Strafverfolgung: Geheimdienstmethoden für Ermittler
Identitätswechsel, Burner Phones, verschiedene Kommunikationskanäle: All das soll nach Plänen des EU-Forschungsprojektes Roxanne künftig nicht mehr dabei helfen, unerkannt zu bleiben. Die Forscher wollen verschiedene Datenarten aus unterschiedlichen Quellen auswerten und verbinden, darunter abgehörte Telefonate oder Aufnahmen aus Videoüberwachungskameras. Personen sollen über verschiedene Kommunikationskanäle hinweg an ihrer Stimme oder ihrer Umgebung wiedererkannt werden. Die Erkenntnisse werden mit einer Netzwerkanalyse kombiniert, um weitere Beteiligte zu ermitteln. Das Forschungsprojekt soll sich gegen die organisierte Kriminalität richten, dürfte sich aber auch dazu eignen, Aktivisten-Netzwerke oder Journalisten zu überwachen.
Das Forschungsprojekt hat am 1. September begonnen(öffnet im neuen Fenster) und ist auf eine Dauer von drei Jahren ausgelegt. Ziel ist es, ein Framework zu schaffen, das Ermittlern bei der Analyse von großen Datenmengen hilft, die zudem verrauscht und mehrsprachig vorliegen könnten. Die Daten sollen dabei beispielsweise aus abgehörten Telefonanrufen, überwachten VoIP-Apps wie Skype oder Google-Hangouts, Aufnahmen von Videoüberwachungskameras, Daten von sozialen Netzwerken, aber auch polizeilichen Spuren stammen.
Diese sollen per Sprach- und Videoanalyse ausgewertet werden. Eine Person könnte so anhand ihrer Sprache über verschiedene Kanäle wiedererkannt werden. Zudem sollen aus der Sprache Informationen wie das Geschlecht und das Alter ermittelt werden, auch die Sprache sowie mögliche Akzente können eine Rolle spielen. Daneben sollen auch Geräusche ausgewertet werden, um beispielsweise festzustellen, dass eine Person mehrfach aus demselben Auto anruft.
Ziel ist es, Personen nicht nur über verschiedene Kommunikationskanäle hinweg, sondern auch bei einem häufigen Wechsel der Identitäten, beispielsweise über sogenannte Burner Phones, also Telefone und SIM-Karten, die nur über einen sehr kurzen Zeitraum verwendet werden, zu identifizieren. Zudem könnten die Sprachaufnahmen für die weitere Analyse automatisch transkribiert, also in Text umgewandelt, werden. Dabei greift das Forschungsprojekt auch auf bereits kommerziell erhältliche Lösungen für die Analysen zurück.
Bei der Auswertung von Videoaufnahmen soll neben Gesichtserkennung auch die Erkennung von Objekten oder der Umgebung eine Rolle spielen. Auch das Sprachverhalten soll analysiert werden und eine Person daran wiedererkannt werden. Außerdem sollen Hierarchien in einem Netzwerk erfasst werden. Das Ziel des Frameworks seien weniger die einzelnen Personen als deren Netzwerke, heißt es in der Projektbeschreibung.
"Die Situation kann mit den Anfängen der Internetsuche verglichen werden," schreiben die Forscher. Google habe den Suchmaschinenmarkt durch die Analyse der Beziehungen der Webseiten untereinander umgekrempelt. Mit Roxanne erwarten die Forscher einen ähnlichen Durchbruch. Dieser soll durch die Kombination der Auswertungstechniken mit einer Netzwerkanalyse erreicht werden.
Eine automatisiert erstellte Polizei-Mindmap
Neben der Sprach- und Videoanalyse sollen die Daten auch einer Netzwerkanalyse unterzogen werden. So sollen die Verbindungen und Netzwerke der Personen herausgearbeitet werden. Hierbei soll auch auf die Metadaten wie die IMSI- und IMEI-Nummer (eindeutige Nummern des Telefons bzw. der SIM-Karte) sowie geographische Informationen und Zeitpunkte zurückgegriffen werden. Die entstanden Informationen sollen dabei bidirektional ausgetauscht werden, um die Genauigkeit der Netzwerkanalyse sowie der Sprach- und Videoanalyse zu erhöhen.
Am Ende soll das System einen Graphen eines kriminellen Netzwerkes erstellen, der mit Namen, Identitäten und Rollen sowie Verbindungen zwischen den Personen und Orten erstellen. Dieses soll zudem mit nützlichen Informationen aus den "klassischen Quellen" angereichert werden. Letztlich klingt das System wie ein automatisiert erstelltes Beziehungsdiagramm, wie man es aus Film und Fernsehen mit Post-ITs, Fotos und Verbindungsschnüren kennt. Die Forschung könne sich aber nicht auf echte Ermittlungsdaten stützen, sondern nutze öffentlich verfügbare Medien, beispielsweise aus sozialen Netzwerken, schreiben die Forscher. Es könnten aber auch echte Aufgaben von den teilnehmenden Strafverfolgungsbehörden einfließen.
"Massenhaft Unbeteiligte im Visier der Behörden"
Der Bürgerrechtsaktivist Matthias Monroy kritisiert das Forschungsprojekt: Letztlich würden mit Roxanne verschiedene Überwachungsmethoden zusammengeführt – ein gefährliches Unterfangen für Datenschutz und Bürgerrechte. Das System untersuche Verbindungen zwischen Personen, Sachen oder Vorgängen und beurteile deren Beziehungen untereinander. "Dadurch geraten massenhaft Unbeteiligte ins Visier der Behörden. Hinzu kommt, dass der Quellcode, also die Funktionsweise der Anwendungen unbekannt ist," sagte Monroy Golem.de.
Das Forschungsprogramm mache Geheimdiensttechnik für die Strafverfolgungsbehörden nutzbar. "Gewöhnlich wird bei solchen Anwendungen der Nutzen gegen Terrorismus und Kinderpornografie herausgestellt. Einmal eingeführt, wird das Spektrum jedoch schnell erweitert. Ich gehe davon aus, dass auch politischer Dissens damit ausgeforscht wird," erklärt Monroy. Strafverfolgungsbehörden könnten Roxanne auch gegen kritische Journalisten oder Aktivisten einsetzen.
Die EU finanziert das Programm(öffnet im neuen Fenster) mit rund 7 Millionen Euro im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogrammes Horizon 2020. Beteiligt sind 24 Organisationen, darunter auch Strafverfolgungsbehörden aus verschiedenen Ländern sowie die internationale Polizeiorganisation Interpol(öffnet im neuen Fenster) . Die Projektleitung hat das Schweizer Forschungsinstitut Idiap inne, auch die Universitäten Hannover und Saarland sind beteiligt.
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