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Strato-CEO im Interview: "Wer heute nicht in der Cloud ist, wird es schwerer haben"

Chefs von Devs
Im Interview spricht Strato -CEO Claudia Frese unter anderem darüber, wie KI die Webentwicklung verändert.
/ Daniel Ziegener
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Für Webseiten muss niemand mehr programmieren, sagt Claudia Frese. (Bild: KI-generiert mit Bing Image Creator)
Für Webseiten muss niemand mehr programmieren, sagt Claudia Frese. Bild: KI-generiert mit Bing Image Creator

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Dass Newsletter in den letzten Jahren ein Comeback erlebt haben zeigt auch, dass die gute, alte E-Mail trotz Tiktok und Co. noch immer eine Daseinsberechtigung hat. Und das Drama um Twitter demonstriert als Beispiel, weshalb man sich manchmal nicht auf zentralisierte Strukturen verlassen sollte.

Über das Geschäft mit diesem Fundament des Internets und wie die vielerorts ausgerufene KI-Revolution es verändert, habe ich mit Strato-Chefin Claudia Frese gesprochen. ­Seit 2020 ist Frese CEO bei einem von Deutschlands größten Webhostern. Strato ist die aktuelle Station in einer langen Karriere, die unter anderem über Führungspositionen bei Ebay führte. Eine Zeit, in der sich das Geschäft mit dem Internet rapide verändert hat – oder?

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Golem.de: Das Hauptgeschäft von Strato sind Webhosting und Domains. Spielt die eigene Webseite heute überhaupt noch eine Rolle? ­

Claudia Frese: Ich bin überzeugt, dass die eigene Domain und die eigene Webseite immer noch eine große Bedeutung haben. Das sehen wir auch in Studien. Selbst bei einem Restaurant mit viel Laufkundschaft besuchen Kunden zunächst die Website, um sich ein umfassendes Bild zu machen. Das gilt auch für andere Gewerbetreibende. Die Website ist und bleibt der am meisten besuchte Kanal. Auch die E-Mail ist ein Aspekt, der von vielen unterschätzt wird. Eine professionelle Domain samt Mail-Adresse wirkt einfach viel seriöser.

Golem.de: Lässt sich aus diesen Studien ablesen, inwiefern Verschiebungen bei den großen Social-Media-Plattformen das beeinflussen? ­

Frese: Ich glaube, da gibt es einen Wahrnehmungsunterschied. Natürlich ist Social Media immer wichtiger geworden. Betrachtet man die unterschiedlichen Altersgruppen, wird man hundertfach lesen, dass Tiktok wichtiger und Facebook weniger wichtig wird. Aber das sind spezifische Probleme von großen Unternehmen. ­

Der örtliche Fußballverein ist davon weniger betroffen. Für den hat sich nicht viel geändert. Lokale Geschäfte brauchen zunächst mal eine eigene Website und ein vernünftiges Mailsystem. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In Kleinstädten dreht sich die Welt immer noch langsamer als anderswo. ­

Das Internet, wie wir es kennen, hat sich um das Domain-System herum entwickelt. Das wird noch eine ganze Weile stabil bleiben. Ob es für immer so bleibt, kann wohl niemand voraussagen. Aber auf absehbare Zeit schon.

Golem.de: Wenn ich Podcasts höre, tauchen immer wieder Sponsoren auf, die mit besonders einfachen Website-Baukästen werben. Wie sehr hat sich das Hosting-Geschäft durch solche Angebote verändert? ­

Frese: Ich erinnere mich noch gut an die Zeit vor 25 Jahren. Damals hat eine Webseite für einen kleinen Mittelständler schnell 100.000 Mark gekostet, weil eine Agentur beauftragt wurde, die die gesamte Website mühsam von Hand in HTML programmiert hat. Der Aufwand und die Kosten, Technologie zu nutzen, haben sich seitdem stark verringert. ­

Auch wir bieten Homepage-Baukasten-Systeme an und sind gerade dabei, KI-Anwendungen in unsere Systeme zu implementieren. Das wird den gesamten Prozess noch weiter beschleunigen. ­

In Zukunft wird niemand mehr von Hand Einzelseiten bauen, sondern diese dialogbasiert über Sprache oder Prompts erstellen. Das wird noch einmal deutlich einfacher, als es jetzt schon ist. Auch so etwas wie die Konfiguration des Hostings ist jetzt schon stark standardisierbar und wird noch viel stärker durch den Einsatz von KI gesteuert werden.

Golem.de: Teilen Sie die Befürchtungen, dass das Internet durch massenhaft KI-generierte Webseiten schlechter wird? ­

Frese: Ich sehe KI nicht als den großen Angstmacher, sondern eher als Chance. Gerade im täglichen Geschäft kann KI bei der Gestaltung helfen sowie das SEO-Geschäft unterstützen. Wir arbeiten, wie alle anderen, gerade mit Hochdruck daran, KI sinnvoll einzusetzen.

Golem.de: Wie werden in zehn Jahren Webseiten entstehen? ­

Frese: Das Coden wird für die Erstellung von Websites immer weiter in den Hintergrund rücken. Es geht unseren Kunden fast nie um die Technik, sondern um das, was damit zum Ausdruck gebracht wird. Als technischer Dienstleister ermöglichen wir Kunden, mehr Zeit mit ihren Inhalten zu verbringen – während wir uns um die Form kümmern. ­

Bei den Inhalten selbst bin ich mir nicht ganz sicher, wie die Zukunft aussieht. Unsere Kunden legen zum Beispiel viel Wert auf eigene Fotos. Die Gestaltung der Website ist und bleibt etwas ganz Individuelles, Persönliches. Hier geht es nicht darum, sich möglichst schnell etwas von der KI erstellen zu lassen, sondern das eigene Geschäft oder die Passion darzustellen. Da zählen also weiterhin Menschen, Gesichter und deren Geschichten.

Golem.de: Wann haben Sie bei Strato damit begonnen, KI einzusetzen? ­

Frese: Ich glaube, alle Leute, die in unserem Sektor unterwegs sind, haben in den letzten zwei Jahren angefangen, damit zu experimentieren. Jeder, der im Moment Software entwickelt, denkt primär an Code- und Textgenerierung. Im Bereich Kundendienst sind Chatbots ein großes Thema, das wir vorantreiben. Wir arbeiten im Support schon seit vielen Jahren mit KI, aber durch ChatGPT ist das Niveau nochmals deutlich gestiegen und belastbarer geworden. ­

Für die Ionos-Gruppe haben wir eine interne KI-Anwendung aufgesetzt, die zum Teil auf ChatGPT beruht und gleichzeitig unseren Datenschutzgrundlagen entspricht. Damit haben wir eine Lösung für unsere Mitarbeiter, die sich fortan keine komplizierten Prompts mehr überlegen müssen, um Unsicherheiten zu umgehen. Und es werden keine vertraulichen, unternehmensinternen Daten blind in ein öffentliches Modell gesendet. Wir wollen lieber selbst aus unseren Daten lernen.

Golem.de: Datenschutz ist nur eines der Themen, wegen denen über eine Regulierung diskutiert wird. Ist der Standort Europa in dieser Hinsicht ein Nachteil? ­

Frese: Nein, und der Prozess der Regulierung auf EU-Ebene ist, um das schöne Wort zu bemühen, auch alternativlos. Wenn wir unsere europäischen Werte ernst nehmen, müssen wir sie auch rechtlich umsetzen. Insofern glaube ich, dass wir an dieser Stelle nicht aus einer ökonomischen Perspektive heraus entscheiden sollten, sondern aus der Perspektive unserer gemeinsamen Werte. Ich glaube fest daran, dass Daten- und Persönlichkeitsschutz sowie ein bewusster Umgang mit Privatsphäre in den europäischen Werten verankert sind. Deshalb gibt es diese Gesetze. ­

Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, wird sich zeigen. Der europäische Markt ist – wie der amerikanische – sehr groß. Wer hier agieren und erfolgreich sein will, muss den hiesigen Gesetzen und Werten entsprechen. Für europäische Unternehmen ist es ein Vorteil, dass wir diese Grundlagen verinnerlicht haben.

Golem.de: Unternehmen wie Microsoft und Amazon bieten auch deshalb eigene EU-Clouds an. Wie kann Strato mit diesen US-amerikanischen Techkonzern mithalten? ­

Frese: Natürlich stehen wir in einem Wettbewerb mit US-Anbietern. Als Unternehmen aus Europa haben wir jedoch einen USP, denn europäischer Datenschutz und Hosting aus Europa sind die Grundsteine für unsere Lösungen, bei denen die Kundinnen und Kunden die volle Souveränität über ihre Daten behalten. Das bedeutet für uns zum Beispiel den Schutz vor Vendor-Lock-in, einfache Interoperabilität oder die Tatsache, dass Open Source für uns eine große Rolle spielt. Uns ist es immer wichtig, mit kleineren und mittelständischen Unternehmen auf Augenhöhe zu agieren. ­

Golem.de: Deutschen Unternehmen wird ja gerne mal Angst vor der Cloud nachgesagt. ­

Frese: Besonders kleinere Unternehmen tun sich manchmal noch schwer mit der Cloud. Ein Grund hierfür ist das fehlende Know-how. Große Unternehmen haben spezialisierte IT-Abteilungen, da ist die Cloud Standard. Für KMUs gilt das weniger. Hier müssen wir ansetzen und kleinere Unternehmen eng auf ihrem Weg in die Cloud begleiten. Klar ist: Wer heute nicht in der Cloud ist, wird es künftig noch schwerer haben. ­

Golem.de: Sie haben vorhin den Einsatz von KI-Chatbots im Kundensupport oder zur Automatisierung von Serverkonfigurationen erwähnt. Sind dann nicht auch Arbeitsplätze in Gefahr? ­

Frese: Ich glaube eher, dass KI uns helfen kann, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Ich denke nicht, dass unser Problem in den nächsten zehn Jahren eine erhöhte Arbeitslosenquote durch KI ist. ­

Golem.de: Wie sehr spüren Sie den Fachkräftemangel bei Strato? ­

Frese: Zu jedem Zeitpunkt. Allerdings ist das nichts Neues. Wer sich die letzten zehn Jahre anschaut, sieht, dass wir immer offene Stellen in der IT hatten. Viele davon sind sehr langfristig offen, weil wir einfach nicht die passenden Leute bekommen. Bei unserer Unternehmensgröße gibt es zudem immer einen gewissen Wechsel in der Belegschaft. Das Unternehmen dabei laufend stabil zu halten, also schnell genug Nachbesetzungen vorzunehmen, war schon in den vergangenen Jahren eine Herausforderung. Hinzu kommt das Firmenwachstum. Den Fachkräftemangel gibt es aber nicht nur in der IT, sondern auch in anderen Bereichen. ­

Golem.de: Haben Sie in der Zeit besondere Strategien entwickelt? ­

Frese: Mit 26 Jahren sind wir ja fast ein Dinosaurier in der Berliner Digitalszene. Wir haben dabei das große Glück, eine sehr starke interne Kontinuität zu haben. Das liegt einerseits an unserem stabilen Geschäft. Andererseits achten wir schon immer auf ein gutes Miteinander. Ich glaube, wir sind ein sehr familienfreundliches und diverses Unternehmen. Das führt dazu, dass die Leute nicht so schnell wieder gehen. Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bereits seit zehn, 15 Jahren im Betrieb. Eine niedrige Attrition Rate, also eine niedrige Kündigungsrate, hilft natürlich. ­

Golem.de: Aber wie lässt sich so etwas in der Praxis erreichen? ­

Frese: Das hat alles mit einer guten Unternehmenskultur zu tun, in der wertschätzend kommuniziert und vernünftig geplant wird. Wir legen großen Wert darauf, dass allen jederzeit klar ist, wo die aktuellen Prioritäten liegen. Ich bin auch stolz darauf, dass wir immer Auszubildende im Unternehmen haben, unseren Fachkräftenachwuchs also quasi selbst heranziehen. So gibt es tatsächlich einige Führungskräfte bei Strato, die vor 15 Jahren mal als Azubis angefangen haben. ­

Unternehmen mit einer gewissen Größe haben meiner Meinung nach daher auch eine gesellschaftliche Verpflichtung auszubilden. Natürlich haben auch wir duale Studenten, Praktikanten oder Werkstudenten. Auch unternehmensinterne Weiterbildungen tragen dazu bei, dass es diese Kontinuität gibt. Es gibt so viele Möglichkeiten, auszubilden und sich eigenen Nachwuchs heranzuziehen. Das hat nur Vorteile für alle. ­

Golem.de: Es ist von einem Arbeitnehmermarkt die Rede. Muss sich ein gut ausgebildeter ITler überhaupt Mühe geben, um einen Job zu finden? ­

Frese: Jemand, der gut ausgebildet ist, muss sich keine Sorgen machen, einen Job zu finden. Man sollte sich aber klarmachen, was für einen Job man sucht. Das eigentliche Problem ist nämlich, aus der Summe der Möglichkeiten die richtige auszuwählen. Das gilt für beide Seiten: für Bewerber sowie für Unternehmen. ­

Meine Erfahru­ng ist aber, dass nicht die Informationen fehlen, sondern dass es mitunter an der Vorbereitung hapert. Gerade, weil es viele Jobs auf dem Markt gibt und Bewerber gleichzeitig mit vier oder fünf Unternehmen reden. Unvorbereitet in ein Bewerbungsgespräch zu gehen, ist leider immer noch der häufigste Fehler, den wir sehen. ­

Golem.de: Viele Beschäftigte entscheiden sich erst später für den richtigen Job und wagen einen Quereinstieg in die IT. Was ist für diesen Schritt auf beiden Seiten nötig? ­

Frese: Lernbereitschaft und Gestaltungswillen sind die wichtigsten Eigenschaften. Der Vorteil der IT-Branche ist, dass sie sich so schnell entwickelt. Deswegen sind die wichtigsten Anforderungen, lernfähig und flexibel zu sein. Da sind wir auch schnell wieder beim Thema Ausbildung: Unternehmen müssen vernünftige interne Weiterbildungssysteme haben – wenn jemand quer einsteigt, muss es für den weiteren Weg auch geordnete Prozesse geben. Aber das Allerwichtigste bleibt der eigene Antrieb: Wer Lust auf den Quereinstieg hat, der schafft das auch. Die IT ist eben keine geschlossene Branche. Aufgrund des rapiden Wachstums können wir es uns auch gar nicht erlauben, eine geschlossene Branche zu sein.


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