Space Hawk im Test: Unendliche Weiten im Wohnzimmer
Wir heben zu Fuß von der Raumstation Polaris-3 ab: Nach einem Countdown rennen wir mit unserem Raumschiff in der Hand in die Weite des Alls. Wir müssen die Galaxie retten, und das fordert Körpereinsatz. Denn das Space-Hawk-Spielset von Ravensburger(öffnet im neuen Fenster) kombiniert ein reales Spielzeug-Raumschiff mit der virtuellen Welt einer Smartphone-App. Die Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 15 Jahren. Wir haben ausprobiert, ob der Hersteller damit tatsächlich in Spielwelten vordringt, die nie ein Kind zuvor gesehen hat.

Das Space-Hawk-Starter-Set besteht aus einem großen Raumschiff. Dazu kommen fünf Spielpläne aus stabilem Karton, die Planeten und eine Raumstation darstellen. Schließlich sind noch drei Holzwürfel enthalten, die Roboter darstellen und Drobbies heißen. Bereits damit lässt sich herumtollen. Doch die eigentliche Action soll erst in Kombination mit einem ins Raumschiff eingelegten Smartphone und zugehöriger App entstehen.
Offline in die Weiten der eigenen Wohnung
Bevor der Spieler mit der Space Hawk losfliegen kann, sind deshalb einige Vorbereitungen notwendig. Die Smartphone-App muss heruntergeladen werden, bei rund 550 MByte Größe kann das einige Minuten dauern. Danach kann das Smartphone offline gehen, eine Internetverbindung ist zum Spielen nicht erforderlich.
Nach dem Start der App werden mit Hilfe von kurzen Videos die weiteren Schritte erläutert. So erfahren wir unter anderem, wie das Raumschiff in die verschiedenen Modi transformiert werden kann und wie das Smartphone in es eingesetzt werden muss. Die Transformationen erfordern anfangs etwas Kraft, doch nach kurzer Zeit haben wir die Technik verstanden. Schließlich verteilen wir die Spielpläne in der Wohnung. Die gewählten Plätze sollten nicht zu dunkel sein, sonst versagt später die Erkennung der Pläne durch die Kamera. Zum Schluss platzieren wir noch die drei Drobbies in Griffnähe. Diese Würfel werden später im Spiel zum virtuellen Leben erwachen.
Das Raumschiff erkunden
So beginnt das Abenteuer mit Captain T. Jenner als unserem Alter Ego. Das Spiel fordert uns auf, das Raumschiff im Schwebemodus auf der Spielkarte mit der Raumstation zu platzieren. Im Schwebemodus sind die Flügel zur Seite geschwenkt, und wir haben Zugriff auf das eingelegte Smartphone. Gleichzeitig ist die Ladeluke offen und die Kamera des Smartphones kann die Spielkarte erkennen. Auf dem Smartphone wird das Innenleben unseres Raumschiffes gezeigt, und wir können per Wischgeste zu den verschiedenen Räumen im Raumschiff wechseln. Per Audio wird uns die Bedeutung der einzelnen Räume erklärt.
Den Weltraum erkunden mit Neigen und Kippen
Dann dürfen wir endlich ins Cockpit. Dort wird uns erklärt, wie wir unser Raumschiff anheben und über der Spielkarte schweben lassen können. Jetzt ändert sich auch die Darstellung auf dem Smartphone. Wir sehen die Raumstation im All, bewegen wir das Raumschiff, verändert sich die Ansicht entsprechend. Wir können das Raumschiff kippen, um die Raumstation von der Seite zu sehen. Wollen wir ein Detail der Raumstation näher betrachten, senken wir das Raumschiff zum "Zoomen".
Das Navigieren im virtuellen und echten Raum ist keine reine Spielerei, sondern wird mit unserer ersten Aufgabe verknüpft. Wir sollen Weltraumungeziefer von der Station entfernen. Dafür müssen wir ein auf dem Display fixiertes Zielkreuz auf markierte Stellen ausrichten. Das können wir nur, indem wir unser Raumschiff um den Spielplan herum bewegen. Nachdem das erledigt ist, dürfen wir endlich losfliegen.
Endlich dürfen wir losrennen
Dazu transformieren wir das Raumschiff in den Flugmodus. Das Smartphone im Raumschiff ist jetzt nicht mehr sichtbar, per Audioausgabe erhalten wir aber weiter Anweisungen. Kann der bisherige Teil der Mission durchaus noch auf einem großen Sofa absolviert werden, müssen wir nun tatsächlich aufstehen und herumlaufen. Denn es gilt Kristalle einzusammeln und Trümmern auszuweichen, wofür wir das Raumschiff immer wieder heftig in eine angesagte Richtung schwingen müssen. Während unseres Fluges entspannt sich per Audio-Dialog zwischen den Spielfiguren langsam die Hintergrundgeschichte des Abenteuers.
Doch unser Übungsflug wird jäh unterbrochen: Wir müssen in einem Asteroidenfeld eine Rettungskapsel bergen. Dazu wechseln wir in den Aktionsmodus des Raumschiffes. Wir halten das Raumschiff jetzt wie einen überdimensionalen Controller. Auf dem Smartphone-Display sehen wir das Asteroidenfeld und suchen durch Drehung um unsere eigene Achse nach der Kapsel. Auch sie müssen wir mit dem Zielkreuz anvisieren, um sie per Traktorstrahl an Bord holen zu können. Danach müssen wir nach demselben Prinzip per Laser noch ein paar Asteroiden abschießen, die unserem Heimflug im Wege stehen.
Dieser verläuft analog zum Hinflug, es müssen wieder Kristalle eingesammelt, Trümmer und Asteroiden vermieden werden. Zurück auf der Raumstation setzen wir uns erst einmal. Denn mit der Space Hawk die Galaxie zu retten, ist anstrengend.
Zur Erholung tippen wir auf die gesammelten Kristalle im Laderaum, damit sie uns gutgeschrieben werden – wir brauchen sie, damit wir Schäden am Schiff reparieren können oder für Schiffsupgrades. Außerdem haben wir im Asteroidenfeld Kisten aufgesammelt, die wie nun öffnen können. Sie enthalten entweder zusätzliche Kristalle, Schiffsupgrades oder schalten Einträge in der Datenbank der App frei.
Manchmal mehr ein Hörbuch als ein Actionspiel
In späteren Missionen tauchen wir tiefer in die Geschichte um mysteriöse Schattenartefakte und Weltraummonster ein und besuchen dafür andere Planeten. Die Darstellung der Planeten erfolgt in der gleichen dreidimensionalen Darstellung wie auch die der Raumstation. Auf den Planeten kommen dann auch endlich die Drobbies zum Einsatz. Sie werden über einer Spielkarte abgeworfen und müssen Feuer löschen, Schutzschilde bauen oder gegen Monster kämpfen.
Der Ablauf jeder der acht Missionen im Starter-Set ist gleich aufgebaut. Die Mission beginnt mit dem Hinflug, dem eigentlichen Einsatz in Kombination mit einer Spielkarte oder im freien Raum und endet mit einem Heimflug zur Basis oder einem neuen Ziel. Die aus Erwachsenensicht etwas einfach gestrickte Sci-Fi-Geschichte verzichtet mit Ausnahme des Endes auf Videoszenen und Texte, wird stattdessen in Form von Audio-Cutscenes vorangetrieben. Diese sind zwar immer klar verständlich, was gerade für jüngere Spieler wichtig ist, wirken deshalb aber manchmal etwas steril und langatmig.
Lediglich die vorlauten und launischen Kommentare der Drobbies bringen ein wenig Abwechslung in die Dialoge. Nichtsdestotrotz wird der Zuhörer genregerecht mit jeder Menge Tech-Gebabbel konfrontiert. Und auch für die Eltern lohnt sich das Zuhören, denn immer wieder fallen Genre-Referenzen, insbesondere zu Star Trek.
Mit dem Raumschiff zum Muskelkater
Die App selbst ist eigentlich ein typisches Casual-Spiel: minimale Steuerungsoptionen, kein Bildschirmtod und ein moderater Schwierigkeitsgrad. Gelegentlich gibt es zwar ein Zeitlimit, aber wer es nicht einhält, muss die Mission nicht wiederholen, sondern erhält lediglich weniger Belohnungen. Die Herausforderung liegt vor allem in der physischen Bedienung: Das über 40 cm lange Raumschiff ist kein Leichtgewicht.
Die jeweils bis zu 15-minütigen Missionen des Starter-Sets sind körperlich herausfordernd, wir müssen herumlaufen, das Raumschiff auf Kommando umherschwingen und dann wieder für einige Minuten kontrolliert in der Schwebe halten. Die Zwangspausen durch die Audio-Cutscenes waren uns deshalb öfters willkommen. Das relativiert auch die scheinbar kurze Gesamtspielzeit des Starter-Sets. Mehr als zwei Missionen am Stück zu spielen setzt eine gute Kondition voraus. Die App verzichtet auf nervige Hinweise, wie es sie zum Beispiel auf der Nintendo Wii gibt, doch mal eine Pause zu machen.
Neue Missionen auf neuen, kostenpflichtigen Planeten
Wer alle Missionen des Starter-Sets durchgespielt hat, kann entweder in den freien Flug wechseln oder eines der drei Erweiterungssets erwerben. Im freien Flug dient das Smartphone im Raumschiff als Geräuschgenerator, stellt uns aber keine weiteren Aufgaben mehr.
Die Erweiterungssets umfassen zusätzliche Missionen sowie neue Spielkarten und bringen damit neue Planeten und Akteure ins Spiel. Aktiviert werden die Inhalte in der App per Scan einer spezifischen Spielkarte aus dem jeweiligen Set. Weitere Ingame-Downloads oder App-Updates sind damit nicht verbunden.
Die Sets umfassen jeweils eine eigenständige Geschichte, führen dabei aber auch die Hintergrundgeschichte um die Schattenartefakte aus dem Starter-Set weiter fort. In den Erweiterungssets sind die einzelnen Missionen zum Teil länger und umfangreicher, und neue Spielelemente kommen hinzu. Außerdem wird bei der Aktivierung eines Erweiterungssets in der App eine weitere Spielvariante namens Patrouille freigeschaltet. Dabei werden Missionen per Zufallsgenerator erzeugt.
Einen Mehrspielermodus, in dem zwei oder mehr Space-Hawk-Besitzer gegeneinander antreten können, gibt es nicht. Allerdings unterstützt die App bis zu drei Nutzerprofile für die Speicherung der Spielstände, Streit unter Geschwistern dürfte diese Funktion abmildern.
Preis und Verfügbarkeit
Das Starter-Set und die Erweiterungssets sind bereits im Spielzeughandel verfügbar. Das Starter-Set hat einen empfohlenen Verkaufspreis von 44,99 Euro, ist bei einigen Versendern aber deutlich preiswerter. Der empfohlene Preis der Erweiterungssets beträgt jeweils 19,99 Euro, aber auch diese bieten einige Anbieter bereits für einen geringeren Preis an.
Die App gibt es kostenlos in den jeweiligen Stores für Android (ab Version 4.0) und iOS (ab Version 7.0). Ravensburger empfiehlt, keine Smartphones zu nutzen, die älter als fünf Jahre sind – die Rechenleistung für die verwendete Unity-Engine würde dann nicht mehr ausreichen. Mit dem von uns genutzten, drei Jahre alten Nexus 4 gab es keine Grafikruckler und die Auswertung der Bewegungssensoren erfolgte stets prompt und ohne Verzögerung. Allerdings sollte wirklich ein Smartphone zum Einsatz kommen, denn die Halteeinrichtung bietet Platz für Geräte bis zu circa 15 cm x 8 cm x 1 cm und ist für die meisten Tablets zu klein.
Fazit
Space Hawk soll nur der Anfang einer Reihe von sogenannten Hybrid-Spielen unter dem Label Snaptoys sein. Aus Sicht von Ravensburger sind Smartphones und Tablets längst auch bei Kindern angekommen, die Eltern machen es schließlich vor. Für den Hersteller geht es nicht mehr die Frage, ob, sondern wie damit umgegangen werden soll. Auch wenn ein Achtjähriger noch nicht unbedingt ein eigenes Smartphone besitzt, können viele es doch zeitweilig mit Einverständnis der Eltern nutzen.
Ravensburger ist nicht der erste Spielehersteller, der versucht, die reale Welt mit Videospielen zu verknüpfen. Allerdings entfaltet Space Hawk seinen Reiz dadurch, dass es das Smartphone und das Videospiel zum reinen Hilfsmittel degradiert. Wir spielen mit einem Raumschiff mit eingebauten Display, nicht mit einem Smartphone. Wir rennen herum, statt auf dem Sofa zu verharren und ständig auf einen Minibildschirm zu starren und darauf herumzuwischen.
Unentschieden sind wir hinsichtlich des Preismodells, insbesondere der Erweiterungssets. Denn der für die Langzeit-Motivation wichtige Patrouille-Spielmodus mit den Zufallsmissionen wird erst über die Aktivierung eines Erweiterungssets freigeschaltet. Deshalb ist der Kauf wenigstens eines Erweiterungssets parallel zum Starter-Set fast unumgänglich. Damit ist der effektive Preis nicht weit von AAA-Computertiteln entfernt.
Allerdings ist die Preispolitik von Ravensburger transparent: Es gibt keine Ingame-Käufe, keine Werbeanzeigen, kein Pay-to-Win, und der Spieler bezahlt nicht mit seinen Daten. Eltern können ihrem Kind das Spiel bedenkenlos in die Hand drücken, ohne von Rechnungen und merkwürdigen neuinstallierten Apps überrascht zu werden. Außerdem machen das Starter-Set und die Erweiterungssets in ihren großen Verpackungen unterm Weihnachtsbaum mehr Eindruck als ein Zettel mit einem Steamcode.



