Start-up Tachyum: Zulieferer hat angeblich Prodigy-Chip sabotiert

Cadence sollte Funktionsblöcke liefern. Da die nicht funktionierten, musste der Prozessor verschoben werden. Tachyum klagt auf entgangenen Gewinn.

Artikel veröffentlicht am , Johannes Hiltscher
Existiert weiterhin nur als Modell im FPGA: Tachyums Prodigy-Prozessor.
Existiert weiterhin nur als Modell im FPGA: Tachyums Prodigy-Prozessor. (Bild: Tachyum)

Tachyum will mit seinem 128-Kern-Prozessor Prodigy die Rechenzentren revolutionieren - der soll sowohl CPUs von AMD und Intel als auch Nvidias GPUs überlegen sein. Ursprünglich sollte die Produktion des Chips 2019 starten, wurde aber mehrfach verschoben und nun eigentlich im dritten Quartal 2022 beginnen. Daraus wird wieder nichts: Schuld daran soll Cadence, ein Lieferant von Funktionsblöcken und Designsoftware sein, wie The Register berichtet.

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Das Magazin fand eine Klageschrift (PDF), in der Tachyum Cadence vorwirft, über die Verfügbarkeit mehrerer IP-Cores getäuscht worden zu sein. Dabei handelt es sich um zugekaufte Funktionsblöcke - genannt werden Speicher-Controller, PCIe Gen5 und ein serieller Transceiver. Die sind recht komplex und erfordern Expertise von Analogtechnik bis zum Logikentwurf. Daher bauen die meisten Chip-Entwickler sie nicht selbst, sondern kaufen sie von Zulieferern wie Cadence oder Synopsis. Die entwickeln Logik- und Analogkomponenten und passen sie auf verschiedene Fertigungsprozesse an.

Cadence konnte die gekauften Komponenten allerdings nicht liefern. Um welche es genau geht, ist leider nicht ersichtlich, die Klageschrift ist großenteils geschwärzt. Einen Hinweis gibt eine Pressemeldung von Tachyum aus dem Mai 2022, der zufolge von Alphawave ein 112-GBit/s-Transceiver und von Rambus ein PCIe-Gen5-IP-Core für das finale Chip-Design lizenziert wurde.

Sabotage oder windige Verkaufsstrategie?

Der Klageschrift zufolge wurde Tachyum vom Verkaufspersonal von Cadence wissentlich über den Entwicklungsstand der IP-Cores getäuscht und zu einem schnellen Vertragsabschluss gedrängt. Berichtet wird von einem Treffen, bei dem sich Entwickler und Verkäufer sogar angeschrien hätten. Die Vorwürfe gehen gar so weit, dass der damalige CEO von Cadence, Lip-Bu Tan, ein Interesse daran gehabt habe, den Prodigy-Chip zu verzögern. Als Grund dafür wurden seine Positionen im Aufsichtsrat von Nuvia (das mittlerweile zu Qualcomm gehört) und Sambanova genannt, die Tachyum als Konkurrenz sieht.

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Diese Vorwürfe erscheinen sehr vage. Für den Vorwurf, Cadence habe nicht verfügbare Produkte angeboten, finden sich allerdings Hinweise. So scheint Cadence erst im April 2021 den ersten Chip mit seinem PCIeGen5-IP-Core getestet zu haben. Für TSMCs 5-nm-Prozess, mit dem Prodigy gefertigt werden soll, wird er den Metadaten des PDFs zufolge seit Anfang 2022 angeboten. Den 112-GBit/s-Transceiver verkauft Cadence zwar seit Ende 2018, allerdings nur für TSMCs 7-nm-Prozess, für den 5-nm-Nachfolger wird er seit Mai 2021 beworben. Tachyum hingegen behauptet, bei allen angefragten IP-Cores mitgeteilt bekommen zu haben, sie seien "silicon proven", also schon real gefertigt und als Chip getestet.

Die Geschäftsbeziehung endete unsanft "am oder um den 13. Juni 2022" als Tachyum die Entwurfssoftware Edacard nicht mehr nutzen konnte. Der Klageschrift zufolge konnten sich Tachyum und Cadence nicht auf eine Lizenzverlängerung zu "vernünftigen Bedingungen" einigen. Ein Umstieg auf andere Entwurfssoftware werde das Tape-out des Prozessors um weitere sechs bis neun Monate verzögern und zu höheren Kosten führen. Der Grund hierfür sind die Portierung der Designs in die neue Software sowie erforderliche Schulungen der Entwickler.

Mindestens 206 Millionen Dollar Schaden

Insgesamt macht Tachyum Cadence für einen Schaden von "mindestens 206 Millionen US-Dollar" verantwortlich. Dessen Herleitung ist allerdings teils abenteuerlich: So geht das Start-up davon aus, dass der Prodigy-Chip für ein 151 Millionen Euro schweres Investitionsprojekt des spanischen Supercomputers Mare Nostrum 5 ausgewählt worden wäre - hätten die durch Cadence verursachten Verzögerungen eine Teilnahme an der Ausschreibung nicht unmöglich gemacht.

Weiteren finanziellen Schaden sieht Tachyum bei den Vorbestellungen für die ersten Racks mit Prodigy-Prozessor. 20 Millionen US-Dollar sollen die umfassen, die Auslieferung der Systeme musste verschoben werden. Warum Tachyum allerdings am 1. Juni 2022 den Vorverkauf der Systeme eröffnete, keinen Monat nachdem die Lizenzvereinbarungen mit Alphawave und Rambus bekanntgegeben wurden, ist unverständlich. Dass eine "erwartete Lieferzeit von sechs bis neun Monaten" - offensichtlich ohne fertige Chips und angesichts einer bald auslaufenden Lizenz für die fundamental wichtige Design-Software - unrealistisch ist, hätte klar sein müssen. Tachyum sägt damit selbst am Ast seiner Glaubwürdigkeit.

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