Spock: Bundeswehr kauft Radarsatelliten ohne Ausschreibung

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Die Bundeswehr plant die Anschaffung eines satellitengestützten Aufklärungssystems namens Spock. Das deutsch-finnische Joint Venture Rheinmetall Iceye Space Solutions(öffnet im neuen Fenster) soll das System liefern, das aus einer Konstellation von rund 40 Radarsatelliten bestehen wird. Nach vorliegenden Informationen aus dem Finanzministerium beläuft sich das Auftragsvolumen zunächst auf etwa 1,76 Milliarden Euro, wie der Spiegel berichtet(öffnet im neuen Fenster) . Bei Ausschöpfung aller Vertragsoptionen bis zum Jahr 2033 könnte die Gesamtsumme auf über 2,7 Milliarden Euro anwachsen. Der Vertrag soll noch im Dezember 2025 unterzeichnet werden.
Das System soll die neue Panzerbrigade 45 der Bundeswehr in Litauen mit Aufklärungsdaten versorgen. Die Radarsatelliten können wetter- und tageszeitunabhängig hochauflösende Aufnahmen liefern, da sie durch Dunkelheit und Wolkenfelder hindurchsehen können. Eine künstliche Intelligenz wird die gewonnenen Daten analysieren und auswerten. Das Projekt soll es dem Militär ermöglichen, Truppenbewegungen und Mobilisierungsaktivitäten gegnerischer Streitkräfte frühzeitig zu erkennen.
Bemerkenswert ist die Form der Vergabe. Der Auftrag wird nicht ausgeschrieben, sondern direkt an das Joint Venture vergeben. Die Begründung verweist auf die Zeitlinie und Forderungslage, die einen sofortigen Handlungsbedarf nahelegen. Eine Markterkundung habe ergeben, dass das System von Iceye und Rheinmetall die Anforderungen am besten erfülle. Diese Direktvergabe unterscheidet sich von üblichen Beschaffungsprozessen der Bundeswehr. Ein Planungs- und Beschaffungsbeschleunigungsgesetz, das im Sommer 2025 in Kraft trat, ermöglicht solche direkten Beauftragungen unter bestimmten Bedingungen.
Der Weg vom Forschungsprojekt zur kommerziellen Realität
Die Technologie hinter Spock stammt vom finnischen Unternehmen Iceye. Die Geschichte begann an der Aalto-Universität im Großraum Helsinki, wo Anfang der 2010er Jahre eine Gruppe von Studenten an einem ehrgeizigen Projekt arbeitete. Das Team entwickelte Aalto-1, einen Satelliten von nur vier Kilogramm Gewicht, der verschiedene wissenschaftliche Experimente in der Erdumlaufbahn testen sollte.
Zwei Mitglieder dieses Teams, der polnische Ingenieur Rafal Modrzewski und der Finne Pekka Laurila, verfolgten eine weitergehende Idee. Sie wollten Radartechnologie, die bisher nur auf großen und teuren Raumsonden zum Einsatz kam, so miniaturisieren, dass sie auch auf kleineren und kostengünstigeren Satelliten funktionierte.
2014 gründeten Modrzewski und Laurila das Unternehmen Iceye. Das erste Iceye-Satellite X1 flog am 12. Januar 2018 ins All und war damit der erste Satellit unter 100 Kilogramm, der Radartechnik trug. Das Unternehmen baute in den folgenden Jahren eine kontinuierlich wachsende Flotte auf. Bis Ende November 2025 hat Iceye insgesamt über 50 SAR-Satelliten in den Orbit gebracht. Die meisten davon sind noch aktiv.
Der Wert des Unternehmens wird derzeit auf etwa 2,4 Milliarden Euro geschätzt. Iceye hat in verschiedenen Finanzierungsrunden insgesamt über 500 Millionen US-Dollar aufgebracht. Die neueste Finanzierungsrunde im Dezember 2025 brachte zusätzlich 150 Millionen Euro. Der finnische Staatsfonds Solidium ist neben anderen internationalen Investoren beteiligt.
Längst geht es bei der Nutzung der Satelliten nicht mehr nur um die Überwachung von Packeis und Gletschern. Das ukrainische Militär nutzt Iceye-Aufnahmen zur Kriegsführung, finanziert durch westliche Unterstützer. Die Fähigkeit, unabhängig von US-Geheimdienstinformationen operieren zu können, macht die Technologie für nationale Streitkräfte attraktiv. Auch Polen und Finnland haben in den vergangenen Monaten Verträge mit Iceye abgeschlossen. Das schwedische Verteidigungsprogramm und die portugiesische Luftwaffe sind ebenfalls Iceye-Kunden geworden.
Rheinmetall sicherte sich ab September 2024 die exklusiven Vertriebsrechte für die Iceye-Technologie in Deutschland und Ungarn. Das Gemeinschaftsunternehmen wurde im November 2025 gegründet, mit Rheinmetall als Mehrheitseigner mit 60 Prozent und Iceye mit 40 Prozent. Die Produktion der Satelliten soll ab Mitte 2026 in Neuss stattfinden, in einer Fabrik, die bisher Autoteile herstellte.



