Street Fighter 6 im Test: Modern auf die Mütze

Für das 2016 veröffentlichte Street Fighter 5 hat Capcom von Community und Presse viele verbale Schläge einstecken müssen. Das Prügelspiel hatte zum Start viel zu wenig Inhalte, und die vorhandenen haben teils nicht so richtig gut funktioniert.
Beim jetzt anstehenden Nachfolger Street Fighter 6 ist die Sache ganz anders: Es gibt mehrere sehr umfangreiche Spielmodi - vom Onlinematch bis zur Solokampagne ist alles dabei.
Dazu kommen neben altgedienten Haudegen wie Luke und Ryu mehrere zusätzliche Helden, etwa der elegante Martial-Arts-Künstler Jaime, sowie eine Neuerung namens Drive.
Das ist eine auffällige Balkenanzeige, die ähnlich wie Ausdauer durch Schläge, aber auch durch erfolgreiches Blocken geleert wird. Wenn das Drive-System leer ist, geraten wir in eine Art Schwächezustand, in dem wir besonders empfindlich sind.
Street Fighter 6 besteht aus drei Hauptkomponenten. Fighting Ground ist das, was wir noch am ehesten in einem Beat'em-Up erwarten würden, also Kämpfe mit Figuren wie Luke, Manon oder Marisa gegen andere altbewährte oder neue Helden. Das klappt sowohl Solo als auch gegen Kumpel vor Ort mit einem zweiten Controller sowie teils online.
Der zweite Modus heißt Battle Hub, das ist ein auf Multiplayer ausgelegter Onlineraum für bis zu 100 Teilnehmer gleichzeitig. Die können mit anderen Spielern interagieren und sie an Automaten zu Duellen herausfordern, es gibt Turniere und Clubs.
Der dritte Modus ist die World Tour - die können wir (ebenso wie einen Großteil von Fighting Ground) auch offline verwenden. Der Modus schickt uns in eine an New York angelehnte Stadt namens Metro City.

Wir können uns dort frei bewegen und unseren Charakter mit Kämpfen gegen Passanten hochleveln. Zusätzlich gibt es eine einfache, aber gar nicht mal so uninteressante Story um Gangster und Ganoven. Und: Wir können den Kampfstil von etablierten Meistern wie Luke und Chun-Li sowie weitere Fähigkeiten und Tricks erlernen.
Die World Tour ist auch spielerisch offen: Wir können einfach nur mit Passanten und Kleinkriminellen kämpfen - oder uns darum kümmern, dem Weg der Stärke (was eine größere Rolle spielt) zu folgen und Geheimnisse, Extras, Boosts und mehr zu finden. Dann wird die Angelegenheit aber rasch komplex, nicht alles ist auf Anhieb verständlich.
Komplexe Steuerung für alle Ansprüche
Ähnlich wie in Yakuza wirkt die World Tour sehr auf die Spielgewohnheiten japanischer Fans zugeschnitten - als Europäer kommen uns hier viele Elemente erst seltsam vor, womit wir eine Bandbreite von unverständlich bis freiwillig oder unfreiwillig komisch meinen.
Auch in einigen weiteren Bereichen schafft Street Fighter 6 einen teils gelungenen, teils merkwürdig anmutenden Spagat zwischen einfach draufhauen und schwer verständlich. Das gilt insbesondere für die Steuerung.
Davon gibt es drei: Die klassische Steuerung mit einigen komplexen Tastenkombinationen, die in allen drei Modi verfügbar ist. Das gilt auch für teils minimal, teils stark vereinfachte Modern Control: Da müssen wir etwa für Spezialbefehle eben keine Kombinationen auswendig lernen, sondern nur eine Schultertaste drücken.
Als dritte neue Steuerung steht nur in einigen Modi von Fighting Ground ein System namens Dynamic Controls zur Verfügung. Das ist für Einsteiger etwa bei Sessions im Freundeskreis gedacht.
Man muss dann nur irgendwie auf Tasten drücken, die passenden Moves wählt das Spiel selbst aus. Allerdings muss man ein bisschen aufs Timing achtgeben - einfach nur Dauerfeuer in hohem Takt führt zur Niederlage.
Über die Steuerung könnten wir hier noch viele Seiten füllen und etwa darauf hinweisen, dass wir sie in den Optionen weitgehend anpassen können.
Was uns stellenweise gestört hat ist, dass etwa die von uns bevorzugte Modern Control im Fighting Ground minimal anders funktioniert, beziehungsweise einige Elemente erst später verfügbar sind. Das mag im Einzelfall begründbar sein, ist für Einsteiger aber eine Hürde.
Die Grafik auf Basis der RE Engine von Capcom macht meist einen sehr guten Eindruck, Animationen und Spezialeffekte etwa für die neuen Drive-System-Schläge sehen wunderbar brachial aus.

Auch die Stages wirken sehenswert. Nicht ganz so schick finden wir das etwas blockig anmutende Metro City in World Tour, das dafür neben dem Tagesmodus auch ausgeleuchtete Nacht-Ansichten (ohne dynamischen Wechsel) bietet.
Probleme mit Bugs, Abstürzen oder Rucklern hatten wir nicht. Im Grafikmenü finden sich auf den Konsolen die Auswahlmöglichkeit zwischen Leistungsmodus und Auflösungsmodus - ohne weitere Erklärungen. Vermutlich geht's wie immer um Präferenz für Bildrate oder Auflösung, uns sind im Spiel aber keine Unterschiede aufgefallen.
Street Fighter 6: Verfügbarkeit und Fazit
Street Fighter 6 soll am 2. Juni 2023 für Windows-PC (nur Steam - rund 60 Euro), Xbox Series X/S (nicht One) sowie für Playstation 4 und 5 (Konsolenversion rund 70 Euro) erscheinen. Auf allen Plattformen gibt es eine spielbare Demo.
Capcom(öffnet im neuen Fenster) hat einen "Fighting Pass" angekündigt, ein Teil davon soll kostenpflichtig sein - Details sollen erst später bekanntgegeben werden. Im Spiel sind sogenannte Fighter Coins eingebaut, die man nur für echtes Geld erhält. Für die Onlinemodi ist eine Capcom-ID nötig, für die man sich separat registrieren muss.
Laut Hersteller gibt es über den kostenpflichtigen Teil des Passes und der Coins ausschließlich kosmetische Extras. Ein gewisses Misstrauen gegenüber den Ankündigungen von Capcom ist derzeit aber angebracht: Rund zwei Wochen nach der Veröffentlichung von Resident Evil 4 Remake hat der Publisher per Update auch Pay-to-Win-Elemente eingebaut.
Die Sprachausgabe von Street Fighter 6 erfolgt auf Englisch oder Japanisch, deutsche Synchronstimmen gibt es nicht. Untertitel und Bildschirmtexte sind sehr gut übersetzt. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 16 Jahren erhalten.
Fazit
Für Street Fighter 6 verdient Capcom keine Kopfnuss, sondern einen anerkennenden Klaps auf die Schulter. Das Beat'em-Up ist dank Umfang und Qualität ein Volltreffer für alte Serienfans.
Die Schlägereien mit Chun-Li, Luke und den weiteren Figuren sind toll in Szene gesetzt, sehr gut zu steuern und dank Special Moves und vielen Extras langfristig fordernd.









Durch das alternative Kampfsystem ist der sechste Teil aber auch für interessierte Einsteiger einen Blick wert. Die Modern-Steuerung ist zwar kein kompletter Gamechanger, erlaubt aber mit weniger Lernaufwand als bei der klassischen Bedienung rasche Erfolgserlebnisse. So kann man relativ schnell ein Gefühl dafür bekommen, welche taktischen Finessen in diesem Prügelspiel stecken.
Der World Modus ist eine gut gemachte Sandbox für Genrefans. Die Aufmachung wirkt zwar arg klamaukig, ist aber nicht ganz so abgedreht wie etwa das letzte Yakuza. Zusammen mit den Inhalten in Fighting Ground und Battle Hub ist Street Fighter 6 ein gelungenes Gesamtpaket, das kaum Wünsche offen lässt.



