Stormy Peters: Wie viel Open-Source-Software setzt euer Unternehmen ein?
Das hier ist die 31. Ausgabe von Chefs von Devs, dem Golem.de-Newsletter für CTO, Technical Directors und IT-Profis. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Ausgabe. Chefs von Devs kann hier kostenlos abonniert werden .
Benutzt euer Unternehmen Word oder Libre Office? Wie sieht's beim Mailserver aus? Und bei der Software auf eurem Router? Je tiefer man gräbt, desto mehr Open-Source-Pakete wird man selbst in den komplett proprietär lizenzierten Unternehmensanwendungen finden.
Entwickler haben "eine 50/50-Chance, mit einer guten Lösung die Welt der Softwareentwicklung zu verändern", sagt Stormy Peters von Github, auch wenn viele Open-Source-Contributor das eher beiläufig tun, weil sie ein eigenes Problem lösen wollen.
Mit Chefs von Devs spricht sie über die Rolle des Geldes in der Welt der freien Software, wie mehr Nachwuchs in die Community gebracht werden kann und was Unternehmen wie eure tun können, um zu einem nachhaltigeren Open-Source-Ökosystem beizutragen.
Stormy Peters arbeitet bei Github an diesem Spagat. In ihrer Rolle als VP of Communities ist Stormy Peters für Githubs Förderprogramme verantwortlich. Vorher leitete sie die Open-Source-Abteilung bei Microsoft. Davor? Mozilla, Red Hat, Gnome Foundation. Peters blickt auf eine lange Karriere in der Welt der freien, offenen Software zurück – und erklärt, wie sie anderen ebenfalls eine solche ermöglichen möchte.
div class="n2g_form">Interview mit Stormy Peters
Das hier ist die 31. Ausgabe von Chefs von Devs, dem Golem.de-Newsletter für CTO, Technical Directors und IT-Profis. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Ausgabe. Chefs von Devs kann hier kostenlos abonniert werden .
Golem.de: Vor welchen Problemen stehen Entwickler, die zu Open-Source-Projekten beitragen wollen?
Stormy Peters: Freie Software ist wie ein geschenkter Welpe: Es ist zunächst kostenlos, aber dann fallen Kosten für Wartung und Support an. Die Kosten für die Maintainer bestehen oft darin, jemanden zu finden, der gut darin ist, Code zu schreiben, und der ein Problem sieht und es löst.
So wird die Leitung eines Open-Source-Softwareprojekts in gewisser Weise wie die Leitung eines Unternehmens. Man braucht Leute, die Fragen beantworten, Leute, die sich einarbeiten, man bekommt Support-Anrufe und muss Dokumentationen schreiben.
Golem.de: Viele machen das unentgeltlich in ihrer Freizeit. Muss man ein Idealist sein, um etwas beizutragen?
eters: Ich denke, dass die meisten Entwickler*innen das nicht machen, um die großen Probleme der Welt zu lösen, sondern weil sie selbst ein Problem gesehen haben. Und wenn sie ihre Lösung dann veröffentlicht haben, wird es eher zufällig von Hunderttausenden Menschen benutzt.
Die Motivation ist nicht, eine Million Dollar zu verdienen. Viele wollen einfach nur ein Problem lösen. Momentan bedeutet eine Softwarekarriere, einen Gehaltsscheck von einem Unternehmen zu bekommen – wir arbeiten an neuen Wegen.
Golem.de: Wie sähe diese Arbeit in einer idealen Welt aus?
Peters: Alle Entwickler*innen verdienen eine Karriere, in der sie an Dingen arbeiten, die sie mit Leidenschaft machen. Aber: Ich finde es auch wichtig, dass wir ihnen helfen, für diese Arbeit bezahlt zu werden. Bei Github experimentieren wir beispielsweise mit dem Accelerator, ein zehnwöchiges Programm mit 20 Projekten. Wir wollten vor allem wissen, was die Entwickler*innen brauchen, um mit ihrem Projekt voranzukommen.
Einige sagten uns, dass Unternehmen bereit waren, Open-Source-Projekte finanziell zu unterstützen, sie wüssten nur nicht, wie. Also haben wir Github-Sponsors ins Leben gerufen, mit ungeheurem Erfolg. Da sind etwa 30 Millionen US-Dollar geflossen. Unternehmen wie Mercedes-Benz in Deutschland sind bereit, Hunderttausende US-Dollar für Open-Source-Software-Projekte bereitzustellen, auf die sie angewiesen sind, weil sie wollen, dass diese Software zuverlässig und sicher ist.
Golem.de: Github gehört Microsoft, einem dominanten Anbieter von proprietärer Software, das aber auch viel mit Open Source arbeitet. Welche Verantwortung haben Unternehmen, die von Open-Source-Projekten profitieren?
Peters: Wir befinden uns hier in einer Phase des Umdenkens. Früher war die Idee, dass die Unternehmen eigene Ingenieur*innen auf die von ihnen verwendeten Open-Source-Projekte ansetzen. Heute haben sich viele der Projekte zu viel kleineren, modularen Lösungen entwickelt, für die nicht Hunderte neue Entwickler*innen benötigt werden.
Und Microsoft verwendet 60.000 verschiedene Open-Source-Softwarepakete. Sie können nicht 60.000 Entwickler*innen für diese Pakete abstellen. Deswegen müssen wir neue Modelle finden. Es geht eher darum, dass das Geld von den Endnutzer*innen zu den Unternehmen fließt und zu den einzelnen Entwickler*innen, die das Problem bereits gelöst haben und bereit sind, es zu unterstützen.
Golem.de: Github wurde mit dem Hosting von quelloffener Software Milliarden wert. Was tut Github dafür, Open-Source-Entwicklung nachhaltiger zu gestalten?
Peters: Mein Team beschäftigt sich mit der Frage, wie wir Entwickler*innen die Mittel zur Verfügung stellen, damit sie nachhaltige und zuverlässige Software entwickeln können. Zu Bewerber*innen sage ich im Vorstellungsgespräch: "Ihr habt eine 50/50-Chance, mit einer guten Lösung die Welt der Softwareentwicklung zu verändern."
Nachhaltigkeit heißt auch, dass es Nachwuchs braucht. Der Frauenanteil ist in der Open-Source-Community beispielsweise noch geringer, als im MINT-Sektor ohnehin schon. Welche Probleme ergeben sich daraus, wenn nur ein bestimmter Teil zu diesen Projekten beiträgt?
Es ist wirklich wichtig, Vielfalt zu haben. Nicht nur, um sicherzustellen, dass wir Software entwickeln, die für alle Menschen funktioniert und nicht nur für die Hälfte der Bevölkerung, sondern auch, weil die besten Ideen von Menschen kommen, die miteinander reden. Je mehr verschiedene Stimmen, desto bessere Ideen.
Derzeit haben wir etwa 100 Millionen Entwickler*innen auf Github. Wenn man davon ausgeht, dass diese überwiegend Männer sind, dann bedeutet das, dass es da draußen 100 Millionen Frauen gibt, die ebenfalls Teil unserer Gemeinschaft sein könnten.
Kindern zu helfen, finde ich dabei besonders wichtig: Wenn man von Anfang an nur 20 Prozent von ihnen anspricht, kann man auch nur maximal 20 Prozent erreichen. Also muss man den Trichter am Anfang schon größer machen.
Golem.de: In Deutschland gibt es schon lange Diskussionen über das Programmieren als Schulfach. Wann sollten Kinder damit anfangen?
Peters: Am besten sehr früh. Kinder haben eine Menge Spaß daran. Bei Kids on Computers, einer gemeinnützigen Organisation, die ich mitbegründet habe, bringen wir recycelte Computer in Entwicklungsländer und stellen sie in Labors auf. Die Kinder legen einfach los, sie stürzen sich einfach hinein und versuchen, herauszufinden, wie etwas geht. Dabei haben sie vorher noch nie eine Maus oder eine Tastatur benutzt. Die Leidenschaft und Begeisterung, die sie mitbringen, ist ansteckend.
Golem.de: Wenn ich meine Gesprächspartner frage, was getan werden kann, um mehr Menschen für IT-Jobs zu erreichen, ist die Antwort immer: mehr Vorbilder.
Peters: Vorbilder sind wichtig oder, wie ich sie nenne: Verbündete. Ich hatte und habe viele Verbündete beider Geschlechter und auch unterschiedlicher Abstammung. Wenn man jemanden sieht, der so ist wie man selbst, denkt man eher: Das könnte ich auch schaffen! Wir versuchen beispielsweise mit Programmen wie All In, die Vielfalt in Open Source abzubilden.
Auch Tools spielen eine Rolle. Wir bieten mit Codespaces eine Entwicklungsumgebung in der Cloud an. Damit haben wir geholfen, Computerlabore in Uganda einzurichten. So können Kinder, die keinen eigenen Computer haben, auf dem in der Schule oder ihrer Tante programmieren. Ich hoffe, dass wir damit eine ganz neue Welt von Entwicklern willkommen heißen.
Golem.de: Viele CTOs mit denen ich spreche, setzen bereits KI-Tools wie Github Copilot oder ChatGPT in ihren Unternehmen ein. Wie werden Sprachmodelle das Programmieren verändern?
Peters: Die Denkweise beim Programmieren und wie man Probleme mit Computern löst, ist immer noch dieselbe. Was sich ändert, sind die Werkzeuge. Es gibt viele brandneue Tools und unsere Pädagog*innen sind immer noch dabei herauszufinden, wie diese die Art und Weise, wie Menschen lernen, verändert und wie man den Schüler*innen am besten dabei helfen kann.
Am Anfang sagten viele von ihnen: "Das ist Betrug! Wie können wir Copilot für unsere Schüler*innen ausschalten?" Langsam sehen wir aber ein Umdenken: Die Pädagog*innen merken, dass diese Tools als Ideengeber funktionieren können.
Eine Rückkehr zu einer Zeit ohne diese Tools kann ich mir nicht vorstellen. Wir wissen, dass die Entwickler*innen mit Copilot zufriedener sind, weil sie die langweiligen Teile nicht mehr selbst schreiben müssen. Und wenn die Student*innen dann in die Arbeitswelt einsteigen, werden sie ohnehin Tools wie Copilot verwenden.
Golem.de: Die Sprachmodelle von Venture-Capital-finanzierten Start-ups verwenden zwar quelloffene Datensätze, sind selbst aber intransparent, also das Gegenteil von Open Source. Wie groß ist die Gefahr dieser Entwicklung?
Peters: Die Lizenzen, die wir haben, decken nicht alles so gut ab, wie wir hoffen. Wir brauchen neue Lizenzen oder eine neue Sprache, um die Open-Source-Software-Community beim Thema KI zu unterstützen. Aber ich weiß, dass KI die Softwareentwicklung verändert, auch für Open-Source-Softwareentwickler*innen, und wir wissen, dass diese gern mit den neuen Werkzeugen arbeiten.
Golem.de: Sie machen sich in dieser Hinsicht also keine Sorgen?
Peters: Nein, im Gegenteil. Ich würde gern in die Zukunft vorspulen und sehen, wie sie aussieht.
Golem.de: Dieser Newsletter wird von Tech-Entscheidern gelesen. Was können diese tun, wenn sie jetzt Open-Source-Projekte praktisch unterstützen wollen?
Peters: Wenn Sie ein CTO in einem Unternehmen sind und Open-Source-Software unterstützen wollen, sollten sie sich zunächst fragen, welche Open-Source-Software Sie verwenden. Für die meisten Unternehmen ist das nicht einfach. Wir haben auf Github ein Panel und eine API, mit deren Hilfe wir die Abhängigkeiten von Open-Source-Software aufzeigen können.
Unternehmen sollten dann einen Teil ihres Geldes nehmen und es an die Projekte zurückgeben, von denen sie abhängig sind – und mit ihnen ins Gespräch kommen. Erzählen Sie den Teams, wie Sie ihre Software nutzen, oder fragen Sie sie, was sie brauchen. Vielleicht brauchen die Entwickler*innen kein Geld, vielleicht brauchen sie Anerkennung oder eine(n) weitere(n) Entwickler:in. Aber am wichtigsten ist erstmal, überhaupt miteinander zu reden.
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