Starke Nachfrage: Amazon-Händler verlangen bis zu 2.000 Euro Versandkosten
Mehrere Marketplace-Händler bei Amazon bieten derzeit stark nachgefragte Artikel mit zum Teil absurd hohen Versandkosten an, wenn Kunden die Produkte besonders schnell geliefert bekommen haben wollen. In einem Fall sollten Schuh-Spikes zum Kaufpreis von 11 Euro am Folgetag geliefert werden – falls Kunden bereit wären, die dafür anfallenden Versandkosten von 2.000 Euro zu zahlen.
Darauf stieß Golem im Rahmen einer Recherche und fand viele weitere Marketplace-Händler, die für Schuh-Spikes eine schnelle Lieferung versprechen – gegen die Zahlung ungewöhnlich hoher Versandgebühren. Diese bekommen Kunden erst zu sehen, wenn sie sich im Amazon-Kassenbereich befinden und sich für ein präferiertes Lieferdatum entscheiden.
Keiner der Anbieter versendete die Waren über Amazon, sondern wickelte den Versand selbst ab. Und viele davon wurden von Amazon in den gesponserten Suchergebnissen und generell weit oben in den Suchergebnissen angezeigt.
Weiterhin viele Produkte mit Versandkosten von bis zu 200 Euro
Den Anbieter mit den Versandkosten von 2.000 Euro hat Amazon wohl derzeit gesperrt. Zunächst wurde Amazon über den normalen Kundendienst in den Morgenstunden des 30. Januar 2026 darauf aufmerksam gemacht. Am 2. Februar 2026 konnte der Händler weiterhin unbehelligt die hohen Versandkosten verlangen.
Nachdem wir in den Morgenstunden des 2. Februar 2026 die Amazon-Pressestelle eingeschaltet hatten, wurden diese Schuh-Spikes aus dem Shop entfernt. Viele andere Händler mit Schuh-Spikes oder Streusalz mit optionalen Versandkosten von 50 Euro, 100 Euro oder auch 200 Euro waren zunächst weiterhin gelistet.
Bis zum 6. Februar 2026 wurden wohl weitere Händler gesperrt, die wir Amazon gemeldet hatten. Zwei(öffnet im neuen Fenster) weitere Händler(öffnet im neuen Fenster) können auch am 6. Februar 2026 noch unbehelligt ihre Produkte für einen Expressversand von 200 Euro anbieten.
Bei keinem der Produkte sind die höheren Versandgebühren vorausgewählt; Kunden müssten also immer selbst den entsprechenden Haken setzen. Wie neu dieses Vorgehen ist, lässt sich derzeit schwer abschätzen. Bei unseren Recherchen fanden wir keine früheren Berichte über vergleichbar hohe Versandkosten für einen beschleunigten Versand.
Im Zuge unserer Recherche stießen wir auf einige Marketplace-Händler, die mit garantierten Lieferdaten werben, die dann nach Kundenberichten nicht eingehalten werden.
Mit Falschangaben locken Händler Kunden an
Wir haben es ausprobiert und am 30. Januar 2026 Schuh-Spikes bestellt, die garantiert am 31. Januar 2026 ausgeliefert werden sollten. Bis zum 6. Februar 2026 wurden sie nicht geliefert und DHL wartet noch immer auf die Übergabe der Ware. Die Lieferung ist damit fast eine Woche zu spät.
Für andere Schuh-Spikes wurde ein Lieferdatum zwischen dem 2. Februar 2026 und dem 3. Februar 2026 zugesichert. Auch hier zeigt sich das identische Bild: Bis zum 6. Februar 2026 wurde die Bestellung ebenfalls noch immer nicht an DHL übergeben. Beide Pakete wurden aus China verschickt, so dass eine Zustellung in Deutschland für das zugesicherte Datum absolut ausgeschlossen war.
Bei beiden(öffnet im neuen Fenster) Marketplace-Händlern(öffnet im neuen Fenster) finden sich seit mehreren Wochen bereits viele Beschwerden von Kunden, die den falschen Angaben zum Lieferdatum vertraut haben und teilweise angeben, nur deswegen dort bestellt zu haben. Die betreffenden Kunden fühlen sich getäuscht und sehen hier auch Amazon in der Verantwortung, solche ausgedachten Angaben zum Lieferdatum nicht zu erlauben.
Nachtrag vom 10. Februar 2026
Die beiden Lieferungen sind heute kurz nacheinander bei DHL eingetroffen. Aufgrund unvollständiger Angaben seitens der beiden Händler lässt sich nicht erkennen, welche Sendung wann an DHL übergeben wurde. Derzeit wir für beide als Lieferdatum der 13. Februar 2026 genannt.
Kunden erwarten ein Einschreiten von Amazon
Bisher hat Amazon auf viele dieser Beschwerden nicht reagiert und lässt die entsprechenden Händler weiter mit ausgedachten Lieferterminen werben.
Das Werben mit nicht erfüllbaren Lieferterminen dürfte für viele Händler von Erfolg gekrönt sein, denn Amazon-Kunden entscheiden sich dann für diese Händler und kaufen die betreffenden Produkte nicht bei der Konkurrenz. Ob sich Kunden darauf einlassen, absurd hohe Versandkosten für eine schnelle Lieferung zu bezahlen, lässt sich ohne Angaben von Amazon nicht beurteilen.
Golem hat Amazon am 2. Februar 2026 um eine Stellungnahme zu unseren Beobachtungen gebeten, bisher allerdings keine Antwort erhalten.
Mittlerweile liegt uns eine Antwort von Amazon vor.
Nachtrag vom 9. Februar 2026
Eine Woche nach der Anfrage von Golem bei Amazon hat das Unternehmen uns eine Stellungnahme geschickt. "Wir haben klare Richtlinien, die es Verkäufern verbieten, überhöhte Versandgebühren zu verlangen oder Lieferzeiten falsch darzustellen", betont das Unternehmen. Offen lässt Amazon, warum technisch nicht unterbunden wird, dass Händler überhaupt überhöhte Versandkosten verlangen können.
"Wenn wir feststellen, dass Verkäufer gegen diese Richtlinien verstoßen, ergreifen wir umgehend Maßnahmen, die den Entzug der Verkaufsberechtigung und die Schließung von Konten beinhalten können. In diesem Fall haben wir die gemeldeten Konten untersucht, Richtlinienverstöße festgestellt und entsprechende Maßnahmen ergriffen", heißt es von Amazon.
Zwei der in unserem Bericht genannten Konten wurden allerdings weiterhin nicht gesperrt und die betreffenden Händler können unverändert noch immer Versandkosten von bis zu 200 Euro verlangen. Auch die in unserem Bericht genannten Händler, die mit fingierten Lieferzeiten werben, können dies weiterhin tun.
Lieferung mindestens zehn Tage verspätet
Beide Produkte sollten bereits vergangene Woche geliefert werden. Auch am 9. Februar 2026 gibt es weiterhin nicht einmal ein Lieferdatum. DHL als Zusteller hat die Ware noch immer nicht erhalten. Für das eine Produkt war eine garantierte Lieferung am 31. Januar 2026 zugesichert worden. Das bedeutet eine Verzögerung von bereits zehn Tagen.
Amazon versichert: "Wir setzen ausgefeilte Erkennungssysteme ein, um Missbrauch zu identifizieren, und wenn Akteure mit schlechten Absichten versuchen, unsere Kontrollen zu umgehen, verbessern wir unsere Technologie kontinuierlich und ergreifen Maßnahmen zum Schutz der Kundinnen und Kunden."
Kunden beschweren sich seit Wochen aktiv bei etlichen Händlern über zugesicherte Lieferzeiten, die dann nicht eingehalten werden und stattdessen erst Wochen später liefern, wie Stichproben von Golem ergeben haben. Alle Händler können weiterhin mit fingierten Lieferzeiten werben.
Nachtrag vom 12. Februar 2026
Die beiden bei Amazon gekauften Schuh-Spikes wurden am 12. Februar 2026 geliefert. Das ist in dem einen Fall eine Lieferverzögerung von zwölf Tagen, im anderen Fall beträgt der Verzug neun bis zehn Tage.
Beide Händler treten bei Amazon unter verschiedenen Bezeichnungen auf, als Absender tragen beide Pakete eine identische Lieferadresse. In den Kommentaran zu beiden Händlern beklagen sich etliche Kunden über nicht eingehaltene Liefertermine. Amazon lässt die Anbieter weiterhin Produkte über den Marketplace-Bereich verkaufen. Unter anderem werden weiterhin Schuh-Spikes mit einem Lieferdatum in den kommenden zwei bis vier Tagen zugesichert.
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