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Chiphersteller in der Krise: Intels Niedergang und Gelsingers Beitrag

Ex-CEO Pat Gelsinger konnte mit seinem Plan zur Überwindung von Intels Krise offenbar nicht länger überzeugen. Ein Blick auf die Hintergründe.
/ Johannes Hiltscher , Martin Böckmann
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Der ehemalige Intel-CEO Pat Gelsinger bei der Ankündigung einer neuen Chipfabrik im Januar 2022. (Bild: Jonathan Ernst/Reuters)
Der ehemalige Intel-CEO Pat Gelsinger bei der Ankündigung einer neuen Chipfabrik im Januar 2022. Bild: Jonathan Ernst/Reuters

Nach dem Ausscheiden von Pat Gelsinger stellen sich viele Fragen: Warum musste der Ex-CEO gehen? Welche Fehler hat Intel in den letzten Jahren gemacht? Warum findet das Unternehmen nicht aus seiner Krise heraus? Und könnte Gelsingers großer Plan für Intels Rückkehr noch aufgehen? Wir betrachten die Entwicklung der vergangenen Jahre und werfen einen Blick in die Zukunft.

Beginnen wir mit dem Kernproblem, das alle anderen Bereiche mit in den Abgrund zog: die mittlerweile in die Sparte Intel Foundry Services (IFS) ausgelagerte Halbleiterfertigung. Deren Krise begann mit dem verpatzten 10-nm-Prozess. Zwar gelang es zuletzt, mit Intel-4 und -3 den Anschluss an TSMC und Samsung zu schaffen, von der erhofften Führungsrolle ist man aber noch ein weites Stück entfernt. Aktuell kann IFS mit Intel-3 in etwa das , was TSMC bereits eineinhalb Jahre zuvor konnte .

Entsprechend schwer fällt es, Kunden zu gewinnen: TSMC ist in den vergangenen Jahren mehr und mehr zum fast ausschließlichen Lieferanten von modernsten Halbleitern geworden. Samsung, vor wenigen Jahren noch eine ernsthafte Alternative zu TSMC, kehrte ein Kunde nach dem anderen den Rücken , die Taiwaner hingegen können mit Apple, AMD und Nvidia auf eine Reihe seit Jahren treuer und augenscheinlich zufriedener Abnehmer blicken. Sie jetzt von einem Wechsel zu überzeugen, ist für IFS eine Mammutaufgabe.

Da kommen Berichte über Probleme mit der 18A-Fertigung sowie die Einstellung des Intel-20A-Prozesses zur Unzeit. Auch das offensichtliche Aus der mit Sifive geplanten Horse-Creek-Plattform sorgt nicht gerade für Vertrauen.

Der Erfolg ist noch nicht absehbar

Es wird aber auch deutlich, wie ambitioniert das Programm Fünf Prozessknoten in vier Jahren von CEO Pat Gelsinger war. Es wurde mittlerweile auf vier Knoten zurechtgestutzt. Für seine Client-Prozessoren ist Intel deshalb noch immer auf TSMC angewiesen, ändern soll sich das erst 2026: dann soll IFS 70 Prozent der Siliziumfläche von Panther Lake fertigen (g+) .

Ob das so kommt, wird sich frühestens 2025 zeigen. Es ist nicht abwegig anzunehmen, dass Gelsinger aufgrund von Problemen mit der 18A-Fertigung gehen musste, die bislang noch nicht nach außen gedrungen sind. Mehrmals war der Ex-CEO in der Vergangenheit zu optimistisch mit seinem Vierjahresplan: So schaffte Intel es gerade so, Meteor Lake noch wie geplant 2023 zu veröffentlichen, Arrow Lake musste Intel komplett zu TSMC auslagern, um noch im Zeitplan zu bleiben.

Gelsinger alle Probleme zuzuschieben, greift aber zu kurz. Sein Plan mag zu ambitioniert gewesen sein, aber zumindest hatte er einen. Intels Fertigung nach jahrelangen Problemen wieder auf Kurs zu bringen, war nur mit einem immensen Kraftakt möglich. Andere Probleme wie die geplatzte Übernahme von Tower , hatten zudem externe Ursachen. Dennoch hätte einiges besser laufen können.

Kundenvertrauen kommt nicht von allein

Immer wieder vorgetragen wird die Kritik, Intels Foundry- und die Prozessorentwicklung seien noch immer zu eng verzahnt. Diesem Eindruck versucht Intels Führung organisatorisch entgegenzuwirken. Regelmäßig wird betont, dass IFS organisatorisch streng getrennt sei, die Prozessentwicklung sich nicht nur an den eigenen Prozessoren orientiere und Kundendesigns unter keinen Umständen zu den Prozessorentwicklern gelangen. Mittlerweile ist IFS sogar unternehmerisch vom Rest des Unternehmens getrennt .

Es zeigt sich aber deutlich, dass Intels Führung im Foundry-Bereich nicht nur zu optimistisch war, sondern auch erst ein Verständnis für die Bedürfnisse externer Kunden entwickeln musste. Dass Intel zuletzt seine Ausbaupläne für die Fertigung zurechtstutzte (g+) , ist insbesondere aus deutscher Perspektive ärgerlich, aber ein wichtiger Realitätsabgleich. Kleiner Trost: Globalfoundries ging das nach der Trennung von AMD erst einmal ähnlich.

Allerdings hätte Intels von Globalfoundries lernen können. Der Fokus der vergangenen Jahre lag zu sehr darauf, in der Fertigung zu alter Stärke zu kommen; dass man diese Dienstleistung auch verkaufen muss, scheint zu lange zweitrangig gewesen zu sein. Intel hätte auf vier Hochzeiten gleichzeitig tanzen müssen: der Entwicklung der eigenen Fertigung, deren frühzeitiger, konsequenter und nachdrücklicher Öffnung, der Gewinnung mindestens eines Leuchtturmkunden sowie überzeugenden Produkten.

Trotz der Schwierigkeiten mit der eigenen Fertigung läuft aber Intels Privatkundengeschäft bislang gut und rettet die Bilanz.

Desktop-Prozessoren als Lichtblick?

Das Client-Geschäft, also die Produkte für Endkunden, läuft trotz einiger Zwischenfälle der jüngeren Vergangenheit besser, als man es zunächst annehmen würde. Zwar verliert Intel auf dem DIY-Markt besonders unter Enthusiasten immer mehr Kunden an AMD - einerseits wegen der oft besseren Leistung der Konkurrenzprodukte, aber auch aufgrund von Zweifeln an der Zuverlässigkeit nach den im Jahr 2024 ans Licht gekommenen Problemen mit der Firmware von Raptor-Lake-Prozessoren.

Insgesamt geht es dem Geschäftsbereich aber gut, denn Systemintegratoren und OEMs setzen Intel-CPUs weiterhin ein und bilden mit dem Notebook-Sektor zusammen den größten Absatzmarkt für Client-Produkte. Die hier fast ausschließlich verwendeten Prozessoren mit geringerer Verlustleistung waren von der Firmware-Problematik zudem nicht betroffen, eine größere Zahl an Rückrufen gab es demnach nicht.

Langfristig ist die Zukunft der Intel-Prozessoren allerdings ungewiss, denn der Weckruf namens AMD Ryzen kam für Intel offenbar sehr spät. Als AMD im Jahr 2017 plötzlich bis zu 8 Kerne für Mainstream-Desktop-PCs anbot, die mit hoher Energieeffizienz und guter IPC-Performance (Instructions per Clock) auf einmal viel mehr Rechenleistung für wenig Geld verfügbar machten, hatte Intel dem kaum etwas entgegenzusetzen.

Mit Gewalt geht es nicht ewig

Eine frühzeitige Entwicklung von Prozessoren mit mehr als 4 Kernen gab es für den Mainstream-Bereich sehr lange nicht, da hierfür die HEDT-Plattformen (High-End-Desktop) vorgesehen waren. Mit Triple-Channel-Speicher und 44 PCI-Express-Lanes waren diese voll auf den Workstation-Einsatz ausgelegt. Dass AMD so schnell Zeit diese Leistung im Mainstream bietet und zudem mit Threadripper auch die HEDT-Plattform geradezu alt aussehen lässt, hat Intel offenbar zu spät erkannt, um frühzeitig gegenzusteuern.

Mit der 8. und 9. Core-Generation (Coffee Lake) und schließlich dem Intel Core i9-10900k (Comet Lake) konnte Intel sich zunächst noch retten, besonders dank starker Single-Core-Performance und geringer Latenz für Cache und Speicherzugriffe aufgrund der schnellen Ringbus-Architektur. Die dafür nötige hohe Taktfrequenz der Bussysteme und CPU-Kerne hat allerdings einen hohen Preis in Form von immer höherer Leistungsaufnahme. AMD holte mit jeder Zen-Generation auf, bis Intel nicht mehr mithalten konnte.

Die 10-nm-Fertigung sollte die Rettung bringen, hier wollte Intel mit der neuen Cypress-Cove-Mikroarchitektur zur Konkurrenz aufschließen. Stattdessen büßte Intel in diesem Zeitraum auch bei Desktop-Produkten den bis dahin angenommenen Vorsprung von mindestens einem Full-Node ein. Der 10-nm-Prozess verspätete sich so lange, dass die 11. Core-Generation (Rocket Lake) mit Cypress Cove schließlich im 14-nm-Prozess hergestellt wurde, damit sie überhaupt erscheinen konnte.

Die E-Cores sollen die Rettung bringen

Mit Alder Lake überführte Intel dann erstmals das Big-Little-Konzept aus dem Smartphone in den PC. Performance-Kerne mit hoher Taktfrequenz und viel Cache sollen hohe Rechenleistung bieten, Effizienz-Kerne mit abgespeckter Architektur und geringem Flächenbedarf sollen bei niedrigerer Taktfrequenz Hintergrundaufgaben abarbeiten und bei Multithread-Anwendungen helfen. Während diese Aufteilung gut funktioniert, bereitet die fehlende Marktführerschaft bei der Foundry Intel immer mehr Probleme.

Gerade die Performance-Kerne brauchen im Vergleich zur Konkurrenz einfach zu viel Energie bei gleicher Rechenleistung. Bis zu drei Jahre Rückstand sollen Intels eigene Fertigungsprozesse gegenüber TSMC haben. Gäbe es stattdessen einen Vorsprung, könnte Intel in vielen Fällen die bestehenden Nachteile allein dadurch ausgleichen. Ähnlich sieht es im Grafikbereich aus, wo mit Arc Battlemage in den nächsten Tagen die nächste Generation vorgestellt wird.

Auch hier würde es helfen, nicht die gleichen Fertigungsprozesse nutzen zu müssen, die auch den Hauptkonkurrenten AMD und Nvidia zur Verfügung stehen. Hier müsste Intel einiges an Innovation auffahren, um Nvidia praktisch im Heimspiel zu schlagen, denn einen Konzern mit noch mehr Erfahrung im Grafikbereich gibt es kaum. Hier bereits in der zweiten Generation vollständig konkurrenzfähig zu sein, ohne einen besseren Fertigungsprozess zu nutzen, wäre eine beachtliche Leistung.

Deutlich schlechter sieht es aber bei den Produkten für Rechenzentren aus.

Intel dominiert nicht länger die Rechenzentren

Ein großes Problem für die Products Group ist, dass Intel auch im margenstarken Markt für Rechenzentren zurückfiel. Zwar liefen die Verkäufe von Xeons, trotz nicht mehr konkurrenzfähiger Leistung , noch jahrelang gut. Mittlerweile verlor Intel den Servermarkt an AMD , während die Anzahl an Anbietern wächst. Zwar schloss Intel mit den Xeons mittlerweile wieder auf , einmal verlorene Marktanteile sind aber schwer wieder zurückzugewinnen.

Das Unternehmen verpasste mit mehreren inkonsistenten und nicht konkurrenzfähigen Produkten zudem den Einstieg in den wachsenden Markt für Beschleuniger, zunächst für wissenschaftliches Rechnen, dann für den KI-Boom. Statt Selbstkritik schwelgte Ex-CEO Gelsinger in der Vergangenheit und schlussfolgerte, Nvidia habe einfach nur Glück gehabt. Hier kam Golem.de bereits vor einem knappen Jahr zum Schluss, Gelsinger müsse mehr Führungsstärke zeigen und langfristige Produktpolitik betreiben, andernfalls werde es mit Intel weiter abwärt gehen.

Denn was Intel bei Xeons jahrelang die Umsätze rettete, obwohl AMD bessere Produkte lieferte, fällt dem Unternehmen bei den Beschleunigern auf die Füße: Die Beschaffung ist hier recht konservativ, die Beschaffungszeiten lang. Wenn alle Nvidia kaufen, ist es schwierig, als anderer Hersteller zu überzeugen - einfach nur billiger zu sein genügt nicht. Und ein Produkt, das heute gut ist, wird frühestens im kommenden Jahr für messbaren Umsatz sorgen. Das zeigt auch der Blick auf AMD, das bereits mit den MI250X eine echte Konkurrenz zu Nvidia anbot.

Nur wer Leistung liefert, konkurriert mit Nvidia

Wirklich erfolgreich ist aber erst der Nachfolger. Hier hat AMD insbesondere mit den MI300A ein leistungsfähiges und innovatives Produkt anzubieten: Die Beschleuniger integrieren CPU und GPU auf einem Modul, was kompaktere Blade-Einschübe ermöglicht. Intels ähnlicher Beschleuniger Falcon Shores lässt auf sich warten .

Die MI300A machen aktuell El Capitan zum leistungsfähigsten Supercomputer weltweit . Intel dagegen enttäuschte mit dem Supercomputer Aurora , der nicht nur fünf Jahre zu spät fertig wurde , sondern mit seinen Datacenter GPU Max auch noch langsamer und ineffizienter ist als der ältere Frontier von AMD.

Der Plan von Intels vorläufiger Führung, das Produktportfolio zu straffen und einfacher aufzustellen, erscheint nur folgerichtig. Er darf allerdings nicht zu neuen Wegen von Versuch und Irrtum führen - Intel muss jetzt langfristige Entscheidungen treffen und gegebenenfalls Produktlinien, die keine Erfolgsaussichten haben, streichen. Kann das Unternehmen das schaffen?

Intels Ende?

Intel braucht definitiv langfristige und auch möglicherweise einschneidende Veränderungen. Der Kurs in den vergangenen Jahren war teils zu erratisch und für ein börsennotiertes Unternehmen möglicherweise auch zu langfristig. Mit Gelsinger musste nun das Gesicht gehen, das für die Entscheidungen stand, getroffen hat er sie aber nicht allein. Ob die neue Führung ein besseres Gespür hat und selbst Akzente setzen kann, anstatt Trends hinterherzulaufen, muss sich zeigen.

Möglicherweise dient Gelsingers Abgang aber auch nur dazu, die Anleger zu beruhigen, bis Gelsingers Pläne Erfolg zeigen. Aktuell sieht es zumindest nicht ganz düster aus für Intel.

Erste Kunden setzen Vertrauen in die 18A-Fertigung, auch wenn bislang keiner All-in geht. Auch könnte die Prozessorsparte die Foundry mit aus dem Sumpf ziehen, Intel setzt hier verstärkt auf Anpassungen seiner x86-CPUs an Kundenwünsche. Langfristig ist IFS aber dringend auf externe Kunden angewiesen, da die permanent steigenden Kosten für Prozessentwicklung und Maschinen anders nicht mehr zu stemmen sind.

Ob Gelsingers Plan letztlich aufgeht und er als Retter Intels dasteht, muss sich zeigen. Intels Totengräber wird er wohl nicht sein. Denn nicht zuletzt ist das Unternehmen für die US-Regierung too important to fail - zu wichtig, um es scheitern zu lassen. Denn Intel fertigt auch Chips für das US-Militär , welche die Regierung ungern außer Landes herstellen lassen möchte. Scheitert allerdings Gelsingers Plan, wird ein weiteres Unternehmen aus der Spitzengruppe in der Halbleiterfertigung aussteigen müssen. Einen weiteren Kraftakt, um mit TSMC und Samsung mitzuhalten, wird Intel sich nicht leisten können.


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