IMHO: "Lasst Twitter in Ruhe!"
Lies tausend Artikel über Twitter, und sie erzählen alle das Gleiche.
Das Tolle an Twitter sei dessen Kürze und weil es dadurch das Wesentliche hervorhebt, steht dort. Das stimmt. Die Beschränkung auf 140 Zeichen pro Nachricht hat den gleichen Effekt wie eine SMS. Es führt zu kurzen Unterhaltungen und genauen Angaben.
Twitter, so wie es heute ist, sei aus dem Nutzerverhalten entstanden und nicht von irgendwem geformt, steht in den Artikeln. Die @-Funktion, die Retweets und die Hashtags sind der beste Beweis. Das sind alles Ideen der Nutzer, die erst nach und nach entstanden sind. Die Suchfunktion zum Beispiel kommt von einer unabhängigen Firma, die diese Idee dazu hatte. Die Twitter-Entwickler mussten die Ideen lediglich umsetzen(öffnet im neuen Fenster).
Twitter werde vorrangig dazu benutzt, mit anderen Menschen zu kommunizieren, wirst du in den Beiträgen lesen. Denn Twitter sei ein soziales Netzwerk. Und da steht auch: Twitter sei die Reduktion auf das Wesentliche. Auch das stimmt. Denn Twitter bietet nur die notwendigsten Funktionen, um Unterhaltungen zu ermöglichen.
Das war's. Wer bitteschön braucht noch mehr?
Ich kann die Ankündigung von Twitter(öffnet im neuen Fenster) nicht nachvollziehen, eine einheitliche Twitter-Erfahrung bieten zu wollen(öffnet im neuen Fenster), denn sie widerspricht allem, wofür Twitter stand und was den Dienst ausgezeichnet hat. Bisher kamen wir mit 140 Zeichen aus. Plötzlich sollen wir "interaktive Erfahrungen" und "gehaltvollere Geschichten" wollen?
Plötzlich wird Twitters feines Gehör für sich abzeichnende Trends mit einem Megafon beschallt. Bisher wussten die Nutzer, was sie wollten. Jetzt will Twitter es besser wissen.
Stand Twitter bisher für Unterhaltungen innerhalb eines Netzwerkes, wird es nun hauptsächlich als eine Linkschleuder für andere Webseiten genutzt. Twitter war einmal der Platz, an dem seine Nutzer regierten. Jetzt regiert dort offenbar das Geld.
In Twitters Ankündigung heißt es, dass das Unternehmen "strengere Regeln einführen will, wie sein API genutzt wird". Ganz ehrlich, für mich klingt das so, als ob die von Twitter ohnehin schon eingeschränkten Entwickler jetzt aktiv daran gehindert werden sollen, eigene Clients zu entwickeln.
Und warum? Im Namen der Vereinheitlichung.
Nun, ich mag eine Minderheit sein, aber ich habe bis heute mehr als 15.000 Tweets geschrieben. Und seitdem habe ich von keinem Nutzer bei Twitter gehört, dass der Dienst nicht einheitlich sei. Wofür überhaupt einheitlich? Für eine neue "interaktive Erfahrung", die Twitter in seine Plattform einbaut und die vermutlich nur von ihrem eigenen Client unterstützt wird.
Die Entwickler liegen völlig falsch
Ich bin seit Mitte der neunziger Jahre im Internet unterwegs. Twitter ist für mich bislang bei weitem das interessanteste, lustigste und geselligste Erlebnis, das es online gibt.
Als Freiberufler nutze ich Twitter übrigens auch für meinen Job. Der Wert, den der Dienst dafür hat, lässt sich schlecht finanziell abschätzen.
Aber Twitter ist der bisher beste Social-Media-Dienst. Twitter ist etwas Besonderes. Twitter ist etwas, das man erlebt haben muss. Und etwas, das es sich zu erhalten lohnt.
Im Internet gibt es viele Orte, an denen ich professionell erstellte Inhalte und Werbung konsumieren kann. Interaktive Erlebnisse gibt es im Überfluss. Sie sind nur einen Klick entfernt.
Keiner dieser Orte kann aber das bieten, was Twitter so wunderbar schafft, weil es so einfach ist.
Es gibt nichts Schöneres als zehn genau überlegte Worte von jemandem, dem du vertraust.
Und es gibt kaum etwas Interaktiveres als eine Unterhaltung zwischen Menschen, die mit der gleichen Leidenschaft über ein Thema diskutieren.
Menschen. Nachrichten, bestehend aus 140-Zeichen. Das ist Twitter.
So einfach. So gewaltig. So zerbrechlich.
Also lasst Twitter in Ruhe. Wir reden hier miteinander. Unterbrecht uns nicht.
Adrian Short twittert unter @adrianshort(öffnet im neuen Fenster). Er ist freiberuflicher Designer, Webentwickler und Datenanalyst. Er lebt in London. Der Artikel erschien zuerst in seinem Blog unter alt.adrianshort.co.uk(öffnet im neuen Fenster).
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).
Übersetzung: Jörg Thoma, Steve Haak
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