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Spielejahr 2016: Der Sommer der Sammelmonster

Call of Duty war 2016 besser als in den Jahren davor, Uncharted 4 ebenso klasse wie Civilization . Die ganz großen Bestseller waren neben Pokémon Go aber eine kleine Handvoll anderer Titel – die vorher kaum jemand auf der Agenda hatte.
/ Peter Steinlechner
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Zumindest über den Winter ist die Luft raus bei Pokémon Go. (Bild: Paul J. Richards/AFP/Getty Images)
Zumindest über den Winter ist die Luft raus bei Pokémon Go. Bild: Paul J. Richards/AFP/Getty Images

Ein Witz: Kommt das Jahr der Virtual Reality, aber alle spielen Augmented Reality. Nicht sehr lustig? Stimmt – aber genau so war es im Spielejahr 2016: Eigentlich wurde der Durchbruch für VR erwartet und dann kam alles ganz anders. Aber der Reihe nach.

2016 sollte endlich das Zeitalter des Holodecks anbrechen – dank Geräten wie Gear VR oder Cardboard, vor allem aber dank der drei großen Headsets. Das zuerst von Golem.de getestete Oculus Rift steht ebenso wie Nachzügler Playstation VR ( Test auf Golem.de ) in jedem Media Markt, HTC Vive ( Test ) ist ebenfalls ohne Wartezeit erhältlich. Der ganz große Erfolg für Virtual Reality ist aber bislang ausgeblieben.

Offenbar haben die Headsets eine Art Henne-Ei-Problem: Es gibt keine Killer-Applikation – die wird aber niemand produzieren, solange es keine wirklich große installierte Hardwarebasis gibt. Stattdessen konnte ohne große Vorwarnung die sogenannte Augmented Reality durchstarten, nämlich mit Pokémon Go auf Mobilgeräten mit iOS und Android.

Pokémon Go – Test-Fazit
Pokémon Go – Test-Fazit (02:12)

Wir sparen uns hier die Wiederholung der vielen wunderbaren Geschichten, die bei der Jagd auf die Sammelmonster vor allem im Sommer geschrieben wurden. Von belagerten Brücken durch Hunderte von Fans, von Pokémon auf Truppenübungsplätzen der Bundeswehr und von Spielern, die auf der Suche nach seltenen Biestern in kürzester Zeit alle fünf Kontinente bereist haben. Der Sommer 2016 stand im Zeichen von Pikachu – selbst bei Menschen, die sich sonst nicht für Games interessieren.

Overwatch – Fazit
Overwatch – Fazit (01:53)

Es gibt aber noch andere große Erfolge, die so im Vorfeld kaum jemand erwartet hatte. Overwatch etwa, das Blizzard im Mai 2016 veröffentlicht hat. Inzwischen spielen den Multiplayer-Ego-Shooter weltweit mehr als 20 Millionen Menschen regelmäßig – mehr als jemals bei World of Warcraft. Nettes Detail am Rande: Es hat bis Ende November 2016 gedauert, bis der erste Spieler, ein Südkoreaner mit dem Pseudonym Evermore, das maximale Skillrating von 5.000 erreicht hat.

Clash Royale – Langzeit-Fazit
Clash Royale – Langzeit-Fazit (00:49)

Neben Overwatch gibt es noch weitere Spiele, die sich innerhalb kürzester Zeit eine gigantische Fangemeinde aufbauen konnten. Exemplarisch hierfür steht vor allem das kostenlos für mobile Endgeräte erhältliche Clash Royal . Allein über den Google Play Store hat der finnische Entwickler und Betreiber Supercell mehr als 50 Millionen Spieler gefunden – wie viele es mittlerweile weltweit sind, ist nicht bekannt. Das sehr zugängliche, aber dennoch komplexe Strategiespiel dürfte auf Jahre hinaus einer der meistgespielten Titel überhaupt sein.

Heimliche Welterfolge

Neben Pokémon Go und Clash Royale gab es auch traditionelle Games von hoher Qualität, die sehr erfolgreich waren. Anfang des Jahres 2016 hat Ubisoft mit dem in New York angesiedelten The Division die Hardcoregamer begeistert und im Sommer erzählte Naughty Dog rund um Nathan Drake in Uncharted 4 eine tolle Geschichte, während Doom uns in furiose Gefechte in der Hölle versetzt hat.

Battlefield 1 – Fazit
Battlefield 1 – Fazit (02:15)

Im Herbst waren dann erneut die klassischen Reihen dran: Battlefield 1 schickte Spieler in teils riesige Gefechte im Ersten Weltkrieg, Titanfalls 2 lieferte eine originelle und stellenweise sogar witzige Kampagne ab und sogar Call of Duty mit den galaktischen Abenteuern von Infinite Warfare sorgte für Überraschungen und vor allem Spaß.

Gleich zwei Titel haben versucht, mit einem für Blockbuster ungewohnt jugendlichen Tonfall neue Zielgruppen zu erreichen: Watch Dogs 2 mit einer Gruppe junger Hacker und Final Fantasy 15 mit einem stark an Boybands erinnernden Heldenquartett. Bei den Kritikern kam das wegen vieler Übertreibungen und unglaubwürdiger Figuren nicht nur gut an. Aber immerhin hat sich mal jemand getraut, andere Szenarios als klassische Fantasy oder Elitesoldaten auszuprobieren!

Watch Dogs 2 – Fazit
Watch Dogs 2 – Fazit (02:24)

Wirklich schlecht lief es dagegen für das in einem prozeduralen Universum angesiedelte No Man's Sky des britischen Entwicklerstudios Hello Games. Bei vielen Käufern löste das Weltraumspiel zuerst große Begeisterung aus. Nach zehn Stunden und ein paar Dutzend Planeten sah die Sache dann aber oft anders aus, weil der Anblick der immer gleichen Elemente irgendwann nervte und auch spielerisch die Abwechslung fehlte. Bei vielen Anwendern dürfte No Man's Sky sehr weit oben auf der Liste der schlechtesten Spiele 2016 landen. Immerhin hat Hello Games kurz vor Jahresende noch ein Update mit Basisbau und einer Reihe weiterer sinnvoller Neuerungen veröffentlicht.

No Man's Sky – Fazit
No Man's Sky – Fazit (02:38)

Für Negativschlagzeilen hat 2016 auch Valve gesorgt. Dabei ging es nicht (nur) darum, dass die Firma offensichtlich keine Lust auf ein Half-Life 3 oder ein Portal 3 hat, sondern stattdessen mit Steam ohne großen Aufwand Millionen scheffelt. Auch kam der Vorwurf des illegalen Glücksspiels rund um sogenannte Waffenskins auf, mit denen findige Geschäftemacher viel Geld verdienen konnten. Eines von vielen Problemen dabei: Unter anderem in den USA – Valve hat seinen Sitz in Seattle – ist das in dieser Form verboten.

Nachdem einige Geschädigte Klage eingereicht hatten, reagierte Valve relativ schnell und konsequent und ließ das Geschäft durch seine Anwälte stoppen. Was aus den Klagen wird, ist unklar, über die Rechtsstreits war schon länger nichts mehr zu hören.

Lotterie und Let's Player

Valve genießt aber auch in der deutschen Entwicklerszene derzeit nicht mehr den glänzenden Ruf vergangener Tage. Das Problem: Steam ist längst der mit riesigem Abstand wichtigste Vertriebskanal für PC-Spiele. Das Portal entscheidet deshalb speziell bei vielen deutschen Herstellern, die erst vorsichtig ihre Fühler in Richtung Konsolen ausstrecken, über Gewinn oder Verlust. Allerdings gibt es seit ein paar Monaten ein massives Überangebot an Neuheiten, so dass selbst etablierte Entwickler mit dem Problem der Auffindbarkeit kämpfen. Sprich: Selbst tolle Spiele wie Silence von Daedalic gehen in der Masse des Angebots unter.

Playstation 4 Pro – Trailer (Games Enhanced by PS4 Pro)
Playstation 4 Pro – Trailer (Games Enhanced by PS4 Pro) (01:04)

Auch bei den Konsolen hat sich 2016 Erstaunliches getan. Mit der Playstation 4 Pro gibt es zum ersten Mal überhaupt eine Art Upgrade-Gerät: etwas schneller als die klassische PS4 – aber vollständig kompatibel. Das Leistungsplus reicht zwar nicht für natives 4K-Gaming aus, aber dank fortschrittlicher Grafikalgorithmen ist der Unterschied kaum zu sehen. Wer die hohen Auflösungen auf seinem Monitor nicht verwenden kann, bekommt bei vielen Spielen immerhin ein minimal besseres Bild, etwa durch weniger Kantenflimmern.

Konsolenkauf ist auch wegen der Pro derzeit so – vergleichsweise – komplex wie selten zuvor. Von der Playstation gibt es neben dem leistungsstärksten Modell noch die klassische Version sowie die Slim-Ausgabe. Auch Microsoft hat von seiner Xbox One nun eine dünnere und kleinere Alternative im Angebot, die sogar hochaufgelöste Filme auf Blu-ray unterstützt, was dem Gerät zu einem größeren Abverkauf als erwartet verholfen hat. Nintendo hingegen hat in Japan bereits den Produktionsstopp für die gescheiterte Wii U verkündet und im November 2016 die Hybridkonsole Switch vorgestellt, die im März 2017 erscheinen soll.

Xbox One S – Trailer
Xbox One S – Trailer (01:42)

Eines fällt bei all diesen spannenden Entwicklungen auf: Es hat 2016 erstaunlich wenige politische, gesellschaftliche oder kulturelle Debatten rund um die Welt der Games gegeben. Weder wurden die Gamergate-Diskussionen etwa über das Frauenbild der Branche allzu engagiert fortgesetzt, noch gab es besondere Auseinandersetzungen um Jugendschutz oder Ähnliches. Erst ganz zum Jahresende hat in Deutschland die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler mit ihrer Forderung für Gesprächsstoff gesorgt, dass auch der Suchtfaktor von Computerspielen in die USK-Freigaben einfließen sollte.

Neben Gamergate haben auch andere größere Themen der letzten Jahre nur kleine Rollen gespielt. E-Sport war 2016 kein echter Aufreger, das Großturnier The International etwa war so langweilig wie selten zuvor. Auch sonst scheint die Szene trotz nach wie vor hohen Besucherzahlen bei Events wenig bewegt zu haben – allerdings könnte es gut sein, dass es nach der aktuellen Konsolidierungsphase im Jahr 2017 wieder steiler nach oben geht.

Ähnlich sieht es im Bereich der Let's Player aus. Bei den ganz großen nationalen (Gronkh) und internationalen (Pewdiepie) Stars läuft das Geschäft offenbar weiterhin bestens. Aber schon die zweite Reihe (alle anderen) hat gegenüber Trendthemen wie Pranks und Challenges auf Youtube das Nachsehen. Aber wer weiß: Vielleicht liegt das auch nur daran, dass mit Pokémon Go ausgerechnet das aufsehenerregendste Game 2016 denkbar schlecht für Let's Plays vom heimischen Sofa geeignet ist.


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