Soziales Netzwerk: Instagram, lass die Finger von den Kindern

Instagram möchte sich kinderfreundlicher aufstellen und eine App für Nutzer unter 13 Jahren anbieten. Geld regiert auch die Kinderwelt.

Ein IMHO von Christian Hensen veröffentlicht am
So leid es mir tut, aber Kinder unter 13 haben bei Instagram nichts verloren.
So leid es mir tut, aber Kinder unter 13 haben bei Instagram nichts verloren. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)

Aus internen Dokumenten von Instagram geht hervor, dass noch in diesem Jahr der Start einer kindgerechten Version des sozialen Netzwerks geplant ist. Diese würde es dem Mutterkonzern Facebook ermöglichen, neue Nutzer auch in einer bisher ausgeschlossenen Altersgruppe zu generieren. Sowohl bei Facebook als auch bei Instagram galt bisher, dass Kinder und Jugendliche unter 13 eigentlich keine eigenen Zugänge anlegen dürfen. Offenbar ist jetzt irgendwem aufgefallen, dass man da bares Geld liegen lässt, wenn man die Kids nicht aktiv umwerben darf. Das geht natürlich nicht.

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Selbstverständlich kommen die internen Dokumente nicht ohne den Vermerk aus, dass es oberste Priorität sei - und letztlich auch offiziell die Absicht hinter der neuen App - Kindern einen absolut sicheren Zugang zum Foto-Netzwerk zu gewähren und sie vor den Gefahren und ungeeigneten Inhalten der großen App zu schützen.

Wobei zu klären wäre, was in den Augen von Instagram eigentlich Gefahren sind - und was nicht. Werbliche Botschaften und vermeintlich kindgerechte Influencer wie ViktoriaSarina dürften nicht auf der Liste stehen, auch wenn Kindern genau hier der Zugang zu einer Scheinwelt droht, die teils fragwürdige Werte vermittelt und oft nur dazu bringen soll, bestimmte Produkte im Supermarkt kaufen zu wollen. Eltern sollten sich auf die Auswahl schon mal nicht verlassen.

Negativbeispiel als Blaupause

Verantwortlich für das Projekt ist im Übrigen niemand Geringeres als Pavni Diwanji, eine ehemalige Google-Mitarbeiterin, die dort ausgerechnet Youtube Kids ins Leben rief. Wie nützlich das geworden ist, ist bestens bekannt. Die Youtube-Kids-App filtert zum Teil auch kindgerechte Inhalte heraus und verliert damit schnell ihre Existenzberechtigung.

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So werden etwa Bastelvideos herausgefiltert, die Kinder eigentlich schauen könnten. Die Folge: Man muss dafür doch wieder zur normalen Youtube-App wechseln. Aber auch beim Fernhalten von Inhalten, die nicht für Kinder geeignet sind, versagt die Youtube-Kids-App oft. Davon zeugen die vielen 1-Sterne-Bewertungen für die App im Play Store.

Zurück zu Instagram: Erst vor wenigen Tagen kündigte der Konzern im Firmenblog an, dass das Unternehmen Jugendliche ab 13 generell besser schützen wolle. Zum Beispiel durch Einschränkungen beim Schreiben privater Nachrichten unter 18-Jährige, wenn diese den Kontaktsuchenden nicht folgen.

Und was ist mit der Influencer-Karriere?

Auch sollen junge Nutzer verstärkt dazu aufgefordert werden, ihren Account auf privat zu schalten, sprich, Inhalte nur ausgesuchten Mitmenschen zu zeigen. Eine Karriere als Influencer, die Instagram in der Vergangenheit keineswegs durch derartige Maßnahmen unterbunden hat, ist damit natürlich nicht möglich. Wie viele sich stattdessen für die schützenden, jedoch freiwilligen Einschränkungen also entscheiden, bleibt abzuwarten. Sofern Instagram hier nicht hart durchgreift und öffentliche Profile nur Erwachsenen erlaubt, sind diese Maßnahmen wohl wirkungslos. Brüsten kann man sich damit natürlich trotzdem.

Besonders interessant ist der Teil, in dem Instagram davon spricht, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen einzusetzen, um erkennen zu können, wenn sich neue Accounts dazugesellen, deren Inhaber jünger als 13 Jahre sind - um deren Anmeldung schlussendlich zu verhindern. Denn ganz ausschließen möchte man diese potenziell werblich beeinflussbaren Geldmaschinen dann wohl doch nicht.

Oder anders: Es muss doch einen Weg geben, diese Nutzer offiziell ins Netzwerk holen zu können, statt immer so tun zu müssen, als würde man es nicht erlauben. Ist eigentlich irgendwann mal ein Kind zwischen zehn und zwölf langfristig an der Anmeldung gescheitert? Das zu glauben, ist Augenwischerei. Und meiner Meinung nach arbeitet Instagram hier lediglich an einer PR-tauglichen Legitimierung - mehr nicht.

Planlos mit Dollarzeichen in den Augen

Einen detaillierten Plan, wie die Kinder-App aussehen soll, gibt es derzeit übrigens nicht. Auch, welches das neue No-Go-Alter ist, erfährt man aktuell nicht. Fünf? Sechs? Bleibt abzuwarten. Generell fehlen schon jetzt elementare Statements, um eine Vorverurteilung, die erfahrungsgemäß durchaus angebracht ist, zu vermeiden. Solange Instagram nicht auf die wichtigsten Faktoren für eine ausgewachsene Sucht nach sozialen Medien verzichtet, kann der Schuss nur nach hinten losgehen.

Zwar handelt es sich aktuell im interne Dokumente, aber auch dort findet sich kein Hinweis darauf, dass ein wirkliches Interesse am Schutz der Kinder im Vordergrund steht. Nirgends liest man, dass Likes, also die virtuellen Schulterklopfer oft fremder Menschen, wegfallen sollen. Nirgends liest man, dass sämtliche Werbung für billige Schrottprodukte aus der Kinder-App fernbleibt. Und nirgends liest man, dass Kanäle großer Influencer, die das Marketing von Taschengeld-Produkten perfektioniert haben, dort nicht erreichbar sein werden. Wobei: Welche wertvollen Inhalte hat denn das Foto-Netzwerk überhaupt zu bieten, die man Kindern unter 13 unbedingt zeigen will?

Keine Nutzer, kein Geld

Bevor Instagram, eine Plattform mit denkbar schlechtem Ruf, was diese Dinge angeht, also überhaupt von einer Kinder-App spricht, sollte das Unternehmen diese Dinge quasi im ersten Satz nennen. Jede Wette, dass das aber niemals passiert. Der einzige Schutz von Kindern vor den Gefahren sozialer Medien, die nicht immer nur auf potenzielles Grooming (also die Anbahnung pädokrimineller Handlungen mit Kindern und Jugendlichen) reduzierbar sind, ist der konsequente Ausschluss dieser Nutzer, ohne Wenn und Aber. Mehreinnahmen sind dann aber eben auch ausgeschlossen.

Die Liste der Beispiele, bei denen Schutz von Kindern im Netz bereits heute absolut nicht funktioniert, zeigt, dass auch ein mächtiger Werbekonzern wie Facebook eigentlich nicht den Hauch einer Chance hat, hier wirklich im Sinne des Schutzes der Kinder etwas zu erreichen. Egal ob es Kinder-Chats wie Knuddels sind oder eingeschränkte Plattformen wie Youtube Kids - das Netz ist hier nicht kontrollierbar und die Lösungen wenig sinnvoll.

Instagram, bitte lass Kinder Kinder sein, die kunterbunte Scheinwelt prasselt auch mit 13 schon viel zu früh auf sie ein, sofern sie überhaupt so lange warten. Und kontrolliert deutlich genauer, wer sich in welchem Alter anmeldet. Eine App für die jüngeren Mitmenschen unter uns braucht die Welt nicht.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).

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