Summe zu 613.000 Arbeitsplätzen führt, die an diese Technologie gebunden sind. In den kommenden Jahren werden weniger Autos mit Verbrenner gebaut, gleichzeitig steigt der Anteil mit Elektromotor. Das verändert die Beschäftigung.

Redundant aufgebautes Personal

Ab 2015 hat die deutsche Automobilindustrie sich ernsthaft mit der Elektromobilität auseinandergesetzt, wie die Studie zeigt. Von diesem Zeitpunkt an fuhr sie zweigleisig: mit dem Verbrenner und dem Elektroantrieb. Im Zeitraum bis 2019 gingen die Herstellungskosten um 13 Prozent zurück, die Beschäftigung aber nur um 2 Prozent.

Dieses ungleiche Verhältnis führte zu einem Rückgang der Produktivität, der die Gewinne der Automobilindustrie reduziert. Grund dafür ist der parallele Aufbau von Fertigungs-, Einkaufs- und Organisationsprozessen. Auch das redundant aufgebaute Personal steht nun zur Disposition.

Geburtenstarke Jahrgänge gehen in Rente

Was der Automobilindustrie bei ihrer Personalpolitik entgegenkommt, sind die geburtenstarken Jahrgänge, die in den kommenden Jahren in Rente gehen. 1964 kamen in Deutschland 1,4 Millionen Menschen zur Welt, das ist das stärkste Jahr der Babyboomer. Im vergangenen Jahr wurden halb so viele Kinder geboren. Dieser Vergleich zeigt die Bedeutung der geburtenstarken Generation für die Lage der Automobilbranche beim Personal. Ein ganz entscheidender Punkt bei der Frage, wie viele Jobs letztendlich wegfallen, ist das Tempo, mit der sich die Transformation vollzieht.

2019 lag der Anteil elektrischer Fahrzeuge an den Neuzulassungen in der Europäischen Union bei rund 3,5 Prozent. Um die Flottengrenzwerte einzuhalten, also den erlaubten CO2-Ausstoß je Hersteller, beträgt bei den aktuellen gesetzlichen Vorschriften der benötigte Anteil an Elektroautos im Jahr 2025 voraussichtlich zwischen 29 und 36 Prozent. Im Jahr 2030 steigt er auf zwischen 36 und 47 Prozent.

Elektroautos werden bei den gesetzlichen Vorgaben für die Emissionen mit Null eingestuft. "Der Strom fürs Laden der Akkus von Autos wird aber nur zum Teil CO2-frei produziert," kritisiert ifo-Chef Clemens Fuest diese Berechnungsmethode bei der Vorstellung der Studie und nennt das Vorgehen der Bundesregierung eine "planwirtschaftliche Vorgabe." In sozialistischen Staaten wie der DDR oder Russland wurde einst so gewirtschaftet, ohne die Realität zu beachten.

VDA fordert Hilfe für die Automobilindustrie

Hildegard Müller, Präsidentin des VDA, kritisierte das Vorgehen der Bundesregierung bei den Veränderungen der Klimaziele scharf. Auf Druck des Verfassungsgerichts wird das Klimaschutzgesetz verschärft. Bundeskanzlerin Angela Merkel will nun, dass Deutschland bereits 2045 klimaneutral sein soll. Das ist fünf Jahre früher als bisher vorgesehen.

VW-Elektroautos aus Zwickau - Bericht
VW-Elektroautos aus Zwickau - Bericht (02:44)

"Über Nacht wurden neue Ziele für den Klimaschutz herausgegeben und die Unternehmen haben zu gehorchen," sagt Müller. Wie sie aber die Vorschriften einhalten sollten, das werde nicht gesagt. "Gute Gesetzgebung sieht anders aus," betont Müller. Sie fordert von der Politik Hilfe für die Automobilindustrie beim Wandel hin zur Elektromobilität, "die komplette Firmen und ganze Regionen gefährdet, die vom Auto abhängen," etwa beim Umbau des Personals.

Bis 2025 zwischen 180.000 und 220.000 Stellen gefährdet

Je nachdem, wie schnell die Elektromobilität sich durchsetzt, sind bis 2025 zwischen 180.000 und 220.000 Stellen gefährdet. Auf das Jahr 2030 hochgerechnet sind es zwischen 215.000 und 290.000. Die altersbedingten Austritte im Automobilbau liegen bis 2025 bei rund 75.000 Beschäftigten, bis 2030 werden etwa 147.000 in Rente gehen. Somit sind es bis 2025 mindestens 100.000 Beschäftigte, für die neue Aufgaben gefunden werden müssen, ansonsten droht Arbeitslosigkeit.

Bis zum Jahr 2030 muss für mindestens weitere 70.000 Beschäftigte eine Lösung gefunden werden. "Da die Lücke jetzt schon bekannt ist, haben Unternehmen die Möglichkeit, rechtzeitig geeignete Maßnahmen zu ergreifen, zum Beispiel Umschulungen und Weiterbildung," sagt Oliver Falck, einer der Studienautoren und Leiter des ifo-Zentrums für Industrieökonomie und neue Technologien. Das soll Arbeitslosigkeit vorbeugen.

Die Zahlen prognostizieren massive Auswirkungen auf die Beschäftigung in der Automobilindustrie durch den Wandel der Antriebstechnik. Dass wir uns schon mitten in diesem Transformationsprozess befinden, belegen weitere Studienerkenntnisse. So stieg zwischen den Jahren 2015 und 2019 die Anzahl der Informatik-Beschäftigten in der Automobilindustrie um ein Drittel auf knapp 140.000. Der Grund: In Autos wird immer mehr Software verbaut, etwa für Assistenzsysteme. Dieser Trend und die Elektromobilität schaffen auch neue Arbeitsplätze. Wie viele das sein können, haben die Forscher nicht untersucht.

Standort verliert an Bedeutung

Als hätte die deutsche Autobranche nicht schon genug Probleme mit dem Antriebswandel, verliert der Standort an Bedeutung in der Automobilproduktion in Europa. Wie die Unternehmensberatung AlixPartners Anfang Mai verkündete, ist der Anteil am Pkw-Produktionsvolumen in der Europäischen Union von 2015 bis 2020 um 6 Prozentpunkte auf 22 Prozent gesunken.

Zu den Gewinnern zählen Russland und die Türkei mit jeweils acht Prozent. Der Grund dafür sind Produktionsverlagerungen der Autozulieferer in den Osten und Südosten Europas aufgrund des niedrigeren Lohnniveaus. Das ist dort im Durchschnitt nur halb so hoch wie in Deutschland.

"Autobauer haben Coronatief überwunden"

Es gibt aber auch eine gute Nachricht für die Autoindustrie und die kommt wieder vom ifo-Institut: Im April 2021 sind die Geschäfte der deutschen Autohersteller und ihrer Zulieferer besser gelaufen als im Vormonat. "Die Autobauer haben ihr Coronatief überwunden," sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen.

Der Indikator zur Beurteilung der Geschäftslage für die Branche hatte den höchsten Wert seit April 2019. Der Auftragsbestand ist kräftig gestiegen und die Produktion sollte weiter hochgefahren werden. Das kann derzeit von den deutschen Autobauern beispielsweise BMW, andere leiden unter dem Halbleitermangel und müssen deshalb ihre Fertigung drosseln.


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