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Sprachsteuerung: Das erleben Mitarbeiter beim Abhören von Siri-Mitschnitten

Wie läuft es ab, für Apple Siris Sprachaufnahmen auszuwerten? In zwei Berichten beschreiben Mitarbeiter ihren Arbeitsalltag beim Anhören von Siri-Mitschnitten.
/ Ingo Pakalski
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Apples Homepod wird mit Siri bedient. (Bild: Christoph Böschow/Golem.de)
Apples Homepod wird mit Siri bedient. Bild: Christoph Böschow/Golem.de

Wie sieht der Arbeitsalltag von Menschen aus, die Siris Sprachaufnahmen für Apple auswerten? Darüber berichten zwei Medien, die sich auf Personen beziehen, die im Auftrag von Apple Sprachaufnahmen für Subunternehmen auswerten aber anonym bleiben wollen. Aufgrund der Anonymisierung der Angaben wäre es auch denkbar, dass dahinter nur eine Person steckt.

In einem Bericht der Berliner Tageszeitung Tagesspiegel(öffnet im neuen Fenster) schildert eine Frau ihre Arbeit bei der Auswertung von Siri-Sprachaufnahmen. Spiegel Online(öffnet im neuen Fenster) bezieht sich auf einen Mann, der seine Erfahrungen mitteilt. In den Schilderungen finden sich einige Übereinstimmungen, die den Schluss nahelegen, dass es sich dabei um die gleiche Person handeln könnte.

In beiden Berichten heißt es, die Mitarbeiter seien dafür da, Fehler in der deutschen Version von Siri zu finden und diese bei Bedarf zu korrigieren. Beide werten für Apple seit zehn Monaten Sprachaufnahmen aus. Und beide schildern einen identischen Siri-Fehler, bei dem ein menschliches Eingreifen dafür gesorgt habe, dass dieser nicht mehr vorkomme.

Beide berichten, dass sie in einem Großraumbüro arbeiteten und den Tag über Sprachbefehle anhörten. Bei der Frau seien es pro Tag 1.200 bis 1.800 Sprachaufnahmen und sie sitze 30 Stunden pro Woche im Büro. Der Mann gibt an, dass er "in sechs bis sieben Stunden zwischen 1.200 und 1.600 Aufnahmen" schaffe. Beide berichten von einem guten Arbeitsklima und meinen, fair vom Arbeitgeber behandelt zu werden.

Mitarbeiterin wusste nicht, dass sie Siri-Mitschnitte anhört

Die Frau habe anfangs nicht gewusst, dass ihre Aufgabe darin bestand, Siri-Sprachaufnahmen auszuwerten. Als sie sich bei Vorgesetzten erkundigte, was sie da anhöre, erhielt sie keine Auskunft. "Irgendwann war es klar" , sagte sie. "Wenn nicht Geheimdienst, dann eben Softwareoptimierung."

Ihren Arbeitsalltag beschreibt sie folgendermaßen: Sie sehe auf ihrem Computerbildschirm eine Tonspur und könne dabei mitlesen, was der Computer daraus gemacht hat. Direkt darunter gebe es ein Eingabefeld, wo eingetragen wird, was tatsächlich gesagt wurde. Häufig habe die Software alles korrekt verstanden, aber falls nicht, greife die Mitarbeiterin ein und korrigiere dies. Damit soll die Leistung der Spracherkennung Schritt für Schritt verbessert werden.

So ähnlich dürfte es auch bei den Personen aussehen, die Sprachaufnahmen für Amazon, Google und Microsoft auswerten . Alle vier Unternehmen haben Kunden bisher nicht klar genug mitgeteilt, dass diese Systeme nur mit viel menschlichem Eingreifen funktionieren können. Denn obwohl digitale Assistenten immer mehr angenommen und genutzt werden, bleibt ihre Leistungsfähigkeit beschränkt. Sie sind noch weit davon entfernt, auf jede Frage die passende Antwort liefern zu können. Oft scheitert es einfach daran, dass die Maschinen eine Frage des Kunden nicht verstehen.

Ein Großteil der Siri-Befehle ist kurz

Beide Mitarbeiter berichten übereinstimmend, dass sie zum Großteil klassische Siri-Befehle hören. Das sind etwa Befehle zur Steuerung von Smart-Home-Geräten oder einfache Suchanfragen sowie Befehle zum Abspielen von Musik oder zum Starten von Apps. Siri wird auf dem smarten Lautsprecher Homepod verwendet, aber auch auf iPhone und iPads. Vor allem auf iPhones werde Siri oft als Diktiergerät genutzt.

Der Mitarbeiter schildert seinen Arbeitsalltag so: "Ich sitze jeden Tag in einem Großraumbüro mit Kopfhörern vor dem Computer und höre mir Sprachaufzeichnungen an. Ist das, was ich höre, nicht verständlich, wird es als solches kategorisiert." Dabei werde geschaut, was die Spracherkennungssoftware aus dem Befehl gemacht hat.

Die Mitarbeiter bekommen so ein gutes Gefühl dafür, wie die Nutzer Siri verwenden.

So gehen Menschen mit Siri um

Die Frau schildert, dass es offenbar viele gelangweilte Hausfrauen gebe, die in ihr Smartphone sprechen, dass sie gerade gestaubsaugt haben oder einkaufen waren. Aber auch Dirty Talk hörten sowohl sie als auch der Mann. Das sei der Frau aber schnell zu viel. "Meist sind es Männer, es ist erstaunlich, wie verbreitet das ist" , sagt sie.

Kinder alberten gerne mit Siri herum, wüssten nach Beobachtung der Frau aber viel besser als die Erwachsenen, wie man mit dem System zu reden habe. "Die geben ganz klare Befehle wie: 'Siri, zeig mir das Neueste von Fortnite.'" Viele Kinder bezeichneten Siri als ihre beste Freundin.

Manchmal mache es ihr zu schaffen, dass sie einfach nur tatenlos zuhören könne. "Ich kann die Pubertierende nicht trösten, weil ihre beste Freundin sie nicht mehr sehen will. Das weinende Kind nicht, weil es wieder alles falsch gemacht hat. Die Frau nicht, die irgendjemandem vom Tod der Mama berichtet." Auch der Mann schildert, dass er oft weinende Kinder höre.

Die Mitarbeiterin frage sich jedoch, ob nicht irgendjemand anderes durchaus in der Lage sei, die Daten zuordnen und Kapital daraus schlagen zu können. "Könnte man den Typen, der anscheinend Frau und Kind hat und nebenbei eine 'geile Sau' bedient, erpressen?" Sie berichtet von einem Kollegen, der einmal ein Gespräch analysiert habe, bei dem es um einen großen Drogendeal gegangen sein könnte. Das wurde gemeldet, aber es sei nicht bekannt, was daraus geworden ist. "Ich selbst habe noch nichts strafrechtlich Relevantes gehört" , meint sie. "Wir haben auch keine Anweisung, wie damit zu verfahren wäre."

Nutzer geben sorglos Daten an Siri weiter

Nach Beobachtung des Mannes gingen manche Nutzer sehr sorglos mit Siri um. Sie vertrauten der Software "auch ganze Kreditkartenangaben, mit Nummern, Ablaufdatum, Sicherheitsnummer und Namen" an. Auch habe er schon ärztliche Diagnosen oder Berichte von Operationen gehört, die von Ärzten diktiert wurden. Anwälte nutzten Siri dazu, ihre Schriftsätze zu verschriftlichen - trotz Anwaltsgeheimnis.

Häufig höre die Frau Liebesbotschaften. Aber auch Hassbotschaften seien dabei - das Konkreteste bisher: "Ich hoffe, du wirst morgen überfahren." Bei einigen der Szenen dürfte sich Siri ungewollt aktiviert haben. Der Mann schildert, dass er immer wieder Sachen höre, die von Siri ungewollt aufgenommen werden. "Siri kann sich durchaus zufällig aktivieren, was nicht so oft passiert, aber doch häufig." Man sage "Hey, der Schiri war gestern krank" oder: "Diese Ringel da aus Teig" und schon aktiviere sich Siri. Das komme vor allem dann vor, wenn die Nutzer mit Akzent oder im Dialekt sprächen.

Dann seien auch mal Wutausbrüche zu hören, bei denen Siri als "dämliche Fotze" bezeichnet werde, schildert die Frau. Der Mann vermutet, dass die Beschimpfungen oft scherzhaft gemeint seien. "Manche würden sich aber auch richtig ärgern."

Mitarbeiter würden Apple-Kunden nicht ausspionieren

Der Mann weist den Vorwurf vehement zurück, er und seine Kollegen hörten Siri-Nutzer ab. Schließlich wisse er nicht, wer was gesagt habe, alles sei "strikt anonym" . Er schränkt aber ein: "Alles Menschliche kommt bei Siri an, im Guten wie im Schlechten, sozusagen." Er stehe oft vor dem Problem, überhaupt erkennen zu können, worum es in den Aufnahmen geht. "Die Einträge kommen komplett ohne Kontext und sind meist kurz."

Oft gehe es bei seiner Arbeit auch darum, die korrekten Namen von Liedtiteln, Interpreten oder Webseiten zu ermitteln, die Siri falsch erkannt hat. Dafür würde oft einfach Google bemüht. Er könne auch nicht nachvollziehen, warum darüber jetzt so intensiv berichtet werde. "Das Ganze gibt es seit Langem, man wusste das doch" , meint er. Er habe jedenfalls "keine Möglichkeit, die Daten der Personen zu erfahren" , deren Sprachaufnahmen er anhöre.

In beiden Berichten wird erwähnt, dass die Mitarbeiter Siri bei einem Verständnisproblem geholfen hätten. Beide hätten den Satz vorliegen gehabt "Und du musst noch den Code eingeben" , der von Siri nicht korrekt erkannt wurde. Apples digitaler Assistent hat daraus folgendes gemacht: "Und du muss noch den Kot eingeben." Dieser Fehler sei dann korrigiert worden und seitdem könne Siri das korrekt erkennen.

Mitarbeiter sorgen sich um ihre Arbeitsplätze

Beide Mitarbeiter sorgen sich darum, wie es mit ihrer Arbeit weitergehe, denn Apple habe das Mithören der Siri-Sprachaufnahmen erst einmal gestoppt. "Wir haben bisher noch nichts von unserem Arbeitgeber gehört, ob das an unserem Job etwas ändert oder ob wir ihn sogar verlieren" , sagt die Frau. "Momentan sind wir unter Beibehaltung von Vertrag und Gehalt beurlaubt, sollen aber jederzeit zur Verfügung stehen." Auch der Mann spricht von einem bezahlten verlängerten Wochenende.

Künftig sollen Kunden erst um Erlaubnis gefragt werden, wenn ihre Siri-Sprachbefehle von Menschen angehört werden dürfen. Das will Apple mit einem Software-Update umsetzen. Wann dieses Update kommt, ist nicht bekannt.

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