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Stromer ST7: Der Porsche auf zwei Rädern

Das neue ST7 von Stromer ist ein Speed- Pedelec für Pendler, die in kurzer Zeit weit fahren wollen. Das Rad zeigt, was technisch möglich ist. Das hat seinen Preis – und Schönheitsfehler.
/ Peter Ilg
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Das Stromer ST 7 (Bild: Peter Ilg)
Das Stromer ST 7 Bild: Peter Ilg

Im Alltagsbetrieb ist das neue ST7 in jeder Situation eine körperliche und mentale Herausforderung. Man sitzt auf einem schmalen und spartanisch gepolsterten Sitz, der Oberkörper ist sportlich nach vorne geneigt. Dadurch kommt Druck auf das Vorderrad, deshalb lässt sich das schnelle Pedelec bei der Fahrt gut kontrollieren. Das ist wichtig, denn das Rad der Schweizer Marke Stromer mit Sitz in Oberwangen geht ab wie eine Rakete.

In Zuffenhausen bei Stuttgart produziert Porsche Sportwagen, in Oberwangen bei Bern baut die Firma Stromer schnelle E-Bikes, sogenannte S-Pedelecs, mit ähnlichem Anspruch, den Porsche an seine Flitzer stellt: die besten Fahrzeuge in ihrem Segment zu sein. Stromer ist Porsche auf zwei Rädern.

Porsche bietet sein Elektromodell Taycan in unterschiedlichen Varianten an. Das Spitzenmodell ist der Turbo S, eigentlich eine unsinnige Bezeichnung, denn Elektromotoren haben keinen Turbolader, das Wort ist lediglich Platzhalter für einen besonders dynamischen Antrieb.

Stromer gibt seinen Modellen Zahlen als Namen. Je höher die Zahl, desto höherwertiger das S-Pedelec. Für die Schweizer ist das ST7 das Flaggschiff im Produktportfolio. Dieses Rad gibt es nun weltweit erstmals mit einer Smart-Shift-Technologie von Pinion. Per Hebel am Lenker lassen sich die Gänge bei den Testfahrten elektrisch leicht schalten.

Pinion ist Autotechnik fürs Fahrrad. Die Getriebe funktionieren über Zahnräder und sitzen direkt an der Kurbel. Das Getriebe steckt in einem völlig geschlossenen Gehäuse und in Verbindung mit einem Zahnriemen ist der Antrieb wartungsarm und sauber. Das Reinigen von verölten Ritzeln und verdreckter Kette gehört bei diesem Rad der Vergangenheit an, Schmieren und Einstellen der Schaltung ebenso.

An diesem High-Tech-Antrieb macht sich niemand mehr die Hände schmutzig. Außer einem leisen Zischen ist vom Wechseln der zwölf Gänge nichts zu hören. Mittels elektronischer Einstellung lässt sich ein Gang für den Start aus dem Stand individuell vorwählen. Dadurch wird das Anfahren einfach, weil Gänge nicht erst dann gewechselt werden, wenn das Rad rollt.

Dass beim Getriebe Verbindungen zwischen Porsche und Pinion bestehen, ist fast schon naheliegend. Denn die Idee für diese Art der Schaltung an einem Fahrrad wurde in der Getriebeentwicklung des Sportwagenbauers geboren.

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Das S steht für Speed

Zwei angehende Ingenieure und begeisterte Mountainbiker absolvierten dort ihr Praktikum und kamen bei ihrer Arbeit auf die Idee, ein wartungsfreies Getriebe für Fahrräder zu entwickeln, wie es in Autos selbstverständlich ist. 2008 gründeten die beiden Tüftler ihre Firma mit dem Namen Pinion. Heute schalten ihre Getriebe die innovativsten Fahrräder der Welt.

Pinion Smart Shift (Herstellervideo)
Pinion Smart Shift (Herstellervideo) (05:19)

Stromer gehört mit seinen S-Pedelecs in diese Kategorie. Darauf sind die Schweizer spezialisiert. Das S steht für Speed. S-Pedelecs sehen aus wie Fahrräder, sind rechtlich Kleinkrafträder und unterstützen den kurbelnden Fahrer bis zu einem Tempo von 45 km/h.

Aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit haben S-Pedelecs eine gesetzliche Sonderstellung, die mit zahlreichen Vorschriften verbunden ist. Für ein S-Pedelec ist mindestens ein Führerschein der Klasse AM notwendig. Umgangssprachlich wird dieser auch Rollerführerschein genannt. Auch wer einen Auto- oder Motorradführerschein hat, darf Speed-Pedelecs fahren, denn die Klasse AM ist damit abgedeckt.

Das ST7 soll bis zu 260 km weit kommen

Eine Haftpflichtversicherung ist vorgeschrieben und eine entsprechende Versicherungsplakette am Fahrzeug anzubringen. Im Gegensatz zu Fahrrädern und gewöhnlichen Pedelecs besteht für Speed-Pedelecs eine Helmpflicht.

Gefahren werden darf nur dort, wo auch Autos unterwegs sein dürfen: auf Straßen. Die mit blauen Schildern markierten Fahrradwege sind für S-Pedelec-Nutzer tabu, ebenso Feld- und Waldwege, die mit Verbotsschildern für Motorfahrzeuge ausgewiesen sind.

Die größte Stärke der Pedelecs liegt in ihrer hohen Geschwindigkeit, das ist Nachteil und Vorteil zugleich. Weil sie so schnell sind, müssen sie auf die Straße, und dort ist Radeln sehr gefährlich. Andererseits können die schnellen Pedelecs aufgrund ihres Tempos im nahen Pendlerverkehr problemlos Autos ersetzen. Dafür sind sie gedacht und gemacht.

Strecken von 20 oder 30 Kilometern sind mit dem schnellen Rad in einer halben bis Dreiviertelstunde machbar. Mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln dauert das oft länger und macht weniger Spaß – vorausgesetzt, das Wetter passt. Wenn nicht, geht es eben nur ums Ankommen, ganz nach dem Sprichwort: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Heutzutage ist Radlerkleidung richtig gut. Während einer Stunde Fahrt im Regen hält sie problemlos dicht.

Das neue ST7 käme am Stück viel weiter als die typische Pendlerdistanz. Bis zu 260 Kilometer verspricht Stromer. Das liegt am neuen und bisher größten Akku, den die Schweizer in einem S-Pedelec verbauen.

Das kleine Kraftwerk hat eine Kapazität von 1.440 Wh. Auf dem Weg in die nächste Stadt und zurück waren bei permanent höchster Unterstützungsstufe und maximaler Geschwindigkeit allerdings nach knapp 50 Kilometern drei Viertel der Akkukapazität verbraucht. Wirklich weit kommt das Rad nur mit geringer elektrischer Hilfe.

Der Heckmotor leistet 940 Watt. Das ist fast viermal so viel, wie gesetzlich bei E-Bikes erlaubt ist, nämlich 250 Watt. Der Stromer-Motor rekuperiert bis zu einem Fünftel seiner Akkukapazität und entwickelt ein maximales Drehmoment von 52 Newtonmetern.

Viel Kraft, gute Bremsen

Diese Kraft liegt auf dem Niveau eines modernen Mittelklassemotorrads. Ebenso die Bremsen: Das ST7 ist mit einem ABS-System von Blubrake ausgestattet. Es erkennt blockierendes und seitliches Wegrutschen des Vorderrads sowie ein Abheben des Hinterrads.

In diesen Fällen wird der Druck der Vorderradbremse automatisch reduziert, um ein Stürzen oder einen Überschlag aufgrund zu hohen Bremsdrucks zu vermeiden. Wenn die Sicherheit auf Fahrrädern erhöht werden soll, müsste zuerst ein solches ABS-System Pflicht werden. Damit kann sogar auf Schotter voll gebremst werden, ohne dass man stürzt.

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Das ST7 bremst hervorragend, was sehr wichtig ist, denn ein S-Pedelec fährt doppelt so schnell wie ein gewöhnliches Pedelec. Auf den ersten Kilometern mag ob der rasanten Beschleunigung und der hohen Geschwindigkeit das Grinsen aus dem Gesicht gar nicht mehr verschwinden.

Kommt es aber zum Kontakt mit anderen Radelnden, wird schnell klar: mindestens zwei Gänge runterschalten und langsam an den anderen vorbei. Denn in Deutschland gibt es nur wenige schnelle Pedelecs, deshalb wissen die allermeisten anderen Verkehrsteilnehmer nicht, womit sie es zu tun haben.

Dasselbe gilt für die Straße. Autofahrer hupen, weil man nicht auf dem Radweg fährt, und innerorts muss man aufpassen, in 30er-Zonen nicht geblitzt zu werden.

Stromer ST7: Verfügbarkeit und Fazit

Das Rad hat vier Unterstützungsstufen, die höchste davon für einen kurzzeitigen Boost. Im Fahrradmodus ist der Motor komplett ausgeschaltet. Dann braucht man ordentlich Kraft in den Beinen, um das 37 Kilogramm schwere Gefährt fortzubewegen.

Am linken Lenkerende lassen sich während der Fahrt spielend die Unterstützungsmodi durchs Drücken auf die beiden Tasten '+' und '-' wechseln. Am rechten Lenkerende werden die Gänge mit zwei Tasten gewechselt.

Mit welcher die Gänge hoch- und mit welcher sie runtergeschaltet werden, lässt sich am Touchscreen einstellen. Der sitzt im Oberrohr mit geringem Abstand vom Lenkkopf. Das Rad hat Tagfahrlicht, Fern- und Bremslicht.

In der Einführungsedition gab es das ST7 in limitierter Auflage in Gold. Silber oder Bronze wäre zu wenig gewesen. Jetzt ist das Rad in dezenterem Platin bestellbar.

Verfügbarkeit

Bei so viel Lob für ein Fahrzeug liegt die Vermutung nahe, dass es sich um einen Werbetext handeln könnte – das kann aber nur meinen, wer nicht bis hier gelesen hat. Denn nun kommt der Preis für all die Anerkennung: Das ST7 kostet 12.490 Euro.

Es kann bei einem der Stromer-Händler(öffnet im neuen Fenster) in Deutschland vor Ort gekauft oder online bestellt werden. Probefahrten sind möglich. Unser Testrad war mit einer Sattelfederung ausgestattet. Sie kostet 245 Euro extra und ist zu empfehlen. Dasselbe gilt für eine Federgabel, die bei uns fehlte. Bei den Testfahrten hat jede Unebenheit auf der Straße ungefedert in den Körper durchgeschlagen. Das muss nicht sein, die Federung kostet allerdings 990 Euro extra.

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Fazit

Die knapp 12.500 Euro für das ST7 sind zwar viel weniger, als ein Porsche kostet. Für ein pedalgetriebenes Zweirad ist das aber ein ähnlich hohes Niveau. Die besondere Leistung von Stromer liegt darin, hochwertige Komponenten zu einer nahezu perfekt funktionierenden Einheit zusammengefügt zu haben.

Das ST7 geht ab, als hätte es einen Turbolader, und lässt sich dabei doch gut kontrollieren. Die Bremsen sind hervorragend, die Schaltung ebenfalls. Als Reichweite verspricht Stromer bis zu 260 Kilometer, wirklich weit kommt man allerdings nur mit geringer elektrischer Hilfe.

Etwas Kritik müssen die Schweizer ertragen: Das Rad sieht auf den ersten Blick cool und clean aus. Schaut man genauer hin, wäre beim coolen und cleanen Look aber mehr möglich. So könnten die Leitungen für die Bremsschläuche im Lenker und Hinterrad komplett innen verlegt werden. Dann wäre das ST7 tatsächlich optisch sauber.

Spezifikationen Stromer ST 7
Fahrergröße/zul. Gesamtgewicht 178-200 cm/150 kg
Reifen 27.5 x 35 by DT Swiss
Motorleistung Heckmotor SYNO Sport II, 48 V, 940 W, 52 Nm
Akkukapazität 1.440 Wh, abnehmbar
Ladezeit Bis zu 7 Stunden
Reichweite laut Hersteller bis zu 260 km
Gewicht 37 kg
Bremsen Stromer HD944 by TRP 4 Kolben, vorne ABS
Schaltung/Kette Pinion C1.12 Smart.Shift (elektronisch)
Material Rahmen Aluminium
Lieferumfang StVZO-konform ja
Preis ca. 12.500 Euro

Der Screen im Oberrohr trägt zwar dazu bei. Aber nicht alles, was clean ist, ist auch sinnvoll. Denn in diesem Fall leidet die Sicherheit darunter. Um das Display während der Fahrt abzulesen, muss man tief schauen. Dabei gehören die Augen auf die Straße, insbesondere bei hohen Geschwindigkeiten. Ein cooles Display ließe sich bestimmt auch am Lenker oder in dessen Nähe einbauen.

An einer ungefederten Gabel ist zudem eine dicke Schweißnaht zu sehen. Ein solcher Schönheitsfehler sollte an einem so exklusiven und teuren Rad vermieden werden.


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