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Sterben im digitalen Zeitalter: Facebook-Statusmeldungen aus dem Jenseits

Botschaften verschickende Facebook-Apps, virtuelle Friedhöfe und QR-Codes auf Grabsteinen: Das Leben geht nach dem Tod im Netz weiter. Der Nutzer kann mitentscheiden, wie.
/ Steve Haak
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Mit "If I die" können Facebook-Nutzer Hinterbliebenen eine Botschaft hinterlassen. (Bild: Facebook)
Mit "If I die" können Facebook-Nutzer Hinterbliebenen eine Botschaft hinterlassen. Bild: Facebook

Stefanie mochte Facebook. Darüber konnte sie mit Freunden chatten. An ihrem Leben teilhaben. Wenn es ihr nicht gut ging zum Beispiel. Wie in den letzten Monaten. Da war die 30-Jährige manchmal tagelang an ihr Bett gefesselt. Facebook war dann ihr Fenster zur Welt.

 
Video: Grieving on Social Media ist ein NBC-Beitrag darüber, wie sich das Trauern in Social-Media-Zeiten verändert hat.

Nachdem der Krebs gesiegt hatte, kamen viele ihrer Freunde zur Beerdigung. Auch welche, mit denen sie sich vor ihrem Tod nur über Facebook unterhielt. Manche hatte sie seit Jahren nicht mehr persönlich gesehen. Freunde aus der Schulzeit zum Beispiel.

"Ich vermisse Dich!"

Der Name Stefanie ist erfunden – der Rest nicht. Auch nicht das, was nach ihrem Tod passiert: Auf Stefanies Facebook-Timeline stehen Beiträge wie "Ich vermisse Dich!" und "Hoffentlich geht es Dir gut, dort wo Du jetzt bist".

Stefanie gab ihrem Freund die Zugangsdaten für Facebook. Der postet auf ihrem Facebook-Profil weiter – allerdings in seinem Namen. Manchmal stellt er auch Fotos von Stefanie auf ihre Timeline, die er kommentiert. Stefanies Freunde drücken den "Gefällt mir"-Button oder hinterlassen eigene Beiträge. Keiner entfernt Stefanie aus seiner Freundesliste, obwohl sie nicht mehr lebt.

"Es ist schon komisch, wenn du plötzlich Statusupdates einer Person liest, auf deren Beerdigung du erst vor ein paar Wochen warst", sagt eine Freundin Stefanies Golem.de, die sie aus Schulzeiten kennt. Dann zuckt sie mit den Schultern. Aber irgendwie gewöhne man sich daran. Es gehöre wohl dazu.

If I die

Das meinen auch die Gründer eines israelischen Startups. Ihren Slogan "What will you leave behind?" (Was willst du zurücklassen?) beantworten sie gleich selbst. Denn mit ihrer Facebook-App "If I die(öffnet im neuen Fenster)" können Nutzer des Netzwerks eine Botschaft hinterlassen. Diese erreicht die Hinterbliebenen kurz nach dem Tod des Nutzers.

Werbevideo der Facebook-App If I die
Werbevideo der Facebook-App If I die (01:08)

Bevor die Textnachricht oder das selbsterstellte Video bei anderen Nutzern erscheint, müssen die vom Verstorbenen ausgewählten Facebook-Freunde den Tod bestätigen. Mindestens drei Vertrauenspersonen werden vorher vom Nutzer festgelegt, wobei einer davon den Tod bei "If I die" melden muss.

Hilfe für beide Seiten

Makaber oder in Zeiten sozialer Netzwerke normal? Der Kölner Psychologe Peter Groß(öffnet im neuen Fenster) meint, dass die Konfrontation mit dem Tod und die anschließende Trauer wichtig sind. Egal wie. "Die Tibeter stellen zum Beispiel eine Woche lang, nachdem der Verstorbene begraben wurde, weiter ein Gedeck für ihn mit an den Tisch", erzählt Groß Golem.de.

Das solle beiden Seiten helfen. "Die Hinterbliebenen werden mit dem Tod des Angehörigen konfrontiert und der Verstorbene kann sich langsam und in vertrauter Umgebung von seinem Körper lösen."

Glückwünsche aus dem Jenseits

Dead Social(öffnet im neuen Fenster) hingegen ist nicht für eine Woche, sondern für die Ewigkeit gemacht. Damit lassen sich Statusmeldungen über Facebook veröffentlichen. Nutzer haben die Möglichkeit, Termine für die Zeit nach dem Tod zu verwalten.

Dead Social befindet sich noch in der Alphaphase. Das Angebot wurde auf der Next Web Conference im April 2012(öffnet im neuen Fenster) in Amsterdam gestartet. Wenn es nach den Entwicklern geht, sollen in Zukunft auch auf anderen Netzwerken wie Twitter und Google+ die vorgefertigten Meldungen erscheinen. Ein vom Nutzer festgelegter sogenannter Superadministrator schaltet den Account nach dem Tod des Nutzers frei.

Ab dann werden Geburtstagsglückwünsche und andere persönliche Mitteilungen des Verstorbenen an Freunde geschickt – theoretisch ein Leben lang. Was von dem Nutzer zu Lebzeiten gut gemeint war, kann aber kontraproduktiv sein. Denn ein Loslassen vom Verstorbenen, so wie es Psychologen empfehlen, ist dann nur schwer möglich.

"Die Frage ist, hält das die Trauergefühle aufrecht?", fragt Peter Groß. Dann sei es nicht sinnvoll. Denn davon habe der Trauernde nichts. Anstatt sich dem Leben zuzuwenden, wird sich dem Toten zugewandt. "Trauer ist etwas, was mit der Zeit auch irgendwie erledigt sein muss." Darum habe er bei Diensten wie Dead Social eine zweigeteilte Meinung.

Straße der Besten

Das bedeute aber nicht, dass es auch Jahre später keinen Ort des Gedenkens mehr geben dürfe, sagt Groß. "Wenn jemand zum Grab geht, dann ist es in Ordnung. Ich habe immer wieder Leute bei mir in der Therapie, die sich seit Jahren nicht an das Grab eines Verstorbenen getraut haben. Zu denen sage ich, dass sie ganz bewusst dorthin gehen sollen – um zu verarbeiten."

Vielleicht hilft bei der Bewältigung der Onlinefriedhof Straße der Besten(öffnet im neuen Fenster). Die Website hat seit ihrem Start vor fünf Jahren über 23 Millionen Besucher. Fast 23.000 Grabstätten wurden dort bereits angelegt – religionsübergreifend. "Mama, ich vermisse Dich so ᐸ3", steht unter einem Grab auf dem muslimischen Teil(öffnet im neuen Fenster) des Onlinefriedhofs.

Ein Bild des Verstorbenen gibt es nur bei einigen Einträgen. Immer gibt es aber die Möglichkeit, sich im Kondolenzbuch des Toten zu verewigen, die Gedenkstätte per E-Mail weiterzuempfehlen oder dem Verfasser des Eintrags eine Nachricht zu senden.

QR-Codes auf Grabsteinen

Das Angebot des Kölner Steinmetzmeisters Andreas Rosenkranz(öffnet im neuen Fenster) ist weniger anonym und kann sogar angefasst werden. Seine QR-Codes auf Grabsteinen können mit Smartphones oder Tablets eingelesen werden. Wohin der dahinter verborgene Link führt? Das entscheiden die Verwandten des Verstorbenen. Das kann eine Trauerseite sein, die vom Verstorbenen vor seinem Tod mitgestaltet wurde, oder ein virtuelles Kondolenzbuch.

"Wer auf Facebook seine Timeline hat, der möchte vielleicht, dass sie auch nach seinem Tod noch abrufbar ist", sagte Rosenkranz dem Kölner Stadtanzeiger(öffnet im neuen Fenster). Dass die neuen Medien auch Einzug auf den Friedhof halten, ist eine Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten sei.

Suche nach Verstorbenen

In der Genealogie – der Stammbaumforschung – haben die neuen Medien schon längst Einzug gehalten. MyHeritage(öffnet im neuen Fenster) ist ein im Jahr 2003 gegründetes Familiennetzwerk, das nach eigenen Angaben(öffnet im neuen Fenster) mittlerweile eine Milliarde angelegte Profile hat. Diese wurden von den Nutzern in 23 Millionen Stammbäumen verewigt.

Das in Israel gegründete Unternehmen bietet seinen Dienst mittlerweile in 38 verschiedenen Sprachen an, darunter auch in Deutsch. Im April dieses Jahres startete MyHeritage eine neue Suchfunktion, bei der auch historische Aufzeichnungen wie Zeitungsartikel in die Suche nach Verwandten einbezogen werden. Diese reichen bis in das 18. Jahrhundert zurück.

Damit macht MyHeritage dem Angebot der Mormonen Konkurrenz – Familysearch(öffnet im neuen Fenster). Mit zwei Milliarden Profilen ist es das größte Online-Ahnenforschungsportal. Nicht nur Religionsanhänger können in der Datenbank nach vielen Merkmalen wie Vor- und Nachname des Ehegatten, Geschlecht und Hochzeitsdatum suchen – sofern bekannt. Das Open-Public-Angebot kann jeder nutzen. Die Datenbank gibt es seit 1999.

Passwörter hinterlassen

Das Sterben, die anschließende Trauer und das Verwalten des Familienstammbaums sind also schon längst Teil des digitalen Zeitalters. Neu ist nur die Möglichkeit, den Hinterbliebenen über die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und Google+ Nachrichten zu hinterlassen.

Wer so etwas partout nicht möchte, der kann auch auf der vom amerikanischen Neurologen David Eagleman eingerichteten Website Deathswitch(öffnet im neuen Fenster) eine E-Mail mit sämtlichen Passwörtern hinterlassen, die nach dem Tod an eine vorher bestimmte Person versendet wird.

Für 20 US-Dollar im Jahr können 30 solcher Nachrichten hinterlegt werden. Wenn der Nutzer nicht in bestimmten Intervallen auf die Seite schaut, werden die E-Mails versandt. Die Empfänger können dann die Profile des Verstorbenen in den Netzwerken löschen. Die Garantie, kein Grab auf einem Onlinefriedhof zu erhalten oder nicht im virtuellen Familienstammbaum erwähnt zu werden, bekommt der Nutzer aber nicht.


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