Broschüre: Amazon-Arbeiter sollen sich als "Industriesportler" sehen

Eine neue Studie zur Arbeitssicherheit bei Amazon enthält schwere Vorwürfe wegen Akkorddrucks und Verletzungen. Doch Amazon rät, die Arbeiter sollten sich als "Industriesportler" verstehen.

Artikel veröffentlicht am ,
Berühmter Amazon-Standort in den USA: Bessemer, Alabama
Berühmter Amazon-Standort in den USA: Bessemer, Alabama (Bild: Patrick T. Fallon/AFP via Getty Images)

Arbeiter in US-amerikanischen Amazon-Lagern werden häufiger verletzt als Beschäftigte in vergleichbaren Jobs in der Branche. Das ergab eine Studie des Strategic Organizing Center (SOC), das US-Gewerkschaften betreiben. Danach kommt es zu 5,9 schweren Verletzungen pro 100 Personen, fast 80 Prozent mehr als beim Rest der Branche.

Stellenmarkt
  1. IT Organisator Warenwirtschaftssystem/WWS / WaWi (m/w/d)
    Agravis Raiffeisen AG, Münster
  2. Referent (m/w/d) Informationssicherheit und Datenschutz
    Erwin Quarder Systemtechnik GmbH, Espelkamp
Detailsuche

Die Organisatoren der Studie machen Amazons "Besessenheit von hohem Arbeitstempo" als Hauptursache für das Problem verantwortlich.

Es ist die jüngste in einer Reihe von Kontroversen rund um die Sicherheit und die Arbeitsbedingungen bei dem weltgrößten Onlinehändler. Das IT-News-Magazin Motherboard hat eine Amazon-Lagerhaus-Broschüre veröffentlicht, die den Arbeitern rät, dass sie sich selbst als "Industriesportler" sehen sollten. "Genau wie ein Athlet, der für eine Veranstaltung trainiert, müssen Industriesportler ihren Körper darauf vorbereiten, bei der Arbeit Höchstleistungen zu erbringen", heißt es dort. "In einigen Job-Positionen werden bis zu 21 km pro Tag gelaufen ... [andere] werden insgesamt 9.072 kg anheben, bevor sie ihre Schicht beenden", heißt es darin.

Die Broschüre aus einem Lagerhaus in Tulsa bietet auch Tipps zum Kauf von geeigneten Schuhen für geschwollene Füße und rät zum Training an freien Tagen. Amazon teilte Motherboard mit, dass die Broschüre irrtümlich erstellt und wieder entfernt wurde - obwohl der Arbeiter, der sie der Veröffentlichung übergab, bestätigte, dass die Broschüre monatelang vor Ort verfügbar war.

Golem Akademie
  1. Microsoft Dynamics 365 Guides mit HoloLens 2: virtueller Ein-Tages-Workshop
    16. Februar 2022, Virtuell
  2. Jira für Systemadministratoren: virtueller Zwei-Tage-Workshop
    24.–25. Januar 2022, virtuell
Weitere IT-Trainings

Amazon hatte sich nach einer Twitter-Auseinandersetzung darüber, ob Beschäftigte aus Zeitdruck in Flaschen urinieren müssen, bei einem US-Abgeordneten entschuldigt. Der Konzern räumte in einer Mitteilung ein, dass Lieferfahrer mitunter keine Toiletten fänden und bestätigte somit erstmals Berichte, wonach Mitarbeiter unter hohem Zeitdruck im stressigen Arbeitsalltag in Flaschen urinierten. Dass dies zunächst über einen offiziellen Twitter-Account von Amazon abgestritten wurde, sei ein "Eigentor" gewesen. Mehrere Journalisten hatten sich zu Wort gemeldet und die Berichte zu fehlenden Toilettenpausen und Urinflaschen bestätigt, für Lagerarbeiter und für Lieferfahrer.

Amazon: keine FFP2-Masken wegen Extrapausen

Laut einem ARD-Bericht wird es den Amazon-Beschäftigten am Standort Winsen (Luhe) in Niedersachsen verwehrt, sich mit einer FFP2-Maske zu schützen. Im Februar teilte Amazon den Beschäftigten an dem Standort per Aushang mit, dass ausschließlich OP-Masken getragen werden dürften. Unter dem Text war eine durchgestrichene FFP2-Maske abgebildet. Rechtlich gesehen reicht ein OP-Mundschutz aus, jedoch sind FFP2-Masken deutlich sicherer. Eine Amazon-Arbeiterin sagte, sie habe ihren Vorgesetzten auf FFP2-Masken angesprochen. Dieser habe gesagt, FFP2-Masken seien verboten, damit den Beschäftigten keine zusätzliche Pause gewährt werden müsse.

Amazon-Beschäftigte in Deutschland klagten im Mai darüber, dass jeder ihrer Arbeitsschritte getrackt werde. Anlass war die Anhörung im Europäischen Parlament zu Unternehmenspraktiken des US-Konzerns, zu dem Amazon nicht einmal einen Vertreter schickte. "Auch wenn es um eine minimale Arbeitsunterbrechung geht, werden Beschäftigte angesprochen", sagte Orhan Akman, Verdi-Bundesfachgruppenleiter für Einzel- und Versandhandel. Jeder Fehler habe zudem ein sogenanntes Feedback zur Folge. Außerdem berichten Beschäftigte, dass alle Scanner standardmäßig mit Mikrofonen ausgestattet seien, was Abhören ermögliche. Amazon bestreitet den Vorwurf jedoch.

Amazon: Mehr als 1 Milliarde US-Dollar für Sicherheit am Arbeitsplatz

Die Studie vom Strategic Organizing Center (SOC) analysierte Daten zur Arbeitssicherheit, die im Zeitraum von 2017 bis 2020 an die US-Behörde für Arbeitssicherheit und Gesundheit gemeldet wurden.

Golem ENTHUSIAST

Im Vergleich zum größten Einzelhandelskonkurrenten Walmart war die Gesamtverletzungsrate von Amazon mit 6,5 pro 100 Arbeitern mehr als doppelt so hoch. Eine unabhängige Analyse derselben Daten durch die Washington Post kam zu ähnlichen Schlussfolgerungen.

In einer Erklärung sagte Amazon, dass es im vergangenen Jahr mehr als 1 Milliarde US-Dollar in die Sicherheit am Arbeitsplatz investiert und sein Sicherheitsteam auf mehr als 6.200 Mitarbeiter erweitert habe.

Zugleich kündigte das Unternehmen an, dass für US-amerikanische Amazon-Mitarbeiter die Tests auf Marihuana-Konsum eingestellt würden. "Angesichts dessen, wohin sich staatliche Gesetze in den USA bewegen, haben wir den Kurs geändert", schrieb der Geschäftsführer Dave Clark - fügte jedoch hinzu, dass Mitarbeiter "nach jedem Vorfall" weiterhin auf Beeinträchtigungen untersucht würden.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed


euroregistrar 14. Sep 2021

Was willst du uns sagen? Lagerarbeiter mit Office vergleichen? Vermutlich läuft ein...

singularitaet 04. Jun 2021

Und diese Manager beziehen ein hohes Gehalt mit Hinweis auf ihre Verantwortung, die sie...

singularitaet 04. Jun 2021

Super-Argument: Lasst uns doch alle (Arbeitnehmer-)Rechte abschaffen, vielleicht gibt es...

Faksimile 04. Jun 2021

Mag sein. Aber auch bei den Produzenten entsteht ja Druck von Seiten der Vertriebskette...

schnedan 03. Jun 2021

Methamphetamin oder so...



Aktuell auf der Startseite von Golem.de
Microsoft
Sony äußert sich zur Übernahme von Activision Blizzard

Rund 20 Milliarden US-Dollar haben die Aktien von Sony verloren. Nun hat der Konzern erstmals den Kauf von Activision Blizzard kommentiert.

Microsoft: Sony äußert sich zur Übernahme von Activision Blizzard
Artikel
  1. Parallel Systems: Ehemalige SpaceX-Mitarbeiter entwickeln neuartige Güterzüge
    Parallel Systems
    Ehemalige SpaceX-Mitarbeiter entwickeln neuartige Güterzüge

    Das Startup Parallel Systems will konventionelle Züge durch modulare Fahrzeuge mit eigenem Antrieb und Energieversorgung ersetzen.

  2. Digitale-Dienste-Gesetz: Europaparlament will Nutzertracking stark einschränken
    Digitale-Dienste-Gesetz
    Europaparlament will Nutzertracking stark einschränken

    Das Europaparlament hat den Entwurf des Digitale-Dienste-Gesetzes verschärft. Ein Komplettverbot personalisierter Werbung soll es aber nicht geben.

  3. Jahresbilanz: Durch das Vodafone-Kabelnetz liefen 48 Exabyte
    Jahresbilanz
    Durch das Vodafone-Kabelnetz liefen 48 Exabyte

    Unser neues Leben spielt sich tagsüber bei Microsoft Teams ab. Dann verlagern sich die Datenströme in Richtung der Server von Netflix und Amazon.

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • LG OLED (2021) 40% günstiger (u.a. 65" 1.599€) • WD Black 1TB SSD 94,90€ • Lenovo Laptops (u.a. 17,3" RTX3080 1.599€) • Gigabyte Mainboard 299,82€ • RTX 3090 2.399€ • RTX 3060 Ti 799€ • MindStar (u.a. 32GB DDR5-6000 389€) • Alternate (u.a. Samsung LED TV 50" 549€) [Werbung]
    •  /